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Minimaler Aufwand mit maximaler Wirkung: In ihrem neuen Buch „The Daily Feminist – 199 konkrete Handlungstipps für Gleichberechtigung im Alltag“ verrät Autorin Evelyn Höllrigl Tschaikner wie Mikrofeminismus funktioniert. Im Interview mit Marie Claire erklärt sie, warum schon kleine, alltägliche Handlungen große Veränderungen anstoßen können.
Das Patriarchat wirkt im Großen wie im Kleinen – von der Stadtplanung bis zum alltäglichen Sprachgebrauch. Dabei erfahren Frauen Tag für Tag viele kleine, meist kaum merkbare Benachteiligungen. In der Menge sind diese aber so kräftezehrend, dass Frauen oft die Energie für den großen Widerstand fehlt. Genau hier setzt Evelyn Höllrigl Tschaikner an: In ihrem Buch „The Daily Feminist – 199 konkrete Handlungstipps für Gleichberechtigung im Alltag“ erklärt die Journalistin und Autorin das Prinzip des Mikrofeminismus. Sie zeigt, wie feministisches Handeln im Kleinen ohne großen Aufwand gelingen kann, um Ungleichheit sichtbar zu machen und ihr entgegenzutreten.
Im Interview mit Marie Claire erzählt die dreifache Mutter, die sich seit Jahren auf Instagram unter @little.paper.plane für eine feministische Perspektive auf Alltag und Elternschaft einsetzt, wie es gelingen kann, mit leicht umsetzbaren Strategien bestehende Spielregeln und Strukturen infrage zu stellen. Dabei verrät sie, weshalb Mikrofeminismus mehr verändern kann, als man zunächst denkt.
Marie Claire: Wie würden Sie Mikrofeminismus definieren und worin besteht seine besondere Kraft?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Ich definiere Mikrofeminismus persönlich, aber auch im Buch, als eine Art Feminismus im Alltag. Es geht dabei nicht nur um kleine Gesten, sondern wirklich um Feminismus auf Mikroebene. Unsere Gesellschaft ist ja in Mikro-, Meso- und Makroebene aufgeteilt, und dort, wo wir die größte Wirkungsmacht haben, ist auf der Mikroebene – also bei uns als Individuen. Genau dort haben wir die Möglichkeit, Dinge zu erkennen und zu verändern. Und genau da wirkt Mikrofeminismus.
Marie Claire: Wo begegnet uns Misogynie im Alltag am häufigsten – oft vielleicht sogar, ohne dass wir sie sofort als solche wahrnehmen?
Ganz spontan würde ich sagen, in der Sprache. Da begegnet uns Misogynie sehr oft, weil unsere Sprache, die deutsche Sprache, sehr patriarchalisch geprägt ist. Ein beeindruckendes Beispiel ist die Art, wie wir Frauen über unseren eigenen Körper sprechen. Ich habe da „Das große Gynbuch“ von Mandy Mangler im Kopf. Sie ist Oberärztin an der Charité in der Gynäkologie und schreibt in ihrem Buch unter anderem, dass immer vom Vaginaleingang gesprochen wird, obwohl es in Wahrheit ein Ausgang ist – da kommt Blut raus, da kommen Babys raus. „Eingang“ ist nur aus der patriarchalen Sicht der Dinge korrekt. Wenn wir die Sprache betrachten, wie wir uns selbst und unseren Alltag beschreiben, dann merken wir ganz oft, wie Misogyniemuster unbewusst wirken und uns prägen.
Marie Claire: Welche konkrete Rolle spielen Sprache und gesellschaftliche Narrative für das Patriachat und wie können wir diesen mit Mikrofeminismus begegnen?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Sprache ist, wie gesagt, ein Werkzeug des Patriarchats, aber eben auch des Mikrofeminismus. Wir können mit Sprache unsichtbare Dinge oder Strukturen sichtbar machen – einerseits durch Gendern, andererseits durch das Spiegeln der Sprache, um Doppelstandards aufzuzeigen. Ich bin überzeugt, dass viele Dinge nicht aus böser Absicht oder aus patriarchalem Denken heraus entstehen, sondern dass sie gesellschaftlich gewachsen sind. Frauen waren jahrhundertelang durch die Strukturen, in denen wir leben, unterdrückt. Diese Relikte wirken bis heute nach, und wir haben die Möglichkeit, sie sichtbar zu machen. Das ist allerdings sehr unbequem, weil es gewohnte Muster ins Wanken bringt.
