Im Gespräch mit Marie Claire erzählt POLYC, warum ihn mehrdeutige Blickwinkel faszinieren, wie eine Straßenmusikerin zu seinem Lieblingswerk inspirierte und weshalb Farbe für ihn weit mehr ist als bloße Dekoration.
Nun führt er seine unverwechselbare Bildsprache auf die klassische Leinwand zurück. In seiner ersten Solo-Ausstellung „not single“, die vom 20. bis 28. Juni in Seoul zu sehen ist, lädt der Südkoreaner dazu ein, Kunst nicht als statisches Bild, sondern als vielschichtiges Erlebnis zu begreifen.
Lee Sang-jin wurde 1989 in Seoul, Südkorea, geboren, studierte Visuelles Design an der Suwon-Universität und eröffnete 2018 ein Tattoo-Studio. Sein Künstlername POLYC steht für seinen unverkennbaren Stil, eine Mischung aus Polygon Art und Kubismus. Durch die Verbindung dieser beiden künstlerischen Strömungen, entsteht ein faszinierendes Spiel mit Perspektiven. POLYC kombiniert Licht, Schatten und lebhafte Farben, um seinen Werken einen dreidimensionalen Raum zu verleihen.
Inspiration für seine Motive bezieht er aus dem Alltäglichen, der Popkultur, der koreanischen Folklore und berühmten Gemälden. Unter anderem hat er Salvador Dalís „Die Beständigkeit der Erinnerung“, Edvard Munchs „Der Schrei“ und Hokusais „Die große Welle vor Kanagawa“ in seinem Stil neuinterpretiert.
Zu weltweiter Bekanntheit kam er 2022 als er die K-Pop-Gruppe BTS tätowierte. Alle sieben Mitglieder ließen sich symbolisch für ihre Freundschaft eine 7 stechen. Seitdem zählen auch viele Fans der Musiksuperstars zu POLYCs Kund:innen.
Portraitbild Lee Sang-jin alias POLYC. Bild: POLYC
Marie Claire: Was hat diese Ausstellung inspiriert, und worum geht es darin?
POLYC: Mit „not single“ präsentiere ich die künstlerische Sprache, die ich im Laufe der Zeit entwickelt habe, erstmals umfassend in einem einzigen Raum. Ich möchte mit der Ausstellung zeigen, wie sich der Ansatz, den ich im Tätowieren begann, auf Malerei, Medienkunst, Skulptur und Installation ausweiten lässt.
Ich habe mich schon immer für Welten interessiert, die sich aus einer einzigen Perspektive nicht vollständig erfassen lassen. Anstatt eine einzige Schlussfolgerung oder Interpretation zu präsentieren, lädt diese Ausstellung die Betrachter:innen dazu ein, zwischen verschiedenen Perspektiven zu wechseln und die Bilder mit ihren eigenen Sinnen zu erleben.
Was war die größte Herausforderung beim Kuratieren?
Die größte Herausforderung bestand darin, eine natürliche Verbindung zwischen verschiedenen Medien innerhalb eines kontinuierlichen Flusses herzustellen. Malerei, Medienkunst und Skulptur haben jeweils sehr unterschiedliche Bildsprachen, sodass die Gefahr bestand, dass die Ausstellung fragmentiert wirken könnte. Anstatt mich auf einzelne Werke zu konzentrieren, habe ich besonders darauf geachtet, wie sich die Perspektive und die Sinne der Betrachter:innen beim Durchqueren des Raums verändern.
Worauf haben Sie bei der Auswahl des Raums und der Gestaltung besonders geachtet?
Ich wollte, dass sich der Raum selbst als Teil des Kunstwerks anfühlt. Anstatt die Werke einfach nur auszustellen, wollte ich ein Erlebnis schaffen, bei dem sich Linien und Formen während der Bewegung des Betrachtenden fortsetzen. Ich habe mich besonders auf den Übergang der Bilder von flachen Oberflächen in den dreidimensionalen Raum konzentriert.
Was wird den Besucher:innen an dieser Ausstellung am besten gefallen?
Ich denke, die Besucher:innen werden vor allem die Freiheit genießen, Bilder zu erleben, die sich nicht auf eine einzige Weise erklären lassen. Jede:r Betrachter:in wird sich den Werken aus einer anderen Perspektive nähern, und genau dieser Unterschied ist ein wichtiger Teil der Ausstellung.
