Starke Farben, klare Haltung: In Joséphine Sagnas Kunst geht es um Empowerment, Schönheit und Schwarze Weiblichkeit – jenseits aller Klischees. Im Interview mit Marie Claire spricht sie über ihre künstlerische Reise, kreative Prozesse und den Mut, den eigenen Blickwinkel sichtbar zu machen.
Gesichter, Geschichten, Gefühle – in ihrem Werk macht Joséphine Sagna die Erfahrungen Schwarzer Frauen in weißen Mehrheitsgesellschaften sichtbar – mal konfrontierend, mal poetisch, aber immer mit einer starken, persönlichen Handschrift. In ihren expressiven, farbintensiven Arbeiten verhandelt die Künstlerin mit deutsch-senegalesischen Wurzeln Fragen von Identität, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung. Neben der Malerei hat Joséphine Sagna auch Modedesign studiert und entwirft kreative Outfits, die ihre Vision von der Leinwand auf die Straße tragen.
Geburtsjahr: 1989
Wohnort: Bayonne, Frankreich
Akademische Ausbildung:
Bisherige Meilensteine:
Vielschichtigkeit spielt eine zentrale Rolle in den Arbeiten von Joséphine Sagna. So verbindet nicht nur ihre Malweise verschiedenste Ebenen und Elemente, sondern ihre Bilder zeigen auch die unterschiedlichsten Facetten und Emotionen ihrer Protagonistinnen. Dabei bildet sie das ganze Spektrum der Gefühle ab – von innerer Einkehr bis zu lautstarker Wut. Im Interview verrät Joséphine Sagna mehr über ihren Weg als Künstlerin, kreative Schnittstellen zwischen Mode und Malerei und die ganz besondere Kraft der Kunst.
Marie Claire: Wann und wie sind Sie zum ersten Mal mit Kunst in Kontakt gekommen?
Joséphine Sagna: Ich kann ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau sagen, wann ich das erste Mal mit Kunst in Kontakt gekommen bin. Ich glaube allerdings, dass ich noch sehr klein gewesen sein muss. Meine Mama ist sehr kunstinteressiert und hat mich schon früh mitgenommen in Ausstellungen, Museen und Galerien. Ich selber war mit vier Jahren schon in einer Kunstschule – einfach weil meine Mama gesehen hat, dass ich so wahnsinnig gerne male und zeichne, und sie das gerne fördern wollte.
Marie Claire: Kam für Sie überhaupt ein anderer Beruf infrage?
Joséphine Sagna: Für mich kam zuerst der Beruf der Beraterin bzw. der Projektmanagerin infrage. Ich habe, bevor ich die Kunst, meine Malerei und Modedesign zum Beruf gemacht habe, erst in einer Werbeagentur als Projektmanagerin gearbeitet. Dann habe ich Modedesign studiert, weswegen ich mir auch den Job der Modedesignerin früher mal hätte vorstellen können. Mittlerweile liebe ich es, freischaffende Künstlerin zu sein, und kann mir auch jetzt nichts anderes mehr vorstellen. Aber bis hierhin war es ein weiter Weg.
Marie Claire: Was sind die größten Herausforderungen am Künstlerleben?
Joséphine Sagna: Ich würde sagen, die größten Herausforderungen des Künstler:innen-Daseins sind, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren, immer wieder Themen zu finden, die einen interessieren, sich ständig weiterzuentwickeln, ohne dass da irgendjemand ist, der sagt, du musst das jetzt machen. Das Thema Kunsttransport und Kunstversand ist ebenfalls sehr anspruchsvoll. Auch das Aufhängen von Bildern ist nicht so leicht.
Marie Claire: Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Joséphine Sagna: Mein Malereistil ist sehr expressiv, sehr spontan, sehr frei und von Freude und Wut getrieben.
Marie Claire: Welche Themen beschäftigen Sie in Ihrer Kunst am meisten?
Joséphine Sagna: In meiner Kunst beschäftigt mich am allermeisten die Lebensrealität von Schwarzen Frauen in weißen Mehrheitsgesellschaften. Und dabei geht es natürlich um Themen wie strukturellen Rassismus, Alltagsrassismus und Stereotypen bzw. Klischees, die um uns Schwarze Frauen kreisen. Es geht mir ein Stück weit darum, aufzuklären, aber auch darum, oder vielleicht sogar hauptsächlich darum, uns Schwarze Frauen mit all unseren Facetten und mit unserer Vielschichtigkeit zu feiern.
Marie Claire: Woher holen Sie sich Ihre Inspirationen?
Joséphine Sagna: Inspiration ist für mich alles. Musik, Bücher, die ich lese, Menschen, die ich treffe, Erfahrungen, die ich mache, andere Künstler:innen – ehrlich gesagt, ist alles, was mich umgibt, am Ende Inspiration.
Marie Claire: Sie haben neben Kunst auch Modedesign studiert. Warum war es Ihnen wichtig, beides zu verbinden?
Joséphine Sagna: Für mich ist es wichtig, die Malerei und das Modedesign zu verbinden, weil ich beide Disziplinen liebe und beide Disziplinen für mich etwas haben, was sich über die eine oder die andere Disziplin nicht transportiert. In der Malerei kann ich superfrei sein und muss weniger Regeln folgen, als wenn ich ein Kleidungsstück entwerfe. Wenn ich ein Kleidungsstück entwerfe, dann hat das wiederum den Vorteil, dass die Kunst bzw. die Mode dann am Körper der jeweiligen Person getragen werden kann. Das kann natürlich nicht passieren, wenn ich ein Bild mache, das dafür gedacht ist, an der Wand zu hängen. Das beides zu kombinieren und mit den Vor- bzw. Nachteilen von beiden Metiers zu spielen und zu arbeiten, das macht für mich den besonderen Reiz aus.
