Auf der weltweit größten Fotokunstmesse Paris Photo zeigte im Herbst 2025 die Initiative Elles x Paris Photo ein überwältigendes Labyrinth aus eindrucksvollen und provokanten Bildern. 50 Werke, geschaffen von Frauen, reihten sich auf einen dafür installierten Messerundgang mit dem Anliegen, den weiblichen fotografischen Blick zu feiern.
Marie Claire hat hier einige Bilder ausgewählt, die sich insbesondere mit Körperdarstellungen beschäftigen und dazu animieren, die Welt durch die Augen von Frauen zu betrachten
„Diese Fotografie strahlt etwas zutiefst Magisches aus: Die Fotografin lächelt, während sie ihre Leica vor einem Spiegel umarmt. Alles ist vollkommen synchronisiert – die Bewegung ihres Fingers auf dem Auslöser, ihr freudiges Lächeln und die zärtliche Umarmung der Kamera. Auffällig ist zudem eine Art Umkehrung des Blicks: Es ist beinahe so, als würde die Kamera uns ansehen. Man könnte sagen, dass Marie-Laure de Decker sich in diesem Werk nicht einfach selbst darstellt, sondern sich als Fotografin denkt. Die Leica wird fast zu einem Doppel ihres Wesens, zu einer Prothese des Sehens. Es wirkt, als würden wir einem Moment der Einheit beiwohnen – einer Verschmelzung von Marie-Laure de Decker und ihrer Kamera.“ Anne-Laure Buffard
Selbstporträt, Paris, 1970
Silbergelatineabzug, 30 × 40 cm
IM GESPRÄCH MIT DEVRIM BAYAR, Chefkuratorin am KANAL – Centre Pompidou und Kuratorin der Ausgabe 2025 von Elles x Paris Photo.
Was bedeutet es für Sie, eine Kuratorin zu sein?
Um ehrlich zu sein, verstehe ich mich nicht nur als Frau, die kuratiert. Ich werde ebenso von meinen belgisch-türkischen Wurzeln geprägt. Ich lebe in Brüssel, habe jedoch auch in New York studiert, Zeit in der Türkei verbracht und dort an einem heute nicht mehr existierenden Kunstzentrum namens Platform Garanti gearbeitet. Diese doppelte kulturelle Prägung ist für meine Selbstdefinition ebenso entscheidend wie die Tatsache, dass ich eine Frau, eine Mutter und eine Kuratorin bin.
Zudem bin ich mit der queeren Szene in Brüssel verbunden, was meine Interessen und meine Forschung beeinflusst. Meine Perspektive ist daher vielschichtig – ebenso wie meine Identität. Und all diese Blickwinkel prägen ganz klar, wofür ich mich interessiere und was ich zeigen möchte.
Wie sind Sie bei der Zusammenstellung dieser Auswahl vorgegangen?
Wir haben über 800 Bilder erhalten. Ich habe mich ihnen geöffnet und zugelassen, dass sie mich überraschen. Mein Auswahlprozess war sehr intuitiv – ich habe mich von der Poesie, der Stärke und manchmal auch von der kritischen Kraft der Bilder leiten lassen.
Erst am Ende wurde mir bewusst, worum es eigentlich ging: um Themen, die sowohl aus den Bildern selbst als auch aus meiner eigenen, unbewussten Subjektivität hervorgingen. Ich stellte fest, dass es viele Darstellungen von Frauen gibt, zahlreiche Porträts im weitesten Sinne. Ich glaube, dass Fotografinnen ein besonderes Interesse an Frauen als Motiven haben. Zudem fiel mir das Spiel zwischen Figur und Raum auf, zwischen Körper und Umgebung. Denken Sie etwa an Susan Meiselas’ Fotografie, in der die menschliche Figur beinahe im Raum der Wohnung verschwindet.
Glauben Sie, dass Frauen Frauen anders fotografieren als Männer?
Ich bin kein Mann, daher kann ich nicht für deren Erfahrung sprechen, und ich möchte nicht binär oder vereinfachend argumentieren. Doch natürlich gibt es Unterschiede. Frauen objektifizieren andere Frauen vermutlich weniger als Männer. Die Erfahrung ist eine stärker geteilte, wahrscheinlich horizontalere, mit mehr Empathie zwischen Fotografin und Porträtierter.
