Warum sollten wir unserer inneren Stimme besser zuhören? Das erklärt TV- und Social-Media-Star Joyce Ilg in ihrem neuen Buch „Hätte ich das mal früher gefühlt“. Im Interview mit Marie Claire verrät die Bestseller-Autorin, weshalb es so wichtig ist, unsere Gefühle zu kennen und zu kommunizieren, – und wie uns dies nicht nur persönlich, sondern auch als Gesellschaft weiterbringen kann.
Comedienne, Youtuberin, Moderatorin, Schauspielerin und Autorin – Joyce Ilg ist ein echtes Multitalent und begeistert mit ihrer ehrlichen, authentischen Art. In ihrem Bestseller „Hätte ich das mal früher gewusst“ und gleichnamigen Podcast befasst sie sich mit Lebensthemen – von Persönlichkeitsentwicklung bis Finanzen –, über die man nichts in der Schule lernt. Ergänzend dazu ist jetzt ihr neues Buch „Hätte ich das mal früher gefühlt“ erschienen, in dem sie die Kraft der Emotionen genauer in den Blick nimmt.
Ihr Ratgeber zeigt auf leicht verständliche Weise, wie wir unsere Gefühle besser verstehen, annehmen und nach außen kommunizieren können, um so ein erfüllteres Leben zu führen. Im Gespräch wollen wir von Joyce Ilg wissen, warum es so wichtig ist, auf unsere Emotionen zu achten, wie wir den Mut finden, unsere Fassade vor anderen fallenzulassen und welche Freiheit wir dadurch gewinnen können.
Marie Claire: In Ihrem neuen Buch geht es darum, mit den eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen. Warum, glauben Sie, haben so viele Menschen Schwierigkeiten damit?
Joyce Ilg: Ich glaube, weil niemand wirklich lernt, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Ich spreche da auch aus eigener Erfahrung und von meinem Umfeld. Immerhin wird es ja in der Schule nicht wirklich vermittelt. Es gibt vielleicht einzelne Special-Fächer, bei denen mal jemand vorbeikommt und zum Thema Mental Health spricht. Aber es ist nicht so, dass es so fest in der Schule verankert wäre, dass man von klein auf lernt, mit seinen Gefühlen umzugehen. Entsprechend haben es auch die meisten Eltern nicht gelernt – und können es ihren Kindern nicht weitergeben. So bleibt das Ganze ein Teufelskreis, weil dieses Wissen nicht in Umlauf gerät. Dabei wäre es so wichtig, weil es einen enormen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben könnte.
Marie Claire: Mit welchen Methoden können wir es schaffen, unsere eigenen Emotionen besser zu verstehen?
Joyce Ilg: Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass Gefühle gesehen werden möchten. Wir wissen alle, dass es nicht gesund ist, Gefühle zu unterdrücken, und dass man dadurch krank werden kann. Es kann einem auf den Magen schlagen oder durch zu viel unbemerkten Stress kann man sogar einen Herzinfarkt bekommen.
Der erste Schritt ist deshalb, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was man überhaupt fühlt. Es geht darum, hinzugucken: Was sind meine Gefühle? Was fühle ich heute? Meistens bemerken wir unsere Gefühle erst, wenn sie sehr stark werden und nach Aufmerksamkeit schreien. Dabei sind sie eigentlich schon viel früher da. Doch im Alltag nehmen wir uns oft nicht den Raum, einfach mal in uns hineinzuspüren und zu gucken: Wie geht es mir eigentlich? Was fühle ich gerade? Dabei ist das sehr wichtig, um am Ende nicht irgendwann von den eigenen Gefühlen überrollt zu werden.
Marie Claire: Was macht es mit uns und unseren Beziehungen, wenn wir unsere Gefühle genauer einordnen und kommunizieren können?
