Von Brasilien auf die globale Innovationsbühne

Thamires Pontes gründete Phycolabs mit einer klaren Vision: die Modebranche mithilfe eines unerwarteten Rohstoffs neu zu denken – Makroalgen. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die wichtigsten Learnings auf ihrem Weg und darüber, warum Rückschläge oft die wertvollsten Lehrer sind. Außerdem verrät sie, wie der Unlock Her Future Prize der The Bicester Collection ihr Wachstum beschleunigt hat – und welchen Rat sie Frauen gibt, die in Tech und Fashion starten

Foto: Phycolabs
Foto: Phycolabs

Marie Claire: Was hat sie inspiriert, Phycolabs zu gründen – und wie hat ihr persönlicher HintergrundiIhre Vision geprägt?

Thamires Pontes: Die Idee zu Phycolabs entstand aus einem Moment des ethischen Unbehagens. Ich habe Modedesign studiert und früh gespürt: Die Materialien, auf denen diese Branche basiert, passen nicht zu der Zukunft, die wir brauchen – weder ökologisch noch sozial. Während sich die Mode ästhetisch stetig weiterentwickelt, bleibt ihr Fundament weitgehend unverändert.

Ich bin im Nordosten Brasiliens am Meer aufgewachsen. Der Ozean war Teil meiner Kindheit, lange bevor er Teil meiner Arbeit wurde. Mit sechs Jahren schrieb ich meinem Vater in einem Weihnachtsbrief, dass wir das Meer schützen müssen, weil dort die kleinen Fische und die Algen leben.

Diese frühe Intuition tauchte später in meiner Textilforschung wieder auf. Ich fragte mich: Warum setzt die Mode so stark auf fossile und waldintensive Fasern – und ignoriert das regenerative Potenzial mariner Ökosysteme? Makroalgen gaben mir eine Antwort: Sie wachsen ohne Land, Süßwasser oder Chemikalien, regenerieren Ökosysteme und binden dabei CO₂.

Ein Gedanke von Paco Rabanne hat mich zusätzlich inspiriert: „Alles in der Mode wurde schon geschaffen – der Unterschied liegt in neuen Materialien.“ Nach über zehn Jahren in der Branche und einem Master in Textilwissenschaften war für mich klar: Die Zukunft der Mode beginnt bei den Materialien.

Aber ich wusste auch: Neue Materialien allein reichen nicht. Die Mode hat strukturelle Probleme entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Phycolabs ist deshalb mehr als ein Unternehmen – sondern ein Commitment, den Ursprung von Materialien neu zu denken. Für eine Industrie, die im Einklang mit der Natur arbeitet und Verantwortung gegenüber kommenden Generationen übernimmt.

MC: Sie arbeiten mit Makroalgen als nachhaltigem Rohstoff. Was fasziniert Sie daran – und wo liegen die größten Herausforderungen?

TP: Makroalgen fordern uns heraus, den Ursprung und die Wirkung von Materialien grundsätzlich neu zu denken. Sie wachsen ohne Land, Süßwasser, Dünger oder Pestizide, binden Kohlenstoff und können – verantwortungsvoll kultiviert – marine Ökosysteme aktiv regenerieren. Das ist eine seltene Chance, Materialien zu entwickeln, die mit der Natur statt gegen sie arbeiten.

Das Studium von Algen kann beinahe süchtig machen. Jede neue Erkenntnis fasziniert. Eine Freundin hat dafür den Begriff „seaweird“ geprägt – dieses Staunen darüber, wie etwas vermeintlich Übersehenes so komplex, intelligent und voller Potenzial sein kann.

Hinzu kommt der soziale Impact: Studien aus Indien, Tansania und Bangladesch zeigen, dass Algenkultivierung die Lebensbedingungen von Küstengemeinden deutlich verbessern kann – insbesondere für Frauen. Sie schafft Einkommen, Autonomie und Resilienz, dort, wo Ressourcen knapp sind.