Betrachten Sie etwa das Selbstporträt von Marie-Laure de Decker: Sie zeigt körperlich ihre Liebe zur Fotografie. Es ist ein unglaublich schönes Porträt.
Viele Arbeiten sind sehr experimentell, etwa in Bezug auf Drucktechniken …
Ja, ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Arbeit von
Mia Weiner. Diese Werke sind nicht auf Stoff gedruckt, sie sind gewebt – und nicht maschinell, sondern von ihr selbst. Man kann online Videos ihres Prozesses finden:
Sie webt diese Bilder in ihrem Atelier von Hand. Das ist faszinierend.
Sie zeigt nackte Körper, intime Momente aus einer queeren Perspektive – auch wenn ich nicht weiß, ob sie sich selbst so identifiziert: Frauen mit Frauen, Menschen mit nicht eindeutig zuordenbarem Geschlecht, Körper, die nicht perfekt, sondern wahrhaftig und ehrlich sind. Mehrere Künstlerinnen meiner Auswahl überschreiten das klassische Verständnis von Fotografie. Es gibt Skulptur, Tapisserie, Video-Installationen – vor allem von jüngeren Frauen, die das Medium auf sehr experimentelle und frische Weise angehen.
Ist ein Hintergrund im Fotojournalismus Ihrer Meinung nach ein Vorteil für Fotograf:innen?
In diesem Bereich arbeiten tatsächlich sehr viele Frauen. Fotojournalismus und die Arbeit für die Presse sind für viele Künstler:innen auch eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Denken Sie an Diane Arbus: Zu Lebzeiten verkaufte sie kaum Kunstabzüge, hatte jedoch eine äußerst produktive Karriere in Zeitschriften.
Das wirft die Frage auf, was eigentlich ein „originales“ Werk von Diane Arbus ist: das Bild, wie es in Magazinen erschien, oder jene Version, die später in Museen und Galerien gezeigt wurde?
Was hat Sie bei der Arbeit an dieser Auswahl am meisten überrascht?
Mir wurde bewusst, dass ich eine starke Affinität zu den 1970er-Jahren habe. Die Gegenkultur, die sich nach 1968 entwickelte, spricht mich sehr an. Auch Architektur und Interior Design dieser Zeit faszinieren mich. Als ich mir schließlich die Daten meiner Auswahl ansah, stellte ich fest, dass ich unbewusst viele Werke aus genau dieser Epoche gewählt hatte.
Außerdem fiel mir auf, dass viele Figuren schlafen, liegen oder verträumt wirken. Ich glaube, ich fühlte mich unbewusst zu Bildern hingezogen, in denen das Motiv uns nicht direkt ansieht, sondern sich in einem introspektiven Zustand befindet. Als Betrachter:innen stehen wir dann vor einem doppelten Bild: dem sichtbaren und dem unsichtbaren – dem inneren Bild der fotografierten Person, zu dem wir keinen Zugang haben.
Es ist faszinierend zu erkennen, dass kein Bild jemals eindeutig ist. Es besteht aus Schicht um Schicht – aus jenen, die wir wahrnehmen können, und aus jenen, die uns für immer verborgen bleiben.
