Marie Claire: Sie sind mit Mitte 50 auf die Tanzfläche zurückgekehrt, in einem Alter, in dem viele eher einen Gang zurückschalten. Was hat Sie in diese Welt zurückgezogen?
Tina Woods: Es war eine spontane Entscheidung. Nach einer 60. Geburtstagsfeier im Jahr 2021 beschlossen ein paar Freundinnen und ich, die Nacht noch nicht enden zu lassen und landeten schließlich in einem Club. Wir tanzten bis in die frühen Morgenstunden und ich fühlte mich vollkommen euphorisch. Diese Nacht hat etwas in mir verändert.
Ich hatte unterschätzt, welche Kraft Musik und Bewegung körperlich, mental und emotional entfalten können. Es war mehr als nur Spaß: Es war belebend, fast transformierend. Ich fühlte mich lebendiger als seit Jahren.
Von da an zog es mich immer häufiger auf die Tanzfläche. Dort lernte ich auch Yukari Takehisa kennen, meine spätere DJ-Partnerin und Mitgründerin von Longevity Rave. Aus einer gemeinsamen Leidenschaft entstanden eine außergewöhnliche, generationenübergreifende Freundschaft und schließlich eine kreative Partnerschaft.
Marie Claire: Was hat Sie dazu inspiriert von der Tanzfläche den Schritt hinter die Turntables zu wagen?
Tina Woods: Der Wechsel kam durch einen Rückschlag und durch diese besondere Zusammenarbeit. Nach einer Fußoperation konnte ich eine Zeit lang nicht tanzen. Yukari und ich entschieden uns, stattdessen gemeinsam das DJing zu lernen. Es war unsere Art, mit der Tanzfläche verbunden zu bleiben. Was zunächst als kleines Projekt begann, entwickelte sich schnell weiter.
Als DJs erlebten wir die Energie im Raum nicht mehr nur passiv, sondern konnten sie aktiv gestalten. Dieses gemeinsame, kreative Erleben, über Generationen hinweg, wurde zu einem zentralen Element unserer Arbeit.
Marie Claire: Sie haben den Begriff „Longevity DJ“ geprägt. Wie definieren Sie ihn? Können Sie unseren Leserinnen den Begriff erklären?
Tina Woods: Ich habe diesen Begriff nicht bewusst geschaffen – ich bin eher in ihn hineingewachsen. Ein Artikel über mich löste eine enorme Resonanz aus. Viele Menschen teilten ihre eigenen Geschichten: Sie begannen erst spät mit dem Auflegen, kehrten zur Tanzfläche zurück oder entdeckten ihre Freude neu.
Für mich beschreibt ein „Longevity DJ“ jemanden, der intuitiv versteht, dass Musik, Bewegung und gemeinsames Erleben nicht nur emotional wirken, sondern auch tiefgreifende biologische Effekte haben. Es geht nicht nur darum, Musik zu spielen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich frei bewegen, verbinden und ganz sie selbst sein können – unabhängig von ihrem Alter.
Mein Fokus liegt nun darauf, die wissenschaftlichen Zusammenhänge dahinter zu verstehen. Es geht darum zu erforschen, wie Freude, Verbindung und Synchronität auf unsere Genetik, unsere Physiologie, unser Nervensystem und letztlich auf unsere Gesundheit und Lebensspanne wirken. So entwickelt sich das, was auf der Tanzfläche begann, zunehmend zu etwas Größerem: zu einer Brücke zwischen gelebter Erfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis.
Und vielleicht ist genau das ein „Longevity DJ“ – jemand, der genau an dieser Schnittstelle steht.