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Das Märchen vom Happy End: Autorin Beatrice Frasl entzaubert die romantische Liebe

Sie macht Schluss: In ihrem neuen Buch „Entromantisiert euch!“ beendet Beatrice Frasl den Mythos der romantischen Paarbeziehung und wirft dabei einem scharfen Blick auf gesellschaftliche Strukturen. Im Interview mit Marie Claire verrät die Autorin, wie das Ideal der großen Liebe gesellschaftliche Ungleichheiten zementiert und vor allem Frauen schadet.

Porträtfoto der Autorin Beatrice Frasl
Beatrice Frasl zählt zu den wichtigsten feministischen Stimmen im deutschsprachigen Raum. Foto: © Michael Würmer

Frische Perspektiven auf zwischenmenschliche Beziehungen

Eine Vordenkerin, die unseren Blickwinkel erweitert: Als Kulturwissenschaftlerin, Geschlechterforscherin, Podcasterin, Kolumnistin und Autorin setzt sich Beatrice Frasl seit Jahren mit den blinden Flecken unserer Gesellschaft auseinander. Egal ob es dabei um patriarchale Strukturen, psychische Gesundheit oder die Frage geht, wie ein besseres, gerechteres Leben für alle aussehen kann, die Österreicherin nimmt schonungslos bestehende Systeme in den Blick und eröffnet neue Perspektiven. In ihrem Podcast „Große Töchter“ behandelt sie geschlechterspezifische, gesellschaftspolitische Themen. Zudem klärt sie auf Social Media unter @fraufrasl über Feminismus, mentale Gesundheit und soziale Gerechtigkeit auf.

Mit ihrem neuen Buch „Entromantisiert euch!“ traut sie sich an eine scheinbar unantastbare Instanz heran: die romantische Liebe. In einer leidenschaftlichen, analytischen und provokanten Auseinandersetzung dekonstruiert sie ein Ideal, das Frauen in wirtschaftliche, emotionale und gesellschaftliche Abhängigkeiten treibt – und plädiert für neue Formen des Zusammenlebens jenseits patriarchaler Zwänge. Im Interview spricht sie über die Macht kultureller Narrative, die politischen Dimensionen von Beziehungen – und darüber, warum wir dringend neue Formen von Liebe und Partnerschaft brauchen.

Beatrice Frasl im Gespräch mit Marie Claire

Marie Claire: Wann haben Sie selbst zum ersten Mal das Narrativ der romantischen Liebe infrage gestellt?

Beatrice Frasl: Ich kann das gar nicht punktuell festmachen, weil ich schon als Kind von vielen Dingen sehr befremdet war. Ich habe nie so ganz verstanden, warum Menschen – also damals vor allem die Mädchen in meinem Alter – unbedingt einen Ehemann und Kinder wollten. Natürlich kann man als Kind oder vielleicht auch als Jugendliche Dinge noch nicht so reflektieren, wie man das als Erwachsene kann. Durch meine Beschäftigung mit dem Feminismus kam dann ein theoretisches Verständnis dazu, das es mir erlaubt hat, tiefergehend zu reflektieren. Aber einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht benennen, weil mich das Thema – oder vielmehr die Kritik daran – tatsächlich schon sehr lange begleitet.

Cover des Buchs "Entromantisiert euch!" von Beatrice Frasl
Das neue Buch „Entromantisiert euch!“ von Beatrice Frasl ist im Haymon Verlag erschienen. Foto: © Haymon

Alte Narrative auf dem Prüfstand

Marie Claire: Wie prägen unsere Erziehung und Sozialisation unser Bild von Liebe?

Beatrice Frasl: Ich glaube, dass unser Bild von Liebe nicht nur geprägt wird, sondern grundlegend bedingt ist durch unsere Erziehung und Sozialisation. Wobei ich unter Sozialisation auch Dinge wie kulturelle Narrative verstehe – popkulturelle Texte, Filme und so weiter. Das alles bedingt, was wir überhaupt unter Liebe verstehen – und welche Formen von Liebe wir als solche erkennen und welche nicht.