Foto: Mika Horie
„‚Fuki‘ ist ein japanisches Wort mit doppelter Bedeutung. Es bezeichnet eine Lotusblume, steht aber zugleich für die Stärke der Frau. Selbst wenn sie vom Lotusblatt umhüllt ist, symbolisiert es ihren unbeugsamen Geist – den Willen, sich frei, kraftvoll und entschlossen zu bewegen und zu tanzen. In dieser Werkreihe zeigt sie selbstbewusst ihren nackten Körper, um die besonderen Stärken von Frauen im Vergleich zu Männern hervorzuheben. Ihr widerstandsfähiger Geist befähigt sie dazu, ihre Stimme zu erheben und ihren gesellschaftlichen Status als gleichwertig zu behaupten, wobei sie sowohl äußere Schönheit als auch jene innere Anmut würdigt, die wahre Stärke verkörpert.“ Mika Horie, Fotografin
Fuki XI, 2024
Cyanotypie auf handgeschöpftem
japanischen Gampi-Papier, 21 × 15 cm
„Was ich versuche, ist, den Menschen zuzuhören, die ich fotografiere. Genau das interessiert mich an der Fotografie: das Bild als Begegnung. Frauen jenseits des männlichen Blicks darzustellen, bedeutet, ohne vorgefertigte Vorstellungen an das heranzugehen, was wir fotografieren, und Menschen nicht auf Stereotype oder Symbole zu reduzieren. Es heißt, jeder Person, der wir begegnen, als eigenständigem Wesen und als eigenem Kosmos zu begegnen.“ Myriam Boulos, Fotografin
Fawzia, vegane Aktivistin und Fotografin, lebt mit Deeko und Lucie, einem Hahn und einer Henne
Beirut, Libanon, 2023
Archivfester Pigmentdruck, 90 × 60 cm
Foto: Myriam Boulos/Magnum Photos
„Dieses Selbstporträt entstand, als ich in einem Boardinghouse in Cambridge, Massachusetts, lebte. Das Projekt 44 Irving Street entwickelte sich daraus, dass ich an die Türen meiner Nachbar:innen klopfte – Menschen, die ich noch nicht kannte – und sie fragte, ob ich ihre Zimmer betreten dürfe, um sie zu fotografieren. Jede Person entschied selbst, wo sie sich in ihrem Raum platzieren wollte. Nachdem ich mit einem Kontaktabzug zurückkehrte, lud ich sie ein, mir einen Brief darüber zu schreiben, wie sie sich selbst auf dem Bild sahen.“ Susan Meiselas, Fotografin
Selbstporträt, aus dem Buch 44 Irving Street,
1970–1971, 2025
Fotobuch, 21,6 × 27,9 cm
Foto: TBW Books
„Nachdem Ishikawa bei ihrer Arbeit in einer Bar in Koza, Okinawa, einen ehemaligen US-Marine kennengelernt hatte, besuchte sie ihn später in Philadelphia, nachdem er in die USA zurückgekehrt war, und begann dort zu fotografieren. Da sie wusste, dass viele in Okinawa stationierte schwarze Soldaten in ihrem eigenen Land mit Armut und Rassismus konfrontiert waren, wollte Ishikawa selbst sehen, in welchen Verhältnissen sie lebten und welches Leben sie in Amerika führten. Ihre tiefe Empathie und Solidarität mit Menschen in benachteiligten Lebenssituationen spiegeln sich in dieser Serie eindrucksvoll wider.“ Takashi Kakishima, Poetic Scape Gallery
Aus der Serie Life in Philly, 1986
Silbergelatineabzug, 27,9 × 35,6 cm
Foto: Mao Ishikawa
Foto: Tim Street-Porter
„Der Begriff des Female Gaze lässt sich auf Pippa Garners Werk nicht ohne Weiteres anwenden. Sie hat dieses Konzept überschritten, indem sie mit der Idee der Einzigartigkeit arbeitet – der Einzigartigkeit seiner-ihrer Perspektive. Wichtig ist zudem anzumerken, dass sie zum Zeitpunkt der Aufnahme dieser Fotografie noch als Philip Garner lebte.“ Jürgen Maelfeyt, Galerie ArtPaper
Future Man! (Serie), 1987
Buch, 24 × 30 cm
„Orangen in einem kalten Becken im Hamam. Sie dienen dazu, sich inmitten des dichten Dampfes und der Hitze des türkischen Bads abzukühlen – etwas, das ich aus meiner Kindheit kenne. Für mich verschiebt sich etwas, wenn marginalisierte Frauen und Mädchen die Kamera in die Hand nehmen. Sie sind nicht länger die Objekte der Geschichte anderer, sondern die Autorinnen ihrer eigenen. Jede Fotografie wird zu einem Akt des Widerstands, zu einer Möglichkeit, der Welt zu zeigen, wer sie sind – jenseits von Zuschreibungen und Begrenzungen. In ihren Bildern kann Schönheit Widerstandskraft sein, Stärke Zärtlichkeit, und Geschlecht wird etwas Fluides, Gewähltes und Lebendiges.“ Sabiha Çimen, Fotografin
Eine badende Frau, die auf dem heißen Marmor des Cağaloğlu-Hamams ein Nickerchen macht
Istanbul, Türkei, 2020
Fotografie, 50 × 50 cm
Foto: Sabiha Çimen / Magnum Photos/Mit freundlicher Genehmigung von LOOCK, Berlin
„Als ich dieses Bild aufnahm, befand ich mich im Sommer in einer Künstlerresidenz, in der Hitze und Luftfeuchtigkeit allgegenwärtig waren und einen regelrecht umhüllten. Es war später Nachmittag, und wenn man genau hinsieht, erkennt man oben links in meinem Bild den Kamera-Fernauslöser in meiner Hand. Zurück in meinem Atelier begann ich, die Fotografie für den Webstuhl vorzubereiten: Ich bearbeitete sie digital und erstellte
eine große Karte, um jede einzelne Fadenkreuzung zu planen. Die Größe war für diese Arbeit entscheidend – Weichheit sollte groß sein und Raum einnehmen.“ Mia Weiner, Fotografin
A Flash of Heat, 2024
Handgewebtes Acryl-, Baumwoll-, Papier- und Seidengarn, roher Rubin und Hanuman-
Anhänger aus 14-karätigem Gold
109 × 175 cm
Foto: Homecoming Gallery Mia Weiner
„Diese Fotografie entstand 1954 in Havanna während eines der frühen Aufträge von Eve Arnold für Magnum Photos. Auf den ersten Blick könnte man sie für ein Filmstill oder eines von Arnolds Backstage-Porträts prominenter Persönlichkeiten halten.
