Schaffen mit Strahlkraft: Richard Pousette-Dart gilt als Pionier des Abstrakten Expressionismus. Seine Werke scheinen von innen zu leuchten und sollen so metaphysische Erfahrungen sichtbar machen. Mit der Ausstellung „Poesie des Lichts. Richard Pousette-Dart“ widmet das Museum Frieder Burda in Baden-Baden noch bis zum 14. September 2025 dem kreativen Grenzgänger zwischen Malerei und Mystik eine große Werkschau.
Richard Pousette-Dart zählt zu den Wegbereiter:innen des Abstrakten Expressionismus – und ging dabei doch seinen eigenen kreativen Pfad. Während viele seiner Zeitgenoss:innen der New York School wie Jackson Pollock oder Willem de Kooning den physischen Akt des Malens zelebrierten, richtete er ganz gezielt den Blick nach innen: auf das Unsichtbare, das Spirituelle, das Transzendente, das er in seinen Arbeiten greifbar machen wollte.
Licht spielt in seinem Werk eine zentrale Rolle – nicht als bloßes Gestaltungsmittel, sondern als metaphysische Kraft. So bilden seine dicht mit Punkten, Linien und Symbolen bemalten Leinwände kreative Kosmen mit einer inhärenten Strahlkraft. Egal, ob als Maler, Bildhauer oder Fotograf – Pousette-Dart verstand es, Kunst mit Philosophie und Mystik zu verbinden. So erschuf er Werke, die bis heute als ruhige, meditative Gegenstücke zu den teils sehr lauten Positionen der Moderne wirken. Mit der Ausstellung „Poesie des Lichts. Richard Pousette-Dart“ begibt sich das Museum Frieder Burda in Baden-Baden vom 17. Mai bis zum 14. September 2025 auf die Spuren des spirituellen Kreativen und zeigt rund 140 Arbeiten aus sechs Schaffensjahrzehnten – von Gemälden über Fotografien und Skulpturen bis hin zu kleinformatigen Messingarbeiten.
Um den künstlerischen Ansatz von Richard Pousette-Dart zu verstehen, muss man einen Blick auf seine Anfänge werfen. Er wurde 1916 in Minnesota geboren und wuchs in einem kreativen und progressiven Elternhaus auf. Seine Mutter war Dichterin sowie Musikerin und führte ihren Sohn in die Welt der Poesie ein. Sein Vater arbeitete als Maler, Kunstdozent und Werbegestalter. Er brachte dem jungen Richard die Grundlagen des Zeichnens und des Malens bei und steckte ihn mit seiner Begeisterung für nichtwestliche Kunst an.
Schon als Kind war Richard Pousette-Dart zudem sehr an Technik interessiert. So zerlegte er Uhren und Fotoapparate in ihre Einzelteile, um ihr Innenleben zu erforschen. Hier zeigte sich schon früh seine Faszination für das Unsichtbare hinter der sichtbaren Oberfläche – für den grundlegenden Aufbau der Dinge und verborgene Zusammenhänge.
Richard Pousette-Darts Werk basiert auf einer universellen Formensprache. Es faszinierte ihn, dass bestimmte Grundformen wie Kreise, Spiralen oder Kreuze in nahezu allen Kulturen auftraten und zum Teil mit spirituellen Bedeutungen aufgeladen wurde. Seine größte Aufmerksamkeit galt dabei dem Kreis. Dieser stand in seiner Vorstellung sinnbildlich für die Verbindung zwischen Mensch, Natur und Kosmos. So stellte er fest: „Unser Leben ist bis in die Zellstruktur hinein voller Kreise – lebende Kreise, nichtlebende Kreise oder die Sonne oder Autoräder oder Torten; Kreise sind einfach überall.“
Diese Faszination für Formen fand früh ihren Ausdruck in Pousette-Darts Messingarbeiten, den sogenannten „Brasses“, mit denen er Ende der 1930er-Jahre begann. Dabei ließ er sich von indigenen Ästhetiken, die er durch die Kunstsammlung seines Vaters kennengelernt hatte, inspirieren. Pousette-Dart schuf im Laufe seiner Karriere über 200 dieser kleinen skulpturalen Objekte, in denen er organische und geometrische Formen verband. Viele der Motive, die er entwickelte, sollten später als Ausgangspunkte für seine Malerei dienen.
