Licht und Farbe sind ihre Werkzeuge, der Raum ihre Leinwand: Die Münchener Künstlerin Luisa Baldhuber erschafft Werke, die Wirklichkeit und Imagination kunstvoll verweben und vorhandenen Räumen eine neue Dimension geben. Im Interview mit Marie Claire verrät sie mehr über ihre Inspirationsquellen, die Orte, die ihre Kreativität beflügeln, und die Herausforderung für junge Künstler:innen, ihren Weg zu finden.
Sie eröffnet neue Dimensionen: In ihrer Arbeit erkundet Künstlerin Luisa Baldhuber, wie Licht und Farbe Räume neu definieren und verändern können. Damit erschafft sie atmosphärische Installationen, die die vorhandene Architektur hinterfragen und neue Wahrnehmungsebenen eröffnen. So inszeniert sie zum Beispiel mit ihrer aktuellen Arbeit „Afterglow“, die noch bis zum 4. Mai 2025 im Haus der Kunst in München zu sehen ist, einen sich wiederholenden Sonnenauf- bzw. untergang. Zudem experimentiert Luisa Baldhuber in ihren Werken mit beschichtetem Glas, das verschiedene Farbwirkungen erzeugt, sowie Soundinstallationen, um die Grenzen zwischen dem physischen und imaginären Raum weiter aufzulösen.
Geburtsjahr: 1994
Wohnort: München
Akademische Ausbildung:
Bisherige Meilensteine:
Marie Claire: Wann und wie sind Sie zum ersten Mal mit Kunst in Kontakt gekommen?
Luisa Baldhuber: Durch meine Familie bin ich mit Kunst im Prinzip aufgewachsen. Meine Mutter ist Psychoanalytikerin, mein Vater Architekt, meine ältere Schwester arbeitete lange Zeit als Kostümbildnerin. Die Kreativität steckt seit vielen Generationen in meiner Verwandtschaft, die Nähe zur Kunst liegt somit irgendwie in meiner DNA. Besuche von Konzerten, Museen, Bauwerken, Kinofilmen und das Reisen in andere Länder war für mich selbstverständlich.
Außerdem wurde mir als Kind schon früh vermittelt, dass Zeichnen meine besondere Stärke ist, und ich habe damit früh Anerkennung von außen bekommen. Ich konnte im Zeichnen und Malen schon früh meine innere Welt ausdrücken und neue Welten erschaffen. Das war immer schon ein wichtiger Teil von mir.
Marie Claire: Wie würden Sie generell Ihren Stil beschreiben?
Luisa Baldhuber: Mein Stil ist kunsthistorisch vom Minimalismus der 60iger Jahre geprägt. Vor allem die Künstler:innen des Light and Space Movements haben einen starken Einfluss auf meine Arbeit. Aber ich beschäftige mich auch gerne mit den künstlerischen Praktiken des Surrealismus, bei denen das Unbekannte, Unergründliche und Irrationale immer eine wichtige Rolle spielt. Eigentlich sehr konträr zu dem strengen, vernünftigen Minimalismus. Ich versuche in meinen Werken oft beides zu vereinen, die Klarheit und Konzentration der minimalistischen Formensprache und die fantasiereiche und geheimnisvolle Sprache der Surrealist:innen.
Außerdem fasziniert mich die Ästhetik von Science Fiction Filmen aus den 60ern bis 80ern und Fantasy Filme aus den frühen 2000ern. Oft geht es in den Erzählungen um das Entdecken neuer, unbekannter Welten, die von eigenen Formensprachen geprägt sind.
Marie Claire: Welche Themen beschäftigen Sie in Ihrer Kunst am meisten?
