Alicia Viebrock bringt Energie auf die Leinwand

Intention und Intuition lässt Alicia Viebrock in ihrer Arbeit gekonnt ineinanderfließen. Dabei begegnet eine kraftvolle, gestische Bildsprache tiefgründigen Reflexionen über Leben und Vergänglichkeit. Im Interview mit Marie Claire spricht die Künstlerin über ihre Inspirationsquellen, die Kraft der Farbe und den kreativen Prozess hinter ihren Werken.

Portrait von Alicia Viebrock in ihrem Atelier.
Alicia Viebrock spielt in ihren Bildern mit Gegensätzen – zwischen Anziehung und Abstoßung. Foto: © Alexander Eckhardt

Alicia Viebrocks ausdrucksstarke Bildsprache

Wie viel Kreativität aus dem Chaos erwachsen kann, zeigt das Werk von Alicia Viebrock. Schließlich gibt sie auf ihren großformatigen Leinwänden dem Impulsiven, Unkontrollierten eine eigene Ordnung. Dabei verdichten sich kraftvolle Pinselstriche, kalligrafische Linien und bunte Farbspritzer zu einer gestischen Bildsprache voller Energie. Die in Wien und Köln lebende Malerin arbeitet mit Öl, Tusche und Acryl, oft auf rohem oder monochromem Grund, der einen spannenden Kontrast zu ihrer dynamischen Malerei setzt.

Ausgebildet an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschülerin von Herbert Brandl, verbindet Alicia Viebrock in ihren Arbeiten kalkulierte Komposition mit dem expressiven Ausdruck des Unterbewussten. Hierbei bringt sie das auf die Leinwand, was Worte nicht auszudrücken vermögen. Im Interview mit Marie Claire verrät sie, wie ihre Bilder entstehen, warum Farben für sie „gefährlich“ sein können und welche Rolle das Alleinsein im Atelier bei ihrer Arbeit spielt.

Portrait von Alicia Viebrock in ihrem Atelier.
Alicia Viebrock bringt Kreativität ins Großformat. Foto: © Alexander Eckhardt

Steckbrief Alicia Viebrock

Geburtsjahr: 1986, München –
deutsch-sardisch (italienisch)

Wohnort: Köln, Wien

Akademische Ausbildung:

  • Kunstakademie Düsseldorf, Meisterschülerin von Herbert Brandl

Bisherige Meilensteine:

  • 2019/2020: „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“, Kunstmuseum Bonn, Museum Wiesbaden, Kunstsammlung Chemnitz und Deichtorhallen Hamburg (Gruppenausstellung)
  • 2019 Rubell Family Collection, Sammlungsausstellung, Miami
  • 2023 Artist in Residency in Uruguay, Galerie Atchugarry
  • 2024 MKM Museum Küppersmühle, Duisburg, Die Sammlung Haniel – der eigene Weg
  • 2025 Katalogveröffentlichung „Manienna“ – Galerie Bärbel Grässlin

Alicia Viebrock im Interview mit Marie Claire

Marie Claire: Wann und wie sind Sie zum ersten Mal mit Kunst in Kontakt gekommen?

Alicia Viebrock: Von Kunst bin ich schönerweise schon immer umgeben gewesen. Im sardischen Teil meiner Familie gab es viele Kreative und Künstler, klassische Freskenmaler, Kunstmaler, Sänger…  An den Wänden meiner Eltern hingen immer die Zeichnungen meines Onkels und die Ölbilder meiner malenden Großeltern. Von Aktmalereien über christliche Motive bis zu Landschaft war das Spektrum gut abgedeckt. Meine Aufmerksamkeit war sofort scharfgestellt, wenn es um Kunst ging. Darin konnte ich mich voll vertiefen, andere Dinge haben mich als Kind immer schnell gelangweilt.

Marie Claire: Kam für Sie überhaupt ein anderer Beruf infrage?

Alicia Viebrock: Ich bin ein eher chaotischer Typ. Eine Eigenschaft, die im „normalen Leben“ oft zu Sanktionen führt, bekommt in der Kunst dann einen Sinn, gar eine Aufwertung. Ich liebe es, so regelfrei arbeiten zu können. Aus der finanziellen Not wäre schon was anderes gegangen, Künstlerin oder Künstler bleibt man ja trotzdem. Während meines Studiums habe ich bei ambulanten Pflegediensten als Teilzeitkraft gejobbt. Das hätte ich dann weitergemacht.

