Alles eine Frage der Rolle: Schauspielerin Luise Großmann im Interview

Eine Schauspielerin zu sein bedeutet, immer wieder jemand anderes zu werden. Für eine Weile ein fremdes Leben zu führen, andere Gedanken zu denken, neue Geschichten zu erzählen und danach wieder zu sich selbst zurückzukehren. Luise Großmann kennt diesen Wechsel gut. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Nähe und Distanz, zwischen dem Eintauchen in eine Figur und dem Moment, in dem man sie wieder loslassen muss.

Luise Großmann wurde in einem Editorial von Tonya Matyu fotografiert
Manchmal erzählen Bilder eine Geschichte, noch bevor ein Wort gefallen ist. So auch das Editorial von Luise Großmann und Tonya Matyu. Foto: Tonya Matyu

Luise Großmann ist an einem Punkt, an dem sich vieles bewegt. Als Schauspielerin hat sie bereits unterschiedliche Figuren verkörpert und Geschichten mit Leben erfüllt. Gleichzeitig liegt noch vieles vor ihr: spannende Rollen, große Projekte und neue Möglichkeiten. Was sie daran reizt, ist nicht nur die Verwandlung selbst, sondern die Neugier auf Menschen und Geschichten, die sie noch nicht kennt. Im exklusiven Marie Claire Interview spricht die 31-Jährige über ihre neue Serie, was Rückschläge ihr gezeigt haben und was sie sich von ihren Mitmenschen manchmal von Herzen wünscht.

Vorhang auf für Luise Großmann

Marie Claire: Du schreibst gerade an einer Serie über vier junge Frauen in Berlin, in der du eine der Hauptrollen übernehmen wirst. Was kannst du uns schon verraten?

Einer der Gründe, warum ich gerade in Los Angeles bin, ist, dass wir das Projekt als internationale Produktion umsetzen. In den vergangenen Monaten hat sich die Geschichte noch einmal stark weiterentwickelt. Der Fokus hat sich dabei etwas von den vier Frauen gelöst und richtet sich inzwischen stärker auf die generelle Welt Berlins. Natürlich spielt auch die Clubszene eine Rolle, allerdings nicht nur im klassischen Techno-Kontext. Uns interessiert vor allem der internationale Blick auf Berlin – eine Stadt, die unglaublich vielfältig und international ist. Genau diese Atmosphäre möchten wir aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Besonders freue ich mich auch darüber, dass wir bereits einen großartigen Cast an Bord haben. Namen darf ich noch nicht verraten, aber ich kann schon sagen, dass einige fantastische Persönlichkeiten Teil des Projekts sein werden.

Marie Claire: Weißt du schon voraussichtlich, wann die Serie erscheinen wird?

Das liegt leider – und gleichzeitig auch zum Glück – nicht allein in meiner Hand. An der Serie sind neben uns auch internationale und deutsche Partner beteiligt, mit denen wir das Projekt gemeinsam umsetzen. Dementsprechend müssen viele Abläufe und Entscheidungen sorgfältig aufeinander abgestimmt werden. Wenn alles optimal läuft, könnte es sein, dass die Serie Ende nächsten Jahres erscheint.

Luise Großmann wurde in einem Editorial von Tonya Matyu fotografiert

Foto: Tonya Matyu

Marie Claire: Wie und wann kam dir die Idee der Serie, gab es einen bestimmten Anlass?

Ja schon. Das Spannende ist, dass ich die Serie gemeinsam mit meiner Freundin und Kollegin Amelie Hennig schreibe, die ebenfalls Schauspielerin ist. Kennengelernt haben wir uns vor zweieinhalb Jahren auf der Berlinale und aus dieser Freundschaft entstand schnell die Idee für das Projekt. Wir haben uns gefragt: Warum gibt es Formate wie Emily in Paris oder I Love L.A., aber nichts Vergleichbares für Berlin? Das war unser Ausgangspunkt. Seitdem hat sich die Geschichte kontinuierlich weiterentwickelt. Wenn ich die ersten Entwürfe mit dem heutigen Stand vergleiche, liegen Welten dazwischen. Genau dieser kreative Prozess hat uns beiden unglaublich viel Freude bereitet. Mit jedem neuen Partner und jeder neuen Perspektive ist die Serie weiter gewachsen und genau das macht ihre Entwicklung so spannend.

