Elif war lange gut darin, stark zu sein. Zumindest in der Version von Stärke, an die sie selbst glaubte: „Ich habe früher immer gedacht, Stärke bedeutet durchzuziehen.“ Mit 16 steht sie bei „Popstars“ zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Seitdem haben sich nicht nur ihre Musik und ihr Stil verändert, sondern auch ihre Vorstellung davon, was es eigentlich bedeutet, stark zu sein.
Ihren Start hatte Elif 2009 bei der Castingshow „Popstars“. Sie ist gerade einmal 16 Jahre alt, als sich ihr Leben praktisch über Nacht verändert. Mit der plötzlichen Aufmerksamkeit kommen nicht nur Bekanntheit und Bestätigung, sondern auch Neid – und die Erfahrung, dass auf einmal jede:r eine Meinung über sie hat. „Das war ein doofes Gefühl damals“, erinnert sich die Musikerin, „da war ich natürlich noch sehr jung. Jetzt gehe ich mit den Dingen viel besser um.“
Aber zurück auf Anfang: Nur eine Woche nach dem Finale sitzt die gebürtige Berlinerin bereits bei Universal Music und unterschreibt ihren ersten Plattenvertrag. Ihr Debütalbum „Unter meiner Haut“ erscheint vier Jahre später – die erste Era einer Künstlerin, die sich in den folgenden Jahren immer wieder neu erfinden wird. Es ist gitarrenlastiger Deutsch-Pop, doch „irgendwann brauchte ich ein bisschen mehr Spielraum, was meine Sprache und meine Wut angeht“, erzählt Elif. Sprachlich eröffnet ihr Rap in ihrer „Nacht“-Era neue Freiheiten, sie schneidet ihre Haare kurz, trägt nur noch schwarz. Dass ihre Musik auch viel mit ihrer inneren Welt zu tun hat, wird in unserem Gespräch schnell klar. Rap sei ihr im Moment zu hart, stattdessen sehne sie sich nach etwas Sanfterem, Tanzbarem. Und so klingen Elifs neue Releases durch und durch nach Feel Good Pop – auch wenn die Themen nicht immer leicht sind.
Foto: @mikepalmowski
„fassade“ heißt ihr neues Lied. Es handelt von dem Mut, auch Schwäche zuzugeben. Das er „deep ist“, fällt beim ersten Hören nicht gleich auf. Er klingt leicht, nach einem sommerlichen Popsong. Hört man genauer hin, merkt man worum es eigentlich geht. „Ich liebe es traurig auf traurig zu stapeln“, sagt Elif. Doch diesmal war es anders: „Ich bin ins Studio gegangen und habe gesagt, ich möchte heute etwas Positives schreiben – auch, wenn das Thema tiefer geht. Wenn ich den Song spiele, möchte ich die Leute mit einem guten Gefühl nach Hause schicken.“ Dabei könnte „fassade“ persönlicher kaum sein.
„Ich bin unglaublich gut darin zu maskieren“, erzählt Elif. „Ich kann zehn Minuten vorher im Bett liegen und es geht mir richtig beschissen. Aber wenn die Kameras angehen, dann bin ich on.“ Fertigmachen, schminken, funktionieren. Mechanismen, die irgendwann so selbstverständlich werden, dass kaum jemand merkt, was dahinter passiert. In der Kindheit, aber auch auf dem Weg als Künstlerin sei viel passiert, das sie traumatisiert habe. Die 34-Jährige spricht heute offen über Gewalterfahrungen in ihrer Familie, über toxische Beziehungen – und auch über ihre Depressionen.
Sie erklärte sich selbst ihren Zustand lange mit Liebeskummer, Stress, einem anstrengenden Job, erzählt die Musikerin im Gespräch. Rückblickend erkenne sie heute, dass es immer wieder depressive Episoden waren. „Ich habe die letzten fünf Jahre so geile Sachen gemacht, die kamen einfach nicht im Körper an. Ich habe nichts mehr gespürt. Ich erinnere mich nicht mal mehr richtig daran.“ In diesem Jahr entschied sie sich erstmals in eine Tagesklinik zu gehen – die beste Entscheidung, wie sie selbst sagt. Ich spreche mit Elif auf ihrem Heimweg. Sie erzählt offen, wie lange es gedauert habe, sich selbst einzugestehen, Hilfe zu brauchen. Gerade auch, weil sie von anderen immer als „starke Frau“ bezeichnet wurde. „Ich dachte, dass ich vielleicht weniger geliebt werde oder im Arbeitskontext weniger wert bin, wenn es mir nicht gut geht.“ Denn lange bedeutete Stärke für sie „durchzuziehen“. Gut aussehen. Erfolgreich sein. Ganz oben sein. Dass in einer Branche, in der sich Erfolg ziemlich genau in Streams, Chartplatzierungen und verkauften Konzertkarten berechnen lässt, all das zum Maßstab für den eigenen Wert werden kann, sehen wir immer wieder. Auch, was das anrichten kann.
