Unsichtbare Frauen: Vergessene Künstlerinnen neu entdeckt in Düsseldorf

Zurück auf der Bildfläche! Mit der Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ bringt der Düsseldorfer Kunstpalast lang übersehene Künstlerinnen zurück in die Sichtbarkeit. Noch bis zum 1. Februar 2026 nimmt die Schau weibliche Positionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in den Blick, die kunstgeschichtlich bisher kaum Beachtung fanden.

Ansicht der Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ im Kunstpalast Düsseldorf
Der Kunstpalast Düsseldorf schenkt in Vergessenheit geratenen Künstlerinnen den Platz, den sie verdienen. Foto: Anne Orthen

Vom Schatten ins Licht: „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“

Sie waren Teil großer Ausstellungen, wurden von der Presse gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet – trotzdem verschwanden die Künstlerinnen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert wirkten, fast komplett aus dem kollektiven Gedächtnis. Und das Vergessen war nicht zufällig, sondern gewollt. So verlagerte sich mit der Industrialisierung die Erwerbsarbeit zunehmend aus dem häuslichen Bereich in die Fabriken und Büros, was zu einer klaren Trennung zwischen öffentlicher Arbeitswelt, die von Männern bestimmt wurde, und Haus- und Care-Arbeit führte, die Frauen im Privaten verrichteten. Diese klar getrennten Rollenbilder wurden zum gesellschaftlichen Ideal. Frauen, die selbst einer Tätigkeit nachgehen wollten, wurden somit systematisch vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.

So war es Frauen im Großteil des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht erlaubt, an der renommierten Kunstakademie Düsseldorf zu studieren. Viele Frauen mussten auf teuren Privatunterricht zurückgreifen, um eine künstlerische Ausbildung zu erhalten. Die Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“, die noch bis zum 1. Februar 2026 im Kunstpalast Düsseldorf läuft, setzt genau hier an. Sie macht jene Künstlerinnen sichtbar, die trotz extremer struktureller Benachteiligung zwischen 1819 und 1919 weiterhin in Düsseldorf aktiv waren. Dabei umfasst die Schau rund 30 Frauen, deren Werke heute kaum oder gar nicht in öffentlichen Sammlungen präsent sind. Viele davon werden zum ersten Mal seit dem 19. Jahrhundert wieder gezeigt.

Amalie Bensinger, "Hochzeitsmorgen", 1856, Öl auf Leinwand
Amalie Bensinger, "Hochzeitsmorgen", 1856, Öl auf Leinwand, 122 x 155cm, Privatbesitz. Foto: Horst Ziegenfusz, Mörfelden-Walldorf

Systematische Spurensuche nach 100 Jahren weiblicher Kunstgeschichte

Die Grundlage der Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ bildet ein Forschungsprojekt, das 2021 vom Kunstpalast Düsseldorf initiiert wurde. Es hatte zum Ziel, alle Künstlerinnen zu identifizieren, die zwischen 1819 und 1919 in Düsseldorf tätig waren. Immerhin war Düsseldorf im 19. Jahrhundert eine der führenden Kunststädte Mitteleuropas. Die Kunstakademie zog Talente aus dem Inland sowie ganz Europa an, insbesondere aus Skandinavien. Bis in die 1870er-Jahre hinein kamen Frauen für die künstlerische Aus- und Weiterbildung nach Düsseldorf, obwohl sie nicht zu offiziellen Akademiestudiengängen zugelassen waren. Stattdessen nahmen sie kostspieligen Privatunterricht bei den Professoren.

Um sich einen genauen Überblick über die Düsseldorfer Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts zu verschaffen, werteten die Forscher:innen historische Quellen wie Adressbücher, Ausstellungskataloge, Nachlässe, Zeitungen und Archive aus. Das Ergebnis: Rund 500 Künstlerinnen waren in diesem Zeitraum nachweislich in Düsseldorf aktiv. Dabei stellten die Forschenden nicht nur die Existenz dieser Künstlerinnen fest, sondern untersuchten auch, unter welchen Bedingungen sie arbeiteten, wie ihre Ausbildung aussah, wie sie ihre Werke verkauften und wie ihre Netzwerke funktionierten. Zudem reflektiert der Kunstpalast selbstkritisch seine eigene Geschichte. So waren zu Projektbeginn nur acht Werke von Frauen der Düsseldorfer Schule in seiner Sammlung vertreten. In den letzten Jahren wurde dieser Bestand daher gezielt erweitert. 

Ansicht der Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ im Kunstpalast Düsseldorf
Mit Bildern wie Elisabeth Jerichau-Baumanns "Italienische Osteria" zeigt der Kunstpalast Düsseldorf den weiblichen Blick auf die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Foto: Anne Orthen

Der Stil der Düsseldorfer Künstlerinnen

Die frühe Phase der Düsseldorfer Schule, die an der Kunstakademie gelehrt wurde und somit auch von den Frauen, die Privatstunden bei deren Professoren nahmen, adaptiert wurde, war von der Nazarenerbewegung und dem Klassizismus geprägt. Später fand auch die Romantik Einzug in die Düsseldorfer Schule. Zu den formalen Kennzeichen gehören dabei eine naturgetreue Darstellung, scharfe Lichtakzente sowie eine klare Komposition.

