Maren Eggert ist ab 30. April mit „Gavagai“ im Kino zu sehen. Marie Claire hat die Schauspielerin zum Interview getroffen.
Mit ihrem neuen Film „Gavagai“ lotet Schauspielerin Maren Eggert die Grenzen von Sprache, Verständigung und Fremdheit aus. Im Gespräch mit Marie Claire erzählt sie von den Dreharbeiten im Senegal, von Privilegien, die sich nicht abstreifen lassen, und darüber, weshalb sie klassische Frauenrollen heute konsequent hinterfragt.
Bei den turbulenten Dreharbeiten zu einer Medea-Verfilmung im Senegal flüchtet sich Maja (Maren Eggert) in eine Affäre mit ihrem Co-Star Nourou (Jean-Christophe Folly). Monate später treffen sie sich bei der Premiere des Films in Berlin. Alte Gefühle flammen auf, aber ein rassistischer Vorfall belastet ihr Wiedersehen. Die Spannungen werden nicht kleiner, als jeder versucht, das Richtige zu tun. Während sich die antike Tragödie auf der Leinwand zuspitzt, entfaltet sich ein zeitgenössisches Drama.
„Gavagai“: Ab 30. April im Kino.
Marie Claire: Frau Eggert, was bedeutet der Filmtitel eigentlich?
Maren Eggert: „Gavagai“ spielt auf ein Gedankenexperiment des amerikanischen Philosophen und Logikers W. V. O. Quine an. Stellen Sie sich vor, es treffen sich zwei Leute, die nicht dieselbe Sprache sprechen. Plötzlich huscht ein Hase vorbei, woraufhin einer der beiden auf das Tier zeigt und „Gavagai“ ruft. Ob das nun das Wort für Hase ist, ein Ausruf von Überraschung, oder eine Bezeichnung für Nahrung, kann die andere Person nicht sicher wissen. Solange man nicht dieselbe Sprache spricht, bleibt Bedeutung immer ungenau.
Welches Verständnis haben Sie jüngst für sich umgedeutet?
Für den Dreh war ich zum ersten Mal in Afrika, und ich habe festgestellt, dass viele meiner Vorstellungen völlig falsch waren. Zum Beispiel hatte ich Angst, dass es im Senegal viele Insekten gibt – das war aber nicht der Fall. Auch die Zusammenarbeit vor Ort hatte ich mir anders ausgemalt. Das hat mir gezeigt, dass man mit Vorurteilen nicht weit kommt und dass man etwas Neues nur erfahren kann, wenn man sich auf das Andere einlässt.
In „Gavagai“ wird eine Neufassung von Medea gedreht. Welcher Unterschied zum Theaterstoff hat Sie besonders fasziniert?
In unserem Film im Film kommt es nicht dazu, dass Medea ihre Kinder ermordet – und das ist ja das, was einen an dem Stück so schockiert. Dadurch konnten wir den Fokus der Geschichte aber auf den Beziehungskonflikt zwischen Medea und Jason legen, der Parallelen zu den Missverständnissen zwischen den Darsteller:innen Maja und Nourou aufweist.
Medea ist eine Geschichte von Fremdheit und Ausschluss. Wie haben die Dreharbeiten im Senegal Ihre Perspektive auf diese Themen verändert?
Es ging mir zum ersten Mal so, dass ich in manchen Situationen die einzige weiße Person war – das ist eine Erfahrung, die man in Europa selten macht. Natürlich wollte ich dazugehören und wie alle anderen behandelt werden, aber als weiße Person genießt man bestimmte Privilegien, die man genauso wenig ablegen kann wie seine Hautfarbe. Das kann man nicht abstreiten, und ich halte es für wichtig, dass man sich damit auseinandersetzt. Und wenn ich mir diese Situation andersherum und ohne Privilegien vorstelle, dass es Menschen gibt, die wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert oder gar verfolgt werden, dann fange ich, glaube ich, an zu verstehen, wie sich Rassismus anfühlt.
Können zwei Menschen einander je wirklich verstehen? Bild: Port au Prince
Sie wurden an der Otto-Falckenberg-Schule in München ausgebildet. Würden Sie aufstrebenden Schauspieler:innen im Jahr 2026 den Besuch einer solchen Einrichtung noch empfehlen?