Marie Claire: Wo sehen Sie die kreativen Schnittstellen?
Ich habe für mich eine Art und Weise gefunden, wie ich das Modedesign so gestalten kann, dass es dem Prozess der Malerei ähnelt. Und so macht mir das Modedesign auch wieder viel mehr Spaß. Ich sehe einige Schnittstellen zwischen Mode und Malerei. Vor allen Dingen, wenn ich die Mode so schaffe, wie ich sie schaffe. Frei und nicht unbedingt einem strengen Schnittmuster folgend, mehr so, wie die Malerei eben auch passiert. Ich forme ein Kleidungsstück in Schichten, indem ich Arbeitsschritte rückgängig machen kann, indem ich angenähten Stoff wieder zurückschneide. Das Modedesign ist so gewissermaßen ein bisschen wie die Malerei für mich.
Marie Claire: Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft ein eigenes Modelabel zu gründen oder auf eine andere Weise im Fashionbereich zu arbeiten?
Joséphine Sagna: Ich habe wahnsinnigen Respekt davor, was es bedeutet, ein Modelabel zu haben. Da steckt so viel Organisation hinter, so viel Geld, das man am Anfang investieren muss, um so etwas auf die Beine zu stellen. Insofern bin ich happy mit der Malerei und auch happy damit, dass ich, wenn ich das möchte, Mode kreieren kann, aber nicht muss. Klar kann ich mir vorstellen, als Freelancerin im Fashionbereich zu arbeiten, als Designerin. Das finde ich schon spannend. Ich kann mir aber nicht mehr vorstellen, nur in der Mode zu arbeiten, weil die Malerei einfach so ein wichtiger Teil meiner Identität geworden ist, dass das für mich nicht infrage kommt.
Marie Claire: Welche anderen Künstler:innen haben Sie beeinflusst?
Joséphine Sagna: Es gibt ganz viele unterschiedliche Künstler:innen, die mich beeinflusst haben, auch Musikkünstler:innen. Wenn wir jetzt aber von Maler:innen sprechen, ist ganz explizit auf jeden Fall Tschabalala Self zu nennen, eine US-amerikanische Künstlerin, die sich als Malerin definiert, aber auch ganz viel mit Textilien arbeitet. Und mein All-Time-Favorite ist Jean-Michel Basquiat, einer der ersten Schwarzen US-amerikanischen Künstler:innen, der sich Anfang der 80er-Jahre einen Namen gemacht hat.
Marie Claire: Welche Ausstellungen und Projekte sind bei Ihnen in 2025 geplant?
Joséphine Sagna: Ich stelle aktuell im Dortmunder Museum Ostwall zwei Arbeiten von mir aus. Das ist eine große Freude. Ich werde mit meinem Atelier umziehen. Das ist auf jeden Fall auch noch ein großes Projekt dieses Jahr. Ich freue mich richtig auf die neuen Räume und bin schon sehr gespannt, wie sich das Arbeiten dort anfühlt. Und dann werde ich dieses Jahr ganz, ganz viel malen, denn Anfang 2026 habe ich eine große Einzelausstellung in der Städtischen Galerie in der Reithalle Paderborn.
Marie Claire: Möchten Sie eine Message mit Ihrer Kunst vermitteln?
Joséphine Sagna: Die Message, die ich mit meiner Kunst vermitteln möchte, ist, dass Schwarze Frauen so viel mehr als die Klischees sind, die um sie kreisen. Wir sind stark. Wir haben superviel Power. Aber gleichzeitig sind wir auch verletzlich und soft und manchmal traurig. Ich möchte uns einfach diesen Raum geben, uns mit all diesen Facetten zu zeigen – und uns mit all diesen Facetten zu feiern.
Marie Claire: Wie würden Sie diesen Satz vervollständigen: Kunst ist für mich…
Joséphine Sagna: Kunst ist für mich Motor, Therapie, Freude, Lebensinhalt.
Marie Claire: Wir haben bei Marie Claire die Rubrik Kunst & Kultur weit vorne im Heft platziert. Weil uns das Thema wichtig ist und wir glauben, dass das Thema auch für Frauen immer wichtiger wird. Ist das auch Ihr Eindruck?
Joséphine Sagna: Ich glaube, dass Kunst und Kultur unheimlich wichtig sind für uns alle. Gerade in diesen wilden Zeiten, in denen keiner weiß, wo es noch mit uns hingehen soll, kann die Kunst vielleicht ein Anker sein. Kunst kann aber auch aufrütteln. Sie kann Freude bereiten. Kunst kann vielleicht hier und da ein bisschen Leichtigkeit in unser Leben bringen und ich glaube, das ist wichtig.
Marie Claire: Wir bei Marie Claire möchten Frauen und ihren Themen eine Stimme gebe, welche Botschaft würden Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben?
Joséphine Sagna: Die Botschaft, ich den Leser:innen von Marie Claire gerne mit auf den Weg geben möchte, ist: Passt auf euch auf!
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