Marie Claire: Was sind die größten Herausforderungen am Künstlerleben?

Alicia Viebrock: Für mich mittlerweile die körperliche Energie, die die Kunst von mir bekommt. Ich gehe sehr in meiner Arbeit auf. Die dafür gebrauchte Kraft und Zeit fehlt mir dann manchmal an anderen Stellen. Im Sommer funktioniert das alles noch ganz gut, im Winter bin ich eher verloren.

Alicia Viebrocks Werk „Tintenkiller Sechste Stunde“ (2025, Tusche und Acryl auf Leinwand, 200 × 400 cm)
Als Teil ihrer letzten Ausstellung in der Galerie Grässlin in Frankfurt begeisterte Alicia Viebrocks Werk „Tintenkiller Sechste Stunde“ (2025, Tusche und Acryl auf Leinwand, 200 × 400 cm). Foto: © Günzel & Rademacher

„Mich beschäftigt alles Triebhafte, die Energien die uns umgeben sowie der Tod und alle seine Facetten.“

Marie Claire: Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Alicia Viebrock: Vielleicht als malerisches Spiel zwischen Anziehung, Abstoßung, Wachstum und Isolation.

Marie Claire: Woher stammen Ihre Inspirationen?

Alicia Viebrock: Mich beschäftigt alles Triebhafte, die Energien die uns umgeben sowie der Tod und alle seine Facetten. Alles, was man nicht in Worten ausdrücken kann oder worauf es keine Antworten gibt, finde ich inspirierend, interessant, beängstigend und tröstlich zugleich – Benzin für die Malerei.

Marie Claire: Wie lässt sich der Entstehungsprozess Ihrer Bilder beschreiben?

Alicia Viebrock: Anhand eines lockeren Startes, erstmal schaffe ich eine Basis mit einer großen Tuschzeichnung auf der Leinwand. Komplexere Bildstrategien verschiebe ich auf den zweiten Schritt, auf einen neuen Tag, wenn das Auge noch nicht so verbraucht ist. So entstehen wieder ganz neue Assoziationen, man kann nochmal neu entscheiden. Und so geht das dann immer weiter, die Malerei ist auch immer ein Dialog mit den inneren, verschiedenen Anteilen.

Alicia Viebrocks Arbeiten in der Galerie Lisa Kandlhofer in Wien.
Von lauten bis zu leisen Tönen – Alicia Viebrocks Arbeiten in der Galerie Lisa Kandlhofer in Wien. Foto: © Manuel Carreon Lopez

„Die Einsamkeit im Atelier ist der eigentliche Schlüssel zu meiner ganzen Arbeit.“

Marie Claire: Gibt es bestimmte Rituale oder eine besondere Atmosphäre, die Sie zum Malen brauchen?

Alicia Viebrock: Rituale eigentlich nicht. Ich male aber ungern ohne meinen Hund Lilli. Sie war schon in der Kunstakademie beim Malen dabei, sofern das Reinschmuggeln in die heiligen Hallen geklappt hat.

Sonst brauche ich viel Ruhe. Die Einsamkeit im Atelier ist der eigentliche Schlüssel zu meiner ganzen Arbeit.

Marie Claire: Wie viel Intuition und wie viel Intention steckt in Ihren Werken? 

Alicia Viebrock: Ich würde sagen, es hält sich die Waage. Das Unterbewusstsein hat definitiv viel mitzureden. Ein paar Monate oder gar Jahre brauche ich schon, um meine Gemälde im Kontext meines Lebens besser zu verstehen. Ich sehe dann rückwirkend meine Energie und mein Gefühlsleben auf der Leinwand, ohne dass ich willentlich irgendwelche Emotionen ausdrücken wollte.

Den Artworld Collectorsroom von Anderl/Weber in Wien nutzte Alicia Viebrock zeitweise als Atelier.
Der Artworld Collectorsroom von Anderl/Weber in Wien wurde für Alicia Viebrock eine Zeit lang zum Atelier. Foto: © Alexander Eckhardt

„Farben sind wie Suchtmittel, man kann es auch übertreiben.“

Marie Claire: Welche Rolle spielen Farben für Ihre Arbeit?