Tatsächlich jedoch fängt sie einen Moment stiller Isolation ein, durchzogen von einer eindringlichen, beinahe gespenstischen Schönheit. Arnolds Arbeitsweise basierte auf genauer Beobachtung und Zurückhaltung. Sie bewegte sich leise und intuitiv, passte sich unvorhersehbaren Situationen an und nutzte sie zu ihrem Vorteil. Hier ermöglicht sie uns einen intimen, kontemplativen
Augenblick innerhalb einer lauten, männlich dominierten Welt.“ Clémence Vichard-Larroque, Galerie Magnum
Havanna, Kuba, 1954
Lebenszeit-Silbergelatineabzug, 40 × 50 cm
Foto: Eve Arnold / Magnum Photos
„Ihr Ansatz ist zutiefst abstrakt und taktil. Im Gegensatz zu ihren männlichen Zeitgenossen ging es ihr nicht darum, zu dokumentieren, sondern das Dokument beinahe aufzulösen – lediglich die Textur zurückzulassen. Auf dem ursprünglichen Negativ blickt im Hintergrund ein Mann aus einem Fenster; Moran jedoch verdunkelte diesen Bereich und löschte seinen Blick vollständig aus. Was am Ende bleibt, ist ihr eigener: ein Blick, so zart wie entschlossen.“ Deniz Artun, Galerie Nev
Foto: Yıldız Moran
Foto: Estate of Helen Chadwick
„Künstlerinnen besitzen die Fähigkeit, sich so zu zeigen, wie sie gesehen werden möchten: Helen Chadwick spielt hier mit der Idee des traditionellen „weiblichen Aktes“, indem sie sich selbst stehend, frontal und mit mutigem Blick direkt auf die Betrachter:innen darstellt. Anders als in klassischen Darstellungen des weiblichen Akts – in denen Frauen liegend, verträumt ins Leere blickend und dem Blick des Publikums ausgeliefert erscheinen – übernimmt sie hier die Kontrolle. Chadwick zeigt sich stehend im Metallrahmen eines Küchenofens. Die beiden Herdplatten, die an Eier als Symbol der Fruchtbarkeit erinnern, bedecken ihre Brüste, während der restliche Körper – einschließlich ihrer Vulva – unbedeckt bleibt. Ein gewagtes und ikonisches Werk dieser prägenden Künstlerin.“ Richard Saltoun Gallery
In the Kitchen (Stove), 1977
Farbiger archivfester Pigmentdruck, 41 × 31 × 2,5 cm
„Dargestellt ist die Heilige Familie – Maria mit den Kindern Jesus und Johannes dem Täufer. Die weiche Unschärfe und das Licht verleihen dem Bild eine malerische Qualität, die an Werke von Renaissance-Künstlern erinnert. Cameron wurde bereits zu Lebzeiten als Künstlerin anerkannt. Ihre Arbeiten wurden im Victoria & Albert Museum sowie in der Colnaghi Gallery in London ausgestellt. Sie war eine der wenigen Fotografinnen ihrer Zeit, die als Künstlerin wahrgenommen wurden.“ Hans P. Kraus, Galerist
La Sainte Famille, 1872
Albuminabzug, 34,5 × 27,6 cm
Foto: Courtesy of Hans P. Kraus Jr., New York
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