Am 5. Mai, dem Internationalen Hebammentag, sprechen wir mit Hebamme Sissi Rasche über die Herausforderungen ihres Berufs – über mangelnde Zeit, fehlende Anerkennung und eine faire Bezahlung, die weiterhin auf sich warten lässt. Ein neuer Schiedsspruch zur Vergütung bedroht die Arbeit und Existenz freiberuflicher Hebammen einmal mehr. Darunter leiden aber nicht nur die Hebammen, sondern auch Gebärende selbst. Mit Hebamme Sissi Rasche sprechen wir über die Arbeit als Hebamme und die Petition „Frauen zahlen den Preis“.
Hebammen wirken seit tausenden Jahren vor, während und nach der Geburt von Kindern mit. Egal, ob im Kreißsaal, im Geburtshaus oder vertrauten Zuhause: Sie sind dort, wo das Leben beginnt. Und das ist Pflicht: In Deutschland muss bei jeder Geburt eine Hebamme hinzugezogen werden. Doch katastrophale Arbeitsbedingungen, unzureichende Finanzierung und fehlende Wertschätzung erschweren den Hebammen ihre für unser Gesundheitssystem unverzichtbare Arbeit.
Der Deutsche Hebammenverband nutzt daher den Internationalen Hebammentag am 05. Mai dazu, über die Bedeutung dieses systemrelevanten Berufs aufzuklären und auf die Forderungen gegenüber der Politik aufmerksam zu machen. 2025 steht der Aktionstag unter dem Motto „Frauen zahlen den Preis“.
Ein Drittel aller Frauen in Deutschland fühlt sich während der Geburt alleingelassen, vernachlässigt oder erleidet sogar ein Geburtstrauma. Auch Gewalt sowie Ein- und Übergriffe ohne ihr Einverständnis sind keine Seltenheit. Dazu gehören Dammschnitte, vaginale Untersuchungen, Fruchtblaseneröffnungen oder Injektionen von Medikamenten. Insgesamt sind das 207.897 Mütter jedes Jahr. Jede Frau ist dabei eine zu viel.
Als Grund wird die unzureichende Unterstützung der Politik für eine sichere Geburtshilfe angeführt. Erst Anfang April wurden Beleghebammen finanziell schlechter gestellt. Die freiberuflichen Hebammen sind diejenigen, die 1:1-Betreuung während der Geburt anbieten und somit eine umsorgte, gewaltfreie Geburt sicherstellen können.
Deshalb fordert der Deutsche Hebammenverband im Rahmen der Kampagne 2025 „Frauen zahlen den Preis“ eine 1:1-Betreuungsgarantie durch Hebammen für jede Frau unter der Geburt.
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Sissi Rasche ist Hebamme mit Leib und Seele. Sie ist davon überzeugt, dass jeder gebärenden Person eine 1:1-Betreuung zustehen sollte und setzt sich deshalb für die Rechte von Hebammen und Familien ein. Auf Instagram, in ihrem Podcast und Buch teilt sie ihr umfangreiches Hebammenwissen. Im Gespräch mit Marie Claire spricht sie über das Wunder der Geburt, die katastrophalen Bedingungen für Hebammen und was sie sich für die Zukunft des Berufs wünscht.
Marie Claire: Sie selbst sind vierfache Mutter und seit mehr als 15 Jahren als Hebamme tätig. Wie fühlt es sich an, bei so vielen Lebensanfängen dabei zu sein?
Sissi Rasche: Jede Geburt ist individuell, jeder Beginn des Lebens ist individuell. Das macht den Beruf so besonders, weil es nie gleich ist. In dem Moment, in dem ein Kind geboren wird – egal was draußen los ist und wie die Weltlage aussieht – bleibt immer kurz die Welt stehen. Dieser erste Moment ist total magisch. Und das verändert sich auch nicht. Dieser Zauber der Geburt ist immer wieder besonders. Die Ehrfurcht vor der großen Verantwortung bleibt. Aber auch vor dem einen Moment: Das Kind ist geboren, der Mutter geht es gut – das ist so ein besonderer Moment und alles, was drumherum passiert, ist egal. Kurz bleibt alles stehen
Marie Claire: Haben Sie schon einmal nachgezählt, wie viele Geburten Sie begleitet und unterstützt haben?
