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Moderatorin und Autorin Caro Matzko über Traumata, die Generationen überdauern

Sie geht neue Wege, um alte Wunde zu heilen: In ihrem Buch „Alte Wut – Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste“ begibt sich Caro Matzko auf einen Roadtrip durch Deutschland und Polen, um zu verstehen, woher die seelischen Verletzungen ihres Vaters stammen, die bis heute in ihr nachwirken. Im Interview mit Marie Claire spricht sie darüber, wie diese vererbten Traumata sie persönlich geprägt haben und welche Lehren sich daraus für unsere gesamte Gesellschaft ziehen lassen.

Porträt von Moderatorin und Autorin Caro Matzko
In ihrem Buch geht Caro Matzko transgenerationalen Traumata auf den Grund. Foto: © Gerald von Foris

Caro Matzko kehrt zurück zu den Wurzeln

In ihrem Buch „Alte Wut – Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste“ begibt sich Caro Matzko auf eine ungewöhnliche und zutiefst persönliche Reise: Auf der Fluchtroute ihres Vaters, der als Zehnjähriger nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen vertrieben wurde, sucht sie nach den Wurzeln familiärer Traumata, die starke Auswirkungen auf ihr eigenes Leben hatten. So litt die bekannte Moderatorin und renommierte Journalistin in der Vergangenheit unter Magersucht, Depressionen und Burnout – Erkrankungen, die wie sie später herausfinden sollte, eng mit den verdrängten seelischen Verletzungen ihres Vaters zusammenhängen, die dieser selbst nie heilen konnte.

Caro Matzkos Vater ist heute 91 Jahre alt und – sehr zum Leidwesen seiner Tochter – AfD-Wähler. Sie will verstehen, was hinter seiner Sympathie für die populistische Partei und seinen extrem konservativen Ansichten steckt, und macht in ihrem Buch den tiefen Schmerz sichtbar, der ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Mit schonungsloser Ehrlichkeit, einer Prise Humor und klarem Blick dekonstruiert sie konservative Mythen von Heimat, Ordnung und Stärke, zeigt die Dynamiken innerhalb ihrer Familie auf und fragt: Wie viel von unserer Herkunft steckt in uns – und wie können wir uns versöhnen, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind? Im Interview verrät sie, wie man die alte Wut überwinden kann und welche Rolle Humor und Selbstfürsorge dabei spielen.

Caro Matzko im Gespräch mit Marie Claire

Marie Claire: Warum haben Sie beschlossen, Ihre ganz persönliche Geschichte und die Ihrer Familie in Ihrem Buch zu teilen?

Caro Matzko: Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass mir die Menschen dankbar dafür sind, seitdem ich meinen „Shadow“, also meine Vergangenheit, für die ich mich lange sehr geschämt habe, nicht mehr verstecke, sondern transparent damit umgehe. Denn fast jeder hat so einen „Shadow“ oder so eine „Dark Side“, die einfach zu uns gehört. Ich glaube, wir müssen sie annehmen, um uns ganz zu fühlen. Seitdem ich das mache und mit fliegenden Fahnen vorauspresche, kommen mir Menschen entgegen, teilen ihre Geschichten mit mir und sagen, sie seien dadurch bestärkt worden, dass man Scham überwinden kann und dass man Licht und Luft an diese dunklen Seiten bringen kann, damit sie nicht so vor sich hin modern.

Zum anderen ist es mir ein großes Anliegen, diese – wie ich es immer nenne – „Gleichzeitigkeit von Menschen“ zu beleuchten, die teilweise widersprüchlich erscheint. Meine Tochter hat mir ein Kaleidoskop geschenkt, und ich saß, auch beim Schreiben des Buches, oft damit da und habe, wenn keine Inspiration kam, dieses Ding vor meinen Augen gehabt, es gedreht und mir gedacht: Ja, es ist eine begrenzte Anzahl von Steinen darin, aber je nach Blickwinkel und Perspektive entsteht ein anderes Bild. Und so sind wir Menschen auch.

