Ein Mahnmal zur Erinnerung an den Krieg

Der Palazzo Reale in Mailand, in dem Saalder Karyatiden. Ein hoher, weitläufiger, teilweise verspiegelter Raum, zwei Reihen alter Fenster durchfluten ihn mit Licht, Stuck überzieht die gewölbte Decke.

Ankündigung zu Nico Vascellaris aktueller Ausstellung „Pastorale“ im Palazzo Reale in Mailand
Ankündigung zu Nico Vascellaris aktueller Ausstellung „Pastorale“ im Palazzo Reale in Mailand

Ein Saal mit einer bewegenden Geschichte

Wie so viele antike italienische Gebäude verbindet der Saal Pracht und Vergänglichkeit, Delikates und Raues. Er wurde im 18. Jahrhundert als prunkvoller Festsaal errichtet und ist nach den tragenden Frauenfiguren (Karyatiden) benannt, die seine Wände schmücken. Während eines Luftangriffs der Alliierten im Jahr 1943 wurde der Saal schwer beschädigt – die Decke stürzte ein, viele der Figuren wurden zerstört. Der Raum blieb als sichtbar verletzte Erinnerung an den Krieg bewusst unvollständig restauriert. Ein Mahnmal.

Foto: Ph. Melania Dalle Grave DSL Studio

Nico Vascellari zeigte im Saal der Karyatiden seine Installation „Pastorale“. Foto: Ph. Melania Dalle Grave – DSL Studio. Courtesy Studio Nico Vascellari.

Zeitgenössisches im Antiken

Der steinerne Boden ist bis auf einen schmalen Streifen nahe den Wänden mit Erde bedeckt. Wie ein riesiges Beet erstreckt sich das raumfremde Material über den Saal. In seiner Mitte steht ein abstrakter, gigantischer, silberner Pilz. Alle zehn Minuten erklingt ein Paukenschlag, ein Dröhnen, als würde Dampf aufsteigen und dabei eine Stahlstange umfallen. Zeitgleich stößt der silberne, zweiteilige Zylinder etwas aus, das im hohen Bogen über die Erde fliegt und dann zwischen den erdigen Bröseln landet. Samen, wie man nach einigen Zyklen erkennt. Und richtig, dort sind ja auch winzige grüne Pflanzentriebe in dem Braun erkennen.

Wie gehören der beeindruckende Raum, der aus der Natur geschöpfte Boden und der abstrakte, futuristisch anmutende Körper zusammen? Eine Frage, die wohl nur der Künstler selbst beantworten kann. Nico Vascellari, 1976 im Veneto in Italien geboren, gehört zu den relevantesten, zeitgenössischen, italienischen Künstlern. Nach einer bedeutenden Einzelausstellung in Florenz in den Jahren 2023-2024, ist er nach über fünfzehn Jahren auch zurück in Mailand. Seine Installation „Pastorale“ verknüpft die Vergangenheit mit der Gegenwart, erinnert an die Bedeutung der künstlerischen Positionierung und beschäftigt sich mit dem Dialog zwischen Krieg und Frieden. Wir haben mit dem Künstler über sein Werk gesprochen.

Foto: Ph. Melania Dalle Grave DSL Studio

Wo Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen: Nico Vascellari ließ sich von der Geschichte des Ausstellungsraums für sein Werk inspirieren. Foto: Ph. Melania Dalle Grave – DSL Studio. Courtesy Studio Nico Vascellari.

Nico Vascellari im Gespräch

Wie ist die Idee zu Pastorale entstanden, und was hat Sie an der Halle der Karyatiden als Ort fasziniert?
Die Idee zu Pastorale entstand als Reaktion auf den Saal selbst – auf seine Narben, sein Schweigen, sein Gewicht. Ich fühlte mich zu den Karyatiden hingezogen, weil sie nicht nur architektonisches Gewicht tragen, sondern auch Erinnerung, Trauma, Widerstand. Der Raum verbirgt seine Vergangenheit nicht, er zeigt sie offen. Diese Ehrlichkeit, diese Verletzlichkeit wurde zu dem Ort, an dem meine Arbeit entstehen konnte. Mich interessierte, etwas zu schaffen, das mit den historischen Schichten des Ortes in Resonanz tritt – nicht nur dort zu sein, sondern in einen Dialog mit ihm einzutreten.

Inwieweit haben aktuelle Kriege und globale Krisen Ihre Arbeit an Pastorale beeinflusst?
Man kann sie nicht ignorieren. Wir leben in einer Zeit, in der Krise zum Dauerzustand geworden ist. Ich hatte nicht die Absicht, ein Werk über Krieg zu machen, aber die Echos von Gewalt, Vertreibung, Umweltzerstörung – sie sind immer da, ob sichtbar oder verborgen. Pastorale wird zu einem Raum, in dem diese Spannungen anerkannt, vielleicht sogar konfrontiert, aber nicht gelöst werden. In der Arbeit liegt eine Art aufgeschobene Trauer – aber auch ein Drang, zuzuhören, wach zu bleiben gegenüber der Gegenwart.