Wir leben in einer Kultur, in der das, was wir „romantische Liebe“ nennen, massiv überformt wird. Sie ist überlagert mit ganz vielen Werten, Normen und Überhöhungen, die kultureller Natur sind. Dass wir sie heute als etwas Wunderschönes und als das große Lebensereignis ansehen, ist nichts Naturgegebenes, sondern ein Bild, das wir lernen, das uns ansozialisiert wird.

Beatrice Frasl über filmreife Manipulation

Marie Claire: Da denkt man direkt an das typische Happy End im Hollywood-Film…

Genau, die klassischen Filme, die Liebe verhandeln, sind RomComs – romantische Komödien. In den 90ern und frühen 2000ern erlebte dieses Genre einen regelrechten Hype. Ich finde es sehr spannend – aber auch sehr erschütternd –, welche Vorstellungen von Liebe dort vermittelt werden. Vor allem welche Vorstellungen davon, wie Liebe überhaupt erkannt werden kann oder wann sie besonders groß und bedeutungsvoll ist. Gerade in der RomCom sehen wir sehr toxische Muster – ein Bild von Liebe, das letztlich sehr ungesund ist.

Aber es ist nicht nur ein Phänomen von vor 30 Jahren. So habe ich mich in meinem Buch zum Beispiel mit einer ganz aktuellen RomCom auseinandergesetzt. Der Film ist aus dem Jahr 2024 und heißt „The Idea of You“ mit Anne Hathaway in der Hauptrolle. Er wurde sogar als besonders feministische RomCom vermarktet. Ich war wirklich erschüttert davon, wie dort Liebe vermittelt wird: Der Film ist durchzogen von Kontrollverhalten seitens des Mannes und von Manipulation. Das wird im Film aber überhaupt nicht reflektiert. Diese toxischen, ungesunden oder vielleicht sogar gefährlichen Aspekte von Liebe werden offenbar nach wie vor nicht als solche erkannt.

Darum bevorzugt das Patriarchat die Paarform

Marie Claire: Warum festigt Ihrer Meinung nach das Ideal der romantischen Liebe die Strukturen des Patriarchats?

Beatrice Frasl: Ich glaube, dass die Idee der romantischen Liebe, wie wir sie kennen, ein ganz wesentlicher Grundpfeiler des Patriarchats ist. Das lässt sich sowohl historisch als auch auf einer ideellen Ebene erklären. Die Vorstellung der Liebes-Ehe, von der wir heute glauben, dass sie das normale, natürliche Modell sei, erscheint uns als etwas, das schon immer existierte und aus einem inneren Bedürfnis heraus geschieht. Tatsächlich ist dieses Modell aber ein relativ neues – es wurde erst im Zuge der Industrialisierung dominant. Davor wurde aus ganz anderen Gründen geheiratet, zum Beispiel um Besitz zu sichern oder Macht auszubauen.

In der feministischen Literatur wird das Konzept der romantischen Liebe eng mit dem Entstehen der Industrialisierung und der Ausbreitung des Kapitalismus verknüpft. Ein zentrales Element war dabei die Vorstellung, dass eine Person – in der Regel der Mann – dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Gleichzeitig brauchte es im bürgerlichen Milieu – ich spreche hier nicht von der Arbeiter:innenschicht, in der Frauen schon immer gearbeitet haben – eine zweite Person, die zu Hause bleibt und genau diese Arbeitskraft reproduziert. Dieses Modell, in dem eine Person 40 Stunden arbeitet und die andere zu Hause kocht, putzt, Kinder betreut und die Arbeitskraft des Arbeitenden reproduziert, indem sie in der Zwischenzeit seine Wäsche wäscht und dafür sorgt, dass was zum Essen auf dem Tisch steht, ist im Kern bis heute erhalten geblieben.

„Von klein auf lernen Frauen, dass es etwas ganz Zentrales ist, 'the one' zu finden – den Ehemann, den Partner, die große Liebe."

