Kuratorin Xue Tan über die 15. Biennale in Shanghai

Seit 1996 gilt die Shanghai Biennale als das Schaufenster zeitgenössischer Kunst in Asien. 2025 kuratiert erstmals ein rein weibliches Trio die Schau unter dem Motto „Does the flower hear the bee?“ als Dialog zwischen Mensch, Natur und Kunst im Herzen Shanghais. Wir haben mit Co-Kuratorin Xue Tan gesprochen.

Xue Tan ist Co-Kuratorin der Shanghai Biennale sowie Hauptkuratorin im Haus der Kunst in München. Foto: Wing Shya
Xue Tan ist Co-Kuratorin der Shanghai Biennale sowie Hauptkuratorin im Haus der Kunst in München. Foto: Wing Shya

Das ist die Shanghai Biennale

Seit ihrer ersten Präsentation im Jahre 1996 gilt die Shanghai Biennale als Plattform zeitgenössischer Kunst in China und als eine der einflussreichsten Ausstellungen ebendieser Asiens. Seit 2012 residiert sie nun in der ikonischen Power Station of Art, dem ersten staatlichen Museum für zeitgenössische und kontemporäre Kunst auf dem chinesischen Festland. Die Schau soll Themen wie die dynamische Identität Shanghais widerspiegeln, welche sowohl von ihrem kulturellen Erbe als auch stark von Innovation und Urbanität geprägt ist.

160 Werke von 29 Künstler:innen zeigten etwa bei der ersten Shanghai Biennale mit dem Thema „Open Space“ (Deutsch: Offener Raum), wie sich chinesische Kunst seit der kulturellen Öffnung entwickelt hatte. Später ging es um die traditionelle chinesische Tuschmalerei (1998), die Wechselwirkung von Kunst, Wissenschaft und Technologie (2004) oder auch die Bedeutung des Sozialen in einer Zeit ökonomischer, digitaler und politischer Umbrüche (2014).

Mit jedem Kapitel ihrer Geschichte wird die Biennale dabei mehr zum globalen Treffpunkt für Künstler:innen, Kurator:innen und Denker:innen, die die Zukunft der Kunst verhandeln.

11. Shanghai Biennale "Why Not Ask Again?", 2016

„Why Not Ask Again?“, 2016, 11. Shanghai Biennale. Foto: Via Power Station of Art

Shanghai Biennale 2025

Genau hier setzt auch die 15. Shanghai Biennale an. Sie findet vom 08. November 2025 bis zum 31. März 2026 statt. Im Zentrum steht dabei die Idee einer neuen Kommunikation: Kunstwerke, Umwelt und Besuchende treten in Resonanz zueinander. Dabei soll im Dialog zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Intelligenz erforscht werden, wie Kunst Brücken zwischen Natur und Kultur schlägt.

„Wir wissen schon lange, dass Bienen miteinander kommunizieren und Wissen teilen, wenn sie sich versammeln“, so Hauptkuratorin Kitty Scott. „Doch erst jetzt beginnen wir zu begreifen, dass dieses Netzwerk der Kommunikation noch viel weiter reicht. Auch Blumen sammeln Informationen – und wir erkennen inzwischen, dass sie die Vibrationen der Bienenflügel hören. In ihrer Gegenwart produzieren sie einen süßeren Nektar.“

Und so steht die diesjährige Shanghai Biennale unter dem Motto „Does the flower hear the bee?“. Sie ist das Ergebnis der Zusammenarbeit eines rein weiblichen Kurationstrios – einer Premiere für die Shanghai Biennale. Gemeinsam mit Hauptkuratorin Kitty Scott und Co-Kuratorin Daisy Desrosiers co-kuratierte Xue Tan, Hauptkuratorin am Münchner Haus der Kunst, die 15. Shanghai Biennale. Wir haben die Kuratorin und Produzentin aus Hongkong zum Gespräch getroffen.

Vier der rund 250 Kunstwerke, die auf der 15. Shanghai Biennale gezeigt werden. 

Im Gespräch mit Xue Tan

Marie Claire: Wie würden Sie die zeitgenössische Kunstszene in China in wenigen Worten beschreiben?

Xue Tan: In den letzten 15 bis 20 Jahren ist die zeitgenössische Kunstszene in China enorm dynamisch geworden. Heute zählt sie zu den lebendigsten und aufregendsten Szenen weltweit. Private Museen sind entstanden, internationale Galerien haben Hongkong, Peking und Shanghai als Standorte gewählt und öffentliche Institutionen formen zunehmend eigene, charakteristische Profile. Der chinesische Kunstmarkt gehört mittlerweile zu den stärksten der Welt. Und eine neugierige, bestens vernetzte Generation von Sammler:innen der Millennials und Gen Z bringt frischen Wind in die Szene. Kleinere, unabhängige Spaces fördern weiterhin Experiment und Austausch, ein Potential, das besonders in den Pandemie-Jahren sichtbar wurde.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kunst-Szenen

MC: Sie kommen aus Hongkong, arbeiten mittlerweile in München und kuratieren nun die Shanghai Biennale. Wie unterschiedlich erleben Sie die Kunstwelten Chinas und Deutschlands?

