Traces of Civilization: Momentaufnahmen der globalen Gegenwart in München 

Welchen Einfluss wir Menschen auf unseren Planeten haben, beleuchtet die Kunsthalle München mit der Ausstellung „Civilization: Wie wir heute leben“. Noch bis zum 24. August 2025 folgt die Schau den sichtbaren Spuren der Menschheit anhand von eindrucksvollen Fotografien rund um die Welt.

Zu sehen in der Ausstellung "Civilization: Wie wir heute leben": Lauren Greenfield, "Die High-School-Absolventinnen (von links) Lili, 17, Nicole, 18, Lauren, 18, Luna, 18, und Sam, 17, schminken sich vor einem halbdurchlässigen Spiegel für Lauren Greenfields Beauty-CULTure-Dokumentation, Los Angeles", 2011, aus dem Projekt »GENERATION WEALTH«, © Lauren Greenfield
Lauren Greenfield, "Die High-School-Absolventinnen (von links) Lili, 17, Nicole, 18, Lauren, 18, Luna, 18, und Sam, 17, schminken sich vor einem halbdurchlässigen Spiegel für Lauren Greenfields Beauty-CULTure-Dokumentation, Los Angeles", 2011, aus dem Projekt »GENERATION WEALTH«, © Lauren Greenfield

Bilder der Zivilisation

Das Anthropozän hat das Gesicht der Erde so stark verändert wie kein anderes Zeitalter. Dabei wird der Einfluss, den wir auf unseren Planeten ausüben, immer größer. Schließlich gab es noch nie mehr Menschen auf der Welt als heute. Zudem sind wir enger vernetzt als je zuvor. Die Ausstellung „Civilization: Wie wir heute leben“ in der Kunsthalle München erlaubt uns jetzt einen Blick auf uns selbst. Anhand von über 200 Fotografien von mehr als 100 international renommierten Fotograf:innen beleuchtet die Werkschau das, was die Menschheit heute ausmacht. Mit dabei sind Arbeiten bekannter Fotokünstler:innen wie Candida Höfer, Edward Burtynsky oder Thomas Struth. Aber auch jüngere Talente wie Pablo López Luz, Sheng Wen Lo oder Julia Chamberlain bekommen eine Bühne.

Seit Edward Steichens legendärer Fotoausstellung „The Family of Man“ im Jahr 1955 ist dies die erste Schau, die sich umfassend mit der gegenwärtigen Weltlage befasst. Von großen Errungenschaften bis zu kollektiven Verfehlungen bildet die Ausstellung die Vielfalt und Widersprüche unserer Zivilisation ab. Dabei nimmt der Ausstellungsparcours die Besucher:innen in acht Kapiteln mit auf eine faszinierende Reise zu den verschiedensten Kulturen auf allen Kontinenten. Die Bildwelten drehen sich um Wohnen, Arbeit, Freizeit, Verkehr, Kommunikation, Bildung, Wissenschaft und Technologie.

Jeffrey Milstein, "Newark 8 Terminal B, Newark, NJ", 2016, aus der Serie Flughäfen © Jeffrey Milstein
Jeffrey Milstein, "Newark 8 Terminal B, Newark, NJ", 2016, aus der Serie Flughäfen © Jeffrey Milstein

„Civilization: Wie wir heute leben“ feiert den Zusammenhalt

Einen besonderen Fokus legt die Werkschau auf das Thema Gemeinsamkeit. Schließlich ist diese in unserer Gesellschaft, die sich immer weiter zu spalten scheint, ein besonderes Gut. So können auch die Arbeiten der Fotograf:innen als ein kollektives zivilisatorisches Unterfangen betrachtet werden. Immerhin gelingt es ihnen nur gemeinsam, ein umfassendes Bild unserer Zeit zu schaffen.

Egal, ob es sich um rein dokumentarische Arbeiten oder um subjektive Inszenierungen handelt – wie viele kleine Puzzlestücke setzen sich die Fotos zu einem Gesamtbild von der Welt, in der wir heute leben, zusammen. Dabei will die fein kuratierte Selektion nicht werten, sondern informieren, unterhalten und inspirieren. Jedes fotografische Teilstück lädt die Betrachtenden daher zum Nachdenken und zum Austausch miteinander ein.

Gesichter der Großstadt

Den Start der Ausstellung „Civilization: Wie wir heute leben“ bildet der Themenkomplex unter dem Titel „Bienenstock“. Er versammelt Fotografien, die das Zusammenleben der Menschen in den Megacitys der Welt dokumentieren. Dabei geht es nicht nur um Aufbau und Architektur der Städte, sondern auch um den urbanen Alltag der Menschen. Zu sehen ist zum Beispiel das Bild „Mexiko-Stadt aus der Vogelperspektive, XIII“ von Pablo López Luz. Mit diesem hält er die Ausbreitung der Megastadt Mexiko-Stadt eindrucksvoll fest.

Das zweite Kapitel „Zusammen allein“ dreht sich um das Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität. Es beleuchtet, wie wir als Individuen einerseits das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft verspüren und andererseits versuchen, unsere Einzigartigkeit auszuleben. Dies zeigt sich beispielsweise in der Arbeit der französischen Fotokünstlerin Valérie Belin. Mit ihren an KI-Optik angelehnten Porträts erforscht sie das Thema Identität und die zunehmende Entindividualisierung durch die kommerzielle, computergenerierte Ästhetik.