Die Herausforderung: Algen sind lebende, komplexe Biomasse. Natur verhält sich nicht wie Petrochemie. Inputs variieren, Prozesse sind weniger vorhersehbar, Skalierung erfordert Geduld und wissenschaftliche Präzision. Gleichzeitig bauen wir Neues in einer Industrie, die auf traditionelle und petrochemische Materialien optimiert ist – von Lieferketten über Standards bis zu Performance-Erwartungen. Für mich liegt genau darin die Stärke: Diese Komplexität zwingt uns, bewusster und respektvoll innerhalb ökologischer Grenzen zu designen – und dennoch industrielle Anforderungen an Qualität und Skalierbarkeit zu erfüllen.

MC: Gab es Momente, in denen nicht alles nach Plan lief?

TP: Ehrlich gesagt: Dinge laufen selten exakt nach Plan. Forschung, Innovation und Unternehmertum bedeuten, permanent mit Unsicherheit zu arbeiten. Resilienz und Beharrlichkeit sind dabei entscheidend. Es geht weniger um die Frage „Wo habe ich versagt?“, sondern vielmehr darum, warum sich Dinge anders entwickelt haben als ursprünglich gedacht?

Viele Variablen liegen außerhalb unserer Kontrolle. Ein verspätet gelieferter Reagenz kann Monate kosten; ein Experiment nimmt eine unerwartete Richtung. Entscheidend ist, die Route neu zu berechnen – ohne Panik. Nicht mit Frustration reagieren, sondern aufmerksam bleiben, anpassen, weitergehen. Oft entstehen gerade daraus bessere Ergebnisse als geplant. Und: Ein kompetentes, vertrauenswürdiges Umfeld hilft Hürden zu relativieren. Ein „Nein“ ist selten endgültig.

Foto: The Bicester Collection
Foto: The Bicester Collection

MC: Welche Learnings haben Sie aus Rückschlägen und Umwegen gezogen?

TP: Diese Umwege haben mir mehr als technische Lektionen vermittelt – sie waren vor allem persönliche Erkenntnisse. In Phasen der Entmutigung habe ich mich ehrlich gefragt: Wie weit will ich für diesen Traum gehen? Worauf bin ich bereit zu verzichten?

Rückschläge zwangen mich, das Spannungsfeld zwischen Privatleben und Unternehmertum zu betrachten und zu definieren, welche Art von Führung ich leben möchte. Resilienz bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu ignorieren, sondern bewusste Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen.

Heute sehe ich Gründerinnen ein wenig wie Hochleistungssportlerinnen – nicht wegen körperlicher Stärke, sondern wegen Disziplin, Wiederholung und Hingabe an eine langfristige Vision. Es geht darum, jeden Tag präsent zu sein, auch wenn Fortschritt unsichtbar scheint, und Sinn im Prozess zu finden. So wurden Rückschläge Teil einer tieferen Mission, verbunden mit meinen Werten und dem Impact, den ich hinterlassen möchte.

MC: Sie wurden international ausgezeichnet – u. a. mit dem „Unlock Her Future Prize“ der The Bicester Collection (Anmerkung: in Deutschalnd gehören Ingolstadt Village und Wertheim Village zu der The Bicester Collection). Wie hat das Programm Sie persönlich und beruflich unterstützt?

TP: Der Preis war transformativ – weit über Finanzierung und Sichtbarkeit hinaus. Beruflich verlieh er Phycolabs Glaubwürdigkeit und eröffnete Zugang zu einem internationalen Ökosystem, das sonst Jahre gebraucht hätte. Gespräche mit Partnern und Branchenführern wurden deutlich beschleunigt.

Persönlich schenkte mir das Programm vor allem eines: Vertrauen. Als Gründerin aus Lateinamerika, an der Schnittstelle von Wissenschaft, Mode und Klimalösungen, ist Unsichtbarkeit ein reales Thema. Ausgewählt zu werden, signalisierte mir, dass Ideen außerhalb traditioneller Innovationshubs relevant sind und Unterstützung verdienen.