Joyce Ilg: Wie schon gesagt, möchten unsere Gefühle gesehen werden – und zwar nicht nur von uns selbst. Wir Menschen freuen uns immer, wenn wir uns auch von anderen Menschen gesehen fühlen. Im Miteinander funktioniert das ähnlich wie in der inneren Selbstkommunikation. Wir haben alle nicht gelernt, richtig zuzuhören, wenn jemand anderes spricht. Oft reagieren wir innerlich schon und fangen an, uns eine Meinung zu bilden, während unser Gegenüber noch redet und seine Message gar nicht zu Ende rübergebracht hat.
Dabei tragen wir alle in uns diesen Ort der Stille, den man zum Beispiel aus der Meditation kennt. Wenn wir wirklich richtig zuhören würden, dann würden wir das aus diesem Ort der Stille heraus tun, um unser Gegenüber wirklich verstehen zu wollen. Doch oft geht es uns weniger ums Verstehen, sondern eher darum, zu reagieren und unsere eigene Mission voranzubringen. Dabei wäre es so wichtig, zu lernen, einander wirklich aufmerksam und geduldig zuzuhören.
Auf der anderen Seite ist es genauso wichtig, sich klar und ehrlich auszudrücken – wirklich zu sagen, was in uns vorgeht. Von klein auf lernen viele von uns, eine Fassade zu errichten, weil wir glauben, dass es dahinter sicherer ist. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Dadurch, dass wir uns diese Fassade errichtet haben, sagen wir oft Dinge, die wir nicht wirklich so meinen, und verschweigen, was tatsächlich in uns vorgeht. Dabei könnten viele Konflikte verhindert werden, wenn wir ausdrücken würden, was wir wirklich denken und fühlen.
Marie Claire: Das Zusammenspiel zwischen Herz und Kopf spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Buch. Auf wen von den beiden sollten wir bei Entscheidungen hören?
Joyce Ilg: Die Balance ist sehr wichtig – ich stelle mir das immer wie eine Waage vor. Auf der einen Seite steht das Herz, auf der anderen der Kopf. Beide sind natürlich super wichtig und haben einen großen Einfluss auf uns. Aber unsere Gefühle sind der Part in uns, der uns glücklich sein lässt. Und wenn Glück, wie ich glaube, für viele Menschen der Sinn des Lebens ist, dann ist es ganz, ganz wichtig, auf unser Herz zu hören.
Dabei meine ich nicht, dass man immer nur dem Herzen blind folgen sollte. Vielmehr geht es darum, unser Herz zu verstehen – ihm wirklich zuzuhören. Denn manchmal können uns unsere Gefühle auch in die Irre führen, wenn wir uns zu sehr in sie hineinsteigern. Der Schlüssel liegt darin zu fragen: Was fühle ich und warum fühle ich das? Und dann mit dem Verstand zu prüfen, ob der Weg, den unser Herz einschlagen möchte, auch der richtige ist und ob er uns langfristig glücklich macht.
Wenn wir zum Beispiel einen bestimmten Berufswunsch haben, der uns glücklich macht, brauchen wir den Verstand, um herauszufinden, wie sich dieser Wunsch realistisch umsetzen lässt. Viele Menschen verrennen sich in ihren Träumen, kündigen ihren Job, eröffnen ein Café, investieren all ihr Erspartes – und wenn es nicht klappt, stehen sie mit leeren Händen da. In solchen Fällen hat das Herz zwar den Weg gezeigt, der einen glücklich macht, aber nicht unbedingt den, der funktioniert. Der Verstand hilft, den Herzensplan so umzusetzen, dass er auch funktioniert.
Marie Claire: Sie beschreiben, dass echtes Fühlen dabei helfen kann, das Leben wie von magischer Hand ins Positive zu lenken. Wann haben Sie diese Erfahrung selbst gemacht?
Joyce Ilg: Ich hatte diese Methode, die ich in meinem neuen Buch beschreibe, tatsächlich in einer Meditation entdeckt – an diesem inneren Ort der Stille. Dann hatte ich plötzlich einen Aha-Moment und dachte: Krass, das ist doch eigentlich die Lösung für zwischenmenschliche Probleme und auch für die eigenen Probleme.
