Niederländisches Design verbindet experimentelle Innovation mit spielerischer Leichtigkeit. Von Mode über Tech bis Interior zeigen kreative niederländische Stimmen eine beeindruckende Design-Vielfalt. Vier Frauen prägen diese Szene besonders.
Von den Modedesigner:innen Iris van Herpen, Viktor& Rolf und Duran Lantink (Jean Paul Gaultier) über Tech-Design-Ikone Daan Roosegaarde bis hin zu Architekt Gerrit Rietveld (er war Teil der De Stijl-Bewegung) oder Piet Hein Eek: Sie alle prägen als niederländische Designer:innen die internationale Kreativszene. Die Dutch Design Week in Eindhoven würdigt seit 25 Jahren diese herausragende Gestaltungskraft. Neun Tage im Oktober verwandelt sich die Stadt dafür jährlich in ein lebendiges Labor voller Experimente, Workshops, Ausstellungen, Prototypen und Zukunftsvisionen. Wir haben uns vor Ort inspirieren lassen.
Innovatives Interieur und Materialien auf der 25. Dutch Design Week 2025. Fotos: Dutch Design Week
Mit Scandi Design verbinden wir häufig klare Linien und monochromen Minimalismus. Doch niederländisches Design ist weit mehr. Es ist innovativ, nachhaltig und häufig eklektisch bunt. Es zeichnet sich aus durch eine experimentelle Herangehensweise und unkonventionelle Formsprache. Oder wie Designerin und Forscherin Vera van der Burg das Wesen beschreibt: „Über konventionelle Rahmen hinausdenkend, Design als Möglichkeit begreifend, Dinge neu betrachtend, hinterfragend, verformend. Es geht weniger darum, schnelle Lösungen zu liefern, sondern darum, Fragen zu stellen.“ Diese vier Frauen tun genau das:
Foto: Esther van der Heijden
Was kann ein jahrtausendealtes Handwerk wie die Keramik über die Zukunft von Künstlicher Intelligenz verraten? Ton verlangt Hingabe, Geduld, ein feines Gespür für sein Eigenleben. Maschinen hingegen wollen wir kontrollieren, wir erwarten messbare Perfektion und eindeutige Antworten. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Designerin und Forscherin Vera van der Burg, die in diesem Jahr mit dem Dutch Design Award geehrt wurde. Für ihre Projekt „From Text-to-Clay“ trainierte sie ein KI-Modell mit ihren eigenen Skulpturen, das darauf aufbauend neue Skulpturen entstehen lässt.
Links: Die Skulpturen wurden mit dem Promt „ceramic curiosity“ generiert. Mitte und rechts: Herstellungsprozess der Keramik. Fotos: Marica de Michele
Marie Claire: Wie spiegelt sich Dutch Design in Ihrer Arbeit wider?
Vera van der Burg: Mir geht es immer darum, neue Wege im Umgang mit KI auszuloten. Ich würde mich nicht als klassische Designerin bezeichnen, sondern als Designforscherin, die die Denkweise des Gestaltens als Methode nutzt. Aus dieser Perspektive frage ich ständig: Muss KI wirklich das nachahmen, was Gestalterinnen und Gestalter ohnehin schon gut können? Ich suche stattdessen nach alternativen Rollen, die diese Technologie im kreativen Prozess einnehmen kann.
MC: Was inspiriert Sie?
V.v.d.B.: Mich inspirieren sehr unterschiedliche Formen des Machens. Nicht nur aus dem Design, sondern auch aus Film, Kulinarik und Literatur. Menschen, die ihre eigene Art haben, etwas zu erschaffen. Es berührt mich, dass in einer so unruhigen Zeit immer noch so viele den Drang verspüren, Dinge zu gestalten.
MC: Was ist Ihre Message an andere Frauen?
V.v.d.B.: Im Design sollte es viel mehr Raum für Frauen geben. Noch immer ist das Feld männlich dominiert. Aber ich sehe, dass sich etwas verändert. Jungen kreativen Frauen möchte ich sagen: Ihr seid auf dem richtigen Weg. Vertraut eurem Gefühl und lasst euch nicht beirren. Wir brauchen mehr weibliche Stimmen im Design.
