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Radikal ehrlich: Musikerin Jennifer Weist über die Realität hinter dem Rampenlicht

Bewegender Seelenstriptease: In ihrer Autobiografie „Nackt – Mein Leben zwischen den Zeilen“ enthüllt Jennifer Weist ihre ganz persönliche Lebensgeschichte – von tiefen Kindheitstraumata bis zu ihren Erfahrungen in der Musikindustrie. Im Interview mit Marie Claire spricht sie über ihren steinigen Weg, soziale Missstände und den Mut, ganz man selbst zu sein.

Porträt der Musikerin Jennifer Weist
In ihrer Autobiografie beleuchtet Jennifer Weist die Licht- und Schattenseiten ihres Lebens. Foto: © Mitch Stöhring

Jennifer Weist: Vom Schmerz zur Stärke

Laut, unangepasst, selbstbewusst – Jennifer Weist gehört zu den stärksten Stimmen in der deutschen Musikszene. Bekannt wurde sie als Frontfrau der Band Jennifer Rostock. Seit 2022 geht sie ihren eigenen Weg als Solokünstlerin Yaenniver. Dabei macht sie nicht nur musikalisch, sondern auch mit ihrer klaren Haltung von sich reden. Sie engagiert sich für Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz, ist überzeugte Feministin und setzt sich unermüdlich gegen Rassismus, Misogynie und Queerfeindlichkeit ein.  

In ihrer Autobiografie „Nackt – Mein Leben zwischen den Zeilen“ erzählt Jennifer Weist von ihrem Weg von der beschaulichen Ostseeküste auf die größten Bühnen des Landes und von den Erlebnissen, die sie ganz privat geprägt haben. Dabei berichtet sie offen von ihrer Kindheit ohne Vater, Drogenerfahrungen, sexualisierter Gewalt und ihrem Kampf um Selbstbestimmung und Respekt. Zudem macht sie in ihrem Memoir nicht nur ihre persönlichen Erfahrungen, sondern auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge greifbar. Im Interview verrät die Musikerin, wie sie es geschafft hat, für sich selbst einzustehen, Verantwortung zu übernehmen, mit Rückschlägen umzugehen und unbeirrt neue Pfade zu betreten.

Jennifer Weist im Gespräch mit Marie Claire

Marie Claire: Sie haben Ihr Buch nach Ihrem ersten Soloalbum „Nackt“ benannt. Was bedeutet dieser Titel für Sie – und wie ergänzen sich das Buch und Ihre Musik?

Jennifer Weist: Das Buch und meine Musik gehören untrennbar zusammen. Ich wollte eigentlich schon ein paar Wochen, nachdem ich mein erstes Soloalbum rausgebracht habe, gleich das dazugehörige Buch veröffentlichen, was zeitlich leider nicht funktioniert hat. Aber die 13 Titel, die es auf dem Album „Nackt“ gibt, entsprechen thematisch den 13 Kapiteln im Buch. Als ich mein erstes Soloalbum geschrieben habe, war es für mich das erste Mal, dass es wirklich um meine Themen, um meinen Sound geht. Deswegen habe ich tief gegraben und mich mit Themen beschäftigt, mit denen ich mich vorher in meiner Kunst noch nicht auseinandergesetzt hatte.

Und genau deshalb heißt es „Nackt“. Es steht dafür, sich nackt zu machen, seine Geschichte zu erzählen und dabei nichts auszulassen. Dazu gehört, nicht nur von den schönen und lustigen Momenten zu erzählen, sondern auch zu schmerzhaften, traurigen und vielleicht sogar traumatischen Erlebnissen zu kommen. Immerhin sind sie es, die einen prägen und zu dem machen, wer man ist. Mit diesem Buch habe ich mich nochmal nackter gemacht als mit der Musik – weil man sich da auch immer ein bisschen zwischen den Zeilen verstecken kann. Bei den Songs gibt es sehr viel Interpretationsspielraum, so dass die Leute ihre Geschichte darin wiederfinden können. Das, was man zwischen den Zeilen rauslesen kann, steht jetzt in meinem Buch „Nackt – Mein Leben zwischen den Zeilen“.

