Meet the Working Moms: Nathalie Thébault über Rollenbilder und tiefgreifende Veränderungen

Was die Working Moms verbindet, ist kein bestimmter Karriereweg oder ein gemeinsames Lebensmodell. Es ist die Überzeugung, dass Sichtbarkeit Veränderung schafft. Sie kennen die kleinen und großen Herausforderungen eines Alltags, in dem Familie, Beruf und persönliche Ziele ihren Platz finden müssen. Als Netzwerk schaffen sie gemeinsam einen Ort, an dem Erfolge gefeiert, Zweifel geteilt und neue Wege sichtbar werden. Im Interview spricht Nathalie Thébault über Erwartungen, vom Loslassen des Perfektionismus und von der Kraft eines Netzwerks, das auffängt.

Hinter den Working Moms stehen Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und doch mit vielen gemeinsamen Erfahrungen. Illustration: Susann Beule

Das sind die Working Moms

Zwischen dem ersten Kaffee am Morgen und dem Licht, das abends im Kinderzimmer ausgeht, liegen unzählige Entscheidungen. Große und kleine, berufliche und private, geplante und spontane. Viele Mütter bewegen sich täglich selbstverständlich und routiniert durch diese Alltagssituationen. Hinter dem Netzwerk „Working Moms“ stehen Frauen mit Haltung, Ideen und Visionen. Frauen, die führen, begleiten, erfinden, verändern und immer wieder neue Antworten auf die Fragen ihres Lebens finden. Jedes einzelne Leben erzählt von Erfolgen und Umwegen, von Herausforderungen und Chancen, von dem, was antreibt und dem, was trägt. Vor allem aber zeigen sie die Menschen hinter den Rollen, denn keine Geschichte gleicht der anderen. Und doch verbindet alle Frauen der Wunsch, Familie und Beruf nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beides als Teil ihres individuellen Lebenswegs zu gestalten.

Als die Working Moms im Frühjahr 2007 gegründet wurden, fehlten vielerorts sichtbare Vorbilder für Frauen, die Familie und ambitionierte Karriere miteinander verbinden wollten. Aus dieser Lücke entstand ein Verein, der bis heute wächst. Was mit wenigen Frauen in Frankfurt begann, ist mittlerweile ein Netzwerk von mehr als 1.000 engagiert berufstätigen Müttern in Deutschland und der Schweiz geworden, die beruflich wie privat Führungsverantwortung übernehmen – vereint durch den Wunsch, sich gegenseitig zu stärken und Sichtbarkeit zu schaffen.

iov egeria, nathalie thébault

Foto: Nathalie Thébault/Privat

Working Moms: Nathalie Thébault im Interview

Als Nathalie Thébault zum ersten Mal bei den Working Moms vorbeischaut, war sie schwanger. Sie hatte klare Vorstellungen davon, wie Familie und Beruf später zusammenfinden würden und war fest davon überzeugt, dass bei ihr vieles anders laufen würde als bei anderen Frauen. Doch nur vier Monate später, zurück im Job, erlebte sie selbst, wie groß der Umbruch tatsächlich sein kann. Die Rückkehr ins Berufsleben fiel ihr schwer. Nicht wegen mangelnder Motivation, sondern weil sich alles verändert hatte: aus einer Priorität sind plötzlich zwei geworden und aus dem Wunsch, allem gerecht zu werden, entstand ein schlechtes Gewissen, das viele berufstätige Mütter nur zu gut kennen. Bei den Working Moms fand Nathalie genau das, was sie in diesem Moment brauchte: Frauen, die ihre Erfahrungen teilten, Perspektiven eröffneten und motivierten weiter zu machen – den schliesslich dauert die Phase nur einen kleinen Teil des eigenes Lebens und Kinder mit arbeiteten Muettern geht es spaeter auch nicht schlechter als Kindern von Muettern, die zu Hause bleiben. Ein Gespräch bei einem der ersten Treffen blieb ihr besonders in Erinnerung, weil es ihr half, Zweifel loszulassen und den eigenen Weg mit mehr Vertrauen zu gehen.

Marie Claire: Wie organisierst du deinen Alltag, der wahrscheinlich nie wirklich planbar ist?