Das kommt, glaube ich, ein bisschen darauf an, wie man arbeiten möchte. Ich persönlich würde sagen, wenn man Theater spielen möchte, ist es sehr zu empfehlen. Zumindest hat es mir sehr geholfen, eine Ausbildung zu haben, auf die ich zurückgreifen konnte. Aber auch die Persönlichkeiten, die ich an der Schule kennengelernt habe und die mich in meiner Persönlichkeit gestärkt haben, würde ich nicht missen wollen. Beim Film dagegen ist es so, dass viele Filmemacher:innen sich, glaube ich, über Quereinsteiger:innen freuen – junge, unverstellte Menschen, die noch naiv ans Spielen herangehen.
Waren Sie auf die soziale Verantwortung von Schauspiel vorbereitet, als Sie den Beruf gewählt habe?
Nein, das war ich nicht. Ich würde sogar sagen, dass ich immer noch dabei bin, das in meine Arbeit am Theater zu integrieren. Zum Beispiel habe ich erst kürzlich zwei Theaterabende zu Gewalt an Frauen gemacht. Das ist ein unheimlich wichtiges Thema, aber mir fällt schon auf, dass man das Publikum sehr dazu einladen muss – weil die Leute natürlich abends auch einfach gerne unterhalten werden und nicht noch mehr über die Probleme unserer Zeit nachdenken wollen. Ich kann das verstehen, und ich finde, dass auch lustige Abende im Theater ihre Berechtigung haben. Deshalb halte ich es für wichtig, die Bühne auch für Gesellschaftspolitik zu nutzen, aber nicht nur.
Wie sieht es bei Ihnen aus: lassen Sie sich lieber sanft berieseln oder tauchen Sie gerne in schwere Themen ein?
Sowohl als auch. Wenn ich mich bei der Arbeit viel mit schweren Themen beschäftige, merke ich, dass ich auch gerne eine Realitätsflucht betreibe. Dann schiebe ich die politischen Essays oder schwierigen Biografien auf meinem Nachtisch abends lieber beiseite und greife zu unterhaltsamerer Lektüre – einem Krimi oder einem leichteren Roman zum Beispiel. Ich finde, man muss schon auf sich aufpassen und sich fragen, „Schaffe ich es jetzt gerade, das aufzunehmen, oder brauche ich vielleicht etwas, das mich eher entspannt?“
Apropos Krimi: 15 Jahre nach Ihrem Ausstieg aus dem Kieler „Tatort“ kehrte Ihre Figur Dr. Frieda Jung 2025 für eine Folge an die Seite von Kommissar Borowski zurück. Was reizt Sie an diesem TV-Format?
Der „Tatort“ hat sehr klare Vorstellungen davon, was er sein will, und er ist ein Heiligtum für die Fernsehgemeinde. Aber gerade deshalb fand ich es spannend, die Grenzen des Formats auszutesten und zu erweitern. Besonders schön war es natürlich, dass Axel Milberg und ich unsere Figuren miterfinden und mitgestalten durften. Außerdem ist man als „Tatort“-Kommissar:in so etwas wie ein:e Gastgeber:in für Schauspielkolleg:innen und Regisseur:innen, die von Folge zu Folge dazu stoßen und für frischen Wind sorgen – das hat mir großen Spaß gemacht.
Inwiefern hat das Älterwerden Ihre beruflichen Entscheidungen verändert?
Ich bin selbstbewusster und eigenwilliger bei der Rollenwahl. Ich muss mich inhaltlich mit den Themen beschäftigen wollen und sie guten Gewissens an ein Publikum weitergeben können. Ob ich den Leuten in der Rolle gefalle, ist mir dabei inzwischen egal. Für den Beruf ist das auch gar nicht so schlecht, wenn man nicht immer gefallen will.
Von welchen Rollen distanzieren Sie sich heute?
Es gibt auf jeden Fall Theaterrollen, die ich nicht mehr spielen würde. Dazu zählen klassische Frauenfiguren aus Tragödien von Goethe oder auch Amalia aus Schillers „Die Räuber“, die nur existieren, um Männern zuzuhören und einen romantischen Bezug herzustellen. Das finde ich einfach nicht spannend, und so sollte das auch nicht mehr erzählt werden.
Schauspielerin Maren Eggert, fotografiert von Linda Rosa Saal
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