„Nichts zu tun ist auch eine Entscheidung“: Sängerin Mine über ihr neues Album, Mut zur Veränderung und gesellschaftliche Verantwortung

Der Titel „Killer“ klingt zunächst nach Zerstörung. Nach Wut. Nach einem Album, das mit anderen abrechnet. Doch Mine will niemanden vernichten. Sie will sich von den Versionen ihrer selbst lösen, die ihr nie wirklich gehört haben. Und so ist mit ihrem siebtem Album „Killer“ ein synth-getriebenes Werk entstanden, das eigentlich nur etwas verändern will. Ein Gespräch über Transformation und Verantwortung.

Mines Album "Killer" erscheint am 04. September 2026. Foto: Bastian Bochinski
Mines Album "Killer" erscheint am 04. September 2026. Foto: Bastian Bochinski

Ein Treffen mit Mine

Am Holzmarkt in Berlin treffe ich Jasmin Stocker, besser bekannt als Mine. Es ist einer dieser schwülen Julitage, an denen jederzeit ein Sommergewitter losbrechen könnte. Normalerweise verbringt die Wahl-Berlinerin hier mehrere Stunden pro Woche beim Luftakrobatik-Training. Im Moment muss das jedoch pausieren. Zwei Bandscheibenvorfälle zwingen die Musikerin dazu, langsamer zu machen. Stillstand bedeutet das trotzdem nicht. Denn während ihr Körper eine Pause einfordert, befindet sich ihr siebtes Album auf den letzten Metern. Am Morgen unseres Gesprächs wurde der letzte Mix abgenommen, am Ende der Woche ist Abgabe und sie ist „wirklich sehr glücklich damit.“

„Ich bekomme total den Kick daraus, mir etwas auszudenken und es Wirklichkeit werden zu lassen“

Mine produziert schon immer alles selbst – von den Arrangements bis zum Bass. Sie mischte Elektro mit Hip-Hop, Jazz mit Orchester, tiefgründige Lyrics mit Pauken und Trompeten. Dabei habe das Songwriting stets den größeren Teil eingenommen, erzählt Mine. Doch diesmal sei es anders gewesen. Sie wollte überraschen – auch sich selbst. „Ich wollte neue Sounds entdecken und beim Arbeiten wieder dieses Gefühl haben: Das habe ich so noch nie gemacht“, betont Mine.

Also beginnt die gebürtige Stuttgarterin mit ihrer Musik quasi von vorn. Analoge Synthesizer werden zum Ausgangspunkt der Songs. Schreiben und Produzieren verschmelzen stärker miteinander als je zuvor. Mine zieht alle Register und mischt zum ersten Mal große Teile des Albums selbst – ein Schritt, der sie viel Mut kostet. Und die Überraschung ist ihr gelungen. Bereits die erste Singleauskopplung „Dunkel“ klingt anders als ihre bisherigen Veröffentlichungen. Es gibt keine großen Chöre oder Orchester, dafür einen intensiven Beat. Die Worte klingen robotisch, ohne an Nachdruck zu verlieren. Er ist simpel und doch experimentell. Ein Vorbote für ihr kommendes siebtes Album „Killer“, das eine neue Tonart angibt.

„Killer“ war die erste Single-Auskopplung aus ihrem mit Spannung erwarteten siebtem Album „Killer“.

Sängerin Mine

Foto: Bastian Bochinski

Mine ist (k)ein „Killer“

„Killer“ ist ein bewusst gewählter Titel. Wer dabei an Zerstörung denkt, liegt allerdings daneben. Der Song war einer der ersten Titel, die für das Album entstanden sind. „Natürlich kann man Anteile seiner Persönlichkeit nicht einfach abtöten“, betont Mine. „Sie verschwinden nicht. Aber man kann lernen, anders mit ihnen umzugehen und sich von bestimmten Mustern zu lösen.“

Ich treffe eine Künstlerin, die sich in den vergangenen Jahren konsequent von Dingen verabschiedet hat, die sich irgendwann nicht mehr richtig angefühlt haben. Von gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen. Von der Vorstellung, irgendwann „fertig“ mit sich selbst zu sein. Von dem Bedürfnis, Konflikten aus dem Weg zu gehen und nach der Pfeife anderer zu tanzen.