X.T.: Ich kann nur aus der Perspektive meines einen Jahres hier in Deutschland sprechen. Ich glaube, das Land besitzt eine außergewöhnliche Museumstradition mit über zwei Jahrhunderten an Kunstvereinen, Kunsthallen und Museen, die ein stabiles Fundament bilden. In Chinas Festland hingegen ist die Kunstlandschaft noch stark von privatem Engagement getragen, während öffentliche Strukturen sich weiter formen. In Hongkong, Südkorea, Japan oder Taiwan haben sich zugleich hoch flexible institutionelle Modelle herausgebildet, die sehr unmittelbar auf zeitgenössische Kunst reagieren. Kurz gesagt: Deutschland ist geprägt von Struktur und Beständigkeit, Asien ist vielfältig, agil und zutiefst mit dem Jetzt verbunden.

MC: Wo gibt es Gemeinsamkeiten?

X.T.: Beide Regionen verfügen über starke Akademien, die neue Künstlergenerationen prägen. Deutschland besitzt herausragende Sammlungen westlicher Kunst des 20. Jahrhunderts, während in Asien eine besondere Leidenschaft für zeitgenössische Kunst sowie der des 21. Jahrhunderts herrscht. Dort sind in den letzten Jahrzehnten beeindruckende öffentliche Sammlungen entstanden. Mittelgroße und kleinere Institutionen beider Regionen setzen sich für junge Stimmen ein. Diese geteilte Neugier verbindet sie.

Xue Tan über die Shanghai Biennale

MC: Die 15. Shanghai Biennale steht unter dem Titel. „Does the flower hear the bee?“. Was bedeutet dieser Satz für Sie?

X.T.: Der Titel ist eine poetische Metapher für die zentrale Frage dieser Biennale: Wie begegnen wir nicht-menschlichen Formen von Intelligenz und Wissen? Es lädt ein, neue Formen der Kommunikation zu erkunden, die sich zwischen Sinnlichkeit, Gefühl und Gedanken bewegt. Diese Edition untersucht, wie Besucher:innen, Werke und Ideen im Ausstellungsraum zusammenwirken und ein Ökosystem der Wahrnehmung bilden. Dieses Konzept knüpft an die interdisziplinäre Arbeit im Haus der Kunst an, wo Kunst, Musik, Choreografie und transnationale Perspektiven miteinander verbunden werden.

MC: Hat sich Ihre Lesart dieser Frage im Laufe der Arbeit an der Biennale verändert?

X.T.: Kuratieren ist immer ein Prozess, ein Gespräch, das sich fortsetzt. Bei einer Biennale gibt es keine genaue Antwort. Biennale sind wichtige Momente, in denen die neuesten künstlerischen Entwicklungen sichtbar werden. Diese Ausgabe legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Region. Fast die Hälfte der Künstler:innen stammt aus Asien. Es geht nicht darum, zwischen A, B oder C zu wählen, sondern darum, dem Werden eines Werks Raum zu geben, der im Austausch mit Architektur und Umgebung der Ausstellung wirkt. Es ist eine Reise.

MC: Wie haben Sie die Künstler:innen ausgewählt, die Teil der Shanghai Biennale geworden sind?

X.T.: Wir drei Kuratorinnen haben das Konzept gemeinsam entwickelt. Auf Grundlage unserer Recherchen haben wir Künstlerinnen eingeladen, deren Arbeiten das Anliegen der Biennale klanglich und gedanklich tragen. Die Ausstellung vereint über 250 Werke, viele davon sind eigens für diese Ausgabe entstanden. Zu sehen, wie diese neuen Arbeiten Wirklichkeit werden ist der schönste Moment.

MC: Welche Themen wollten Sie unbedingt sichtbar machen?

X.T.: Viele Künstlerinnen und Künstler setzen sich nicht nur mit der Technologie selbst auseinander, sondern auch mit der Frage, was Technologie eigentlich bedeutet, auch als historisches Mittel, die Welt jenseits des Menschen zu verstehen. Technologie meint hier nicht allein KI oder digitale Prozesse, sondern jede Form der erweiterten Wahrnehmung. Viele Werke nähern sich nicht-menschlicher Intelligenz und unserer Beziehung zur Erde. Andere greifen traditionelle Medien wie Tinte auf, die klassische Bildsprache großer Teile Asiens, und entwickeln daraus neue visuelle Vokabulare.

Frauen in der Kunstwelt

MC: Die Shanghai Biennale wurde in diesem Jahr zum ersten Mal von einem reinen Frauenteam kuratiert. Wie kam es zu dieser Konstellation und was bedeutet das für Sie persönlich?

X.T.: Ich freue mich sehr, Teil des ersten rein weiblichen Kuratorinnenteams in der Geschichte der Shanghai Biennale zu sein. In Museen bilden Frauen schon lange den Großteil der kuratorischen und institutionellen Arbeit. Sie kümmern sich um Künstlerinnen, Kunstwerke und Ausstellungsräume. Dennoch ist es etwas Besonderes, diese Präsenz auch auf einer so internationalen Bühne sichtbar zu machen.

MC: Haben Sie Herausforderungen als Frau in der internationalen Kunstwelt erlebt?

X.T.: Ja, aber das betrifft nicht nur die Kunstwelt. Seit ich in Deutschland lebe, habe ich gemerkt, wie schwer es für Mutter ist ist, Beruf und Familie zu vereinen. In anderen Regionen, die ich gut kenne, sind die System besser ausgebaut, was Frauen die berufliche Entwicklung erleichtert.

MC: Marie Claire möchte Frauen eine Stimme geben. Was möchten Sie unseren Leser:innen mitgeben?

X.T.: Wir sind unglaublich widerstandsfähig. Wir finden immer einen Weg weiterzumachen.

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