Ich habe das zuerst mit meinem Freund ausprobiert und schnell gemerkt, wie gut es funktioniert. Plötzlich lösten sich Konflikte fast wie von Zauberhand, weil es kaum noch Missverständnisse gab. Nachdem ich die Methode zwei Jahre lang mit meinem Freund geübt hatte, bin ich einen Schritt weitergegangen. Ich habe dann begonnen, sie auch bei härteren Fällen auszuprobieren – wie zum Beispiel bei Familienstrukturen, die schon ganz lange festgefahrenen waren. Und ich habe gemerkt: Wow, es funktioniert sogar da. Dann war mir klar: Ich möchte dieses Wissen teilen und ein Buch darüber schreiben.
Marie Claire: Viele fürchten sich davor, sich verletzlich zu zeigen, wenn sie ehrlich ihre Gefühle kommunizieren und ihre Fassade fallenlassen. Wie kann man diese Ängste überwinden und den Mut finden, sich zu öffnen?
Joyce Ilg: Einfach ausprobieren! Das kann man in kleinen Schritten machen. Dann wird man merken, dass man eigentlich gar keine Angst davor haben braucht. Man kann zum Beispiel erstmal das eigene Innere kommunizieren, indem man sagt: „Ich habe Probleme, über meine Gefühle zu sprechen.“ Wenn man das ausspricht, hat man schon den ersten Schritt getan. Denn oft ist genau diese Unsicherheit das Problem, das gerade im Vordergrund steht. Vielleicht weiß man sogar, woher diese Hemmung kommt – etwa durch negative Erfahrungen, die man dann ebenfalls teilen kann. Wenn darauf eine empathische Reaktion vom Gegenüber kommt, merkt man oft, dass man sich noch weiter aus seiner Fassade heraustrauen kann.
Ich habe festgestellt, dass diese Methode auf der einen Seite bei Menschen hilft, von denen man weiß, dass sie einem wohlgesonnen sind und einen lieben. Dort kann man gut anfangen, sich zu öffnen. Aber auch bei völlig Fremden kann man dieses Echtsein üben – etwa bei einer Urlaubsbekanntschaft. Da kann man es ganz easy mal ausprobieren, ohne dass es sich auf das eigene Umfeld auswirkt.
Es ist wichtig, diese Überwindung zu schaffen, weil wir uns dadurch schützen können. Es ist ein Trugschluss, dass wir uns durch Offenheit verletzbar machen. Natürlich gibt es Menschen wie etwa Narzissten, die nicht empathisch reagieren können. Aber gerade das ist auch ein richtig guter Test, um herauszufinden, ob mein Gegenüber ein Narzisst ist oder nicht. Normale Menschen können, wenn man sich ihnen öffnet, mit Empathie reagieren und werden das auch tun. Die Angst, die wir haben, ist also eigentlich unnütz.
Marie Claire: Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft aktuell überhaupt genug Raum für Emotionen und Verletzlichkeit lässt – oder braucht es hier ein neues Bewusstsein?
Joyce Ilg: Ich glaube, dass sich die Gesellschaft grundsätzlich schon in die Richtung bewegt, achtsamer und bewusster zu leben. Das ist ein Trend, den ich mega wichtig finde, weil dieses Bewusstsein eigentlich der Schlüssel zu allem ist. Bewusstes Erleben, im Moment sein und sich auch mal in innerer Stille und Frieden aufhalten, sind genau das, was Achtsamkeit und Bewusstsein ausmacht.
Teilweise habe ich aber das Gefühl, dass wir noch nicht so richtig wissen, wie wir das wirklich in unseren Alltag integrieren können. Man meditiert vielleicht mal allein zu Hause oder macht eine Runde Yoga, aber sobald man sich im zwischenmenschlichen Bereich bewegt, vergisst man oft wieder, wie das mit der Achtsamkeit geht. Genau deshalb ist es so wichtig, Tools an die Hand zu bekommen, um Achtsamkeit wirklich in den Alltag zu integrieren. Ich glaube, der Wunsch und das Interesse in der Gesellschaft sind da, aber es fehlt manchmal einfach noch der Zugang zu dem Wissen, wie man das im Alltag umsetzen kann.