Popkultur formt die Gesellschaft mit

Veränderung zieht sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch. Ob auch Künstler:innen eine gesellschaftliche oder persönliche Veränderung anstoßen können, frage ich sie also. „Ich glaube nicht, dass jemand einen einzelnen Song hört und danach ein völlig anderer Mensch ist“, so Mine. „Aber Kultur insgesamt prägt selbstverständlich unsere Gesellschaft.“ Die Musikerin glaubt nicht, dass einzelne Künstler:innen allein für Sexismus oder Gewalt gegen Frauen verantwortlich sind. Problematische Texte seien vielmehr Ausdruck gesellschaftlicher Normen und Machtverhältnisse.

„Nichts zu tun ist auch eine Entscheidung.“

Und das geht weit über Musik hinaus. Für die Künstlerin steht fest: Jede Person in der Öffentlichkeit sollte sich bewusst sein, dass die eigenen Worte mehr Gewicht haben als die vieler anderer Menschen. Am Ende müsse jede Person selbst entscheiden, wie sie mit dieser Verantwortung umgeht. Das schließe auch Schweigen mit ein.

Mine möchte nicht schweigen

Seit Jahren positioniert sie sich öffentlich gegen Diskriminierung und äußert sich regelmäßig zu gesellschaftspolitischen Themen. Auf Instagram postet Mine seit diesem Lipsync-Reactions. In diesen synchronisiert sie problematische, teils sexistische oder frauenfeindliche Aussagen aus Fernsehen und Songtexten wortwörtlich, ohne sie selbst zu kommentieren. Den Anfang machte ein Clip des Reality-TV-Stars Aleks Petrovic. Inzwischen hat die Sängerin auch auf Xavier Naidoo, Prinz Pi, Oliver Pocher, Cro und andere öffentliche Persönlichkeiten aufmerksam gemacht.

„Ich habe keine Lust mehr, Menschen zu schützen, die problematische Dinge sagen oder tun – nicht, indem ich sie öffentlich anprangere, sondern indem ich einfach nichts sage.“

Dabei gehe es ihr nicht darum, einzelne Menschen öffentlich bloßzustellen. Vielmehr möchte sie sichtbar machen, was lange Zeit nicht hinterfragt wurde. „Ich finde es schwierig, wenn dieses Argument dazu benutzt wird, gar nicht mehr darüber sprechen zu wollen“, sagt Mine über die häufige Rechtfertigung, misogyne Aussagen seien eben „in einer anderen Zeit entstanden“.

Mine

Foto: Bastian Bochinski

„Ich wollte dazugehören und habe deshalb nichts gesagt“

Stattdessen möchte sie auf die gesellschaftlichen Strukturen, aus denen solche Aussagen entstehen hinweisen. Denn sie haben reale Konsequenzen. „Wir sehen, wie viele Übergriffe Männer gegenüber Frauen begehen oder wie viel Gewalt es in Beziehungen gibt. Ich habe selbst Gewalt in Beziehungen erlebt und glaube, dass vielen Männern gar nicht bewusst ist, welche Formen von Gewalt sie manchmal ausüben“, erzählt die Musikerin.

Mehr Sensibilisierung sei deshalb ihr Wunsch. Dabei schließt sie sich selbst mit ein. Auch sie habe in jungen Jahren nichts gesagt oder sich sicherlich schon unwissentlich rassistisch verhalten. „Wer selbst kaum Diskriminierung erlebt, erkennt bestimmte Strukturen oft gar nicht, weil sie einen nicht unmittelbar betreffen. Deshalb ist Empathie so wichtig, also die Fähigkeit, sich in andere Lebensrealitäten hineinzuversetzen.“ Fehler einzugestehen, bedeute nicht, ein schlechter Mensch zu sein, meint Mine. Es bedeute dazuzulernen.

Mines Botschaft

„Mir ist wichtig, dass Feminismus immer auch intersektional gedacht wird. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir uns in gesellschaftlichen Debatten zu sehr auf die Perspektive weißer Frauen konzentrieren. Dabei hängen unterschiedliche Formen von Diskriminierung eng zusammen. Wenn wir über Gleichberechtigung sprechen, müssen wir auch queere Menschen, schwarze Menschen und andere marginalisierte Gruppen mitdenken. Viele wichtige Bewegungen wurden ursprünglich von Schwarzen Transpersonen angestoßen. Trotzdem bleibt ihre Rolle bis heute oft unsichtbar.“

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions