Shifting Crossroads | Beirut Contemporary

Die neue Ausstellung der Saikalis Bay Foundation vereint elf künstlerische Positionen aus dem Libanon und macht die Bedingungen ihres Entstehens zum Thema

Installation view of ‘Shifting Crossroads. Beirut Contemporary’. Courtesy Saikalis Bay Foundation. Foto: Andrea Rossetti
Installation view of ‘Shifting Crossroads. Beirut Contemporary’. Courtesy Saikalis Bay Foundation. Foto: Andrea Rossetti

Die Gruppenausstellung „Shifting Crossroads | Beirut Contemporary“ widmet sich Beirut, der Hauptstadt des Libanons, in all ihrer Komplexität. Doch ist es keine Ausstellung über die Stadt an sich. Vielmehr geht es um die Bedingungen, unter denen die Kunst dort entstehen muss. Ein Zustand, der aktuell sehr greifbar ist. Fast wäre die Schau nicht zustande gekommen, erklärt Nicole Saikalis Bay, Gründerin der Saikalis Bay Foundation. Mitten in der Vorbereitung der Werkschau im „Circolo“, Saikalis Bays gemeinnützigem Projektraum für zeitgenössische Kunst, beginnt der Krieg von den Vereinigten Staaten und Israel auf den Iran. Mit dem Libanon als einem weiteren Schauplatz dieses Krieges, war es fast unmöglich, einige der Kunstwerke noch aus dem Land zu schaffen, erklärt die Sammlerin. Doch sie hat es geschafft. Und dass die Ausstellung stattfinden konnte, ist wichtig. Sie soll als Zeichen gelten, dass trotz der Gewalt im Land weiterhin Schönes entstehen kann.

Foto: Andrea Rossetti

Installation view of ‘Shifting Crossroads. Beirut Contemporary’. Courtesy Saikalis Bay Foundation. Foto: Andrea Rossetti

Bruchlinien im Bild

Resilienz ist etwas, mit dem sich die Einwohner des Libanon nicht identifizieren wollen, erklärt die Künstlerin Catherine Cattaruzza. Vielmehr fordern sie ein politisches Handeln, das bislang ausbleibt. Auch Cattaruzzas Werkreihe „I Am Folding the Land“ ist Teil der Ausstellung. Die Arbeiten nehmen die geologischen Bruchlinien des Libanon in den Blick, also jene Zonen, in denen Erdbeben entstehen können. Cattaruzza folgt ihnen und überträgt sie in ihre fotografische Praxis. Die Landschaft erscheint auf den Fotografien als etwas, das von inneren Spannungen geprägt ist. So verbindet die Künstlerin tektonische Prozesse mit politischen und gesellschaftlichen Zuständen.

Malen mit Knochen und Pigment

Die jüngste Künstlerin, die in „Shifting Crossroads“ ausstellt, Soraya Salwan Hammoud, ist ebenfalls persönlich vor Ort. Ihre Werke zählen zu jenen, die es gerade noch aus dem Libanon heraus und nach Mailand geschafft haben. Eine ganze Wand ist ihnen gewidmet. Kleinformatige Malereien in erdigen Tönen hängen nebeneinander. Man erkennt geometrische Strukturen und Raster, sich abhebende Formen und Oberflächen. Ihre Farbe gewinnt Hammoud oft aus ausgekochten Knochen. „Ein großer Teil der Arbeit begann damit, dass ich Pigmente aus Gestein und Knochen unter einem digitalen Mikroskop betrachtet habe. Unter der Vergrößerung hören die Pigmente auf, wie Pigmente auszusehen, und beginnen, wie Information zu wirken. Materie beginnt, Bild zu werden“, erklärt die Künstlerin. „Dabei wurde mir klar, dass die Art, wie ich auf Materie blicke, der Art ähnelt, wie wir heute leben – innerhalb von Rastern, Pixeln, Bildschirmen und Systemen, die strukturieren, wie wir sehen, wie wir leben und wie wir denken.“ Sie versteht Malerei nicht als Bild, sondern als materielle Operation und beschreibt ihre Arbeiten als Spuren dessen, was nach einem Zusammenbruch im System, nach einer Katastrophe übrigbleibt.

Die palästinensische Künstlerin Mona Hatoum, derzeit mit einer großen Ausstellung in der Fondazione Prada präsent, ist auch in „Shifting Crossroads“ vertreten. Gezeigt wird dort ihre Porzellanarbeit „Witness“ (2009), eine Miniatur des Märtyrerdenkmals im Zentrum von Beirut, deren von Einschusslöchern gezeichnete Oberfläche auf die Spuren des libanesischen Bürgerkriegs verweist.

Installation view of ‘Shifting Crossroads. Beirut Contemporary’. Courtesy Saikalis Bay Foundation. Foto: Andrea Rossetti

Schönheit als Protest

Was die Werke der elf Künstlerinnen und Künstler eint, beschreibt Ibrahim Nehme, Direktor des Beirut Art Center, in seinem kuratorischen Essay: „Was diese Praktiken verbindet, ist eine gemeinsame Haltung der Aufmerksamkeit. Sie versuchen nicht, Beirut zu erklären, sondern fragen, was Beirut vom Menschen verlangt: Wie spricht man, wenn Sprache vereinnahmt ist? Wie sieht man, wenn der Blick zensiert wird? Wie erinnert man, wenn man zum Vergessen aufgefordert wird?“ Schönheit scheint dabei eine gemeinsame Antwort zu sein. Die Arbeiten zeigen nicht das erwartete Bild von Gewalt, sondern entwickeln eine eigene Form der Auseinandersetzung: präzise, erklärend und oft von einer unerwarteten Schönheit, die über das Gezeigte hinausweist.

„Shifting Crossroads | Beirut Contemporary“ ist vom 23. März bis 3. Juli 2026 im Circolo in Mailand zu sehen.

Foto: Andrea Rossetti

Installation view of ‘Shifting Crossroads. Beirut Contemporary’. Courtesy Saikalis Bay Foundation. Foto: Andrea Rossetti

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