Marie Claire: In vielen heteronormative Paarbeziehungen ist z.B. die Care-Arbeit noch immer ungleich verteilt. Wie kann hier Mikrofeminismus für mehr Gleichberechtigung sorgen?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Das ist eine sehr tricky Frage, weil die Care-Arbeit stark an den Müttern hängt. Das ist aber kein individuelles Versagen. Man kann natürlich sagen, Mikrofeminismus macht das sichtbar, Mikrofeminismus kann im Alltag vielleicht Dinge shiften lassen. Aber die großen Probleme in unserer Gesellschaft, was die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit betrifft, sind viel tiefer verwurzelt. Wir haben einfach strukturelle Ungleichheiten, die eklatant sind, und wir müssten bessere Rahmenbedingungen für Eltern schaffen. Ich schaue da bewusst immer nach Schweden, wo es mit der Elternzeit viel besser funktioniert, um eben auch diesen Mikrofeminismus im Alltag leben zu können.
In meinem zweiten Buch („Mythos Mutterinstinkt“, Anm. d. Red.) ging es darum, dass es so etwas wie einen Mutterinstinkt nicht gibt und dass alle Eltern „Eltern können“ – also Väter, Pflegeeltern, Adoptiveltern, Regenbogeneltern. Die Kernaussage war: Je mehr Zeit man mit einem Kind verbringt, desto mehr neuronale Veränderungen entstehen im eigenen Gehirn. Der Schlüssel ist also die Zeit. Wenn ein Elternteil 50 Stunden die Woche arbeitet, ist die Zeit aber natürlich ungleich verteilt. Deshalb müsste es bessere Rahmenbedingungen geben, um Zeit mit den Kindern überhaupt möglich zu machen.
Marie Claire: Auch in der Arbeitswelt gibt es noch immer große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Wo kann hier Mikrofeminismus ansetzen?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Ich finde es unfassbar wichtig, dass Frauen über Gehälter, über Geld sprechen. Während ich das Buch geschrieben habe, habe ich gemerkt, dass ich mich selbst damit immer sehr schwer tue. Wenn man dann aber zurückschaut in unsere Vergangenheit, sieht man, dass Frauen bis in die 70er-Jahre in Deutschland kaum ein Konto eröffnen konnten. Also ist es doch normal, dass uns dieses Bild von Frauen und Finanzen, das uns von unseren Müttern und Großmüttern vermittelt wurde, geprägt hat.
Auch die Bilder, die wir in der Werbung gesehen haben, wirken nach. Ich bin zum Beispiel Jahrgang 87 und mit Fernsehen aufgewachsen. Da sah man oft die Frau, die beim Shoppen mal wieder zu viel Geld ausgegeben hat, weil sie kein Gefühl dafür hat. Sofern es um Banken oder Finanzen ging, waren es immer Männer, die in der Werbung gewirkt haben. Wenn man das seziert und auf die Essenz herunterbricht, merkt man: Uns wurde vermittelt, dass Frauen nicht mit Geld umgehen können, dementsprechend verhandeln sie schlechter und bekommen schlechtere Bezahlung.
Jedes Mal, wenn ich auf Instagram über den Gender Pay Gap spreche, schreibt immer der klassische Kommentator: „Frauen verhandeln schlechter.“ Aber es ist nicht so einfach. Statistisch gesehen verhandeln Frauen nicht schlechter, sondern wenn sie verhandeln, werden sie sofort als „bitchy“ oder „bossy“ bewertet und haben einen anderen Impact als Männer in derselben Position. Es ist also diese Misogynie, die es uns ungleich schwerer macht – und oft fällt es uns als Frauen gar nicht auf, weil wir es so gewohnt sind. Deshalb ist es so wichtig, über Geld zu sprechen, über Gehälter zu sprechen, sich nicht unterbrechen zu lassen und sichtbar zu machen, dass es Ungleichheiten gibt.
Marie Claire: Wie kann es gelingen, feministisches Handeln langfristig von der Mikro- auf die Makroebene zu bringen, so dass weibliche Selbstbestimmung auch politisch umgesetzt wird, z.B. beim Thema Schwangerschaftsabbrüche?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Das ist auch ein Thema, über das ich im Buch geschrieben habe. Der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen muss natürlich auf Makroebene geregelt werden. Die Entscheidung, ob ich es machen möchte oder nicht, liegt aber auf Mikroebene. Dass ich jedoch überhaupt Zugang habe und frei über meinen eigenen Körper entscheiden kann, muss auf Makroebene sichergestellt sein. Auf Mikroebene können wir natürlich dafür einstehen, aber die übergeordneten Rahmenbedingungen müssen gegeben sein.
Der Übergang des Mikrofeminismus auf die Meso- oder Makroebene ist ein organisches Fortschreiten. Ich stelle mir das immer bildlich vor: Wenn sehr, sehr viele Frauen feministische Prinzipien ganz selbstverständlich in ihren Alltag integrieren, wirken diese Handlungen darüber hinaus – institutionell und politisch. Je mehr wir sind, die diese feministischen Forderungen vertreten, desto weniger kann man uns überhören und desto eher geht es über die Mikroebene hinaus.
