„Fisherwoman, Fisherwoman: Camille Souter & Alberta Whittle“

Die Auseinandersetzung mit den zentralen und zugleich komplexen Themen ihrer Zeit verbindet die Arbeiten von Camille Souter und Alberta Whittle. Im Irish Museum of Modern Art in Dublin ist jetzt eine Auswahl zentraler Werke beider Künstlerinnen zu sehen, die im Gegenüber neue Blickwinkel eröffnet

Exhibition view, Fisherwoman, Fisherwoman, IMMA, 2026. Courtesy of the Irish Museum of Modern Art (IMMA). Foto: Ros Kavanagh.
Exhibition view, Fisherwoman, Fisherwoman, IMMA, 2026. Courtesy of the Irish Museum of Modern Art (IMMA). Foto: Ros Kavanagh.

Camille Souter begann Mitte der 1950er-Jahre zu malen. Sie brachte es sich selbst bei, fand ihren eigenen Stil mit den Jahrzehnten. Es ist nur eine von vielen Fähigkeiten, die Souter sich aneignete. Die irische Künstlerin reiste viel, erlernte das Fliegen von Flugzeugen, zog fünf Kinder alleine groß, beschäftigte sich mit dem Gärtnern, der Philosophie, Medizin und Physik. Sie lebte den größten Teil ihres Lebens auf Achill Island, doch auch nach Italien, in die Nähe Venedigs, verschlug es sie. Sie mochte es nicht, über ihr Schaffen zu reden, wollte ihre Bilder nicht verkaufen und auch das Ausstellen gefiel ihr nicht. Was würde sie wohl zu der Ausstellung „Fisherwoman, Fisherwoman“, kuratiert von Rachael Gilbourne, in den House Galleries des IMMA sagen? Die Malerin verstarb im Jahr 2023. Doch die Schau entwickelte sich in enger Zusammenarbeit mit Souters Angehörigen, gerade ihrer Tochter Natasha. So ist ihre Entstehungsgeschichte eingebettet in eine familiäre Kollaboration, die Souter sicher gefallen hätte. Und auch wenn nicht: Es lohnt sich durch ihre Werke über Camille Souter zu lernen.

Ein Raum in Rot

Der erste Raum ist vielleicht der beeindruckendste der ganzen drei Etagen. Von Zimmerdecke bis Zimmerboden eingekleidet in roten Samt, erinnert er an eine Wand in Souters eigenem Zuhause. „Das Rot war für sie eine wichtige Farbe zum Malen, die ausdrucksstärkste, die spannendste,“ erklärt Kuratorin Rachael Gilbourne. Der Samt verleiht dem Zimmer etwas Royales, aber auch Dringendes. Was man hier sieht, vergisst man nicht. Souter arbeitete viel in Serien. Hier hängt die Werkgruppe „Medical Studies“, in der sie so nah an die Wunden Kriegsverletzter zoomt, dass man die Verletzungen für Sonnenaufgänge oder Landschaften halten könnte. Im gleichen Raum hängen einige ihrer Arbeiten, die Kriegsgeschehen darstellen. Auch hier ist das Thema der Malerei schwer zu erkennen, und erst, wenn man die Titel erfährt, sieht man plötzlich Panzer und Explosionen. Ganz klein hängt gleich am Eingang des Raums ein winziges Gemälde. „Selbstportrait als Kabeljau“ hat es Souter genannt, es beschreibt ihren Witz, den sie bei all den drängenden Themen, die sie behandelte, behielt. Sie war beeindruckend, als Künstlerin wie auch als Person, das wird sofort klar.

Exhibition view, Fisherwoman, Fisherwoman, IMMA, 2026. Courtesy of the Irish Museum of Modern Art (IMMA). Foto: Ros Kavanagh.

Die zweite Stimme

Doch die Ausstellung widmet sich nicht ihr allein. Als Gegenpart hat Gilbourne die auf Barbados geborene und in Glasgow lebende Künstlerin Alberta Whittle eingeladen, sich mit Souters Werk künstlerisch auseinander zu setzen. Was verbindet die beiden Künstlerinnen, wieso treffen sie hier aufeinander? „Durch die Arbeiten von Souter und Whittle werden wir mit den Traumata unserer Zeit konfrontiert – von der Ausbeutung von Erde und Ozeanen bis hin zum Schrecken von Krieg und Kolonialisierung – und doch sind ihre Stimmen von Empathie und einer vorsichtigen Hoffnung für die Zukunft getragen,“ erklärt es Rachael Gilbourne.