Luisa Baldhuber: In meinen Installationen geht es mir immer um das Hinterfragen von räumlichen Konstruktionen, also im Prinzip von Architekturen, und welche Ideen und Konzepte sie vertreten. Ich habe den starken Drang, diese physischen und gedanklichen Grenzen, die in einem architektonischen Raum manifestiert sind, zu durchbrechen und zu überwinden. Deshalb erschaffe ich Werke, die meine eigenen künstlerisch erschaffenen Räume über gegebene Räume legen, ohne die ursprüngliche Architektur dabei verschwinden zu lassen. Es geht um Erweiterung und Aneignung von räumlicher Realität und von Realität im Allgemeinen.
In den malerischen Räumen, die ich erschaffe, gebe ich nichts Konkretes vor. Oft gibt es Andeutungen oder Hinweise von Landschaften, aber die Betrachtenden haben die Freiheit, in meinen Werken zu sehen, was sie sehen möchten. Dadurch erschaffe ich für andere und mich Freiräume in meinen Werken, die neu gedacht oder geträumt werden können.
Marie Claire: Woher holen Sie sich Ihre Inspirationen?
Luisa Baldhuber: Meine größte Inspirationsquelle ist die Natur. Bei Spaziergängen oder Wanderungen sehe ich mir die Welt mit offenen Augen an, lasse mich verzaubern und komme ins Staunen. Oft verwebe ich Natureindrücke in meinen Arbeiten, die uns permanent umgeben und die wir deshalb oft nicht mehr wahrnehmen. Ich möchte für diese alltäglichen Wunder, die uns auf natürliche Art und Weise umgeben, sensibilisieren und ihre Kostbarkeit zelebrieren. Wir leben in einer Welt voller Geschenke.
Marie Claire: Welche anderen Künstler:innen haben Sie beeinflusst?
Luisa Baldhuber: Mein großer Meister ist der Lichtkünstler James Turrell. Für mich kommt nichts an seine Werke heran. Er hat es geschafft, die Essenz seiner Kunst, das Licht, so pur und essenziell herauszuarbeiten, dass sie uns Menschen ganz tief berühren kann und uns Urprinzipien unserer Welt in Erinnerung ruft und direkt erlebbar macht. Das hat für mich eine unfassbare Energie und Stärke, die ich kaum in Worte fassen kann. In seinen Werken vergisst man Raum und Zeit und trotzdem ist man komplett da. Auch Rebecca Horn finde ich eine faszinierende Künstlerin. Sie schafft es genauso, Grundprinzipien unserer Welt und unseres Daseins auf geheimnisvolle und visuell anregende Art und Weise zu vermitteln und direkt erlebbar zu machen.
Beides sind für mich Künstler:innen, die sich über temporäre Modeerscheinungen und Trends ihrer Zeit hinwegsetzen und universale Themen in ihren Werken herausarbeiten. Dadurch strahlen sie eine unglaubliche Kraft, Tiefe und Komplexität aus.
Marie Claire: Sie haben gerade Ihr Studium abgeschlossen. Können Sie uns die Idee hinter Ihrer Diplom-Arbeit „Oscillating“ erklären?
Luisa Baldhuber: Bei „Oscillating“ ist es mir endlich gelungen, meine beiden Leidenschaften, die Musik und die Malerei, auf für mich sinnvolle Art und Weise zu verknüpfen. Ausgangspunkt ist ein Klangstück, das aus tiefen Frequenzen besteht. Über Kontaktlautsprecher werden Glaskästen, die mit Wasser gefüllt sind, jeweils mit einer Soundspur angesteuert und dadurch in Schwingung versetzt. Der Schall erzeugt wellenartige Muster auf der Wasseroberfläche, dieses Naturphänomen kennt man auch als Chladnische Klangfiguren.
Das Glas wiederum ist ein besonderes Farbeffektglas, das zwei verschiedenen Farbwirkungen hat. Über Scheinwerfer wird die Wasseroberfläche an die Wand projiziert, wobei das Glas die Reflexionen bunt färbt. Daraus ergibt sich in der Gesamtheit ein Wandgemälde aus bunten Lichtreflektionen, die sich durch den Sound ständig optisch verändern. Es ist ein Zusammenspiel aus, Klang, Bild und Naturphänomen.