Für mich war es wichtig, das in meinem Buch auf die Mikroebene herunterzubrechen. Denn wenn wir von feministischen Forderungen sprechen, wie dem Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen oder anderen Themen, die natürlich auf Makroebene geregelt sein müssen, bleibt oft die Frage unbeantwortet: Was können wir im Einzelnen tun, um feministisch zu handeln? Viele Menschen sehen sich als Feminist:innen, aber gehen nicht auf Demos, weil sie es nicht können oder wollen, weil sie nicht laut sind. Ich wollte deshalb den Menschen etwas geben, womit sie leise, aber in ihrem Umfeld etwas bewirken können.
Marie Claire: Gibt es Beispiele aus der Geschichte, wo Mikrofeminismus zu makropolitischen Erfolgen geführt hat?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Ja, dazu findet man auch im Buch ein paar Beispiele unter anderem das der Suffragetten, die sich in Großbritannien für das Frauenwahlrecht eingesetzt haben. Der Name „Suffragette“ war ursprünglich spöttisch gemeint – abgeleitet von „suffrage“, dem englischen Wort für Wahlrecht. Die Frauen, die sich an der Wahl beteiligen wollten, wurden ins Lächerliche gezogen, in schöner patriarchaler Manier: Was wollen diese Frauen denn mitreden, die kennen sich doch mit Politik nicht aus. Doch sie haben sich den Begriff „Suffragette“ zurückgeholt. Sie haben sich selbst so genannt und daraus einen Kampfbegriff gemacht. Und diese Aneignung der Beleidigung auf der Mikroebene hat schließlich auch zum Erfolg der Bewegung auf der Makroebene geführt. Hier zeigt sich auch wieder die große Bedeutung der Sprache für den Mikrofeminismus.
Marie Claire: Mit welchen Tipps aus Ihrem Buch können Mikrofeminismus-Einsteiger:innen am besten beginnen?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Als Einsteigerin ist es erstmal wichtig, die Welt zu beobachten und zum Beispiel darauf zu achten, wer im Alltag den Raum einnimmt: Weichen mir tendenziell eher Frauen auf der Straße aus oder Männer? Wenn ich in der Bahn sitze, nehme ich die Armlehnen ein oder eher nicht? Und wenn jemand neben mir sitzt, der die Armlehnen einnimmt – ist es ein Mann oder ist es eine Frau? Wenn man anfängt, diese Dinge zu beobachten, merkt man meist schnell, dass sehr viel männlich normiert ist.
Was ich immer wieder feststelle: Wenn ich irgendwo hineingehe – ich bin mit 1,60 Meter relativ klein – und Dinge sehr hoch angebracht sind, weiß ich, das hat wahrscheinlich ein Mann dort montiert. Bei uns in der Küche, die schon vor unserem Einzug in der Wohnung war, komme ich zum Beispiel einfach nicht an die oberen Regale.
Sehr eindrücklich fand ich in diesem Zusammenhang auch das Buch „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado Perez. Sie macht deutlich, wie beispielsweise in der Stadtplanung vieles auf den Mann ausgerichtet ist, der 40 Stunden die Woche arbeitet, und wenig auf die Bedürfnisse von Frauen, die Care-Arbeit leisten. Wenn man solche Dinge bemerkt, dann ist das schon dieser kleine Funke Feminismus, der uns zeigt, wie die Welt immer noch funktioniert.
Marie Claire: Wie setzen Sie selbst Mikrofeminismus in Ihrem Alltag um und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Ich glaube, ganz viele Dinge, die für andere richtige Mikrofeminismen sind, sind für mich mittlerweile schon Alltag. Deshalb kann ich das gar nicht so genau sagen. Ich gendere natürlich, das ist für mich ganz wichtig, vor allem vor meinen Kindern. Außerdem beobachte ich viel und ich versuche, den Männern auf der Straße nicht auszuweichen. Ich lebe schon nach den Tipps, die ich im Buch gebe – mal mehr, mal weniger.
Natürlich kann es mir auch passieren, dass ich mal sage „ich rufe den Zahnarzt an“, statt „die Zahnärztin“, obwohl ich weiß, dass es eine Frau ist. Aber dann merke ich es selbst, und ich glaube, das macht schon etwas, wenn wir merken, dass es da noch Improvement-Bedarf gibt. Das heißt, wir haben diese Awareness, wir wissen, dass das jetzt nicht unbedingt richtig ist.
Marie Claire: Was würden Sie den Leser:innen von Marie Claire zum Schluss gerne mit auf den Weg geben?
Evelyn Höllrigl Tschaikner: Vielleicht, dass es nicht immer leicht ist, feministisch zu agieren, weil wir vor allem als Frauen gelernt haben, sehr angenehm zu sein. Auf Ungleichheiten oder Ungleichgewichte aufmerksam zu machen, ist unbequem, weil es die Ordnung stört. Aber man muss sich bewusst machen, dass es gut ist, eine Ordnung zu stören, die diese Ungleichheiten fortträgt. Es lohnt sich also manchmal, unbequem zu sein.
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