Beide Künstlerinnen beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit den existenziellen Themen ihrer Zeit. Sie arbeiten aus persönlichen, lokalen Perspektiven, jedoch mit einem globalen Blick und bleiben dabei formal wie inhaltlich eigenständig. Während Whittle stärker politisch argumentiert und den Blick auf Souters gesellschaftlich engagierte Arbeiten schärft, erweitert Souter mit ihrem Fokus auf die Natur wiederum Whittles Ansatz. Gerade diese unterschiedlichen Gewichtungen verleihen der Ausstellung Tiefe und eröffnen vielfältige Lesarten.

Zwei künstlerische Zugriffe auf dieselben Fragen

Die Arbeiten Camille Souters, die sich mit Landwirtschaft und Klima befassen, teilen sich den Raum mit einiger ihrer Inspirationen und Arbeitswerkzeuge. Wenig ist darüber bisher bekannt, schuf sie doch immer im Stillen. Nun liegen ausgebreitet in einer Vitrine Reisebücher, Zelt-Heringe, getrocknete Planzen, Vergrößerungsgläser, Sandproben und vor allem Souters Notizen, die zu ihrer Arbeitsweise und ihren Interessen Auskunft geben. Angrenzend ist Alberta Whittles Arbeit „from the forest to the concrete (to the forest)“ (2019) aufgebaut. Die Video-Installation beschäftigt sich mit den vielen Hurrikanen und Flutkatastrophen, die die Karibik immer wieder heimsuchen und viele Teile der Region zerstören. Als Symptom des Klimawandels wird die Saison der Stürme länger, die Episoden zwischen Zerstörung und Wiederaufbau kürzer. Durch die Ausstellung ziehen sich, im wahrsten Sinne des Wortes, ihre „Totems of Brass“, mehrere Meter lange Bänder voller Perlen und Anhänger unterschiedlichster Bedeutungen. Sie verbinden die verschiedenen Teile Whittles Arbeit mit der Tradition von Handarbeit und gemeinschaftlichem Austausch. Diese Erfahrungen sieht die Künstlerin als Grundlage, um neue Formen von Familie und Zusammengehörigkeit zu schaffen.

Exhibition view, Fisherwoman, Fisherwoman, IMMA, 2026. Courtesy of the Irish Museum of Modern Art (IMMA). Foto: Ros Kavanagh.

Exhibition view, Fisherwoman, Fisherwoman, IMMA, 2026. Courtesy of the Irish Museum of Modern Art (IMMA). Foto: Ros Kavanagh.

Biografien im Verhältnis zu Geschichte und Gegenwart

Im ersten Stock verharrt man besonders lange in einem Raum. Über alle vier Wände sind die Zeitstrahlen beider Künstlerinnen, aber gleichzeitig auch die ihrer geografischen und sozialen Umfelder geschrieben. Alles ordnet sich klar: die Schaffensperioden, die politischen Gegebenheiten und Herausforderungen. Immer wieder begegnen sich Souter und Whittle so auch in den folgenden Räumen. Man verfolgt Souters Werdegang, ihre unterschiedlichen Ansätze und entdeckt ihre Liebe für den Zirkus. Whittels Auseinandersetzung mit Themen wie Kolonialismus und der Klimakrise folgen parallel. Sie sind aktuell, finden im Jetzt statt und zeigen auf, wie wichtig es ist, sich mit ihnen zu beschäftigen. Gleichzeitig unterstreichen sie einmal mehr, wie sich Camille Souter schon vor vielen Jahrzehnten ähnlichen Gebieten widmete und wie relevant ihre Arbeiten noch heute sind.

Exhibition view, Fisherwoman, Fisherwoman, IMMA, 2026. Courtesy of the Irish Museum of Modern Art (IMMA). Foto: Ros Kavanagh.

Ein Dialog mit Reibung

Läuft man durch die Ausstellung, entsteht ein Spannungsfeld: Während sich Camille Souters Werke nostalgisch in die Vergangenheit einordnen lassen und vor allem durch ihre malerische Qualität überzeugen, entziehen sich die Arbeiten von Alberta Whittle dieser Distanz. Sie verorten sich entschieden im Hier und Jetzt – und erzeugen eine latente Unruhe, der man sich kaum entziehen kann. Der Kontrast ist produktiv, macht aber auch eine Schieflage sichtbar: Während Camille Souters Werke eine klare künstlerische Handschrift entfalten, gelingt es Alberta Whittle nicht immer, ihren inhaltlichen Anspruch in eine ebenso überzeugende visuelle Form zu übersetzen.

Fisherwoman, Fisherwoman: Camille Souter & Alberta Whittle, bis zum 13.09.2026

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