„Wir sind sehr schnell dabei, Menschen zu verurteilen, weil uns ein Aspekt – ein, zwei von diesen Steinchen im Kaleidoskop – nicht passt.“

Wir leben gerade in einer Zeit, in der wir überall in Europa eine starke Frontenbildung erleben. Und das ist für mich die politische Dimension meines Buches, die mir ein großes Anliegen ist. Wir sind sehr schnell dabei, Menschen zu verurteilen, weil uns ein Aspekt – ein, zwei von diesen Steinchen im Kaleidoskop – nicht passt. Und dann verurteilen wir sie und legen sie ad acta. Anschließend kommt eine Welle der Empörung, ein Shitstorm, und diese Person ist perdu. Aber ich glaube, so kommen wir nicht weiter – weder die Linken noch die Rechten noch die Mitte, falls es die überhaupt noch gibt. Es bringt nichts, uns gegenseitig zu verurteilen. Es gibt immer Aspekte, die wir nicht mögen, auch an uns selbst und natürlich auch beim Gegenüber. Aber deswegen dürfen wir nicht den kompletten Menschen verurteilen.

So ging es mir eben auch in Bezug auf meine persönliche Geschichte und das langjährige politische Engagement meines Vaters, das ich überhaupt nicht goutiere. Dennoch bin ich nicht bereit, meinen Vater – trotz seiner Widersprüchlichkeit und Schwierigkeit – zu verlieren.

Cover von Caro Matzkos Buch „Alte Wut – Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste
Caro Matzkos Buch „Alte Wut – Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste“ ist im Piper Verlag erschienen. Foto: © Piper

Warum Lachen das Leben leichter macht

Marie Claire: Ihr Buch ist trotz des schweren Themas sehr humorvoll geschrieben. Warum haben Sie diesen Erzählstil gewählt?

Caro Matzko: Weil er mir entspricht, weil ich wahnsinnig gern lache und weil der Comic Relief ja nicht nur ein zentraler Moment im Film ist, sondern auch in unserem Leben. Wenn wir das Lachen verlieren – das gemeinsame Lachen und vor allem das Lachen über uns selbst –, dann können wir einpacken. Ich habe trotz der Schwere immer über mich selbst lachen können. Es erleichtert den Umgang mit dem Wahnsinn, der mich und uns alle alltäglich umgibt.

Das Lachen war mir auch wichtig, weil ich Menschen dazu ermuntern möchte, in der eigenen Familiengeschichte zu schauen: Wo kommen wir her? Um dadurch gesamtgesellschaftlich mehr Verständnis für die trüben Flecken bei anderen zu entwickeln. Denn jeder hat diese Finsternis in der Familie, aber man kann sie umarmen und auch mit etwas Lustigem und Humorvollem füllen.

Caro Matzko begibt sich auf Spurensuche in ihrer Seele

Marie Claire: Sie erzählen in Ihrem Buch, dass Sie unter Magersucht und Burnout litten – wann wurde Ihnen bewusst, dass Ihre psychischen Probleme im Zusammenhang mit dem Kriegstrauma Ihres Vaters stehen könnten? 

Caro Matzko: Tatsächlich sehr spät. Als ich in der Pubertät Magersucht bekommen habe, da waren für mich – ich vereinfache das jetzt – die Feindbilder klar: der Papa, die Mama, die Schule. Mittlerweile habe ich den Begriff Schuld komplett getilgt, denn er bringt überhaupt nicht weiter. Ich rede jetzt von Faktoren, die mitverantwortlich sind für so eine Suchterkrankung.

Mit dem Burnout dachte ich dann: Ja gut, ich brauche irgendwie Hilfe, aber ich habe eigentlich keine Lust, noch einmal von vorne mit einer Therapie anzufangen. Meine Therapeutin sagte jedoch: „An bestimmten Punkten sollten wir mit einer anderen Methode arbeiten.“ Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass es so etwas wie einen Werkzeugkasten gibt, mit unterschiedlichen Sachen drin – ein Hammer, ein Schraubenzieher, wenn die Schraube locker ist. Und sie kam nun mit einem neuen Tool aus diesem Kasten. Ich dachte: Warum eigentlich nicht? Vielleicht nützt es ja was.

Dieses neue Tool, das ich dann entdeckt habe, war EMDR, eine Traumatherapie mit Augenbewegungen. Das haben wir ausprobiert, und dadurch bin ich in der Therapie an einen ganz anderen Punkt gelangt. Man kommt in einen beinahe luziden Zustand, fast wie hypnotisiert. Wie Alice im Wunderland bin ich in dieses Rabbit Hole gefallen, woanders wieder herausgekommen, habe mich umgeschaut – und da habe ich verstanden: Okay, das hat mit mir persönlich gar nicht so viel zu tun. Das ist ein ganz alter Wumms, der mir bei der Geburt auf die Festplatte gespült wurde oder durch Affektübertragung in der Erziehung, durch Parentifizierung. Denn ich habe mich sehr verantwortlich gefühlt für das Seelenheil meiner Eltern.