Bekannt für ihr feines Spiel mit Licht, Form, Pastellfarbe und transparentem Material, verbindet Sabine Marcelis Kunst und Design zu Möbeln und Installationen. Arbeiten wie die aus recyceltem Aluminium gefertigten Lampen für Hydro, die Installation „Vista Aeterna“ für Bvlgari, die Lavalampe in Übergröße, der Aluminiumstuhl für das Stedelijk Museum oder die Vitra Panton Chair – Sabine Marcelis Edition zeigen, weshalb sie zu den prägendsten jungen Stimmen des niederländischen Designs zählt.
Foto: Jurre Rompa
Pauline van Dongen hat sich auf smarte Textilien und Kleidung spezialisiert. In ihrem Studio entwickelt sie Textilien, die bewusste, vernetzte Formen des Zusammenlebens unterstützen. Projekte reichen von Stoffen, die auf Licht und Berührung reagieren, bis zu Textilien, die sich bewegen oder verändern. Der menschliche Körper steht dabei stets im Mittelpunkt. Ihr neustes Projekt? Das Sonnensegel Heliotex. Es spendet tagsüber nicht nur Schatten, sondern nimmt die Sonnenenergie auf, um diese nach Einbruch der Dunkelheit zu speichern.
Umba Pavillion. Foto: DMOO
Marie Claire: Was bedeutet niederländisches Design für Sie?
Pauline van Dongen: Niederländisches Design ist direkt, neugierig und hat keine Scheu, bestehende Systeme in Frage zu stellen. Es ist materiell verankert, gesellschaftlich engagiert und oft ein wenig spielerisch. Es lebt von der Spannung zwischen Funktion und Vorstellungskraft, genau dort entsteht Innovation. Für mich bedeutet es aber auch Zusammenarbeit. In einem kleinen Land wie unserem ist das Zusammenführen von Disziplinen und Perspektiven nicht nur wertvoll, sondern notwendig.
MC: In welcher Weise spiegeln Ihre eigenen Arbeiten diese Merkmale wider?
P.v.D.: Ich arbeite dort, wo Technologie auf den Körper und die Umwelt trifft, immer durch eine Linse von Weichheit, Rhythmus und Verbindung. Meine Entwürfe beginnen oft mit einer materiellen Geste und entwickeln sich zu etwas Erfahrbarem. Ich möchte Energie persönlich spürbar machen: ihr Textur, Wärme und Präsenz geben. Sei es ein atmendes Kleidungsstück oder solaraktives Textil, ich versuche Dinge zu entwerfen, die stärken, trösten oder schlicht Staunen auslösen. Und wenn sie ein wenig seltsam oder poetisch wirken, empfinde ich das als gutes Zeichen.
MC: Wo sehen Sie die Zukunft smarter Textilien?
P.v.D.: Hoffentlich außerhalb des Labors und im Alltag. Ich sehe smarte Textilen, die eher auf Sensibilität reagieren als nur auf Sensorik. Materialien, die subtil mit ihrer Umgebung interagieren, auf Licht, Wärme, Berührung oder sogar Emotionen. Ich glaube, wir bewegen uns weg von Kontrolle und hin zu Fürsorge: weniger alles messen, mehr etwas fühlen wollen.
MC: Welche Botschaft möchten Sie jungen kreativen Frauen mitgeben?
P.v.D.: Gestalten Sie mit Haltung. Vertrauen Sie Ihrer Intuition und warten Sie nicht auf Erlaubnis. Ihre Perspektive ist kein „Soft Skill“, sie ist Ihre Kraft. Unterschätzen Sie nie die Wirkung von Sensibilität, Schönheit und Vorstellungskraft. Diese Qualitäten können leise sein, aber sie sind tiefgreifend radikal.
Und: Stellen Sie sich öfter in die Sonne. Es hilft bei allem.
Hella Jongerius ist längst keine Newcomerin mehr. Sie gehört zu den prägendsten Stimmen des zeitgenössischen Designs. In einer Zeit, in der Technologie den Ton angibt, verbindet die niederländische Designerin Industrie und Handwerk, Tradition und Moderne zu einer harmonischen Designsprache. Für Vitra entwarf sie Ikonen wie das Polder Sofa und entwickelte die das Farbsystem „Colour & Material Library“. Sie gestaltete Vasen für Ikea und das Interiuer eines Flugzeugs von KLM. Ihre Arbeiten sind in Museen wie dem MoMA und dem Design Museum London ausgestellt.
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