CEO bei Tag, Longevity-DJane bei Nacht: Wie eine 61-Jährige den Dancefloor zum Labor für gesundes Altern macht

Als DJ Tina Technotic legt Tina Woods auf ihrer Longevity Rave Eventreihe als DJane auf. Hinter der Party steckt ein Experiment: Kann gemeinsames Tanzen unsere Gesundheit verbessern und das Altern verlangsamen? Woods ist überzeugt, ihr biologisches Alter auf diese Weise gesenkt zu haben.

Tina Woods alias DJ Tina Technotic verbindet Clubkultur mit Longevity-Forschung und macht die Tanzfläche zum Experimentierfeld für gesundes Altern. Foto: Courtesy of Tina Woods
Tina Woods alias DJ Tina Technotic verbindet Clubkultur mit Longevity-Forschung und macht die Tanzfläche zum Experimentierfeld für gesundes Altern. Foto: Courtesy of Tina Woods

Wer ist Tina Woods?

Tina Woods, auf der Tanzfläche bekannt als DJ Tina Technotic, ist nicht nur Longevity-DJane, sondern auch Longevity-Unternehmerin und Mitgründerin des Longevity Raves. Die Eventreihe verbindet Clubkultur und Longevity-Forschung – getragen von dem Ansatz, dass der Schlüssel zu Longevity in kollektiver Bewegung und menschlicher Verbindung liegt. Mit 61 Jahren weist Woods ein biologisches Alter einer Person Mitte 30 auf. Auch ihr Gehirn, ihr Herz und Stoffwechsel liegen weit unter ihrem chronologischen Alter. Für sie steht fest: Musik und gemeinsames Bewegen sind dabei zentrale Faktoren.

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Foto: Courtesy of Tina Woods

Das steckt hinter den Longevity Raves

Was zunächst wie eine klassische Clubnacht wirkt, ist in Wahrheit ein lebendiges Experiment. Denn: Auf den Longevity Raves wird erforscht, wie Musik, Freude und menschliche Verbindung das Wohlbefinden fördern. Im Rahmen des JoyScore Experiments untersuchen Woods und ihr Team, wie Tanzen, Musik und gemeinschaftliche Erlebnisse auf diejenigen Biomarker wirken, die mit langfristiger Gesundheit verknüpft sind. Die bisherigen Erkenntnisse deuten auf einen grundlegenden Wandel hin. „Immer mehr Menschen erkennen, dass Freude, Verbindung und gemeinsames Erleben zentrale Longevity-Elemente sind“, so Woods.

Dabei experimentieren sie auch in realen Umgebungen: Neue neurologische Ansätze werden in kommende Longevity Raves integriert. Dabei sind auch weitere europäische Termine geplant – unter anderem während der Berlin Longevity Week am 27. Mai 2026 in der Georgia Bar.

Im Gespräch mit Longevity DJane Tina Woods alias DJ Tina Technotic

Marie Claire: Ihre persönliche Longevity-Reise begann vor sieben Jahren. Was hat diese Entscheidung beeinflusst und wie hat sich Ihr Alltag seitdem verändert?

Tina Woods: Es begann in einer Phase des Umbruchs. Ich verließ die Corporate-Welt, um mein eigenes Unternehmen zu gründen, meine drei Söhne wurden selbstständig und gleichzeitig durchlief ich die Wechseljahre. In diesem Moment stellte ich mir eine grundlegende Frage: Wie möchte ich die nächsten 30 oder 40 Jahre meines Lebens gestalten?

Parallel dazu beschäftigte ich mich intensiv mit Longevity-Forschung für mein Buch „Live Longer with AI“ und traf einige der führenden Köpfe der Branche. Dabei wurde mir klar: So komplex das Feld auch ist, die Basis bleibt erstaunlich einfach. Ernährung, Bewegung und Stressregulation. Mit zunehmender Zuverlässigkeit von Wissenschaft und Technologie traf ich schließlich die bewusste Entscheidung mein Leben wie ein Experiment zu betrachten.