Links: Pablo López Luz, "Mexiko-Stadt aus der Vogelperspektive, XIII", 2006, aus der Serie "Terrain" © Pablo López Luz; Rechts: Valérie Belin, "Untitled", 2006, aus der Serie "Models II" © Valérie Belin, courtsey Galerie Nathalie Obadia, Paris/Brüssel
Links: Pablo López Luz, "Mexiko-Stadt aus der Vogelperspektive, XIII", 2006, aus der Serie "Terrain" © Pablo López Luz; Rechts: Valérie Belin, "Untitled", 2006, aus der Serie "Models II" © Valérie Belin, courtsey Galerie Nathalie Obadia, Paris/Brüssel

Zwischen Kontrolle und Konsum

Der dritte Part der Ausstellung trägt den Titel „Kontrolle“ und beleuchtet diesen Begriff in den unterschiedlichsten Kontexten. So geht es auf der einen Seite um die Macht von Regierungen oder die Autorität der Polizei. Auf der anderen Seite werden aber auch die feinen Mechanismen, nach denen unser Zusammenleben organisiert ist, sichtbar. Ein Beispiel dafür ist die „Airports“-Serie von Jeffrey Milstein. In dieser zeigt der Fotograf mit Aufnahmen aus der Vogelperspektive, wie das Prinzip der Kontrolle sowohl im Design als auch in den operativen Abläufen eines Flughafens verankert ist.

Der folgende Ausstellungsbereich steht unter dem Motto „Verführung“. Hier dreht sich alles um die verschiedenen Strategien, die zum Einsatz kommen, um Bedürfnisse von Menschen zu wecken und ihr Verhalten zu manipulieren. Einen wichtigen Part spielt dabei der Konsum. So untersucht beispielsweise Natan Dvirs mit seiner Serie „Coming Soon“ die allgegenwärtige Präsenz kommerzieller Werbung im New Yorker Stadtzentrum. Anhand der übergroßen Billboards, die den öffentlichen Raum dominieren, macht er die asymmetrische Machtdynamik zwischen der Werbung und dem Einzelnen deutlich. 

Natan Dvir, "Desigual", 2013, aus der Serie "Coming Soon" © Natan Dvir
Natan Dvir, "Desigual", 2013, aus der Serie "Coming Soon" © Natan Dvir

Die Welt in Bewegung und im Umbruch

Das Kapitel „Fließen“ der Ausstellung „Civilization: Wie wir heute“ thematisiert die Bewegung. Es geht um den Fluss von Menschen, Waren, Finanzströmen und die dafür notwendigen, hochgradig perfektionierten Infrastrukturen, die die Zivilisation am Laufen halten.

Darauf folgt der Bereich „Brüche“. Dieser fokussiert sich auf die Ursachen und Folgen von Konflikten und Migration sowie die Bruchstellen unserer gesellschaftlichen Strukturen. So thematisiert zum Beispiel der mexikanische Fotograf Alejandro Cartagena in seiner Serie „Without Walls“ die komplexen kulturellen und sozialen Dynamiken entlang der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Er zeigt alltägliche Szenen, die die menschlichen Auswirkungen politischer Entscheidungen verdeutlichen. Dabei nutzt er die dokumentarische Ästhetik, um Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Macht zu stellen.

Teil der Ausstellung "Civilization: Wie wir heute leben": Alejandro Cartagena, "Mutter am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA" und "Tochter am Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko", 2017, aus der Serie Ohne Mauern © Alejandro Cartagena
Alejandro Cartagena, "Mutter am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA" und "Tochter am Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko", 2017, aus der Serie "Ohne Mauern" © Alejandro Cartagena

„Civilization: Wie wir heute leben“ in der Kunsthalle München beleuchtet den Raum zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Dem Thema „Entfliehen“ widmet sich der vorletzte Bereich der Werkschau. Hier zeigen ausgewählte fotografische Arbeiten, wie die ausgefeilten Mechanismen der Urlaubs- und Freizeitindustrie es Menschen ermöglichen, den Alltag hinter sich zu lassen und sich in Traumwelten zu flüchten. Die Serie „Fake Holidays“ von Reiner Riedlers bringt diese Botschaft auf den Punkt. So dokumentiert er künstlich geschaffene Freizeitlandschaften, die als Fluchtorte aus dem Alltag inszeniert werden. Dabei hinterfragt er die Sehnsucht nach idealisierten Urlaubserlebnissen und enthüllt zugleich die Absurdität dieser artifiziellen Umgebungen.

Zum Schluss richtet der Ausstellungsbereich „Als Nächstes“ den Blick in die Zukunft. Er thematisiert die immer tiefgreifenderen Eingriffe des Menschen in die Umwelt. Dabei sind deren teils erschreckende Folgen, aber auch ermutigende Lösungsansätze zu sehen. In diesem Zusammenhang setzen sich die Fotograf:innen mit Themen wie ethischer Verantwortung im Umgang mit neuen Technologien oder auch unserer Anpassungsfähigkeit im Angesicht ökologischer Herausforderungen auseinander. So führt uns die Ausstellung „Civilization: Wie wir heute leben“ eindrücklich vor Augen, wie schön – und zugleich verletzlich – unser Planet ist. Die Bildwelten zeigen, wie wichtig es ist, die Natur, die uns umgibt, zu schützen und zugleich die einzigartigen Errungenschaften der Menschheit zu bewahren.

Teil der Ausstellung "Civilization: Wie wir heute leben: "Reiner Riedler, "Wild River, Florida", 2005, aus der Serie "Fake Holidays" © Reiner Riedler
Reiner Riedler, "Wild River, Florida", 2005, aus der Serie "Fake Holidays" © Reiner Riedler

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