Sängerin Lotte im Interview: „Freiheit ist etwas, das man sich selbst nehmen muss“

Seit nunmehr fast einem Jahrzehnt macht Lotte schon Popmusik. Ihr neues Album trägt ihren eigenen Namen, klingt nach Dream Pop und danach, endlich niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Im Interview mit Marie Claire spricht sie über den Mut, seinen Weg zu gehen, Schubladen hinter sich zu lassen und Musik endlich nach den eigenen Regeln zu machen.

Lottes selbstbetiteltes Album erscheint am 21. August. Foto: Lotte
Lottes selbstbetiteltes Album erscheint am 21. August. Foto: Lotte

Ein Album aus den Studios der Welt

Wir treffen Lotte an einem warmen Sommertag in den Gärten der Welt in Berlin. Entlang der grünen Bäume, plätschernden Wasserstellen und blühenden Blumen wirkt der Trubel der Hauptstadt plötzlich weit entfernt. Lange bleibt für unseren Spaziergang allerdings nicht Zeit. Lotte kommt direkt aus dem Studio – und muss schon bald wieder zurück. Das Album wartet. Dass wir uns ausgerechnet in den Gärten der Welt treffen, ist kein Zufall. Die Parkanlage vereint Landschaften und Gartenkunst aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt. Und auch Lottes neues Album hat keine feste Adresse oder Zeitzone.

Eigentlich lebt und schreibt Lotte seit mehreren Jahren in Berlin. Doch bei diesem Album war alles anders: Geschrieben wurde in Wien, zwischendurch arbeitete sie in Kopenhagen, reiste nach Japan. Produziert wurde in London, gemischt in Los Angeles und Paris. Geplant gewesen sei das nicht.

Lotte

Foto: Lotte

Das ist Lotte

Die in Ravensburg geborene Lotte schrieb schon mit 13 ihre ersten Songs. Über die Popakademie Mannheim und erste Auftritte als Support für Max Giesinger fand sie ihren Weg in die Musikszene. 2019 folgte mit dem gemeinsamen Duett „Auf das, was da noch kommt“ endgültig der große Durchbruch.

Mit ihrem vierten Album schlägt sie ein neues Kapitel auf. Es klingt anders. Die Songs sind nostalgisch, verträumt und ehrlich. Dream Pop auf Deutsch. 

Kreativität braucht Zeit

Vor diesem Album, erzählt sie, sei sie lange auf der Suche gewesen. Nach drei Alben hatte sich das Gefühl eingeschlichen, in einem Hamsterrad zu stecken: Album, Tour, Album, Tour, immer im selben Takt. Dann kam Corona. Und mit dieser erzwungenen Pause die Erkenntnis, dass sie in der schnelllebigen Welt nicht so gut funktioniere. „Ich brauche Zeit für Entscheidungen und, um kreativ sein zu können“, erzählt sie während wir von Land zu Land spazieren.

„Ich möchte Musik nur noch machen, wenn sie sich für mich zu hundert Prozent richtig anfühlt.“

Was folgte war weniger eine Suche nach dem nächsten Hit, sondern nach einem Ort und vor allem nach Menschen, mit denen sie etwas Zeitloses erschaffen könnte. Fündig wurde sie in London – oder besser gesagt bei einem französischen Produzenten, den sie kurzerhand auf Instagram anschrieb. „I’ve always wanted to do a German album“ schrieb er. Mehr brauchte es nicht.

Musik ohne Deadline

In einer ehemaligen Autowerkstatt in East London entstand Musik ohne feste Studiozeiten und Deadlines. „Wir haben den ganzen Tag zusammen gelebt, geredet, gegessen, sind spazieren gegangen. Manchmal ist bis zum Abend überhaupt nichts passiert. Erst irgendwann nachts haben wir angefangen, Musik zu machen und oft bis zum Morgen gearbeitet.“ Für ihr „deutsches, kontrolliertes Ich“ sei das anfangs ziemlich ungewohnt gewesen. Mittlerweile könne sie sich kaum noch vorstellen, anders zu arbeiten.

„Ich möchte nicht mehr auf Knopfdruck einen Song produzieren“.