Für einen Künstler, der Licht zu einem zentralen Element seines Schaffens erklärt hat, führte an der Fotografie kein Weg vorbei. So machte Pousette-Dart schon als Kind erste Experimente mit Lochkameras. In New York arbeitete er zudem in einem Studio für fotografische Retuschen, wo er viel über Bearbeitungstechniken lernte. Zu seinen ältesten erhaltenen Ablichtungen zählen Fotogramme mit botanischen Motiven, die in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre entstanden. Dafür legte er Pflanzenteile auf lichtempfindliches Papier. So kreierte er eine besondere Hell-Dunkel-Ästhetik, die sich später auch in seiner Malerei wiederfinden sollte. Ausgehend von seinem transzendenten Ansatz sah Pousette-Dart die Linse der Kamera nicht als ein Instrument, das bloß etwas abbildet, sondern als ein Hilfsmittel, das ein tieferes Sehen ermöglicht, wenn es durch das Bewusstsein des Künstlers gesteuert wird.
Die Kamera begleitete ihn durch seine gesamte Karriere. Dabei porträtierte er zahlreiche seiner Wegbegleiter:innen. Zu seinem fotografischen Œuvre gehören daher Bilder von seinen New Yorker Künstlerkolleg:innen wie Mark Rothko, Barnett Newman oder der Galeristin Betty Parsons. Schnell machte er sich als Fotograf einen Namen, so dass er Auftragsarbeiten für renommierte Magazine bekam. Zum Beispiel lichtete er den Star-Choreografen Bob Fosse oder die Jazztrompeter Roy Eldridge und Thad Jones ab. Dabei blieb Pousette-Dart bei seiner fotografischen Arbeit stets seinem Credo treu – dem Versuch, Licht in eine Darstellungsweise zu übersetzen, die das Sichtbare übersteigt. Dafür nutzte er Mehrfachbelichtungen, die den Bildern eine entrückte, fast traumartige Wirkung gaben.
Um 1940 wandte sich Richard Pousette-Dart schließlich schwerpunktmäßig der Malerei zu. Zunächst malte er in akribischen Verfahren mit Ölfarbe und Tusche auf Pergament, schnell wendete er sich aber der großformatigen Staffeleimalerei zu. Damit war er innerhalb der New York School ein Vorreiter, dem bald Kolleg:innen wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Willem de Kooning folgten.
Die Malerei von Richard Pousette-Dart entfaltete sich als Dialog zwischen transzendenter Vision und handwerklicher Präzision. Seine Arbeit als Fotoretuscheur hatte ihm bewusst gemacht, dass jede Form letztlich aus unzähligen Lichtpunkten besteht. Dabei experimentierte er in seinen Bildern mit den unterschiedlichen Farb- und Lichtwirkungen, die er dadurch erzielte, dass er fein säuberlich viele verschiedene Farbschichten übereinander auftrug.
Er nutzte tausende winzige Pinselstriche, um Licht zum Strahlen zu bringen und bildliche Räume zu erschaffen, die weniger physisch als metaphysisch wirken. Die vielschichtigen Farbschattierungen und dichten Oberflächen scheinen seine Bilder zum Schwingen zu bringen. So öffnete Pousette-Dart die Tür zu einer neuen Kunstwahrnehmung, die nicht analytisch, sondern nur durch Erlebnis und Intuition erschlossen werden kann. Die Besucher:innen der Ausstellung „Poesie des Lichts. Richard Pousette-Dart“ im Museum Frieder Burda können sich also auf eine kreative Art der Erleuchtung freuen.
Be the first to know about new arrivals and promotions