Marie Claire: Welche Rolle würdest du generell niemals annehmen und warum?

Das ist tatsächlich eine schwierige Frage, weil mir spontan nichts einfällt, was ich kategorisch ausschließen würde. Für mich kann jede Rolle spannend sein – vorausgesetzt, sie ist gut geschrieben. Gerade das macht den Schauspielberuf für mich aus: in unterschiedliche Figuren einzutauchen und dabei immer auch etwas Neues über sich selbst und andere Menschen zu lernen. Grundsätzlich gibt es für mich nur wenige Ausschlusskriterien. Szenen wie Nacktheit müssen für mich einen erzählerischen Sinn haben und einfach zur Figur passen. Ich komme ursprünglich aus dem Leistungssport und habe deshalb lange viele sportliche Rollen gespielt. Heute würde ich mir eine klassische Sportlerinnenrolle zwar sehr genau ansehen, aber wenn die Geschichte überzeugt und etwas Relevantes erzählt, wäre auch das für mich wieder spannend.

Marie Claire: Wie schützt du dich davor, emotionale Rollen mit nach Hause zu nehmen?

Ich glaube, das ist in unserem Beruf nie ganz einfach. Nach einem intensiven Dreh fällt man oft erst einmal aus einem gewissen Rhythmus heraus und weiß gleichzeitig nicht, wie die nächsten Wochen aussehen werden. Dieses emotionale Auf und Ab gehört zum Schauspielberuf dazu und ist manchmal eine Herausforderung. Mir hilft dabei sehr, dass ich neben der Schauspielerei auch als Produzentin arbeite. Dadurch endet ein Projekt für mich nicht mit dem letzten Drehtag, sondern begleitet mich oft noch viele Monate weiter. Das gibt mir nicht nur Kontinuität, sondern auch einen ganz anderen Blick auf das Filmemachen. Als Produzentin habe ich erlebt, wie viel Arbeit, Planung und wie viele Menschen nötig sind, um einen Dreh überhaupt möglich zu machen. Das hat meine Wertschätzung für diesen Beruf noch einmal deutlich verstärkt. Bei meinem letzten Film, bei dem ich sowohl produziert als auch gespielt habe, war ich deshalb jeden Tag am Set unglaublich dankbar, weil ich genau wusste, wie viel Herzblut bereits in dem Projekt steckte.

Marie Claire: Als außenstehende Person weiß man gar nicht, wie viel Aufwand hinter so einem Dreh steckt. 

Absolut. Gerade auch als Produzentin endet ein Projekt nicht mit der letzten Klappe, ganz im Gegenteil, dann beginnt oft erst die nächste Phase. Nach dem Dreh folgen die Fertigstellung des Films, der Vertrieb, die Vermarktung und schließlich die Premieren. Das ist ein langer Prozess. Bei unserem letzten Film, unserer ersten großen internationalen Co-Produktion, die wir unter anderem in Los Angeles und New York gedreht haben, war das besonders spürbar. Wenn man als Produzentin beteiligt ist, begleitet einen ein Projekt häufig über zwei bis drei Jahre – vom Drehbuch bis zum Release. Dadurch entwickelt man noch einmal eine ganz andere Verbindung zu dem Film.

Luise Großmann wurde in einem Editorial von Tonya Matyu fotografiert

Foto: Tonya Matyu

Marie Claire: Du bist auch ein großer Teil des Editorials von Fotografin Tonya Matyu. Was gefällt dir besonders?