Ich bin aufgrund meines Jobs sehr viel auf Reisen. Mit meinem Mann haben wir daher ein umgekehrtes Rollenmodell. Er arbeitet zwar auch, aber nicht in der gleichen Intensität wie ich und macht daher viel im Haushalt. Ausserdem kann er unser Kind zu all den Hobbies hinfahren und abholen. Wir wohnen seit zehn Jahren in der Schweiz und hier ist es so, dass die Kinder ermutigt werden alleine in den Kindergarten zu gehen, um früh selbstständig zu werden. Das wäre in Deutschland kaum denkbar. Mein Mann hat zudem bewusst gesagt, er würde gern mehr Zeit mit unserem Kind verbringen und ist deswegen auch zurückgetreten. Er ist Franzose und kulturell ist das vielleicht etwas einfacher als für deutsche Männer. Wir haben uns gut organisiert und ich bin meinem Mann dankbar, dass er das so selbstverständlich annimmt. Ich kann dann die Zeit mit meinem Sohn zu 100 Prozent genießen und habe nicht das Gefühl, dass ich etwas verpasse oder selbst zu kurz komme. Natürlich habe ich manchmal auch ein schlechtes Gewissen, da ich nicht immer anwesend bin, aber meinem Sohn geht es gut und ich würde mich immer als eine gute Mutter bezeichnen.

Marie Claire: Welche Herausforderungen haben dich rückblickend stärker gemacht?

Da gibt es gar nicht so das eine ganz große Thema ehrlicherweise. Einfach den Alltag so zu managen, dass du die verschiedenen Prioritäten gut ausbalancieren kannst. Das ist eigentlich bereits eine Erfolg, auch wenn das nicht sofort ins Auge sticht. Nichtsdestotrotz kann ich sagen, dass so wie die Kinder auch wachsen, man auch selber hineinwächst. Meine Mutter hat immer gesagt, Kinder werden schon groß und das hat mich wohl auch geprägt. Meiner Einschätzung nach habe ich mich nicht stark durch das Muttersein verändert. Ein Kind zu haben empfinde ich als ein großes Geschenk und ich bin sehr dankbar dafür. 

Marie Claire: Was würdest du an der Arbeitswelt für Mütter sofort ändern, wenn du etwas ändern könntest?

Witzigerweise würde ich den Männern ähnliche Paterniti vorschlagen wie den Frauen. Männer wollen auch, wie jetzt in meinem Fall, gerne Zeit mit dem Kind oder den Kindern verbringen. Mein Mann ist jetzt 40, ich bin ein bisschen älter als er und ich glaube die Generation leidet darunter, dass das immer so einseitig ist. Das sieht man immer mehr, dass auch die Männer zuhause bleiben wollen. Man sollte das als gemeinsames Projekt sehen. In der einen Familie ist vielleicht der Mann derjenige, der Karriere macht, in einer anderen die Frau und in der dritten sind es beide. In der Schweiz ist das natürlich sowieso seltener als in Deutschland, dass man als Mann nach der Geburt Vaterschaftsurlaub hat. Die Frau von der Leyen hat da ja auch einiges gemacht, aber ich glaube, da könnte man noch mehr machen. Die Männer würden das denke ich auch begrüßen.

Marie Claire: Was war die mutigste Entscheidung in deinem bisherigen Leben?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich jemals etwas entschieden habe, wo ich sehr viel Mut gebraucht hätte. Ich hatte da eigentlich schon immer einen recht klaren Blick auf das was ich möchte. Für mich ist jemand mutig, der seine Angst überwindet. Vermutlich habe ich noch nichts gemacht, was besonders mutig ist. Ich weiß es nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass es mutig war, ein Kind zu bekommen oder in ein anderes Land zu ziehen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es mutig war, meine Karriereschritte so zu gehen, wie ich es gerade gehe. Ich bin sowieso jemand, der seine Meinung sagt, deswegen lasse ich mich auch von Autorität nicht einschüchtern. Es ist mir auch egal, ob jemand Vorstandsvorsitzende ist oder Raumpflegerin. Ich behandle jeden gleich. Natürlich braucht man schon ein bisschen Mut, sich vor eine Gruppe von 300 Leuten zu stellen und einen Vortrag zu halten, aber das ist jetzt nichts, was ich als besonders mutig betrachten würde.