Die Bombardierung der Halle im Jahr 1943 ist ein zentraler historischer Bezugspunkt. Wie sind Sie daran herangegangen, dieses Ereignis in Ihre künstlerische Sprache zu übersetzen?
Ich wollte die Bombardierung nicht illustrieren – ich wollte das, was davon übrig ist, übersetzen: der Nachhall, das noch immer durch den Raum schwingt. Mich interessiert, wie Zerstörung Form hinterlässt, wie Gewalt Raum formt. Die beschädigte Decke, der zerbrochene Schmuck – sie sind bereits Teil des Werks. Mein Ansatz war es, diesem Schaden zuzuhören, ihn den Rhythmus und den Ton von Pastorale bestimmen zu lassen. Die Bombardierung ist ein Ausgangspunkt – nicht nur als historisches Faktum, sondern als Metapher für Bruch und die Möglichkeit von Erneuerung.

Nico Vascellari, Time And Dust (Studi per Pastorale), 2025. Mischtechnik auf xerografischem Druck. 42 x 29,7 cm. Fotos: Courtesy Studio Nico Vascellari.

Die Natur als Stille Zeugin unserer Zeit

Im Begleittext zu Pastorale zitieren Sie Heraklit und seine Idee, dass Konflikt die Wurzel aller Erkenntnis ist – dass es keine Gerechtigkeit ohne Ungerechtigkeit geben kann, keine Harmonie ohne Dissonanz. Wie beeinflusst diese philosophische Sichtweise Struktur und Erfahrung von Pastorale?
Heraklit erinnert uns daran, dass Gegensätze keine Feinde sind – sie sind voneinander abhängig. Diese Idee durchzieht Pastorale wie auch meine übrige Arbeit. Die Struktur des Werks ist um Kontraste herum gebaut: Stimme und Schweigen, Licht und Schatten, Präsenz und Abwesenheit. Konflikt löst sich nicht auf – er erzeugt Bewegung, schafft Öffnungen. In diesem Sinne ist Pastorale keine statische Installation. Es ist eine Schwelle, ein Raum, in dem Widersprüche gehalten, nicht verleugnet werden.

Was bedeutet es, ein Werk in demselben Raum zu zeigen, in dem Picassos Guernica einst ausgestellt wurde? Ist das eine Last, ein Dialog oder eine Freiheit?
Es ist alles zugleich. Guernica ist eines der kraftvollsten Antikriegs-Statements der Kunstgeschichte. Es wirft einen langen Schatten. Es ist eine Herausforderung, keine Last. Ein Ruf. Ein Werk in diesem Raum zu zeigen, heißt, in einen Dialog zu treten – nicht nur mit Picasso, sondern mit der Frage, wie Kunst auf Gewalt reagieren kann. Pastorale will sich nicht messen – es hört zu, es klingt nach, es führt das Gespräch weiter – auf eine andere Weise, aus einer anderen Zeit heraus.

Die Natur erscheint in Ihrer Arbeit als regenerierende, vielleicht sogar überlegene Kraft. Ist das ein bewusstes Gegenbild zur menschlichen Zerstörung?
Ja, absolut. Natur ist in meiner Arbeit nicht romantisiert – sie ist widerstandsfähig, gleichgültig, manchmal brutal, aber immer in Bewegung. Sie regeneriert, wo der Mensch zerstört. In Pastorale tritt die Natur als eine Art stille Zeugin auf, aber auch als aktive Kraft – etwas, das aufnimmt, verwandelt, überdauert. Sie erinnert uns daran, dass Zyklen von Verfall und Erneuerung unabhängig von uns existieren – und dass Hoffnung vielleicht nicht in Kontrolle, sondern im Loslassen liegt.

In Ihrer Arbeit erscheint Kunst als Reaktion auf Geschichte, aber auch als Raum für moralische, politische und künstlerische Positionierung. Welche Verantwortung tragen Künstler*innen heute – besonders in Zeiten der Krise?
Künstler*innen sind nicht getrennt von der Welt – wir werden von ihr geprägt und prägen sie mit. In Krisenzeiten kann Schweigen zur Komplizenschaft werden. Ich glaube, sie haben die Verantwortung, tief zuzuhören, zu hinterfragen, zu stören … sich etwas vorzustellen, ohne belehrend zu sein. Ehrlich und aufrichtig zu sein ist die größte Verantwortung. Manchmal ist die radikalste Geste, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen fühlen, nachdenken und sich jenseits von Lärm und Spektakel verbinden können. Das ist auch politisch. Und ich finde, als Künstler*in sollte man nicht nur an dem gemessen werden, was man tut, sondern vor allem auch an dem, was man nicht tut.

Was wünschen Sie sich, dass Besucher*innen von Pastorale mitgenommen haben – emotional, intellektuell, vielleicht auch politisch?
Ich hoffe, sie gehen mit einem Gefühl des Zerbrechens, aber auch der Möglichkeiten. Ich hoffe, das Werk lädt dazu ein, sich dem Unbehagen zu stellen, aber darin auch eine fragile Schönheit zu entdecken. Wenn es einen Moment des Innehaltens öffnet – einen Riss in der Oberfläche, durch den etwas Tieferes spürbar wird – dann hat es seine Aufgabe erfüllt. Pastorale bietet keine Antworten. Es bietet Präsenz.

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