Dazu kam, dass sich im Zuge der Industrialisierung die Sphären von Öffentlichkeit und Privatheit stark polarisierten: Kinder wurden nicht mehr mit zur Arbeit genommen, es wurde nicht mehr im eigenen Haus produziert. Die Erwerbsarbeit fand in der öffentlichen Sphäre statt – die den Männern zugeschrieben wurde –, Frauen arbeiteten im Privaten, unbezahlt. Ein ganz zentrales ideologisches Element, das dieses System stützte, war die Idee der romantischen Liebe – und insbesondere die Vorstellung vom „Aus-Liebe-Arbeiten“. Es reichte also nicht, einfach das Essen zu kochen; man musste es auch gern gekocht haben – aus Liebe.

Und auch heute noch ist diese Vorstellung auf einer anderen Ebene wirksam. Von klein auf lernen Frauen, dass es etwas ganz Zentrales ist, „the one“ zu finden – den Ehemann, den Partner, die große Liebe. Das bedeutet sehr viel Arbeit und Investition, auch auf emotionaler Ebene. Wir lernen, wie wir uns selbst möglichst attraktiv machen, dass wir für Männer anziehend sind. Das alles bindet unglaublich viel Energie, Arbeit und Investitionen von Frauen – und leitetet diese auf Männer um. Die Frage ist: Was könnten Frauen und Mädchen alles mit dieser Kraft tun, wenn sie nicht so sehr darauf ausgerichtet wären, Liebe zu finden, für Liebe attraktiv zu sein und sie dann auch noch aufrechtzuerhalten?

Beatrice Frasl: So wird Profit aus der Liebe geschlagen

Marie Claire: Welche Rolle spielen kommerzielle Interessen dabei, romantische Liebe als zentrales Lebensziel zu vermarkten?

Beatrice Frasl: Es gibt ganze Industrien, die an der Idee romantischer Liebe hängen. Damit meine ich nicht nur den Blumenhandel,  Herzpralinen oder Tassen mit Herzhenkel – all die Dinge, die man am Valentinstag kaufen oder verschenken soll. Es geht noch viel weiter: Da sind zum Beispiel Dating-Apps, die in den letzten Jahren Millionen Umsätze gemacht haben, oder Dating-Coaches. Dazu kommen Angebote, die mit Paartherapie oder Paarcoaching zu tun haben – bis hin zu Scheidungsanwält:innen. Diese Berufsfelder leben letztlich davon, dass wir romantische Liebe für zentral in unserem Leben halten.

„Vieles von dem, was wir als Liebe verstehen, ist in Wirklichkeit von einer massiv kapitalistischen Logik durchzogen.“

Ich würde sogar sagen, auch die Kosmetikindustrie gehört dazu. Denn ein Teil dieser Logik ist ja, dass Frauen lernen, für Männer attraktiv sein zu müssen. Und da stellt sich die Frage: Wenn wir das nicht gelernt hätten – hätten wir dann überhaupt das Bedürfnis, uns zu wachsen, zu schminken und uns möglichst schön herzurichten? Also machen wir das wirklich nur für uns selbst? Ich will das niemandem absprechen, aber ich glaube, ein großer Teil der Schönheitsindustrie würde wegbrechen, wenn Frauen sich nicht mehr im selben Ausmaß für den männlichen Blick zurechtmachen würden.

Und was auch dazugehört, ist, dass gerade Dating-Apps oder Dating an sich – uns selbst in gewisser Weise zum Produkt machen. Sie sorgen für eine Verdinglichung von Personen. Ich nenne das immer „Menschen-Shopping“. Man scrollt durch eine Oberfläche, sieht ein Produkt, das einem gefällt und legt es quasi in den Warenkorb – und genau so fühlt sich das auch an. Es gibt Studien, die zeigen, dass solche Apps Angstzustände und Depressionen massiv verstärken können. Denn es ist keine schöne Erfahrung, sich selbst und andere als eine Art Produkt wahrzunehmen. Vieles von dem, was wir als Liebe verstehen, ist also in Wirklichkeit von einer massiv kapitalistischen Logik durchzogen. Und das ist überhaupt nicht romantisch

Ein Plädoyer für einen umfassenderen Liebesbegriff

Marie Claire: Wie beeinflusst die gesellschaftliche Überhöhung romantischer Liebe unsere Freundschaften und familiären Beziehungen?