Haben Sie ein Lieblingswerk in der Ausstellung?
Mein Lieblingswerk ist „Melody of Colors Flowing Through the Street“ – das Gemälde der Gitarre spielenden Frau. Ich habe es geschaffen, nachdem ich während meiner Europareise eine Straßenmusikerin bei ihrem Auftritt beobachtet hatte.
Der Grund, warum mir dieses Werk besonders gefällt, ist, dass es nicht einfach nur eine Nachbildung einer Szene ist, sondern ein Werk, das die Stimmung, die Emotionen und das Gefühl der Freiheit, die ich während dieser Reise empfand, am ehrlichsten visuell einfängt. Die Harmonie zwischen der Musik, den Farben und der Ausstrahlung der Figur fügt sich ganz natürlich zusammen, was es auch für mich zu einem sehr einprägsamen und besonderen Werk macht.
„Melody of Colors Flowing Through the Street“, Ölpastell auf Leinwand, 91 × 74 cm, 2026. Bild: POLYC
Was hat Ihren charakteristischen Stil inspiriert, geometrische Formen mit leuchtenden Farben zu kombinieren?
Als ich jung war, sah ich zufällig Matisses Werke im Fernsehen und war tief inspiriert von seinen Papierschnitten und seiner Einstellung zur Farbe. Danach verbrachte ich natürlich viel Zeit damit, farbiges Papier zu schneiden und zu arrangieren, um Bilder zu schaffen, und ich glaube, diese Erfahrungen haben schließlich meine heutige Bildsprache geprägt. Für mich sind Farbe und Form keine Dekoration, sondern eine Sprache, die Empfindungen und Rhythmus erzeugt.
Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Form und Farbe?
Wenn Form die Struktur ist, dann ist Farbe die Empfindung. Farbe schafft eine Atmosphäre und einen Rhythmus, die die Form allein nicht vervollständigen kann, während die Form der Farbe Richtung und Spannung verleiht. Ich glaube, dass sich beides nicht voneinander trennen lässt.
Setzen Sie Farbe wissenschaftlich ein? Haben Sie eine eigene Theorie zu Farbe und Perspektive?
Ich gehe nicht rein theoretisch an Farbe heran, aber ich denke sehr bewusst darüber nach, wie Farbe räumliche Tiefe und Distanz erzeugt. Manche Farben scheinen nach vorne zu treten, während andere zurückweichen. Ich nutze diese Beziehungen, um innerhalb einer flachen Oberfläche mehrere perspektivische Ebenen zu schaffen.
Polygon Art und Kubismus fließen auch in POLYCs Tattoo-Designs ein. Bild: POLYC
Glauben Sie, dass ein Gemälde gesehen werden muss, um Kunst zu sein?
Nicht unbedingt. Natürlich wird Kunst erst durch die Begegnung mit Menschen vollendet, aber auch unsichtbare Prozesse und Haltungen sind wichtige Bestandteile des Werks. Für mich hängt Kunst nicht nur mit dem Endergebnis zusammen, sondern auch mit der Art und Weise, wie wir die Welt selbst betrachten.
Sie haben als Maler und Papierkünstler begonnen. Was hat Sie zum Tätowieren gebracht, und wie unterscheidet sich das Schaffen auf der Haut vom Schaffen auf der Leinwand?
Eine Leinwand ist starr, aber der Körper verändert und bewegt sich ständig. Beim Tattoo-Design geht es deshalb nicht einfach darum, ein Bild auf der Haut anzubringen; man muss berücksichtigen, wie die Kurven, der Fluss und die Bewegung des Körpers in das Werk miteinfließen.
Wie hat sich Ihre Beziehung zur Kunst im Laufe der Zeit verändert?
Früher ging es mir bei der Kunst eher darum, mich selbst auszudrücken. Heute sehe ich sie eher als eine Möglichkeit, Menschen, Sinne und Beziehungen miteinander zu verbinden. Ich hoffe, dass meine Arbeit nicht im Ausstellungsraum endet, sondern in der Erinnerung oder den Gefühlen der Menschen weiterlebt.
POLYC zeigt seine Ausstellung „not single“ vom 20. bis 28 Juni in Seoul. Bild: POLYC
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