Verschiedene Wege im Umgang mit der Familiengeschichte

Marie Claire: Denken Sie, die Dynamiken in Ihrer Familie hätten sich vielleicht anders entwickelt, wenn Sie Sohn und nicht Tochter gewesen wären?

Caro Matzko: Ich muss da nur meinen großen Bruder anschauen – der hat einen komplett anderen Umgang mit unserer Familiengeschichte. Er ist eher so, dass er sich sehr abgrenzt, und viel besser darin ist, Grenzen zu setzen. Ich bin diejenige, die immer verstehen will, die gründelt. Wenn ich auch ein Bube geworden wäre, dann hätte ich mir wahrscheinlich auch ein Mofa gekauft und wäre in den Ruderclub gefahren, wie mein Bruder das gemacht hat. Er hat sehr viel Leistungssport gemacht und einen anderen Weg gewählt. Er geht eher in die Distanz. Ich setze mich immer allem voll aus. Ich mache immer eine Arschbombe überall rein, weil ich es wissen will. Das ist für meinen Bruder manchmal befremdlich, aber wenn ich dann etwas brauche, dann ist er immer da für mich.

So können Traumata Generationen überdauern

Marie Claire: Wie würden Sie die Mechanismen erklären, durch die Traumata von einer Generation an die nächste vererbt werden?

Caro Matzko: Das ist eigentlich eine Frage, die an Fachleute gehen muss. Ich bin ja nur Journalistin. Das, was ich verstanden habe, ist, dass es zum einen eine genetische Komponente gibt, die Epigenetik. Ein Beispiel: Wir haben alle die Möglichkeit, Alzheimer zu bekommen, aber manche bekommen es nicht, weil genetisch bedingt die Plaques im Hirn besser abgebaut werden. Aber grundsätzlich können wir es alle bekommen. So ist es auch hier. Meine Tochter hat durch mich eine genetische Disposition, dass sie Magersucht bekommen könnte. Jetzt liegt es daran, ob das Umfeld, das sie umgibt, so ist, dass es nicht zum Ausbruch kommt. Eine genetische Disposition zu haben, bedeutet also nicht, dass wir dazu verdammt sind, etwas zu bekommen. Mit unserem Lebenswandel können wir viel im positiven Sinne beeinflussen.

„Ich hätte mir als Kind gewünscht, dass meine Mama sich mehr darum kümmert, dass es ihr besser geht – damit ich mich nicht darum kümmern muss.“

Das andere ist die Affektübertragung. Wir alle verhalten uns instinktiv, und Kinder lesen uns und lernen von uns das, was wir vorleben. Sie übernehmen Dinge von uns, und sie reagieren auf unsere Emotionen. Wenn wir in einer Familie sind, die unglaublich deprimiert und voller Schwere ist, dann färbt das natürlich auch auf die Kinder ab und sie entwickeln oft psychische Auffälligkeiten. Dazu kommen natürlich noch viele andere Faktoren von außen, zum Beispiel wie es ihnen in der Schule geht. Aber die traumatische Belastung selbst setzt sich fort wie ein Kreislauf: Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben und reproduziert sich immer wieder.

Deswegen ist die Selbstfürsorge, so wichtig – dass man seine Hausaufgaben mit der eigenen Psyche macht, dass es einem gut geht. Gerade für Mamas, die immer noch den Großteil der Care-Arbeit zu Hause übernehmen, finde ich das zentral. Ich hätte mir als Kind gewünscht, dass meine Mama sich mehr darum kümmert, dass es ihr besser geht – damit ich mich nicht darum kümmern muss.

Porträt von Moderatorin und Autorin Caro Matzko
Caro Matzko macht sich stark für mehr Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst und anderen. Foto: © Gerald von Foris

So können alte Wunden heilen

Marie Claire: Was braucht es, um diese transgenerationalen Traumata aufzuarbeiten?

Caro Matzko: Es braucht erstmal ein Bewusstsein dafür und den Glauben daran, dass diese Traumata tatsächlich existierten und dass es kein Esoterikschmarren ist. Es braucht ein Bewusstsein für die Macht von Familien und für Familie als System.