Beatrice Frasl: Ich glaube, dass die Überhöhung romantischer Liebe dazu führt, dass wir andere Formen von Liebe in unserem Leben geringschätzen – und dass uns dadurch ganz viel verloren geht. Es gibt eine bekannte Forschung von Robin Dunbar, einem Freundschaftsforscher, der sagt, dass mit jeder romantischen Beziehung, die dazukommt, zwei enge Freundschaften verloren gehen. Und das ist natürlich ein tragischer Befund – zumindest dann, wenn man davon ausgeht, dass romantische Beziehungen eben nicht so viel mehr wert sind als Freundschaften.

Ich glaube, romantische Beziehungen haben eine sehr disruptive Wirkung auf das ganze soziale Umfeld. Viele kennen das vielleicht: Man hat eine sehr enge Freundin – und sie verändert sich total, sobald sie in einer romantischen Beziehung ist. Sie meldet sich nicht mehr, zieht sich zurück. Auf gesellschaftlicher Ebene schätzen wir durch diese Überhöhung der romantischen Liebe andere Beziehungsformen viel zu gering. Das beginnt schon mit unserer Sprache: Kaum jemand spricht von seinen Freund:innen als Partner:innen oder sieht Freundschaften als Liebesbeziehungen – obwohl sie das ja oft sind

"Ich glaube, wir sollten unsere Beziehungspraxis kritischer reflektieren und vielleicht andere Beziehungen in unserem Leben stärker ins Zentrum stellen."

Diese Überhöhung der romantischen Liebe führt auch dazu, dass wir in unserer Beziehungspraxis immer eine Person priorisieren. Mit wem fahre ich in den Urlaub, mit wem baue ich ein Haus, mit wem bekomme ich Kinder? Und genau das möchte ich in Frage stellen. Weil ich glaube, dass Freundschaften ganz zentrale Liebesbeziehungen in unserem Leben sind – vielleicht sogar stärkere als romantische Beziehungen.

Ich versuche also einen Fokus-Shift anzuregen. So möchte ich Menschen dazu bringen, darüber nachzudenken, wie sehr sie durch die Einengung auf eine romantische Zweierbeziehung vielleicht andere wichtige Menschen im Leben verlieren. Ich glaube, wir sollten unsere Beziehungspraxis kritischer reflektieren und vielleicht andere Beziehungen in unserem Leben stärker ins Zentrum stellen. Beziehungen, die beständiger sind, die tragender sind – und die nicht so eine disruptive Wirkung haben.

Autorin Beatrice Frasl über das Trugbild der Verliebtheit

Marie Claire: Neben der Liebe setzen Sie sich in ihrem Buch auch mit dem Verliebtsein auseinander. Welche Probleme sind mit der Idealisierung dieses Gefühlszustands verknüpft?

Beatrice Frasl: Ich finde es besonders interessant, dass Verliebtheit überhaupt immer als etwas Positives betrachtet wird. Ich bin jemand, der diesen Zustand immer ganz schrecklich fand – und gleichzeitig fand ich es spannend, dass das als das Schönste beschrieben wird, was einem passieren kann. Dabei ist es ein massiv destabilisierender Zustand, der einen komplett rausreißt aus allem anderen. Man kann sich auf nichts anderes mehr konzentrieren, hat keine anderen Interessen mehr, bekommt Herzrasen und Schwindel.

Ich finde es total spannend, dass das kulturell trotzdem als etwas Schönes verklärt wird. Tatsächlich ist es so, dass – wie Neurowissenschaftler:innen beschreiben – bei Verliebtheit im Gehirn hormonell genau das passiert, was auch bei einer Zwangsstörung oder Suchterkrankung geschieht. Verliebtheit ist also im Grunde eine Sucht – eine Sucht nach einem Menschen. Verliebtheit bindet uns massiv an eine Person – einfach, weil hormonell so viel in Gang gesetzt wird.

"Ich finde, wir sollten Verliebtheit ernst nehmen – nicht idealisieren, aber auch nicht infantilisieren."

Und das kann sehr schmerzhaft enden. Im schlimmsten Fall bindet sie uns an Menschen, die uns wirklich schaden, die gewalttätig sein können, auf psychischer oder physischer Ebene. Ganz oft verlieben wir uns in Menschen, die uns nicht guttun. Oder in Menschen, die zwar nett sind, bei denen es aber einfach nicht passt.

