Sex and Solitude: Was wir von Tracey Emin und ihren Werken lernen können

Tracey Emin zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen unserer Zeit. Unerschrocken, aufrichtig und verletzlich verarbeitet sie durch ihre Werke ihre Geschichte und teilt durch ihre Erfahrungen Weisheiten, die leicht im eigenen Leben weiterhelfen können.

Tracey Emin im Palazzo Strozzi anlässlich der Ausstellung Sex and Solitude. Foto: Ludovica Arcero, Saywho.
Tracey Emin im Palazzo Strozzi anlässlich der Ausstellung Sex and Solitude. Foto: Ludovica Arcero, Saywho.

Sex and Solitude

„Sex and Solitude“ glänzt der blaue Neon-Schriftzug über dem Eingangstor des Palazzo Strozzi in Florenz. Es ist der Titel der neuen Ausstellung, die hier am 16. März eröffnet wurde und gleichzeitig das erste sichtbare Kunstwerk der Schau. Die britische Künstlerin Tracey Emin zeigt in dem historischen Palast ihre erste große institutionelle Ausstellung in Italien. Bis zum 20. Juli können alle Besuchenden ihre berührende und konfrontierende Kunst betrachten. Sechzig Werke, von Zeichnungen, über Stickerei, Skulpturen bis zum Film. Ihr Schaffen schöpft sich aus ihrem eigenen Leben – voller Liebe, Verlangen und einschneidend schmerzhaft. 

Tracey Emin, Self-portrait. Foto: Tracey Emin

Tracey Emin, Self-portrait. Foto: Tracey Emin

1. „Sein Bestes geben“ definiert sich jeden Tag und jede Stunde neu.

Tracey Emins Lebensgeschichte wurde durch viele Niederschläge geprägt. Einer der schwerwiegendsten Einschnitte in ihrem Leben war ihre Krebserkrankung, im Jahr 2020. Sechs Monate zu leben, gaben ihr die Ärzte – heute sind es viereinhalb Jahre später. In ihrem Werk „Take me to Heaven“ (2024) malte sie sich selbst, in einem Bett liegend. Man erkennt das Stoma an ihrem Torso, die Konsequenz einer der vielen Operationen. Doch das ist nicht alles. Über dem Bett, an der Wand, sieht man viele, feine, florale Motive, die wie eine geblümte Tapete wirken und sich von den drastischen Linien und Formen abheben. Harry Weller, der kreative Direktor von „Tracey Emin Studios“ erklärt sie folgend: Als Tracey nach ihrer Krankheit nicht die Kraft hatte, sich den großen Leinwänden zu widmen, deren Bespielung oft wahren Körpereinsatz verlangt, stellte er ihr einen Stuhl an den weißen Canvas. Darauf stehend widmete sie sich den kleinen Ornamenten, die das große Ganze umgaben. Das schaffte sie, selbst nach der Operation. Und für den Moment war das eine Höchstleistung.

2. Alles ist temporär und nichts für immer.

In einem würfelförmigen Raum im Raum hat der Kurator der Schau und Direktor des Palazzo Strozzi, Arturo Galansino, Emins Werk „Exorcism of the last painting I ever made“ (1996) ausgestellt. Dieses performative Kunstwerk ist eine Nachbildung des originalen Ortes, den Emin 1996 in Schweden einnahm. Ein wildes Atelier, ein kleines Bett, Unterwäsche auf der Wäscheleine, Bierdosen in der Ecke, Gemälde und gemalte Sätze im ganzen Raum verteilt. Nach einer traumatischen Phase in den 1990er-Jahren, in der Emin zwei Schwangerschaftsabbrüche durchleben musste, konnte sie die Idee des Malens nicht mehr ausstehen. Sechs Jahre lang fasste sie keine Ölfarbe an, von dem Geruch wurde ihr schlecht. „Es fühlte sich an, als müsste ich mich selbst betrafen, in dem ich aufhörte das zu tun, was ich am meisten liebte“, sagte die Künstlerin. Doch dann schloss sie sich für dreieinhalb Wochen, die Dauer des menstruellen Zyklus, in einem Raum ein und malte, mit dem Ziel, ihr Trauma und ihre Schuldgefühle zu überwinden. Es funktionierte und dauerte doch weitere fünf Jahre, bis Tracey Emin wieder regelmäßig Gemälde anfertigte. Heute nutzt sie Acrylfarbe statt Öl. Aber: Sie malt wieder.

Tracey Emin, Exorcism of the last painting I ever made, 1996. Foto: Ela Bialkowska/OKNO Studio

Tracey Emin, Exorcism of the last painting I ever made, 1996. Foto: Tracey Emin, Sex and Solitude, Palazzo Strozzi, Firenze, 2025. Photo Ela Bialkowska, OKNO Studio © Tracey Emin. All rights reserved, DACS 2025. 