Etwa zwei Jahre lang wuchs das Album heran. Songs wurden immer wieder angehört, verändert und weiterentwickelt. „Es war keine Fließbandarbeit. Es war einfach Leben – und daraus ist Musik entstanden.“

Sängerin Lotte

Foto: Lotte

Ein selbstbetiteltes Album

Ein Album, das den eigenen Namen trägt, ist ein Statement, ein Bekenntnis. Es sagt: Das hier bin ich. Dass das Album am Ende ihren eigenen Namen trägt, stand dabei nicht von Anfang an fest. Sie sei kurz davor gewesen, das Album „Wildes Kind“ (wie ein Song auf der Platte) zu nennen. „Natürlich gibt es diese wilde Seite von mir.“ Doch das beschreibe nur einen Teil von ihr. Daneben finden auch Zweifel, Sehnsüchte, Ängste und Hoffnung ihren Platz. „Am Ende hatte ich das Gefühl, dass am ehesten einfach mein Name passt. Weil sich dieses Album so sehr nach mir anfühlt wie noch keines zuvor.“ Einfach Lotte.

„Wenn du tanzen willst“ war die erste Single-Auskopplung aus ihrem mit Spannung erwarteten vierten Album „Lotte“.

Schluss mit den Schubladen

Und das neue Album klingt definitiv anders. Es klingt ehrlich, frei, selbstbewusst und nach Leben im eigenen Tempo. Wir bleiben im Japanischen Garten sitzen und unterhalten uns neben einem Wasserlauf. Ob es sich nach zehn Jahren im Musikbusiness wie ein Neuanfang anfühlt, frage ich sie. „Jedes Album war ein ehrliches Abbild der Person, die ich damals war. Musik ist für mich immer auch ein Zeitzeugnis“, meint Lotte. „Der Unterschied ist eher, dass ich früher dachte, ich müsste in einem bestimmten System funktionieren.“ Dieser Druck kam auch von außen: „Als ich angefangen habe, Musik zu machen, hieß es: „Du bist der weibliche Joris.“ Später wurde gesagt: „Mach doch Taylor Swift auf Deutsch.“ Es wird immer versucht, eine Schublade zu finden.“ Genau diese wollte die gebürtige Ravensburgerin hinter sich lassen. Nicht mehr so viel nach rechts und links schauen. In keine Schablone reinpressen – weder beruflich noch privat. Einfach nur Musik machen. Den eigenen Weg gehen.

Im eigenen Tempo

Diese neue Gelassenheit, sagt sie, habe auch mit der großen 30 zu tun (die gar nicht so scary sei, wie alle sagen). Trotzdem sei sie ein Mensch, der viel hinterfragt und immer weiter nach sich selbst sucht.

„Ich möchte später nicht irgendwann zurückblicken und feststellen, dass ich ein Leben gelebt habe, das eigentlich gar nicht meines war.“

Auch darum geht es in ihrem neuen Album. Es geht um Freiheit und das Gefühl einfach so zu sein, wie man ist – ohne sich ständig verbiegen oder entschuldigen zu müssen. Es geht darum, Risiken einzugehen, wieder mehr zu fühlen und sich selbst zu lieben. Aber auch um Liebeskummer und Schmerz. Darum, nicht perfekt sein zu müssen und das Gefühl nicht in diese Zeit zu passen völlig okay ist.

Lotte

Foto: Lotte

Traumhafter Pop

Die Arbeit ruft und so machen wir uns auf den Rückweg – nicht jedoch ohne vor einem Blumenbeet stehen zu bleiben. Lotte zückt ihr Handy. „Ich fotografiere mittlerweile unglaublich viele Blumen“, erzählt sie. Ein Nebeneffekt der 30?. Pfingstrosen seien ihre liebsten. Der Moment wirkt wie ein Sinnbild für das Album selbst: entschleunigt, aufmerksam und doch verträumt. Dream Pop eben. 

Lange war Lotte auf der Suche. Nach ihrem eigenen Sound, nach einer Arbeitsweise, die zu ihr passe und nach der Freiheit, einfach Musik zu machen. „Ich bin damals irgendwie in die Musikindustrie hineingerutscht – und jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, wirklich angekommen zu sein.“ Ganz abgeschlossen sei diese Suche noch nicht. Aber sie komme sich Stück für Stück näher, sagt Lotte. Und das hört man.

Lottes Botschaft an andere Frauen

„Freiheit ist etwas, das man sich selbst nehmen muss. Wenn du einen Traum hast und deinem Bauchgefühl vertraust, dann folge ihm – egal, wie lange es dauert. Ich glaube, dass es sich am Ende komplett auszahlt.“

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