Jennifer Weists Autobiografie "Nackt – Mein Leben zwischen den Zeilen" ist bei Rowohlt Polaris erschienen. Foto: © Rowohlt Polaris

Die Autobiografie als Selbsttherapie

Marie Claire: Wie hat sich der Schreibprozess für Sie angefühlt?

Jennifer Weist: Ich sage immer: Es ist die schlimmste Erfahrung, die ich je gemacht habe – und gleichzeitig die heilsamste Erfahrung, die ich jemals gemacht habe. Es war sehr, sehr schmerzhaft für mich, in diese Geschichte reinzugehen. Wenn man einen Krimi oder ein Drama schreibt, dann sind es erfundene Geschichten. Dann denkt man sich Charaktere und Erlebnisse aus. In einer Autobiografie geht es um das eigene Leben – und da gibt es nicht immer ein Happy End. Um diese Geschichten erzählen zu können, die teilweise auch schon sehr lange her sind, muss man sich in diese Zeit zurückversetzen. Man muss wieder in die Situationen eintauchen und alles neu durchleben. Das hat schon ein bisschen therapeutischen Charakter und es verlangt einem sehr, sehr viel ab – mental und körperlich.

„Ich habe beim Schreiben viel aufgearbeitet und verarbeitet."

Dann kommt natürlich noch dazu, dass ich mich vorher noch nie in dieser Art des kreativen Schreibens versucht habe. Ich bin keine Autorin. Natürlich arbeite ich auch bei meiner Musik mit Worten, aber es ist etwas komplett anderes gewesen, sich ein Jahr lang jeden Tag acht Stunden oder länger hinzusetzen – und wirklich nur zu schreiben. Das hat mir auch sehr viel abverlangt. Aber ich bin froh, trotzdem durch diese Zeit gegangen zu sein, weil es mir persönlich sehr, sehr viel gebracht hat. Ich habe beim Schreiben viel aufgearbeitet und verarbeitet. Aber ich bin auch froh, dass es jetzt vorbei ist, das Buch draußen ist – und ich über das Geschriebene sprechen kann.

Ein Blick auf die eigenen Wurzeln

Marie Claire: In Ihrem Buch gehen Sie weit zurück bis in Ihre Kindheit. Sie beschreiben, wie Sie bei Ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen sind, die mit Geldsorgen zu kämpfen hatte und dennoch versucht hat, alles für Sie möglich zu machen. Wie sehr haben diese Erfahrungen Sie ganz persönlich – und auch Ihren Blick auf Frauenrollen in der Gesellschaft – geprägt?

Jennifer Weist: Als Kind und Teenager realisiert man die Situation natürlich noch nicht so richtig. Man ist noch sehr in seiner eigenen Welt gefangen und denkt, dass seine Probleme die größten sind. Erst in meinen Zwanzigern, als ich mich mit der Frauenrolle im Gesamten und mit Feminismus beschäftigt habe, habe ich wirklich realisiert, wie das für meine Mutter gewesen sein muss: alleinerziehend zu sein, diese ganzen Struggles durchzumachen, nicht den Mann an der Seite zu haben und finanziell auch noch schlechter gestellt zu sein.

Meine Mutter hatte drei Niedriglohnjobs, hat also über 40 Stunden gearbeitet – und hat trotzdem auf mich aufgepasst. Für ein Privatleben war da eigentlich gar keine Zeit mehr. Sie ist dann in eine Magersucht abgerutscht und musste in eine psychosomatische Klinik. Das ganze Ausmaß von dem, was meine Mutter damals durchmachen musste, habe ich erst richtig verstanden, als ich das Buch geschrieben und mit meiner Mutter eine Art Interview geführt habe. Wir haben stundenlang geredet – sie hat geweint und ich habe geweint. Dafür bin ich diesem Buch sehr dankbar. Ich glaube, das wäre sonst nicht passiert, dass meine Mama und ich wirklich detailliert noch mal darüber gesprochen haben, wie das damals alles für sie war. Ich habe in meinem Buch sehr viel über alleinerziehende Mütter geschrieben, weil ich verstanden habe, wie verdammt alleingelassen viele alleinerziehende Mütter sind – nicht nur von den Männern, sondern auch vom Staat.