Es war eine ganz tolle Zusammenarbeit mit Tonya. Wir wollten schon länger ein gemeinsames Projekt umsetzen, und dieses Mal hat einfach alles gepasst. Sie hat außerdem eine großartige Stylistin mit ins Team geholt, und ich habe mich in allen Looks sofort unglaublich wohlgefühlt. Tonya hat mir vorab ein Moodboard geschickt und ich wusste sofort: Genau das ist es. Wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge, weshalb der gesamte kreative Prozess sehr natürlich und unkompliziert verlief. Gedreht haben wir an einem extrem heißen Sommertag in Berlin, aber genau das hat irgendwie zur Stimmung beigetragen. Es herrschte vom ersten Moment an eine besondere Energie am Set und genau daraus ist am Ende eine wirklich tolle Produktion geworden.

Marie Claire: Gibt es eine Entscheidung, die damals verrückt wirkte, sich aber als genau richtig herausgestellt hat?

Da fallen mir tatsächlich zwei Dinge ein. Zum einen unser letzter Film, unsere erste große internationale Co-Produktion, die wir in Los Angeles und New York gedreht haben. Viele haben uns anfangs gesagt, dass dieses Projekt niemals funktionieren wird. Umso schöner war es zu sehen, was daraus geworden ist. Der Film hat uns viele Türen geöffnet und den Grundstein für weitere internationale Projekte gelegt. Zum anderen war der Wechsel vom Leistungssport zur Schauspielerei ein entscheidender Moment in meinem Leben. Das waren zwei völlig unterschiedliche Welten, aber genau dieser Schritt hat mich persönlich und beruflich enorm geprägt. Aus dem Sport habe ich Disziplin, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen mitgenommen – Eigenschaften, die mir bis heute helfen. Gleichzeitig habe ich durch die Schauspielerei eine ganz neue kreative Seite an mir entdeckt. Heute bin ich dankbar, dass ich beide Welten miteinander verbinden kann.

Marie Claire: Gibt es etwas, das du erst durch Rückschläge gelernt hast?

Ich glaube, das Wichtigste ist Durchhaltevermögen. Es wird immer Phasen geben, in denen man am liebsten aufgeben würde, doch genau dann lohnt es sich, dranzubleiben. Genauso wichtig ist aber auch Teamwork. Niemand schafft so einen Weg allein. Menschen an seiner Seite zu haben, die die Höhen und Tiefen verstehen und mit einem teilen, ist unglaublich wertvoll. Außerdem habe ich durch den Leistungssport gelernt, wie wichtig es ist, auf sich selbst und die eigene Gesundheit zu achten. Es wird immer Momente geben, in denen man an seine Grenzen gehen muss. Umso wichtiger ist es, danach wieder für Balance zu sorgen und den eigenen Körper nicht aus den Augen zu verlieren.

Marie Claire: Welche Frage wünschst du dir, würde dir endlich einmal jemand stellen?

Ich mag eine Frage, die einem in den USA ständig begegnet: „How are you?” Oft ist sie dort zwar eher eine Floskel, trotzdem würde ich mir wünschen, dass wir sie in Deutschland häufiger stellen und vor allem ehrlich beantworten. Wir gehen oft selbstverständlich davon aus, dass es allen gut geht, dabei würde es uns gut tun, öfter wirklich nachzufragen und auch offen zu sagen, wenn es einem einmal nicht gut geht. Gleichzeitig glaube ich, dass es wichtig ist, den Blick auf das zu richten, was man hat, statt nur auf das, was fehlt. Gerade das Thema Gesundheit ist ein gutes Beispiel. Oft wird sie erst dann wirklich wertgeschätzt, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist oder wenn jemand im eigenen Umfeld krank wird. Ich glaube, wir vergessen das im Alltag viel zu oft, weil wir uns so schnell an die Dinge gewöhnen, die für uns selbstverständlich sind. Das bedeutet nicht, die eigenen Probleme kleinzureden, aber es hilft, den Fokus bewusst auf das zu richten, was bereits gut ist. Diese Haltung gibt mir persönlich sehr viel Kraft

Fotos: Tonya Matyu

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