Marie Claire: Wie kommst du nach einem stressigen Tag runter?

Durch meine Familie. Mein Kind und meinen Hund. Aber auch Gespräche mit Freundinnen. Wenn es extrem ist, dann mediteriere ich auch mal. Viel Sport an der frischen Luft hilft auch. Aber ganz ehrlich, wenn du nach Hause kommst und dein Sohn kommt dir entgegen und springt dir in die Arme, dann ist das ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Ich bin ja jetzt auch schon 43 und irgendwann kommt man an einen Punkt im Leben, wo man Dinge machen möchte, die einem Freude bereiten und weniger, weil man sie machen muss. Deswegen ist mir meine Karriere auch wichtig, weil man mit ihr viel mehr die Möglichkeit hat Dinge mitzugestalten. Auch Freiheit und Selbstbestimmung die man durch die Karriere bekommt ist für mich extrem wichtig. Dennoch sind da natürlich auch diese Tage, wo man nach Hause kommt, total ausgelaugt und gedanklich noch irgendwo ganz anders ist, dann dauert es, bis man wirklich präsent ist. Das ist manchmal meine Herausforderung. Ich würde gerne schneller switchen von: Jetzt bin ich bei der Arbeit, jetzt bin ich zu Hause

Marie Claire: Was würdest du gerne öfter laut aussprechen?

Ja, ich muss sagen, ich spreche glaube ich, im Allgemeinen Dinge gern sofort und laut aus. Bei mir ist es eher andersrum, ich möchte auch mal ein bisschen mehr zuhören und mehr verstehen, was andere Leute bewegt. Wir alle sind geprägt von den Dingen, die wir erlebt haben, und ich glaube, so etwas wie eine universelle Wahrheit gibt es sowieso nicht. Die Wahrheit ändert sich mit dem Wetter. Die Wahrheit ändert sich mit den politischen Parteien. Die Wahrheit ändert sich mit den Erfahrungen. Und ich denke, dass man manchmal, wenn man einen gewissen Lebensweg eingeschlagen hat, sehr stark geprägt ist davon. Ich habe mich früher öfter mal dabei ertappt, dass ich viel zu schnell urteile. Lieber etwas weniger sprechen und weniger meinungsstark sein und mehr zuhören.

Marie Claire: Wofür möchtest du einmal erinnert werden?

Hm. Wenn ich mir vorstelle, ich bin bei meiner Beerdigung und da stehen meine Freunde, meine Familie und mein Sohn, soll sich jeder denken: Sie hat mir Freude bereitet. Sie hatte einen positiven Einfluss auf mein Leben. Mein Anspruch ist, zuerst die Leute um mich herum glücklich zu stimmen. Meine Freunde und meine Familie sind mir sehr wichtig. Oder auch meine Kollegen, dass ein gutes Verhältnis da war und dass man die Dinge erfolgreich weiter gebracht hat. Das ist das, für was ich erinnert werden möchte. Ich muss die Welt nicht ändern. Ich kann nur meinen kleinen Mikrokosmos ändern. Anstatt große Aufgaben unbedingt machen zu wollen und da verbissen daran zu arbeiten, ist es vielleicht besser, in einem kleinen Umfeld das zu machen und zu überlegen, was man wirklich beeinflussen kann. Wenn jeder bei sich bleibt und die Dinge richtig macht, dann ist es schon gut.

Meistgelesen in Life

  1. Life · Health31 Sexfantasien, die Sie unbedingt ausprobieren sollten
  2. Life · PsychologieHoroskop 2027: Das Jahreshoroskop für alle Sternzeichen
  3. Life · Kunst & KulturErotische Filme auf Netflix: Diese 10 lassen es knistern
  4. Life · Essen & TrinkenPicknick-Saison eröffnet: Diese Essentials dürfen nicht fehlen. Mit Gewinnspiel
  5. Life · Kunst & KulturSechs Kulturen, eine Bühne: Katseye will nach ganz oben

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions