La Watchparty: Wie Lyas die Fashion Week zum Public Viewing Event machte

Im letzten September stand ich in Paris zwischen hunderten Menschen, die eine Modenschau verfolgten, wie andere ein Fußballspiel in der Fanzone. Looks wurden bejubelt, kommentiert und gemeinsam bewertet. Was sich damals noch wie ein etwas verrücktes soziales Experiment anfühlte, ist heute ein fester Teil (beinahe schon offizieller Termin) des Fashion Months: La Watchparty.

Lyas bei La Watchparty

La Watchparty: Front Row für alle!

Dabei begann La Watchparty ausgerechnet mit einer Einladung, die nie eintraf. Im Sommer 2025 wollte der Pariser Content Creator Lyas, mit bürgerlichem Name Elias Medini, das Dior-Debüt von Jonathan Anderson hautnah erleben. Doch sein Name fehlte auf der Gästeliste. Also erschuf er kurzerhand seine eigene Front Row. Er lud seine Community in eine Pariser Bar zum gemeinsamen Public Viewing. Keine Einladung? Kein Problem. Hier entschied keine Sitzordnung, wer dazugehören durfte. Im Gegenteil: Es war jede:r willkommen. Keine Gästeliste, kein Dresscode. Und mehr als 300 Menschen tauchten auf.

Public Viewing von Fashion Weeks

Eigentlich ist die Idee ganz simpel: Die Fashion Weeks gemeinsam zu erleben. Ja, die Shows sind längst digital zugänglich – über Instagram, YouTube oder die Websites der Brands kann jede:r Modebegeisterte die Runways in Echtzeit verfolgen. Doch wirklich zugänglich war das eigentliche Fashion Week Erlebnis trotzdem nicht. Gemeinsam eine Show sehen, reagieren, diskutieren, ein Teil des Moments sein. All das blieb einer kleinen Gruppe exklusiv vorbehalten.

Diese Lücke füllt La Watchwarty. Eigentlich ist das Prinzip dasselbe wie bei Public Viewing großer Sportereignisse. Niemand geht in eine Fanzone, weil das Spiel dort besser zu sehen wäre als auf dem Fernseher zuhause. Man geht hin, um nicht allein zuzusehen. Lyas, der bereits damals ungefiltert seine Meinung über die Modewelt auf Social Media teilte, übertrug diese Fankultur auf die Mode. Er demokratisierte diese exklusive Welt ein wenig. Wie sich das anfühlt, konnte ich im vergangenen Jahr selbst erleben.

Eingangsschild bei La Watchparty in Paris

Foto: Redaktion

Vor Ort bei La Watchparty in Paris

Loewe, Frühjahr/Sommer 2026. Keine Gästeliste. Wer wartete, kam rein. Und schon am Eingang zeigte sich, dass aus La Watchparty in kürzester Zeit ein eigenes Fashion Week Event entstanden war. Kooperationspartner MAC hatte eine Wand aufgebaut, die die Gäste küssen konnten – eine Referenz an Lyas‘ Markenzeichen, die knallrot angemalten. Daneben ein Plakat mit der ironischen Frage: „I sold my soul for this??!“ 

Showtime im Hinterhof

Im Innenhof steht schließlich die „Leinwand“: ein überdimensional großer Laptop. Auf seinem Bildschirm laufen die Livestreams ausgewählter Shows. Ein Look erscheint, die aufgestylte Menge reagiert wie bei einer Torchance. Es wird gejubelt, gebuht, gegrölt und diskutiert. Und Lyas schaut nicht einfach nur mit. Nach der Show wird gerankt, er interagiert mit der Crowd.

Fotos: Redaktion

Was nach der Show bleibt

Es gibt Merch zu kaufen und kostenlosen Matcha in Kooperation mit Joe & The Juice. Als Erinnerung nehmen die Gäste rote Dosen mit Loewe-Postern mit nach Hause. Wie sehr die Veranstaltung über die eigentliche Show hinausreicht, merke ich erst später. Auf dem Heimweg treffe ich in der Metro einige der Menschen wieder. Unter ihren Armen: die roten Loewe-Dosen. Die Show ist vorbei, ihre Zuschauer:innen sind wieder über Paris verteilt. Für eine Stunde hatten sie trotzdem ihre erste Front Row.

Menschen bei La Watch Party in Paris 2025

Foto: Redaktion

Plötzlich wollen alle dabei sein

Ein Jahr später ist aus La Watchparty längst ein internationales Phänomen geworden. Und vielleicht die größte Ironie dieser Erfolgsgeschichte: Ausgerechnet die großen Namen der Modeindustrie, deren verschlossene Türen den Anstoß für La Watchparty gaben, möchte heute selbst ein Teil davon sein. La Watchparty reist inzwischen während des Fashion Months von Stadt zu Stadt. Models wie Alex Consani schauen selbst vorbei, Tickets für die eigentlichen Shows werden verlost, Kooperation werden größer und sichtbarer.

In London sponsorte ASOS zuletzt eine La Watchparty, in Paris füllt das Format inzwischen Locations mit bis zu 2.000 Menschen. Ähnliche Konzepte tauchen auch anderswo auf. Von New York über Paris und London bis zu neuen Watchparty-Formaten in Berlin: Die Idee des gemeinsamen Runway-Show-Schauens hat sich verselbstständigt. Fashion Shows gemeinsam zu schauen ist zu einem in-offiziellen Fashion Week Highlight geworden.

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