Jennifer Weist über das dunkelste Kapitel ihrer Kindheit

Marie Claire: Sie teilen in Ihrem Buch sehr offen Ihre Erlebnisse und erzählen erstmals vom sexuellen Missbrauch, den Sie als Kind erleiden mussten. Warum haben Sie sich dazu entschlossen, diese Erfahrung öffentlich zu machen?

Jennifer Weist: Ich würde immer von sexualisierter Gewalt gegen Kinder sprechen – weil es bei Kindern keinen „Missbrauch“ geben kann, da es keinen „Gebrauch“ gibt. Es war ganz klar eine Vergewaltigung und ich habe das sehr lange verdrängt. Ich glaube, das war eine Art Schutzmechanismus meines Körpers. Erst als eine Freundin mir erzählt hat, dass sie vergewaltig wurde, ist es bei mir hochgekommen. Da war ich 13, 14 Jahre alt. Damals hatte ich Angst, es zu erzählen – weil dieses Erlebnis für meine Freundin sehr viel nach sich gezogen hat. Sie musste ihre Schule verlassen, umziehen und ihre Freunde zurücklassen – und das wollte ich alles nicht. Meine Mutter wusste es nicht, bis ich dieses Buch geschrieben habe. Ich wollte ihr das nicht auferlegen, weil ich dachte, sie hat schon genug an ihrem Päckchen zu tragen. Ich hatte Angst, dass sie sich Vorwürfe macht – weil sie den Mann in mein Leben gebracht hatte.

Die eigentliche Verarbeitung wurde bei mir dann erst durch den Song „Seebrücke“ angestoßen, den ich für mein Album „Nackt“ geschrieben habe. Ich habe damals einen Brief an mein kleines Mädchen geschrieben – also an mich als Kind. Da wurde mir bewusst, wie lange ich mein kleines Mädchen, der das alles passiert ist, an der Seebrücke habe stehen lassen – mit all den Erlebnissen, die sie erfahren hat. In diesem Brief habe ich sie gesucht und gefunden, habe sie umarmt und war für sie da – weil früher niemand für mich da war oder sein konnte.

„Ich hoffe, dass ich den Menschen mit meiner Geschichte einen Anstoß geben kann.“

Als dann klar war, dass ich ein Buch schreiben möchte, war das für mich die Chance, noch einmal zurückzugehen zu dem Erlebnis. Man muss sich das wie ein Messer vorstellen, das in dir steckt, und du schaffst es einfach nicht, es rauszuziehen. Aber solange das Messer drinsteckt, kann sich die Wunde nicht schließen, es kann sich nie eine Narbe bilden. Die Narbe – die wird immer da sein. Aber vorher muss man noch einmal zurück zu diesem Ort und zu dieser Zeit, um das Messer herauszuziehen.

Ich hatte die Chance, das mit dem Buch zu tun – und gleichzeitig nicht nur mir damit Heilung zu verschaffen, sondern vielleicht auch eine Art Prozess bei anderen Betroffenen anzustoßen. Diese Angst, diese Scham, diese Schuld – das sind Gefühle, die die Seite wechseln müssen. Wir können nichts dafür, was uns passiert ist. Die Einzigen, die schuld sind, sind die Täter:innen. Ich hoffe, dass ich anderen Betroffenen mit meiner Geschichte Mut machen kann, auch ihre Geschichte zu erzählen, ihr kleines Mädchen abholen und umarmen zu können.

Jennifer Weist über echte Gleichberechtigung

Marie Claire: Sie beschreiben, dass Sie auch in späteren Jahren mit sexuellen Übergriffen zu kämpfen hatten – als Jugendliche auf dem Heimweg oder später im Musikbusiness. Welches gesellschaftliche Umdenken braucht es aus Ihrer Sicht im Umgang mit sexualisierter Gewalt, damit sich nachhaltig etwas für Frauen verbessert?