Ich plädiere daher für einen realistischen Blick auf diesen Zustand. Ich finde, wir sollten Verliebtheit ernst nehmen – nicht idealisieren, aber auch nicht infantilisieren. Was wir ebenfalls ernst nehmen sollten, ist Liebeskummer. Auch das ist ein Begriff, den wir, finde ich, total infantilisieren. Dabei ist es eigentlich ein schwerwiegender Entzug. Wenn wir Verliebtheit als Suchterkrankung denken, dann ist Liebeskummer der Entzug. Und gleichzeitig ist es auch ein massiver Trauerprozess.

Diese Risiken und Nebenwirkungen birgt die Romantik

Marie Claire: Welche Nachteile kann die heteroromantische Paarbeziehung für Frauen mit sich bringen?

Beatrice Frasl: Es gibt eine ganz lange Liste an Dingen. Meine Beschäftigung mit dem Thema hat sich aus meinem letzten Buch („Patriarchale Belastungsstörung“, Haymon Verlag) heraus entwickelt. Bei der Recherche sind mir zwei Dinge besonders aufgefallen. Das eine war: wie schlimm Einsamkeit für unsere psychische, aber auch für unsere körperliche Gesundheit ist für Herz, Immunsystem und physische Gesundheit. Das zweite: Es sind vor allem Freundschaften, also Communities, die Menschen gesund halten. Wenn man sich dagegen die romantische Paarbeziehung anschaut, zeigt sich: Frauen, die mit Männern zusammenleben, sind häufiger depressiv, leben kürzer und ungesünder. Männer dagegen leben in Beziehungen mit Frauen länger und gesünder.

Warum ist das so? Einer der Gründe ist, dass Frauen in diesen Beziehungen sehr viel unbezahlte, ungesehene Arbeit leisten – nicht nur Hausarbeit und Kinderbetreuung, sondern auch emotionale Arbeit und Fürsorge. Männer gehen in Ehen mit Frauen häufiger zum Arzt, leben gesünder und länger – bei Frauen ist es umgekehrt. Frauen übernehmen eine 24-Stunden-Betreuung: Haushälterin, Kinderbetreuerin, Krankenpflegerin. Das bleibt nicht ohne Folgen – zumal sich um sie oft niemand kümmert. Ein zentraler Begriff ist hier „Mental Load“. Frauen tragen enorm viel davon – nicht nur sichtbare Arbeit, sondern auch die ganze Denkarbeit drumherum.

"Wenn Kinder dazukommen, tradieren sich Geschlechterrollen meist noch stärker zurück."

Und was man nie ausblenden darf: Gewalt gegen Frauen ist in diesen Beziehungen allgegenwärtig, vor allem wenn man auch psychische und finanzielle Gewalt mit einbezieht. Wenn Kinder dazukommen, tradieren sich Geschlechterrollen meist noch stärker zurück. Frauen vereinsamen oft – sie sind plötzlich die einzige Bezugsperson für einen Säugling – und geraten schnell in massive finanzielle Abhängigkeit. Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin beschreibt das sehr treffend mit dem Begriff der „Motherhood Penalty“: Frauen werden ökonomisch für Mutterschaft bestraft. Ihr Einkommen sinkt massiv – und erreicht nie wieder das Niveau von Männern. Das hat massive Auswirkungen: Altersarmut, große Pensionslücken – und all das hängt mit dem Konzept romantischer Liebe zusammen.

Beatrice Frasl: Mit Solidarität gegen das System

Marie Claire: Wie untergräbt das Narrativ der romantischen Liebe den Feminismus und die Verbindung von Frauen untereinander?

Beatrice Frasl: Vor allem heterosexuelle Frauen werden durch die Idee der romantischen Liebe sehr stark auf Männer orientiert. Wir werden darauf sozialisiert, Bedürfnis-Erfüllerinnen zu sein. Diejenigen, die befürsorgen, die sich kümmern, die lieb und nett sind und emotionale Arbeit leisten. Es gibt eine ganze Kulturindustrie, die darauf ausgerichtet ist, uns zu braven Ehefrauen zu machen. Wir sollen möglichst attraktive und gute Partnerinnen sein. Das gilt immer noch als unser Hauptlebenszweck.