Auch wenn die Bilder von Männern und Frauen stilistisch ähnlich geprägt waren, zeigten sich bei den Sujets geschlechtsspezifische Unterschiede: Historien- und Aktmalerei galten als männliche Domäne, während Künstlerinnen ihren Ausdruck in Porträts, Stillleben oder Illustrationen fanden. Mit technischer Präzision und Perfektion schufen sie Werke, die bis heute durch ihre Ausdruckskraft überzeugen.

Emilie Preyer, "Stillleben mit Trauben, Reineclauden, Pfirsich und Haselnüssen", ohne Jahr, Öl auf Leinwand
Emilie Preyer, "Stillleben mit Trauben, Reineclauden, Pfirsich und Haselnüssen", ohne Jahr, Öl auf Leinwand, 23 x 29 cm, Kunstpalast, Düsseldorf. Foto: Kunstpalast – LVR-ZMB, Joshua Esters – ARTOTHEK

Kreative Frauen, die in Vergessenheit gerieten

Viele der Düsseldorfer Künstlerinnen stellten international aus, erhielten Preise und ihre Werke wurden von wichtigen Sammlern erworben. Zu den bekannten in der Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast vertreten Namen der damaligen Zeit zählen Paula Monjé, Elisabeth Jerichau-Baumann und Gabriele Münter. Monjé war vor allem als Genremalerin tätig und schuf detailreiche, oft humorvolle Szenen aus dem bürgerlichen Alltag. Extreme Bekanntheit genoss zu ihrer Zeit auch Elisabeth Jerichau-Baumann. Sie zog nach ihrer Ausbildung in Düsseldorf erst nach Italien, später nach Dänemark und England. Dabei passte sie ihre Kunst gekonnt an die jeweiligen Märkte an und erlangte so internationalen Erfolg.

Experimentell war auch Gabriele Münter, die von 1897 bis 1899 an der Kunstgewerbeschule Düsseldorf lernte und später zu einer zentralen Figur des Expressionismus und Mitbegründerin der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ wurde. Sie empfand den Unterricht in Düsseldorf als langweilig, da er stark akademisch und technisch orientiert war. So bevorzugte sie im Gegensatz zur detailreichen, realistischen Darstellung der Düsseldorfer Schule vereinfachte, ausdrucksstarke Formensprache. Neben den großen Namen sind bei der Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ auch viele weniger bekannte weibliche Kunstschaffende des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vertreten, etwa Amalie Bensinger, Ilna Ewers-Wunderwald, Mathilde Dietrichson oder Fanny Churberg.

Links: Paula Monjé, "Frau in altdeutschem Kostüm", 1878 Öl auf Leinwand. Rechts: Gabriele Münter, "Margret Umbach", 1932, Öl auf Leinwand
Links: Paula Monjé, "Frau in altdeutschem Kostüm", 1878 Öl auf Leinwand, 110 x 73 cm, Kunstpalast, Düsseldorf. Foto: Kunstpalast – LVR-ZMB, Annette Hiller- ARTOTHEK. Rechts: Gabriele Münter, "Margret Umbach", 1932, Öl auf Leinwand, 46,5 x 38,2 cm, Sammlung Dreiländermuseum Lörrach. Foto: Dreiländermuseum Lörrach/Axel Hupfer © VG Bild- Kunst, Bonn 2025

Korrektur des Kanons: Der Kunstpalast schreibt die Geschichte neu

Die Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ im Düsseldorfer Kunstpalast leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung und Korrektur des weitgehend patriarchal geprägten Kunstkanons. Mittels eines chronologisch-thematischen Rundgangs in elf Räumen macht sie sichtbar, wie stark Frauen am Kunstbetrieb des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beteiligt waren, und fordert dazu auf, diesen vergessenen Frauen den Platz in der Kunstgeschichte einzuräumen, der ihnen zusteht.

Dafür holt die Ausstellung weibliche Erfolgsgeschichten zurück ans Licht, die viel zu lange in der Dunkelheit lagen. Sie zeigt, mit welchen Mitteln und welcher Resilienz Frauen ihren künstlerischen Weg trotz struktureller Benachteiligung gingen und welche Opfer sie für ihre Berufung brachten. Besucher:innen sind dazu eingeladen, ein für die Kunstgeschichte wichtiges und lange übersehenes Kapitel zu entdecken. Denn erst durch den Blick auf die Werke dieser Frauen entsteht ein vollständigeres Bild einer Epoche, die von Ungleichheit, aber auch von weiblicher Kreativität und Stärke geprägt war.

Ansicht der Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ im Kunstpalast Düsseldorf
Die faszinierende Vielfalt der weiblichen Kunst spiegelt die Ausstellung „Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ wider. Foto: Anne Orthen

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