Marie Claire: Sehen Sie auch eine Verantwortung zum Beispiel bei den Schulen, emotionale Intelligenz schon von klein auf stärker zu fördern?
Joyce Ilg: Ich sehe da wirklich eine große Verantwortung bei der Schule, denn sie ist ein Ort, an dem auch viel Mobbing stattfindet – etwas, das man durch die Förderung emotionaler Intelligenz in großen Teilen verhindern könnte. Je früher Kinder damit konfrontiert werden, wie sie gut miteinander kommunizieren, respektvoll miteinander umgehen, sich gegenseitig richtig zuhören und sich gegenseitig sichtbar machen können, desto besser. Kinder saugen Dinge ja noch auf wie ein Schwamm und würden diese Fähigkeiten daher ganz intuitiv in ihr Erwachsenwerden mitnehmen.
Gerade Teenager haben oft stark mit ihren Emotionen zu struggeln – das kennen wir, glaube ich, alle. Auch hier wäre es eine große Hilfe, wenn sie wüssten, wie sie besser mit schwierigen Situationen umgehen könnten. Je früher wir solche Dinge lernen, desto mehr verinnerlichen wir sie und nehmen sie als Automatismen mit ins Leben. Andersrum ist es so, je später wir Dinge lernen, umso festgefahrener sind bereits unsere Verhaltensmuster und umso schwerer wird es, das wieder aufzulösen, was wir teilweise jahrzehntelang falsch gemacht haben.
Marie Claire: Welche positiven Benefits hätte es, wenn mehr Menschen ihre eigenen Gefühle besser verstehen und kommunizieren könnten?
Joyce Ilg: Ich denke, das hätte auf vielen Ebenen Benefits – nicht nur für das eigene Leben und die eigenen Beziehungen, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Denn ich denke, ganz viele verzweifelte Menschen laufen da draußen herum, die teilweise wirklich schlimme Sachen tun, die oft aus traumatischen Kindheitserfahrungen herrühren, die nie verarbeitet wurden. Daraus entsteht oft ein Hass, weil man sich vielleicht das ganze Leben lang sehr einsam gefühlt hat. Man kapselt sich von anderen Menschen ab und tritt dann irgendwann andere mit Füßen.
Ich glaube, dass viele Straftaten oder auch Suizid, der eine häufige Todesursache bei Jugendlichen ist, in unserer Gesellschaft verhindert werden könnten, wenn wir lernen würden, achtsamer mit unseren eigenen Gefühlen und auch miteinander zu sein. Wenn Eltern wüssten, wie sie mit ihren Kindern oder Ehepartnern besser umgehen können, wäre das ein wichtiger Schritt. Denn davon, was Eltern ihren Kindern im Miteinander vorleben – also, wie sie miteinander kommunizieren –, gucken sich die Kinder ganz viel ab.
Marie Claire: Was wünschen Sie sich, dass die Menschen aus Ihrem Buch mitnehmen?
Joyce Ilg: Ich wünsche mir, dass ganz viele Menschen mehr Leichtigkeit für ihr Herz mitnehmen können. Ihnen lasten oft so viele Sachen auf dem Herzen, was ich sehr traurig finde. Wir haben alle einen Rucksack, den wir durchs Leben schleppen, und ich hoffe, dass mit diesem Buch ganz viele Menschen diesen Rucksack leeren und leichter machen können. So können sie mit mehr Unbeschwertheit durchs Leben gehen und wundervolle Herzverbindungen miteinander schaffen.
Welche Botschaft hätten Sie zum Schluss für unsere Leser:innen?
Joyce Ilg: Wir Frauen sind ja die Menschen, die die sogenannte weibliche Intuition haben. Männer besitzen natürlich auch eine Intuition, aber Frauen haben oftmals einen viel besseren Zugang zu ihren Gefühlen und das finde ich total toll. Ich denke, dass ganz viele Frauen auch durch die Art, wie sie selber mit ihren Gefühlen umgehen und wie sie kommunizieren, andere inspirieren können. Ich glaube an die Frauen da draußen und daran, dass sie in der Gesellschaft etwas verändern können.
Be the first to know about new arrivals and promotions