Mein Alltag ist dabei alles andere als extravagant. Ich nehme mir täglich mindestens eine Stunde Zeit für Bewegung. Mein „Fitnessstudio“ im Keller macht es leicht, konsequent am Ball zu bleiben. Zusätzlich besuche ich zweimal pro Woche Zumba-Kurse. Ich liebe tanzen. Es verbindet Ausdauertraining mit kognitivem und neuromuskulärem Training.

Auch meine Ernährung ist auf Stoffwechselgesundheit ausgerichtet. Vier Tage pro Woche praktiziere ich Intervallfasten. Gleichzeitig habe ich gelernt, Stress gezielt zu regulieren. Doch genauso wichtig wie all diese Maßnahmen ist etwas anderes: Ich habe bewusst Raum geschaffen für Freude, Kreativität und zwischenmenschliche Verbindung. Für mich sind das die kraftvollsten Faktoren für Wohlbefinden, die ich versuche als Treiber von Langlebigkeit zu messen.

2nd Roundtable of Longevity Clinics | Dec 6-7 2024 | Buck Institute, USA

Foto: Courtesy of Tina Woods

Wie wir unser biologisches Alter senken können

Marie Claire: Ihre biologischen Marker sind faszinierend. Was haben Sie über die Reduktion des biologischen Alters gelernt und welchen Rat würden Sie anderen Menschen mitgeben?

Tina Woods: Biologisches Alter ist keine einzelne Zahl. Es ist wie ein Mosaik, das erst über Zeit hinweg wirklich aussagekräftig wird. Zwischen meinem 56. und 60. Lebensjahr konnte ich deutliche Verbesserungen in mehreren Biomarkern beobachten, darunter meinem GlycanAge sowie Fortschritte in der Herz-Kreislauf-Fitness und Stoffwechselgesundheit. In einer Messung lag mein sogenanntes biologisches Alter sogar 27 Jahre unter meinem tatsächlichen Alter. Dennoch betrachte ich solche Werte mit Vorsicht.

Viele Wissenschaftler:innen weisen zu Recht darauf hin, dass diese Messmethoden noch nicht ausgereift sind. Kein einzelner Test kann das biologische Alter exakt bestimmen. Entscheidend ist nicht der Moment, sondern die Entwicklung über Zeit – also Trends statt Momentaufnahmen. Und ebenso wichtig ist das eigene Empfinden: Wie fühle ich mich? Wie leistungsfähig bin ich?

Die Grundlagen bleiben dabei zentral:

  • Regelmäßige Bewegung – sowohl Kraft als auch Ausdauer
  • Eine überwiegend pflanzenbasierte, unverarbeitete Ernährung
  • Phasen metabolischer Erholung, etwa durch intermittierendes Fasten
  • Stabile soziale Beziehungen und liebevolle Partnerschaften

Für mich persönlich spielt meine langjährige Ehe, die Möglichkeit, meiner Leidenschaft beruflich nachzugehen und die Freude am Tanzen und Auflegen eine entscheidende Rolle. All das reduziert Stress, stärkt das Nervensystem und wirkt entzündungshemmend.

Gleichzeitig bin ich keine Puristin. Mein Leben folgt keiner strengen Longevity-Formel. Ich gehe feiern, lege auf, reise viel, trinke und mein Schlafrhythmus ist nicht immer regelmäßig. Was zählt, ist Balance. Daten sind für mich ein Kompass, kein Regelwerk. Longevity bedeutet nicht Perfektion, sondern Nachhaltigkeit und die Fähigkeit, gesunde Gewohnheiten mit echter Lebensfreude zu verbinden.

Rückkehr auf die Tanzfläche

Marie Claire: Sie sind mit Mitte 50 auf die Tanzfläche zurückgekehrt, in einem Alter, in dem viele eher einen Gang zurückschalten. Was hat Sie in diese Welt zurückgezogen?

Tina Woods: Es war eine spontane Entscheidung. Nach einer 60. Geburtstagsfeier im Jahr 2021 beschlossen ein paar Freundinnen und ich, die Nacht noch nicht enden zu lassen und landeten schließlich in einem Club. Wir tanzten bis in die frühen Morgenstunden und ich fühlte mich vollkommen euphorisch. Diese Nacht hat etwas in mir verändert.