Marie Claire: Was sind für Sie nach Ende Ihres Studiums die nächsten Schritte?
Luisa Baldhuber: Jetzt stehen erstmal einige Ausstellungen in Galerien und anderen Institutionen in München und Paris an. Vielleicht ein, zwei Kunst am Bau Projekte, das wird sich zeigen.
Sonst möchte ich mich weiterhin international orientieren. Bisher habe ich an zwei Artist in Residency Programmen an der Westküste der USA teilgenommen, hier möchte ich mir auf Dauer gerne ein Netzwerk aufbauen. München ist eine gute Basis, aber ich denke es ist wichtig, sich auch international zu orientieren und in den Austausch zu gehen. Außerdem leide ich unter regelmäßigem Fernweh, neue Orte und Welten rufen mich.
Marie Claire: Kann man als junge Künstlerin heutzutage überhaupt noch von der Kunst leben?
Luisa Baldhuber: Das wird sich zeigen! Aber ich bin da geschmeidig und bisher kann ich mich nicht beklagen, da ich regelmäßig Werke verkaufe kann. Ich mache die Kunst jedenfalls nicht primär fürs Geld, sondern weil es ein innerer Drang ist. Wenn ich dadurch auch noch was verdienen kann – umso besser!
Marie Claire: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für junge Künstler:innen?
Luisa Baldhuber: Ich denke wir leben in einer Welt, in der wir uns ständig ablenken lassen können. Gerade über Social Media sieht man viele coole, hippe, schöne Kunstwerke, ohne ihre Referenzen zu kennen. Die Kunst ist ein unfassbar breites Feld, es stehen einem alle Möglichkeiten offen, man kann mit allem arbeiten und ganz schnell darf sich etwas „Kunst“ nennen. Es ist gut, dass es diese Freiheit gibt, das ist das Ergebnis unserer kulturellen Prozesse, Geschichten und Kämpfe, allerdings darf man sich nicht zu sehr von Oberflächlichkeiten beeindrucken lassen.
Ich denke, man muss sich selber und das eigene Innenleben gut kennen und sich kunsthistorisch und kulturhistorisch wirklich sehr gut auskennen, um qualitativ hochwertige Arbeiten zu machen, die auch in die Tiefe gehen und kurze Hypes überdauern. Denn zu allen Bildern, die online zirkulieren, gibt es einen kulturhistorischen Kontext und je besser man sich auskennt, desto besser kann man durch dieses Wirrwarr an Bilderfluten navigieren. Und Werke, bei denen man eine authentische Leidenschaft der Künstlerin oder des Künstlers spüren kann, berühren uns am meisten.
Marie Claire: Sie haben für das Haus der Kunst in München die Rauminstallation „Afterglow“ entwickelt. Was hat sie am meisten an dieser Zusammenarbeit gereizt?
Luisa Baldhuber: Das Haus der Kunst ist eines der global führenden Häuser westlicher zeitgenössischer Kunst. Das Museum ist für mich eine Tür in München zum aktuellen internationalen Kunstdiskurs, was mich inhaltlich sehr interessiert. Die Chance zu haben, als Studentin hier bereits eine Stimme zu bekommen und auf so einer hohen Ebene mitwirken zu können, ist für mich ein großes Geschenk.
Außerdem schätze ich die Arbeit der Kuratorin Anna Schneider sehr, die mich als Künstlerin zu dem Projekt eingeladen hatte und mit der ich die Ausstellung realisiert habe. Dadurch hatte ich wirklich eine sehr positive Erfahrung bei der Umsetzung meiner ersten institutionellen Einzelausstellung. Anna strahlt beim Arbeiten eine Leichtigkeit aus, die ich beneidenswert finde, und ich denke, dass wir auf künstlerischer und geisteswissenschaftlicher Ebene auf einer Wellenlänge sind. Dadurch habe ich gemerkt, wie fruchtbar eine Zusammenarbeit mit einer Kuratorin sein kann und wie man sich gegenseitig anregen kann. Das ist nicht immer der Fall bei Kooperationen. Ich bin ihr und dem Team vom Haus der Kunst unglaublich dankbar und schätze das Museum sehr.