Und weil uns das von anderen Bindungen wegbewegt, entfernt es uns natürlich auch von Beziehungen mit anderen Frauen. Statt Zeit mit meinen Freundinnen zu verbringen, sie zu stützen, mit ihnen Pläne zu schmieden und solidarisch zu sein, befürsorge ich in dieser Zeit einen Mann. Es ist ein System, das dafür sorgt, dass wir unbezahlt für Männer arbeiten. 

Ich denke, es erfüllt auch eine patriarchale Funktion, dass wir weniger enge Bindungen mit Frauen eingehen. Dabei sind das wichtige Räume der Solidarisierung: Räume, in denen wir mit anderen Frauen gemeinsam Strategien entwickeln können, wie wir mit patriarchalen Verhältnissen umgehen. In denen wir uns austauschen darüber, wie es uns geht in diesem System, in denen wir uns solidarisieren und füreinander da sein können. Und ich glaube, um das gut tun zu können, müssen wir die romantische Liebe in unserem Leben ein Stück weit dezentrieren.

Neue Nähe und neue Wege finden

Marie Claire: Was können wir gewinnen, wenn wir das Romantikprimat überwinden?

Beatrice Frasl: Wir können ein breiteres Verständnis und Erleben von Liebe gewinnen. Wir hätten, glaube ich, mehr Liebe in unserem Leben, ohne die Zentralität der romantischen Beziehung. Ich beschreibe es immer so: Die romantische Liebe steht wie ein Riesenberg zwischen uns und anderen Lieben. Wenn man diesen „Berg“ etwas zur Seite schiebt, sieht man plötzlich, wie viel Liebe man im Leben hat: Freundinnen, Schwestern, vielleicht auch die Mitbewohnerin, die einem Eis ans Bett bringt, wenn man Liebeskummer hat. Menschen haben ganz viel Liebe in ihrem Leben, die sie gar nicht als solche sehen – und hetzen stattdessen der romantischen Liebe hinterher. Anstatt zu fragen: Habe ich nicht schon Menschen in meinem Leben, mit denen ich viele der Bedürfnisse, die ich in die romantische Beziehung projiziere, auf andere Weise erfüllen könnte?

"Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir nicht nur Paare mit Kindern als Familie anerkennen."

Man kann auch körperliche Nähe in Freundschaften leben – das muss nicht sexuell sein. Man kann eine Freundin als Beziehungsperson zentrieren, sie vielleicht sogar als Partnerin verstehen: mit ihr gemeinsam finanzielle Entscheidungen treffen, zusammen wohnen, Tiere adoptieren, vielleicht sogar Kinder bekommen, ein Haus bauen. So können wir auch ein neues Verständnis von Familie gewinnen. Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir nicht nur Paare mit Kindern als Familie anerkennen, sondern darüber hinaus auch ein Verständnis von Familie entwickeln, das über romantische und biologische Beziehungen hinausgeht. Auch engste Freund:innen können Familie sein. Wir können also ein größeres Repertoire an Lebensentwürfen und Beziehungsmöglichkeiten gewinnen.

Und letztendlich – das ist die paradoxe Antwort – kann auch die romantische Beziehung selbst gewinnen, wenn wir sie dezentrieren. Denn sie ist so überladen mit Bedeutung und Erwartung, dass sie oft kaum Luft zum Atmen hat. Wenn man etwas von dieser Last wegnimmt, ist das vielleicht die einzige Chance, romantische Beziehungen nachhaltig und gesund zu gestalten – und ihnen eine Zukunft zu geben.

Beatrice Frasl plädiert dafür, die Liebe breiter zu denken

Marie Claire: Wie könnten Liebes- und Beziehungsmodelle aussehen, wenn wir sie von patriarchalen Strukturen befreien?

Beatrice Frasl: Ich glaube, jenseits patriarchaler Strukturen gibt es wesentlich breitere Communities. Man hätte also nicht nur kleine Familien, sondern größere familiäre Zusammenhänge. Ganz einfach deshalb, weil es eigentlich gar nicht möglich ist, Kinder erfolgreich in ganz kleinen Verbänden aufzuziehen. Man sagt ja: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ – und das ist tatsächlich so.

