Im Begleittext zu Pastorale zitieren Sie Heraklit und seine Idee, dass Konflikt die Wurzel aller Erkenntnis ist – dass es keine Gerechtigkeit ohne Ungerechtigkeit geben kann, keine Harmonie ohne Dissonanz. Wie beeinflusst diese philosophische Sichtweise Struktur und Erfahrung von Pastorale?
Heraklit erinnert uns daran, dass Gegensätze keine Feinde sind – sie sind voneinander abhängig. Diese Idee durchzieht Pastorale wie auch meine übrige Arbeit. Die Struktur des Werks ist um Kontraste herum gebaut: Stimme und Schweigen, Licht und Schatten, Präsenz und Abwesenheit. Konflikt löst sich nicht auf – er erzeugt Bewegung, schafft Öffnungen. In diesem Sinne ist Pastorale keine statische Installation. Es ist eine Schwelle, ein Raum, in dem Widersprüche gehalten, nicht verleugnet werden.
Was bedeutet es, ein Werk in demselben Raum zu zeigen, in dem Picassos Guernica einst ausgestellt wurde? Ist das eine Last, ein Dialog oder eine Freiheit?
Es ist alles zugleich. Guernica ist eines der kraftvollsten Antikriegs-Statements der Kunstgeschichte. Es wirft einen langen Schatten. Es ist eine Herausforderung, keine Last. Ein Ruf. Ein Werk in diesem Raum zu zeigen, heißt, in einen Dialog zu treten – nicht nur mit Picasso, sondern mit der Frage, wie Kunst auf Gewalt reagieren kann. Pastorale will sich nicht messen – es hört zu, es klingt nach, es führt das Gespräch weiter – auf eine andere Weise, aus einer anderen Zeit heraus.
Die Natur erscheint in Ihrer Arbeit als regenerierende, vielleicht sogar überlegene Kraft. Ist das ein bewusstes Gegenbild zur menschlichen Zerstörung?
Ja, absolut. Natur ist in meiner Arbeit nicht romantisiert – sie ist widerstandsfähig, gleichgültig, manchmal brutal, aber immer in Bewegung. Sie regeneriert, wo der Mensch zerstört. In Pastorale tritt die Natur als eine Art stille Zeugin auf, aber auch als aktive Kraft – etwas, das aufnimmt, verwandelt, überdauert. Sie erinnert uns daran, dass Zyklen von Verfall und Erneuerung unabhängig von uns existieren – und dass Hoffnung vielleicht nicht in Kontrolle, sondern im Loslassen liegt.
In Ihrer Arbeit erscheint Kunst als Reaktion auf Geschichte, aber auch als Raum für moralische, politische und künstlerische Positionierung. Welche Verantwortung tragen Künstler*innen heute – besonders in Zeiten der Krise?
Künstler*innen sind nicht getrennt von der Welt – wir werden von ihr geprägt und prägen sie mit. In Krisenzeiten kann Schweigen zur Komplizenschaft werden. Ich glaube, sie haben die Verantwortung, tief zuzuhören, zu hinterfragen, zu stören … sich etwas vorzustellen, ohne belehrend zu sein. Ehrlich und aufrichtig zu sein ist die größte Verantwortung. Manchmal ist die radikalste Geste, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen fühlen, nachdenken und sich jenseits von Lärm und Spektakel verbinden können. Das ist auch politisch. Und ich finde, als Künstler*in sollte man nicht nur an dem gemessen werden, was man tut, sondern vor allem auch an dem, was man nicht tut.
Was wünschen Sie sich, dass Besucher*innen von Pastorale mitgenommen haben – emotional, intellektuell, vielleicht auch politisch?
Ich hoffe, sie gehen mit einem Gefühl des Zerbrechens, aber auch der Möglichkeiten. Ich hoffe, das Werk lädt dazu ein, sich dem Unbehagen zu stellen, aber darin auch eine fragile Schönheit zu entdecken. Wenn es einen Moment des Innehaltens öffnet – einen Riss in der Oberfläche, durch den etwas Tieferes spürbar wird – dann hat es seine Aufgabe erfüllt. Pastorale bietet keine Antworten. Es bietet Präsenz.