Besonders beeindruckt hat mich die Community: Mentoring, Offenheit, Zugehörigkeit schufen einen sicheren Raum, um zu wachsen, zu reflektieren und mit mehr Selbstvertrauen zu führen. Die Wärme, Empathie und echte Fürsorge  der anderen Finalistinnen und des Teams der The Bicester Collection machen das Programm zutiefst menschlich.

Ich beschreibe die Unterstützung oft so: Wenn ich das Team anrufe und – rein hypothetisch – einen Pinguin für Phycolabs bräuchte, käme nicht Unglaube, sondern die pragmatische Rückfrage: „Einen echten oder einen aus Plüsch?“ Genau das trifft den Geist des Programms: Empathie, Commitment und echter Glaube an die Gründerinnen – und daran, ihre Zukunft wirklich zu „unlocken.“

MC: Gibt es besondere Herausforderungen für Gründerinnen in Lateinamerika – im Vergleich zu Europa?

TP: Ja – vor allem strukturelle. Der Zugang zu Kapital ist begrenzt, weibliche Role Models in Tech und Wissenschaft sind seltener, wirtschaftliche und soziale Instabilität größer. Frauen müssen ihre Glaubwürdigkeit oft immer wieder unter Beweis stellen, besonders in männlich geprägten Feldern.

Gleichzeitig formt das einen besonderen Typ Gründerin: resilient, kreativ, systemisch denkend. Knappheit schärft strategisches Denken und fördert Anpassungsfähigkeit.

Der zentrale Unterschied liegt nicht in Talent oder Ambition, sondern im Zugang. Wenn Kapital, Netzwerke und Sichtbarkeit erweitert werden, ist Innovation aus Lateinamerika kraftvoll, originell und global relevant. Diese Lücke zu schließen, ist essenziell – für Gendergerechtigkeit und für vielfältigere, robustere Lösungen globaler Herausforderungen.

MC: Ihre Vision für die Zukunft der Mode – und die Rolle von Phycolabs?

TP: Ich sehe eine Modebranche, die auf sauberen Prozessen, erneuerbaren Energien und Materialien für eine CO₂-arme Zukunft basiert. Eine Industrie, die Verantwortung übernimmt, Emissionen reduziert, Produktion neu denkt und Rohstoffe wählt – alles innerhalb planetarer Grenzen.

Neue Materialien spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Mode muss sich von petrochemischen Inputs lösen und in biobasierte, leistungsfähige und verantwortungsvolle Alternativen investieren. Gleichzeitig braucht es faire, transparente und inklusive Wertschöpfungsketten, die Menschen und Ökosysteme respektieren.

Hier setzt Phycolabs an. Mit makroalgenbasierten Textilfasern wollen wir zur Materialtransformation beitragen – mit niedrigeren Emissionen und regenerativen, ethischeren, Lieferketten.

MC: Ihr Rat an junge Gründerinnen – oder Frauen, die in Tech und Mode starten?

TP: Wartet nicht, bis ihr euch bereit fühlt. „Ready“ ist oft ein Mythos – gerade für Frauen. Startet, bevor alles sicher erscheint. Klarheit und Selbstvertrauen entstehen durch Handeln, nicht durch Perfektion.

Erweitert euer Wissen über die eigene Komfortzone hinaus. Kommt ihr aus dem Design-Bereich? Dann lernt Wissenschaft, Technologie und Business. Kommt ihr aus der Tech-Szene? Dann beschäftigt euch mit Kultur, Storytelling und Menschen. Die Zukunft gehört hybriden Denkerinnen, die Disziplinen verbinden und Komplexität verständlich machen.

Schützt eure Vision und eure Energie. Ihr werdet viele Meinungen hören – hilfreiche, begrenzende, irreführende. Bleibt offen und demütig, lernt zuzuhören, aber macht euch nicht klein. Eure Perspektive ist keine Schwäche – sie ist der Grund, warum ihr gebraucht werdet. Außergewöhnliches ist selten und anspruchsvoll. Und Sinnvolles braucht Zeit. Seht diese Reise nicht als Sprint, sondern als langfristiges Commitment zu Wirkung, Integrität und Purpose.

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