Jennifer Weist: Ich glaube, dass wir alle Diskriminierungsformen nur beseitigen können, wenn wir das Patriarchat zerschlagen. Das ist der Kern. Die Vorherrschaft des Mannes muss aufhören. Es muss Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrschen. Die Unterdrückung muss aufhören – und zwar alle Formen von Unterdrückung. Es geht hier nicht nur um Sexismus, sondern auch um Rassismus, Ableismus, Antisemitismus. Wir sprechen von verschiedenen Unterdrückungsmechanismen, die alle Hand in Hand gehen. Man kann das eine nicht ohne das andere betrachten.

Es beginnt ja schon im Kindergartenalter: Mädchen wird gesagt, sie sollen zurückhaltender sein, nett sein, lieb sein. Und Jungs – wenn sie sich schlagen oder wütend sind – dann ist das in Ordnung, weil „sie sind halt Jungs“. Das liegt natürlich auch an der Erziehung und da ist jede:r Einzelne gefragt, aber es hat auch gesellschaftliche Ursachen. Denn wenn Eltern ihre Kinder zu Hause auf eine bestimmte Weise erziehen und dann im Kindergarten oder in der Schule eine ganz andere Botschaft vermittelt wird, bleibt das Problem bestehen.

Um alle Unterdrückungsformen abzuschaffen, müssen wir gemeinsam losgehen. Das heißt vor allem: Diejenigen, die von diesen Diskriminierungen nicht betroffen sind, – weiße cis Männer ohne Behinderung, ohne Migrationshintergrund –, sind die, die am allermeisten tun müssen, damit sich etwas ändert. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise passieren. Manchmal wünsche ich mir schon, dass Menschen einfach mal ein Buch lesen von jemandem, dessen Lebensrealität nicht ihrer entspricht, oder einen Film schauen, bei dem eine Regisseurin Regie geführt hat. Allein das wäre schon ein Anfang.

So sieht Jennifer Weist den Weg zum Wandel

Marie Claire: Sie setzen sich auch mit der medialen Kritik an Ihren Auftritten auseinander, die oft besonders harsch ausgefallen ist. Haben Sie das Gefühl, dass an Frauen in unserer Gesellschaft andere Maßstäbe angelegt werden als an Männer?

Jennifer Weist: Ja – und das ist kein Gefühl! Es gibt schließlich Studien dazu. Ich diskutiere häufig mit Menschen, die sagen: „Ich empfinde das nicht so.“ – Das ändert trotzdem nichts daran, dass es so ist. Frauen und andere marginalisierte und mehrfach marginalisierte Gruppen werden unterdrückt und sind nicht gleichberechtigt – de facto. Wenn ich als weiße cis Frau ohne Behinderung, ohne Migrationshintergrund schon nicht gleichberechtigt bin – wie geht es dann z. B. Schwarzen Frauen, Frauen mit Kopftuch, trans Frauen, Frauen mit Behinderung? Die sind viel stärker betroffen von den strukturellen Unterdrückungsformen in unserer Gesellschaft als ich.

Wir könnten jetzt alles aufzählen, worin Frauen nicht gleichberechtigt sind: Es wird über unsere Körper entschieden. Frauen leisten mehr Care-Arbeit. Wir werden schlechter bezahlt. Aber ich habe das Gefühl, es bringt nicht mehr so viel, das immer wieder alles aufzulisten. Wir müssen ins Handeln kommen. Deswegen ist es wichtig, dass man nicht nur Interviews gibt, Bücher schreibt oder Songs macht, sondern wirklich ins Tun kommt. Im Kleinen genauso wie im Großen. Man muss mit Menschen ins Gespräch gehen. Ich mache das in meinem persönlichen Umfeld, aber auch über Social Media mit Aufklärungsvideos. Ich rede darüber, warum es diese Ungleichheiten gibt und wie wir Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern erreichen können. Und ich glaube, das ist das Entscheidende: Mehr machen und aufklären. Und vor allem: nie den Dialog verlieren. Denn wenn wir den Dialog verlieren – dann ist alles verloren.