Alicia Viebrock: Gefährlich! Farben sind wie Suchtmittel, man kann es auch übertreiben. Oft sind die buntesten Bilder, die mit der versteckten Schwere. Sie dienen vielleicht als eine Projektion von ungelebtem Leben und unerfüllten Wünschen. Die Trauer ist dann Phtalogrün, Magenta und Neapelgelb. Ein bunter, schöner Schrein.

Wenn mir die Farben zu viel werden, gibt‘s einen Reset und es wird in Schwarz-Weiß und blassen Tönen gemalt.

Marie Claire: Welche anderen Künstler:innen haben Sie beeinflusst?

Alicia Viebrock: Aus der Kunstgeschichte waren es unter anderem Helen Frankenthaler und Motherwell, die mich malerisch fasziniert haben. Ein Faible für die alten Italiener der Renaissance und des Frühbarock, Bernini und Caravaggio besteht aber auch. Otto Dix fand ich immer schrecklich, aber seine Farbigkeit wahnsinnig anziehend.

Im realen Leben war es Herbert Brandl, mein Professor an der Kunstakademie, der mich sehr beeinflusst hat. Nach meinem Studium blieben wir in freundschaftlichem Kontakt. Von ihm habe ich gelernt, dass man auch als introvertierte Person in der Kunstwelt bestehen kann. Als ich im Rahmen einer Ausstellung mal in Zeitdruck und Stress kam, meinte er zu mir „In 15 Tagen kannst du die ganze Albertina vollmalen.“ Der Beste Tipp aller Zeiten! Letztes Jahr ist er unerwartet verstorben, er fehlt sehr.

„Früher waren Galeristinnen, Sammlerinnen und Frauen an einflussreichen Stellen der Kunstinstitutionen in der Unterzahl.“

Marie Claire: Welche Ausstellungen und Projekte sind bei Ihnen im Jahr 2026 geplant?

Alicia Viebrock: Meine nächsten Einzelausstellungen sind im November in Wien in der Galerie Lisa Kandlhofer und im März 2027 in Miami in der Galerie Piero Atchugarry. Ich freue mich auf den Schaffensprozess für die beiden Ausstellungen. Davor gibt es einige Kunstmessen, für die ich gerade an neuen Bildern arbeite.

Demnächst wird ein Kurzfilm über das „Artist in Residency“-Programm der Gallery Atchugarry in Uruguay geteilt. Dort malte ich mitten in einem Naturschutzgebiet, umgeben von Tieren und sonderbaren Geräuschen in einem kleinen Atelier für eine Ausstellung. Vor Ort wurde ich von Alexander Eckhardt mit der Kamera begleitet, sein Film gibt Einblicke in dieses wahnsinnig schöne Projekt.

Marie Claire: Was sind Ihre Ziele und Träume für die Zukunft?

Alicia Viebrock: Ziele? Open end! Lebensentwürfe wechseln sich zyklusbedingt fast wöchentlich.

Träume? Eine gemischte Tüte aus Fairness, Frieden, niedrigere Hierarchien, echte Konsequenzen aus den Epstein Files… so einiges.

Marie Claire: Möchten Sie eine Message mit Ihrer Kunst vermitteln?

Alicia Viebrock: Nein.

Alicia Viebrock und ihr Hund Lilli im Atelier.
Kreatives Team: Alicia Viebrock und ihr Hund Lilli. Foto: © Alexander Eckhardt

Marie Claire: Wie würden Sie diesen Satz vervollständigen: Kunst ist für mich…

Alicia Viebrock: chaotische Struktur

Marie Claire: Wir bei Marie Claire haben die Rubrik Kunst & Kultur weit vorne im Heft platziert. Weil uns das Thema wichtig ist und wir glauben, dass das Thema auch für Frauen immer wichtiger wird. Ist das auch ihr Eindruck?

Alicia Viebrock: Das ist mein Eindruck. Früher waren Galeristinnen, Sammlerinnen und Frauen an einflussreichen Stellen der Kunstinstitutionen in der Unterzahl. Da verschiebt sich was, definitiv. Dass das Thema für Frauen wichtiger wird, glaube ich aber nicht, es war immer wichtig.

Marie Claire: Frauen und ihren Themen möchte Marie Claire eine Stimme gebe, welche Botschaft würden Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben?

Alicia Viebrock: Mit unseren Unsicherheiten lässt sich sehr viel Geld verdienen. Ich möchte euch sagen, ihr seid gut und schön, so wie ihr seid!

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