Es braucht offene Gespräche und eine verständnisvolle Gesprächsatmosphäre. Außerdem braucht es Therapeuten, die das begleiten. Ich hatte neulich ein Gespräch mit einer Kollegin, die gesagt hat: „Du hast es ja gut, du kannst mit deinen Eltern darüber sprechen.“ Und das muss ich auch sagen: Mein Vater ist voll dabei. Mir wird oft vorgeworfen, dass ich ihn „vorführe“, aber er hat das Buch gelesen, er weiß, dass das stattfindet, und er ist bereit, darüber zu sprechen. 

Wenn die Eltern dazu nicht bereit sind und Schweigen herrscht, macht das Kinder oft wirklich wütend. Meine Kollegin zum Beispiel weiß, dass etwas Schlimmes passiert ist, und ihr Vater redet nicht darüber. Dazu muss man aber wissen: Vielleicht ist die Belastung für ihn zu groß, vielleicht hat er Angst, das Fass mit der Finsternis anzubohren – genau wie ich damals. Dann kann man nichts anderes tun, außer bei sich selbst aufzuräumen und einen Umgang damit zu finden. Und dafür gibt es Hilfe.

Caro Matzko reist auf den Spuren ihres Vaters

Marie Claire: In ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Reise auf der damaligen Fluchtroute Ihres Vaters. Was haben Sie auf dieser Reise über sich selbst und Ihren Vater gelernt? 

Caro Matzko: Für mich war es wichtig, dass ich diesen Ort gesehen habe, von dem mein Vater mir immer in seinen Traumageschichten erzählt hat. Das war für mich wie eine Zeitreise. Ich kam mir vor wie ein Katalysator: Ich bin jetzt da, fühle die Gefühle, die er eigentlich fühlen müsste, und räume sie für ihn auf. So hat es sich angefühlt. Ich habe die Schönheit des Ortes gesehen und sogar jemanden getroffen, der noch diesen Dialekt spricht, von dem mein Vater immer erzählt hat – einen Dialekt, der vermutlich bald aussterben wird. Dabei habe ich viel von der Weichheit verstanden, die mein Vater mit diesem Ort und dieser Sprache verbunden hat, und konnte seine Sehnsucht besser nachvollziehen.

Das hat in mir einen neuen Frieden geschaffen und ein besseres Verständnis für ihn. Ich kann ihm jetzt empathischer begegnen – nicht mehr mit dem Teenager-Riot-Zynismus und der Härte, mit der ich ihm früher gegenübergetreten bin, sondern mit mehr Offenheit und Verständnis. Weil ich ihm jetzt besser zuhören kann, hat es uns auch nähergebracht. Und da muss ich mir auch an meine linksversiffte Journalistinnen-Nase packen: Wir alle tragen eine riesige Palette an Vorurteilen in uns, und das habe ich auch an mir gemerkt. Nichtsdestotrotz teile ich seine politischen Ansichten immer noch nicht, aber ich kann ihn jetzt besser sehen – in seiner Gesamtheit.

Eine Familiengeschichte, die Generationen bewegt

Marie Claire: Sie sind selbst Mutter einer Tochter, die Sie auch auf Ihrer Reise begleitet hat. Warum war es Ihnen wichtig, diese Erfahrung mit ihr zu teilen?

Caro Matzko: Damit sie früh ein Verständnis entwickelt. Mein Vater ist schon 91 und ich weiß nicht, wie lange wir ihn noch haben. Auch meine Mama ist bereits 81 Jahre alt. Ich wollte, dass sie versteht, woher dieser Teil der Familie kommt. Es sollte für sie nicht der Mythos bleiben, der es für mich immer war. Ich wollte, dass sie dabei ist und ein gutes Gefühl für diese Orte bekommt – und auch die schönen Dinge sehen kann, sowohl in Sachsen als auch im heutigen Polen.

Mir war es wichtig, dass sie auch noch diese Menschen trifft – diese deutschen Minderheiten, die ja alle mittlerweile sehr betagt sind. Ich glaube, sie war ein bisschen gelangweilt, aber sie war auf jeden Fall dabei. Wer weiß, wie lange sie überhaupt noch Lust hat, mit uns zu reisen. Zeit ist alles, was wir haben. Deswegen versuche ich, möglichst viel Zeit mit ihr zu verbringen und sie, wenn es sie nicht überfordert, an allem teilhaben zu lassen. Aber ihr natürlich auch programmlich entgegenzukommen – die Reise ist ja nicht nur für mich oder meinen Mann, sondern auch für sie.