Marie Claire: Welche neuen Ausstellungen und Projekte sind bei Ihnen in 2025 geplant?
Luisa Baldhuber: 2025 stehen einige Gruppenausstellungen in Galerien und Institutionen in und außerhalb Münchens an. Als erstes steht eine Gruppenausstellung bei Heldenreizer Contemporary auf dem Plan. Es freut mich, dass die Leute Interesse an meiner Kunst haben und mich zu Ausstellungen einladen, denn weiterhin Teil des Kunstdiskurses zu sein, hat für mich einen hohen Stellenwert. Nach meinem Studium will ich jetzt ein bisschen herumspielen, mit verschiedenen Institutionen und Personen kollaborieren und meine Kunst weiterentwickeln. Ich habe das Gefühl, dass mir viele Türen offenstehen, was mich sehr reizt und mir Energie für neue Abenteuer gibt.
Marie Claire: Gibt es ein Traumprojekt, das Sie gerne umsetzen würden?
Luisa Baldhuber: Ein Traumprojekt wäre eine große Land Art Arbeit im Westen der USA. Ich liebe die Weite der Landschaft und das Licht dort und auch der US-amerikanische Kunstbetrieb ist spannend, denn aktuell passiert dort viel. Orte, die kulturell dynamisch und innovativ sind, reizen mich immer. An manchen Orten spürt man sofort, dass es eine starke kreative Energie gibt, die Entwicklungen vorantreibt. Diese Orte ziehen mich immer magisch an.
Marie Claire: Möchten Sie eine Message mit Ihrer Kunst vermitteln?
Luisa Baldhuber: Meine Kunst vermittelt mit Sicherheit verschiedene Messages, aber das überlasse ich den Betrachtenden selbst. Für mich geht es mehr um das Umlenken unserer Gewohnheiten, wie wir Dinge sehen und was wir aufgrund dessen denken. Diese Konventionen zu durchbrechen, ist mein Bestreben.
Aber eigentlich glaube ich, dass ich auf der Suche nach Orten der Erlösung bin. Die suche ich sowohl im Inneren als auch im Außen. Aber vielleicht geht es auch um gar keinen Ort, sondern um einen Zustand, der ganz weit in der Vergangenheit liegt oder in der Zukunft. Ich weiß es nicht genau.
Marie Claire: Wie würden Sie diesen Satz vervollständigen: Kunst ist für mich…
Luisa Baldhuber: eine Lebenseinstellung.
Marie Claire: Die Rubrik Kunst & Kultur haben wir bei Marie Claire weit vorne im Heft platziert. Weil uns das Thema wichtig ist und wir glauben, dass das Thema auch für Frauen immer wichtiger wird. Ist das auch ihr Eindruck?
Luisa Baldhuber: Erfreulicherweise arbeiten zunehmend mehr Frauen im Kunstbetrieb und gestalten unsere kulturelle Landschaft somit maßgebend mit. Das finde ich fantastisch. Viele Frauen haben sich hier ihren Platz erkämpft und nehmen sich ihren Raum. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass Kultur und Kunst ein wichtiger Lebensbereich ist, in dem wir uns öffentlich frei und ehrlich ausdrücken können. Das ist ein unheimlich wertvoller Teil persönlicher Autonomie und ein entscheidender Motor für die soziale und politische Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.
Marie Claire: Wir bei Marie Claire möchte Frauen und ihren Themen eine Stimme geben. Welche Botschaft würden Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben?
Luisa Baldhuber: Meine Botschaft an alle Leser:innen, egal welchen Geschlechts, ist: keine Grenze ist unüberwindbar, keine Gegebenheit ist unveränderbar.
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