Der Sommer ist da und mit ihm sind die Tage länger, die Kleidung kürzer und der Kalender voller. Wir sitzen bis in die späten Abendstunden draußen, fahren spontan ans Wasser und genießen die sonnige Freiheit und Leichtigkeit. Doch während wir unseren Körper mit reichlich Sonnencreme eincremen und ihn schützen, vergessen wir häufig ein Organ, das auf Hitze besonders sensibel reagiert: unser Gehirn. Eine Neurologin erklärt die wichtigsten Fakten und gibt Hitze-Tipps.
Das Gehirn gehört zu den wohl größten Meisterwerken des menschlichen Körpers. Kaum größer als eine Honigmelone, kaum schwerer als anderthalb Kilogramm, und doch ist es das Zentrum all dessen, was uns ausmacht. Hier entstehen schöne wie schlechte Erinnerungen, Gedanken, Sprache, Kreativität und unsere Persönlichkeit. Rund 86 Milliarden Nervenzellen kommunizieren in einem fein abgestimmten Netzwerk, das Tag und Nacht arbeitet und dabei einiges an Energie beansprucht. Seine enorme Stärke ist zugleich seine größte Verletzlichkeit: Das Gehirn verlangt keine spektakulären Wundermittel, sondern erstaunlich einfache Dinge, darunter ausreichend Schlaf, genügend Flüssigkeit, regelmäßige Bewegung und Erholung. Kurz: Unser Gehirn ist ein bisschen wie ein anspruchsvoller Mitbewohner – brillant, unglaublich leistungsfähig, aber auch sensibel. Wer sich also gut um ihn kümmert, hat meist ein Leben lang etwas davon.
Foto: Silke an Mey Photography
Gerade im Sommer verdient unser Gehirn besondere Aufmerksamkeit, da es überschüssige Wärme nur schlecht selbst ausgleichen kann und darauf angewiesen ist, dass der Körper seine Temperatur konstant hält. An heißen Tagen arbeitet dieser Kühlmechanismus auf Hochtouren: Mehr Blut fließt, wir verlieren Flüssigkeit und Elektrolyte durch vermehrtes Schwitzen und der Schlaf wird deutlich unruhiger. All das geht nicht spurlos an unserem Denkorgan vorbei. Schon ein leichter Flüssigkeitsmangel kann unsere Konzentration und generelle Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Besonders ältere Menschen sind gefährdet, da ihr Durstgefühl häufig nachlässt und das Gehirn empfindlicher auf Temperaturschwankungen reagiert. Gehirnschutz ist daher gerade im Sommer wichtig, denn ein gesundes Gehirn beginnt nicht erst mit Denksport oder Gedächtnistraining. Anke Lührs ist Neurologin mit einer Privatpraxis (Lührs Brain Health) in Düsseldorf und hat täglich Menschen jeden Alters vor sich sitzen. Sie weiß worauf es ankommt und hat gerade für die heißen Monate die besten Tipps parat, wenn es um Hirngesundheit geht.
1. Das Gehirn hält Hitze schlecht aus
„Unser Kopf arbeitet in einem sehr engen Temperaturfenster optimal. Steigt die Körpertemperatur, muss der Kreislauf umverteilen, mehr Blut in die Haut zum Kühlen, weniger für alles andere. Dass wir an heißen Tagen langsamer denken, uns schlechter konzentrieren und vielleicht schneller gereizt sind, ist deshalb keine Einbildung.”
2. Trinken ist der einfachste Gehirnschutz, den es gibt.
„Schon ein leichter Flüssigkeitsmangel verschlechtert Konzentration, Reaktionszeit und Stimmung. Wasser und ungesüßter Tee sind die Basis; bei starkem Schwitzen darf auch eine Prise Salz oder eine leichte Brühe dazukommen, weil mit dem Schweiß auch Mineralstoffe verloren gehen. Mein Tipp: die Flasche sichtbar hinstellen, statt sich auf das Durstgefühl zu verlassen. Das lässt im Alter und bei Hitze nämlich nach.”
3. Die wichtigsten Stunden für das Gehirn sind die Nachtstunden.
„Im Schlaf, besonders im Tiefschlaf, regeneriert das Gehirn und räumt Stoffwechselprodukte ab. Genau dieser Tiefschlaf leidet als Erstes, wenn das Schlafzimmer nicht unter etwa 20 Grad kommt. Nachts und früh morgens querlüften, tagsüber konsequent verdunkeln, abends eine lauwarme statt eiskalte Dusche.”
4. Migräne und Kopfschmerzen haben im Sommer Hochsaison.
„Hitze, grelles Licht, Flüssigkeitsmangel und schlechter Schlaf sind allesamt bekannte Auslöser, im Sommer kommen sie gern im Rudel. Wer zu Migräne neigt, sollte deshalb gerade jetzt auf Regelmäßigkeit achten: feste Mahlzeiten, ausreichend trinken, eine gute Sonnenbrille. Und den Tagesrhythmus nicht komplett über den Haufen werfen, auch nicht im Urlaub.”
5. Manche Medikamente bremsen die körpereigene Klimaanlage aus.
„Entwässernde Mittel, bestimmte Blutdruck- und Herzmedikamente, einige Antidepressiva sowie Mittel gegen Allergien oder Blasenschwäche können das Schwitzen oder die Kreislaufanpassung beeinflussen. Das ist kein Grund, etwas eigenmächtig abzusetzen. Aber es lohnt sich, vor dem Sommer einmal mit der Ärztin oder dem Arzt durchzugehen, ob Dosis und Trinkmenge angepasst werden sollten.”
6. Alkohol ist an heißen Tagen doppelt ungünstig.
„Er entzieht dem Körper Flüssigkeit, erweitert die Gefäße und stört zusätzlich den Tiefschlaf. Der Cocktail in der Abendsonne wirkt bei 34 Grad also spürbar anders als im Winter. Wer nicht verzichten möchte, trinkt konsequent ein großes Glas Wasser dazwischen.”
7. Diese Warnzeichen gehören ärztlich abgeklärt – sofort.
„Ein Hitzschlag kündigt sich nicht durch Schwitzen an, sondern oft durch das Gegenteil: heiße, trockene Haut, dazu Verwirrtheit, Verwaschensein der Sprache, Unruhe, Torkeln oder Bewusstseinstrübung. Das ist ein Notfall — Notruf 112! die Person in den Schatten bringen, Beine hoch, aktiv kühlen. Ebenfalls sofort abklären lassen: plötzliche einseitige Schwäche, hängender Mundwinkel, Sprach- oder Sehstörungen. Hitze und Flüssigkeitsmangel erhöhen das Schlaganfallrisiko, und hier zählt jede Minute.”
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