Porträt von Moderatorin und Autorin Caro Matzko
Caro Matzko sensibilisiert dafür, welche wichtige Rolle seelische Gesundheit für die Gesellschaft spielt. Foto: © Gerald von Foris

Gesellschaftliche Folgen transgenerationaler Traumata

Marie Claire: Viele Familien in Deutschland tragen noch die alten Traumata von Flucht, Vertreibung und Krieg in sich. Welche Auswirkungen hat dieses Erbe auf unsere heutige Gesellschaft?

Caro Matzko: Ich glaube, die Auswirkungen sind immens. Und es sind ja nicht nur die Deutschen: Unsere Gesellschaft ist sehr bunt, und wir haben Menschen in erster, zweiter oder dritter Generation, die zu uns kommen, hier leben und ebenfalls Kriegserfahrungen oder Gewalterfahrungen gemacht haben. Wenn wir die Heime betrachten, in denen Geflüchtete untergebracht sind, sehen wir ein riesiges Potpourri an seelischen und körperlichen Verletzungen.

Deshalb prägt es unsere Gesellschaft auch heute auf eine ganz andere Art und Weise als die Nachkriegsgesellschaft. Gerade die multikulturelle Gesellschaft, in der wir leben, ist geprägt von Traumata. Wir reden viel von Integration, und für mich gehört dazu neben dem Sprachelernen – um Worte zu finden – auch eine gute psychologische Betreuung. Eigentlich bräuchten wir da noch viel mehr Angebote, denn die Plätze sind begrenzt.

Die Autorin plädiert für ein offenes Ohr gegenüber anderen

Marie Claire: Wie kann es gelingen, die „Alte Wut“ zu überwinden – ganz individuell, aber auch gesellschaftlich?

Caro Matzko: Indem wir uns zuhören. Das klingt banal, ist es aber nicht. Es geht darum, einander zuzuhören und sich wirklich die Mühe zu machen, das Kaleidoskop zu sehen. Das ist sauanstrengend – diese Gleichzeitigkeit auszuhalten: dass 99 Prozent eines Menschen uns gefallen, aber ein Prozent seiner Farben nicht, weil sie zu braun oder zu rot sind, oder was auch immer. Jeden Menschen als Individuum zu sehen, ist schwer, weil unser Hirn sich dagegen sträubt; wir wollen Komplexität reduzieren, um uns einfacher durch die Welt bewegen zu können. Ich weiß, es ist anstrengend, aber wir müssen diese Anstrengung unternehmen, sonst fliegt uns gesellschaftlich der Laden um die Ohren. Deshalb: immer wieder einen frischen Blick suchen, sich immer wieder neu begegnen. Es ist anstrengend, aber ich sehe keine andere Lösung.

Caro Matzko macht Mut, zu sich selbst zu stehen

Marie Claire: Was würden Sie den Leser:innen von Marie Claire zum Schluss gerne noch mit auf den Weg geben?

Caro Matzko: Schämt euch nicht! Mir ist beim Schreiben bewusst geworden, wie oft ich mich eigentlich noch für irgendetwas schäme. Und ich glaube, es ist wichtig, dass wir damit aufhören, weil es uns überhaupt nicht weiterbringt. Ich habe beschlossen, nicht mehr so viel Angst zu haben, beherzter durchs Leben zu gehen, bejahender und fröhlicher voranzumarschieren und nicht so viele Bedenken zu haben. 

Der Spruch „What if it works?“ ist quasi zu meinem Mantra geworden. Denn was wir oft vor lauter Scham oder Angst nicht tun, ist einfach loszumarschieren. Und genau das habe ich mit dem Buch gemacht: Ich bin die Reise angegangen und habe es geschrieben. Manche Menschen werden es mögen, manche nicht, und manchen wird es vielleicht weiterhelfen. Aber ich habe es einfach gemacht und sehe es als Angebot. Also, habt weniger Angst, schämt euch nicht für euch selbst. Ihr seid toll – mit allen Untiefen, Dellen, Unzulänglichkeiten, traurigen Momenten. Ihr seid alle wunderbar!

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