Jennifer Weist über das Aufbrechen traditioneller Beziehungsmodelle

Marie Claire: Auch Ihre Liebesbeziehungen spielen eine wichtige Rolle in Ihrem Buch. Was haben die verschiedenen Partnerschaften Sie über sich selbst gelehrt?

Jennifer Weist: Zum Beispiel, dass ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin – und dass ich mich in Partnerschaften, die heteronormativ und monogam sind, ganz oft eingezwängt gefühlt habe. Und dass das deshalb einfach keine Beziehungsform ist, die ich leben möchte. Wir wachsen ja alle irgendwie mit dieser monogamen, heteronormativen Vorstellung von Liebe auf – gerade wir Frauen. Uns wird vermittelt, dass unser größtes Ziel sein soll, einen Mann zu finden, der zu uns passt, der uns beschützt, der uns ernährt, den wir dann heiraten, mit dem wir Kinder bekommen. Dann haben wir ein Haus, einen Garten, vielleicht noch einen Hund – und das soll dann die Erfüllung sein, an der wir uns festhalten.

„Ich würde mich als polyamor bezeichnen.“

Ich habe irgendwann angefangen, mir Gedanken darüber zu machen: Ist das wirklich meine eigene Vorstellung von einer Beziehung? Oder ist das einfach nur das, was die Gesellschaft mir nahegelegt hat? Und ich habe festgestellt: Das ist nichts, was wirklich aus mir selbst kommt, sondern es wurde an mich herangetragen. Aber das muss natürlich nicht für jede Person falsch sein. Von meinen Freundinnen sind die meisten in monogamen Beziehungen, viele haben geheiratet. Das ist etwas, was ich zum Beispiel nicht vorhabe. Viele meiner Freundinnen haben Kinder – ich möchte keine. Zu realisieren, dass das in Ordnung ist, dass ich nicht unnormal bin, dass ich nicht weniger wert bin – das hat lange gedauert. Aber es war sehr, sehr heilsam.

Seitdem habe ich eigentlich nur noch offene Beziehungen geführt. Ich habe in polyamoren Beziehungen gelebt. Im Moment lebe ich in einer offenen Beziehung – nicht polyamor, ich würde mich aber trotzdem als polyamor bezeichnen. Weil ich glaube: Auch wenn man gerade nicht zwei Beziehungen gleichzeitig führt, aber grundsätzlich fähig ist, zwei Menschen zu lieben, sich mit dem Konzept anfreunden und identifizieren kann – dann ist man polyamor. Ich glaube, das ist das größte und wertvollste Geschenk, das ich aus all meinen Beziehungen für mich mitgenommen habe.

Die Musikerin begreift Scheitern als Chance

Marie Claire: Sie sprechen offen über alle Höhen und Tiefpunkte Ihres Lebens – vom steinigen Weg zum Erfolg mit ihrer Bad Jennifer Rostock aber auch vom das Scheitern Ihrer eigenen Modelinie. Wie haben Sie es geschafft, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen – und welche Learnings haben Sie daraus für sich mitgenommen?

Jennifer Weist: Wie man sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt – das ist echt eine gute Frage. Das Problem ist ja: Man steckt so viel Zeit, Mut, Geld und Herzblut rein. Man steckt einfach alles in so ein Projekt. Und wenn das dann nach hinten losgeht, ist man enttäuscht – von sich selbst, aber natürlich auch von den Umständen. Der normale Impuls ist, glaube ich, erstmal weiterzumachen. Weil Scheitern in unserer Gesellschaft einfach sehr negativ konnotiert ist. Bevor man sich eingesteht, dass man gescheitert ist, probiert man es nochmal. Denn das ist das, was in unserer Gesellschaft zählt: Immer wieder aufstehen, Krone richten, weitermachen…