Ich glaube, ohne das Patriarchat wäre Familie etwas wesentlich Breiteres, Größeres. Und in meiner Vorstellung wäre es auch etwas, das nicht nur an die biologische Familie geknüpft ist. Familie wären dann auch die engsten Freund:innen. Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass so ein Familienverständnis irgendwann rechtliche Anerkennung findet. Dass man Familie selbst definieren kann: Wer ist Teil meiner Familie? Wer erbt von mir? Wer darf medizinische Entscheidungen für mich treffen? Aber man braucht auch Rahmenbedingungen, um solche Modelle überhaupt leben zu können.

Verantwortungsgemeinschaft statt Ehe

Marie Claire: Welche gesellschaftlichen oder auch politischen Veränderungen sind nötig, damit es den Menschen überhaupt möglich wird, sich zu „entromantisieren“?

Beatrice Frasl: Das lässt sich schwer auf einzelne Punkte zusammenfassen, weil unser ganzes System darauf ausgerichtet ist. Und genau das ist ja das Problem. Es ist nicht nur eine individuelle Frage – also: Wie gestalte ich meine Beziehungen? –, sondern wir haben ein ganzes System, das darauf ausgelegt ist, dass Menschen sich in Paarbeziehungen zusammenfinden. Von steuerlichen Erleichterungen bis hin zu Erbregelungen oder der Definition davon, wer offiziell als nächster Angehörige gilt – hängt alles an diesem Ideal.

Was ich da tatsächlich notwendig fände, wäre ein Modell – ich nenne es mal Verantwortungsgemeinschaften – bei dem Menschen zum Beispiel aufs Standesamt gehen und sagen können: Person A, Person B, Person C – das sind meine engsten Vertrauten. Das ist jetzt meine Familie. Wir übernehmen Verantwortung füreinander und stehen auch rechtlich in einem Verhältnis zueinander.

„Grundsätzlich fände ich es ganz wichtig, dass es neben der Ehe noch ein anderes rechtliches Modell gibt.“

Man kann sich dann natürlich genauer anschauen, wie das ausgestaltet ist – aber grundsätzlich fände ich es ganz wichtig, dass es neben der Ehe noch ein anderes rechtliches Modell gibt. Eines, das auch Menschen einschließt, die zum Beispiel in romantischen, aber nicht monogamen Beziehungen leben, oder auch Menschen, die sagen: Ich will ein freundschaftszentriertes Leben führen. Oder: Ich habe zwar einen Ehemann, aber ich habe auch zwei beste Freundinnen, die genauso wichtig sind – mit denen bin ich auch Familie. Und ich will das rechtlich so definieren können.

Ich glaube, dass so ein Rechtsinstrument schon sehr viel in den Köpfen bewegen würde. Ich merke beim Sprechen über mein Buch oft, dass viele Menschen über das Thema überhaupt noch nie nachgedacht haben – dass es überhaupt eine andere Möglichkeit geben könnte, Beziehungen und Verantwortung füreinander zu organisieren. Weil ihnen dieses dominante Modell so natürlich erscheint, fast schon gottgegeben.

Beatrice Frasl sieht weibliche Verbundenheit als Fundament

Marie Claire: Wir bei Marie Claire wollen Frauen und ihren Themen eine Plattform geben. Welche Message würden Sie unseren Leser:innen gerne zum Schluss mit auf den Weg geben?

Beatrice Frasl: Die Message, die ich gerne mitgeben möchte ist, dass Verbindung und Solidarität unter Frauen eine tragende Säule in unserem Leben sind. Und dass wir das ausreichend wertschätzen und ins Zentrum unseres Lebens stellen sollten. Denn das, was uns durchs Leben trägt, sind oft andere Frauen. Ich wünsche mir mehr Wertschätzung dafür – und dass wir auch andere Frauen mehr feiern. Das ist das, was ich gerne mitgeben möchte, weil ich glaube, dass es das Gesündeste ist, was Frauen für sich selbst tun können.

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