Ich hatte unterschätzt, welche Kraft Musik und Bewegung körperlich, mental und emotional entfalten können. Es war mehr als nur Spaß: Es war belebend, fast transformierend. Ich fühlte mich lebendiger als seit Jahren.

Von da an zog es mich immer häufiger auf die Tanzfläche. Dort lernte ich auch Yukari Takehisa kennen, meine spätere DJ-Partnerin und Mitgründerin von Longevity Rave. Aus einer gemeinsamen Leidenschaft entstanden eine außergewöhnliche, generationenübergreifende Freundschaft und schließlich eine kreative Partnerschaft.

Marie Claire: Was hat Sie dazu inspiriert von der Tanzfläche den Schritt hinter die Turntables zu wagen?

Tina Woods: Der Wechsel kam durch einen Rückschlag und durch diese besondere Zusammenarbeit. Nach einer Fußoperation konnte ich eine Zeit lang nicht tanzen. Yukari und ich entschieden uns, stattdessen gemeinsam das DJing zu lernen. Es war unsere Art, mit der Tanzfläche verbunden zu bleiben. Was zunächst als kleines Projekt begann, entwickelte sich schnell weiter.

Als DJs erlebten wir die Energie im Raum nicht mehr nur passiv, sondern konnten sie aktiv gestalten. Dieses gemeinsame, kreative Erleben, über Generationen hinweg, wurde zu einem zentralen Element unserer Arbeit.

Marie Claire: Sie haben den Begriff „Longevity DJ“ geprägt. Wie definieren Sie ihn? Können Sie unseren Leserinnen den Begriff erklären?

Tina Woods: Ich habe diesen Begriff nicht bewusst geschaffen – ich bin eher in ihn hineingewachsen. Ein Artikel über mich löste eine enorme Resonanz aus. Viele Menschen teilten ihre eigenen Geschichten: Sie begannen erst spät mit dem Auflegen, kehrten zur Tanzfläche zurück oder entdeckten ihre Freude neu.

Für mich beschreibt ein „Longevity DJ“ jemanden, der intuitiv versteht, dass Musik, Bewegung und gemeinsames Erleben nicht nur emotional wirken, sondern auch tiefgreifende biologische Effekte haben. Es geht nicht nur darum, Musik zu spielen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich frei bewegen, verbinden und ganz sie selbst sein können – unabhängig von ihrem Alter.

Mein Fokus liegt nun darauf, die wissenschaftlichen Zusammenhänge dahinter zu verstehen. Es geht darum zu erforschen, wie Freude, Verbindung und Synchronität auf unsere Genetik, unsere Physiologie, unser Nervensystem und letztlich auf unsere Gesundheit und Lebensspanne wirken. So entwickelt sich das, was auf der Tanzfläche begann, zunehmend zu etwas Größerem: zu einer Brücke zwischen gelebter Erfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis.

Und vielleicht ist genau das ein „Longevity DJ“ – jemand, der genau an dieser Schnittstelle steht.

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Foto: Courtesy of Tina Woods

Tina Woods über die Longevity Raves

Marie Claire: Aus dieser Idee heraus entwickelten Sie das Konzept des Longevity Raves. Erinnern Sie sich noch an Ihr allererstes Event?

Tina Woods: Sehr genau. Unser erstes Event fand im Juli 2024 in London statt. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich ans DJ-Pult trat und dachte: Entweder funktioniert das oder gar nicht. Und es funktionierte.

Marie Claire: Welches Ziel hatten Sie damals?

Tina Woods: Unsere Vision war ein Raum, der Freude, Verbindung und Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellt, ohne dabei die Energie eines echten Dancefloors zu verlieren. Besonders faszinierend war, dass sich ganz selbstverständlich ein generationenübergreifendes Publikum entwickelte. Menschen unterschiedlichen Alters kamen zusammen. Besonders faszinierend ist, wie sich diese ursprüngliche Idee weiterentwickelt hat. Was als Experiment begann, findet heute in unterschiedlichsten Communities Anklang – von Longevity-Forscher:innen bis hin zu Technolog:innen. Die Menschen spüren, dass in diesen Räumen etwas wirklich Bedeutungsvolles geschieht.