Dabei kann man doch auch einfach aufhören. Man kann sagen: Ich bin gescheitert – und ich mache das jetzt nicht mehr weiter. Das ist okay. Man muss sich nicht selbst auferlegen, dass es weitergehen muss, dass man es noch mal probieren muss, dass man es schaffen muss. Vielleicht war es nicht der richtige Weg, nicht das richtige Genre oder man hat sich einfach verrannt. Vielleicht war es auch nur ein Luftschloss, das man sich gebaut hat, und man hätte gern gewollt, dass es funktioniert – aber manchmal funktioniert es eben nicht. Das muss man akzeptieren – und dann einen anderen Weg gehen. Scheitern und das, was man daraus mitgenommen hat, muss in der Gesellschaft als etwas Positives verstanden werden. Das ist mein Learning daraus.

Die Verbindung von Kunst und gesellschaftlicher Kritik

Marie Claire: Ihr Buch ist zutiefst privat, aber zugleich auch hochpolitisch. Spüren Sie als Künstlerin mit großer Reichweite in der heutigen Zeit eine besondere Verantwortung, Ihren Teil zum gesellschaftlichen Diskurs beizutragen?

Jennifer Weist: Ja, ja, ja, spüre ich! Früher war das anders – zu Jennifer-Rostock-Zeiten, als wir noch ein bisschen wilder unterwegs waren. Damals wurden wir in Interviews oft gefragt: „Seid ihr denn Vorbilder?“ Und wir haben immer gesagt: „Nee, wollen wir gar nicht sein.“ Ich glaube, das lag einzig und allein daran, dass wir diese Verantwortung nicht annehmen wollten. Heute sehe ich diese Verantwortung – und ich möchte sie auch annehmen. Ich glaube, als Person in der Öffentlichkeit hat man eine gewisse Verantwortung, weil man eben ein Sprachrohr ist, weil man eine Plattform hat, die andere nicht haben.

Und dazu kommt natürlich auch: Ich bin sehr privilegiert. Ich bin eine weiße cis Frau in Deutschland, ohne Behinderung, ohne Migrationshintergrund. Und ich möchte diese Privilegien nutzen, um Privilegien abzubauen. Denn wir sollten alle gleichberechtigt sein. Dafür müssen Unterdrückungsformen abgebaut werden. Da sehe ich meine Verantwortung, die ich auch mit dem Buch angenommen habe. 

Für mich war es wichtig, nicht nur meine Geschichte zu erzählen, sondern sie auch politisch einzuordnen – weil das Private politisch ist. Es gibt keine Geschichte, die einem von uns passiert, die nicht politisch ist. Es gibt keine Einzelfälle. Alles ist Teil eines Systems, in dem wir leben – eines unterdrückenden Systems – und deswegen ist es mir wichtig, das in meiner Kunst auszudrücken. So geht es zum Beispiel auch in meiner letzten Single „Angry Woman“ um das Narrativ der wütenden Frau. Ich glaube, ich werde in meiner Kunst – egal, was ich tue – immer politisch sein, immer gesellschaftskritisch. Das ist mir sehr wichtig und ich würde mir wünschen, dass mehr Künstler:innen – egal in welchem Bereich – das auch für sich annehmen.

Jennifer Weist über die Freiheit, sich von Normen zu befreien

Marie Claire: Welche Message möchten Sie den Leser:innen von Marie Claire gerne mit auf den Weg geben?

Jennifer Weist: Radikal man selbst zu sein – wirklich ganz radikal! Weil wir einfach so viel auferlegt bekommen: viele Normen, viele Werte, viele Rollenbilder, die uns von der Gesellschaft mitgegeben werden und nach denen wir manchmal auch ganz unbewusst leben. Und ich finde, man sollte sich immer wieder die Frage stellen: Warum mache ich das? Bin ich so oder tue ich dies oder jenes, weil es mir auferlegt wurde, weil ich denke, dass ich es tun muss? Oder ist es etwas, das ich wirklich von Herzen will? Ich denke, es ist wichtig, sich diese Frage immer wieder zu stellen – und dann ganz radikal seinen eigenen Weg zu gehen, ohne Kompromisse.

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