3. Eine Leidenschaft kann Leben retten.

Zu der Zeit, als Tracy Emin von ihrer Krebserkrankung erfuhr, war sie unglaublich verliebt. Auch physisch, wie sie es selbst beschreibt. Und doch musste sie zusätzliche Hindernisse und Rückschläge verarbeiten: Ihre geliebte Katze war gerade gestorben, sie musste umziehen und ihr Haus verlassen. Ihre letzten Bilder, bevor sie sich den Operationen unterzog, sind unter dem Titel „A Different Time“ ausgestellt. Kleine Formate, bläulich-graue Farbwelten, die Stimmung unterscheidet sich von der ihrer anderen Werke. „Sleeping with the Night“ (2020) oder „Thriving on Solitude“ (2020) gehören in die Sammlung. Als brutal beschreibt die Künstlerin diese Zeit, denn nicht zu vergessen, war dazu gerade das Corona-Virus ausgebrochen. Der Geist ihrer toten Katze, die Asche ihrer Mutter, sich selbst, allein, stellte Emin dar. Sobald sie nach den vielen chirurgischen Eingriffen konnte, malte sie wieder. Wenn sie malte, fühlte sie sich, als habe sie nie Krebs gehabt. Ihr ganzer Körper, der normalerweise unaufhörlich schmerzte, fühlte sich frei an. „Kunst hat mich immer gerettet, mich immer geliebt, kam immer zu mir,“ so Emin. Egal, wie grausam sich das Leben zeigt, folgt man einer solchen Bestimmung, kann man auch das überwinden.

Fotos: Tracey Emin, Sex and Solitude, Palazzo Strozzi, Firenze, 2025. Photo Ela Bialkowska, OKNO Studio © Tracey Emin. All rights reserved, DACS 2025. 

4. Es kann große Anstrengungen kosten, etwas mühelos erscheinen zu lassen.

Skulpturen aus Bronze zu formen ist eine der neusten Praktiken, die Tracey Emin verfolgt. Sie begann mit Accessoires für Babys, wie einem Teddy aus Bronze. Heute finden sich einige ihrer Skulpturen im Palazzo Strozzi, auch gigantische. Kleinere Figurinen stehen auf Sockeln. Sie scheinen aus Tracey Emins Gemälden entsprungen zu sein, nehmen ähnliche Stellungen ein. Eine hängt an einer Bronzetafel von der Wand und erinnert an einen weiblichen Körper am Kreuz. Das letzte Werk der Ausstellung trägt den Titel „This is exactly how I feel right now“ (2016) und zeigt einen abstrakten, unvollständigen Körper. Fast könnte er verbrannt und im letzten Moment gerettet worden sein. Eine Gemeinsamkeit, die alle von Tracey Emins Bronze-Statuen teilen, sind die oft sichtbaren Fingerabdrücke und andere Texturen, die den Kunstwerken etwas sehr Spontanes und Organisches verleihen. Als wären sie soeben fertig geknetet worden. Die Künstlerin jedoch erklärt, dass hier eine Menge Technik gefordert ist. Viele Schichten, viel Schleifen. Es ist ein gigantischer Prozess, mit vielen Involvierten. „Und der Fakt, dass es am Ende so mühelos erscheint, ist absolut fantastisch“, staunt Tracey Emin selbst.

Tracey Emin, Sex and Solitude, Palazzo Strozzi, Firenze, 2025. Photo Ela Bialkowska, OKNO Studio © Tracey Emin. All rights reserved, DACS 2025.

Tracey Emin, Sex and Solitude, Palazzo Strozzi, Firenze, 2025. Photo Ela Bialkowska, OKNO Studio © Tracey Emin. All rights reserved, DACS 2025. 

5. Kunst macht einen Unterschied.

Ihre Kunst hat Tracey Emin aus einer Situation geholfen, die für viele den Tod hätte bedeuten können. Wie eine Wiederauferstehung beschreibt es die Künstlerin. Als sie von ihrer Krebsdiagnose erfuhr, fühlte es sich gleichzeitig für sie an, als wäre eine Bürde von ihren Schultern genommen worden. Sie guckte auf ihr Leben aus einer anderen Perspektive, wurde immer glücklicher, wollte auf keinen Fall sterben. Heute sei ihr Leben gut, sagt sie. Und manchmal denke sie: “Vielleicht bin ich tatsächlich gestorben, und das hier ist der Himmel.“ Sie ist davon überzeugt, dass das Medium auch gesamtperspektivisch helfen kann. Kunst sei noch nie so wichtig gewesen wie heute, in dieser politischen Situation und Weltlage. Wenn wir all das verstehen könnten, was an Schönem, Emotionalem und Spirituellem geschaffen wird, hätten wir vermutlich nicht den Wunsch, einander umzubringen, so die Künstlerin. Kunst habe die Kraft, Dinge zu verändern. Sie könne Gefühle hervorbringen, die man nicht erklären kann, aber die positiv sind. Und das brauchen wir.

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