Marie Claire: Parallel dazu haben Sie das JoyScore-Experiment ins Leben gerufen – den Versuch, Freude, Verbindung und Synchronität messbar zu machen. Welche Erkenntnisse haben Sie bisher am meisten überrascht?

Tina Woods: Vor allem die enorme Resonanz und ihre Vielfalt. Von Longevity-Comunities im Silicon Valley bis hin zu Biohacker:innen aus dem Tech-Hub „Towers“ in San Francisco sowie aus Infinita City, einem Longevity-Zentrum auf der karibischen Insel Roatán in Honduras: Sie erkennen zunehmend, dass soziale Isolation und Einsamkeit entscheidende Faktoren für Alterungsprozesse sind. Wir messen inzwischen mithilfe von EEG-Geräten, Wearables und Biomarkern, wie Musik und kollektive Erfahrungen unseren Körper beeinflussen. Das Projekt entwickelt sich immer stärker zu einer wissenschaftlichen Plattform. Gleichzeitig scheint das Potenzial des JoyScore sich zu einer alltagstauglichen Kennzahl zu entwickeln, vergleichbar mit Schrittzähler oder Schlaf-Score einen Nerv zu treffen. Und auch in der akademischen Welt gewinnt das Projekt zunehmend an Bedeutung.

Marie Claire: Sie sagen, dass die Zukunft der Gesundheit auf der Tanzfläche liegen könnte. Was genau meinen Sie damit?

Tina Woods: Die Tanzfläche steht symbolisch für etwas Größeres. Hier kommen Bewegung, Musik, soziale Verbindung, Emotion und Präsenz zusammen – all das, was nachweislich gesundheitsfördernd ist. Während moderne Gesundheitsansätze diese Faktoren oft isoliert betrachten, vereint die Tanzfläche sie auf natürliche Weise. Genau diese Integration könnte der nächste entscheidende Schritt in der Longevity-Forschung sein.

Marie Claire: Warum, glauben Sie, sind Freude und gemeinsames Bewegen so kraftvoll?

Tina Woods: Weil sie gleichzeitig auf mehreren Ebenen wirken. Studien zeigen, dass gemeinsames Bewegen zu Musik die Stimmung hebt, Stress reduziert und soziale Bindungen stärkt. Dabei entsteht eine Art Synchronität – etwas, das tief in unserer menschlichen Natur verankert ist. Das Besondere: Es fühlt sich nicht wie Anstrengung an. Genau deshalb ist es nachhaltig. Freude ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Gefühl, sondern ein physiologischer Zustand, der Resilienz, Regeneration und Motivation unterstützt.

Tipps von der Longevity DJane

Marie Claire: Was raten Sie Menschen, die sich von der Tanzfläche eingeschüchtert fühlen, mehr Musik und Rhythmus in den Alltag zu integrieren?

Tina Woods: Einfach klein anfangen und den Druck rausnehmen. Man braucht keine Tanzfläche. Es reicht, zu Hause seine Lieblingsmusik anzumachen und sich ein paar Minuten zu bewegen. Es gibt kein richtig oder falsch. Auch Spaziergänge, Stretching oder Gruppenkurse können ein guter Einstieg sein. Und wenn man doch tanzen geht, gilt: Es geht nicht um Performance, sondern ums Erleben – ohne Wertung.

Marie Claire: Bei Marie Claire zelebrieren wir Frauen, die neu definieren, was möglich ist. Welche Botschaft möchten Sie Frauen mitgeben, die sich heute mit Themen wie Älterwerden, Neuanfang und Selbstentfaltung auseinandersetzen?

Tina Woods: Es ist nie zu spät, das zu tun, was man liebt. Immer mehr Frauen erkennen, dass es keinen „perfekten Zeitpunkt“ gibt – und dass gerade die Lebensmitte eine Phase großer Möglichkeiten sein kann. Altern muss nicht einschränkend, sondern kann eine Erweiterung sein. Man darf neue Wege gehen, sich kreativ entfalten und Räume betreten, die zunächst unerwartet oder unerreichbar erscheinen. Am Ende zählt nicht das Alter, sondern die Energie. Und vielleicht geht es weniger um Neuanfang als um etwas Tieferes: neugierig zu bleiben und den eigenen Ausdruck zu finden.

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