Heute trennt die Sängerin diese Dinge bewusster voneinander. „Wenn der Song gut performt, dann bist du mehr wert. Und wenn er weniger performt, dann weniger wert. Das ist aber nur mein Marktwert als berufliche Elif“, sagt sie. „Ich habe privat immer meinen Wert. Ich bin immer Elif, ich bin mir immer etwas wert.“
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Stärke bedeutet für sie deshalb inzwischen, „seine Grenzen zu sehen“ und sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, die sie früher vielleicht lieber verdrängt hätte. Sie möchte nicht länger Verantwortung dafür übernehmen, dass ihr wehgetan wurde, sondern dafür, wie sie damit umgeht. In die Tagesklinik zu gehen sei deshalb eine Entscheidung nur für sie selbst gewesen. „Dass ich jetzt daran arbeite, das ist Stärke.“ Stark, weil diese Ehrlichkeit auch Konsequenzen hat.
Einige Familienmitglieder reden nicht mehr mit ihr, wenden sich ab. „Aber ich möchte auch keine Menschen um mich herumhaben, die mich nicht unterstützen“, betont sie.
Wie sie ein Gefühl von Zusammenhalt oder Gemeinschaft spürt, frage ich Elif. „Ich merke, dass, wen man sich öffnet, andere Leute sich dann auch trauen, sich zu öffnen.“ Menschen erzählen ihr von ihren eigenen Erfahrungen, schreiben ihr, dass es ihnen ähnlich geht. Ihre Verletzlichkeit schafft Verbindung.
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Sprechen wir über „fassade“, können wir auch das Offensichtliche nicht außen vor lassen: das äußere Erscheinungsbild. All die kleinen Routinen, die manchmal dabei helfen nach außen hin zu funktionieren, wenn es innen ganz anders aussieht. Make-up, Haare, ein Look, in dem man sich gut fühlt – oder zumindest ein bisschen besser.
Elif hat solche Routinen perfektioniert. Die kurzen Haare? Waren schnell zu stylen. Die schwarze Kleidung? Einfach zu kombinieren (und das Einzige, in dem sie sich zu der Zeit wohlfühlte). Vieles davon darauf ausgelegt, schnell ready zu sein – auch an Tagen, an denen ihr eigentlich nicht danach war. Bestimmte Mechanismen nutzt sie bis heute. Doch während es früher Teil der Fassade war, ist es heute eine auch eine Form von Self-Care. Eine Möglichkeit nur für sie selbst, harte Tage zu überstehen. „Ich fühle mich immer besser, wenn ich mich im Spiegel schön finde. Nur weil ich traurig bin, muss ich nicht scheiße aussehen.“
Ihre Haare sind länger, ihr Kleiderschrank bunter. Elif erlaubt sich mehr Spaß, versucht sich so anzuziehen, wie sie sich wohlfühlt. Es gebe Tage, an denen sie sich style und andere, an denen sie sich einfach nur „anziehe“. Gerade diese Tage mag sie. Baggy Jeans, Bauchkette, orangenes Top, verschiedene Materialien, Kombinationen, über die sie vorher nicht lange nachgedacht hat. Alles passiere nach Gefühl. „Jeder muss das mal eine Woche ausprobieren“, sagt sie und lacht.
Elif wirkt ausgeglichen. „Ich habe eine ganz tolle Lebensfreue und einen großen Willen. Wenn es nach mir ginge, würde ich 200 km/h losrennen. Aber mein Körper bremst mich und ich habe jahrelang nicht darauf gehört“, erzählt sie. „Jetzt achte ich ganz doll auf mich.“ Sie weiß, jedoch auch dass der Kampf noch nicht vorbei ist. „Es wird noch eine gewisse Weile dauern, bis ich diese Krankheit komplett überwunden habe“. Aber „jeder Mensch hat es verdient, glücklich zu sein.“ – auch Elif.
Wer selbst betroffen ist sind oder jemanden kennt, der Hilfe braucht findet beim Aktionsbündnis für seelische Gesundheit erste Anlaufstellen.
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