Sissi Rasche: In der Hebammenausbildung hat man bis zum Examen mitgezählt, um überhaupt Hebamme werden zu können. Und dann habe ich auch weiter mitgezählt, aber irgendwie hat es für mich jetzt auch nicht mehr so die Präsenz, was das für eine Zahl ist. Ich könnte natürlich eine Statistik aus meinen Dokumentationen ziehen, aber das mache ich nicht. Es sind auf jeden Fall schon einige Geburten gewesen, sicherlich einige Hundert. Aber ich habe natürlich weniger Geburten begleitet, weil ich mich ganz bewusst für die 1:1-Betreuung als Weg der Geburtshilfe entschieden habe. Ich bin freiberufliche Hebamme und arbeite nicht im Krankenhaus, wo man pro Schicht manchmal auch fünf Geburten begleitet. Sondern ich habe mich ganz bewusst so entschieden, dass ich Frauen in der Rufbereitschaft und ganzheitlich betreuen möchte, ob Zuhause oder im Krankenhaus.
Marie Claire: Hat sich Ihr Blick auf den Beruf geändert, seit Sie selbst Mutter geworden sind?
Sissi Rasche: Man verändert sich natürlich als Mensch, wenn man selbst Mutter geworden ist. Was mir aber immer wichtig ist: Man ist keine bessere Hebamme, ob man Mutter ist oder nicht. Es hat meine Sicht auf die Dinge in der Hinsicht verändert, dass ich die Frauen noch besser verstehen kann. Wenn man Mutter wird, dann verändert sich auch das Angstgefühl. Man ist verletzlicher, weil man nicht mehr nur für sich selbst Verantwortung trägt, sondern auch für ein Kind. Das fand ich die größte Veränderung. Aber für mich als Hebamme hat sich in dem Sinne nicht so viel verändert. Bei der Geburtshilfe sollten die eigenen Erfahrungen nicht so mit reingreifen. Jede Frau gebärt anders und da sollte man einen offenen Blick haben und nicht vergleichen.
Marie Claire: Haben Sie trotzdem eine Message an werdende Mütter?
Sissi Rasche: Das ist schon die krasseste Veränderung in deinem Leben – positiv wie auch negativ. Mutter sein ist wahnsinnig toll, aber es ist auch einfach ein krasser Job und eine krasse Verantwortung und auch sehr, sehr intensiv. Das kann man gar nicht beschreiben und das kann man sich vorher auch nicht vorstellen.
Regretting Motherhood ist in den letzten Jahren ja auch ein Thema geworden. Wir wissen vorher nicht, ob wir das wirklich können. Es gibt eben auch schwierige Phasen und es ist einfach ein krasser Job. Eine gewisse Offenheit ist da sehr wichtig. Und keine Angst zu haben, über solche Probleme zu reden.
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Marie Claire: Immer wieder hören wir über Fachpersonal-Notstand in deutschen Kliniken. Es gäbe zu wenige Hebammen und einige von diesen wenigen kündigen. Und das bei steigender Geburtenrate. Was meinen Sie, weshalb ist das so?
Sissi Rasche: Ich kann nur für mich sprechen, aber für mich ist das eine Berufung und es ist weiterhin für mich der schönste Beruf der Welt. Aber die Bedingungen sind einfach schwierig und gerade wenn man so einen Beruf macht, dann ist es natürlich toll, sich aufzuopfern, aber man muss natürlich auch gucken, wo man am Ende selber bleibt. Das ist gerade das aktuelle Problem.
Marie Claire: Ihre Arbeit ist zweifelsohne systemrelevant. Fühlen Sie sich von Politik und Gesellschaft wahr und ernst genommen?
Sissi Rasche: Nein. Es ist ein Thema, was Frauen und Familien nur eine kurze Zeit betriff. Ja, eine kurze Zeit sind wir relevant, dann aber sehr intensiv und dann vergisst man das auch immer schnell. Und dadurch, dass diese Zeit sehr kurz ist, sind viele Leute immer sehr erschrocken und finden alles ganz furchtbar. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Mehrheit der Gesellschaft oder auch die Politik sieht, wie wichtig ein guter Start ins Leben ist und welchen Unterschied es macht, wenn Frauen gut betreut sind.
Das heißt nicht, dass alle eine rosarote Geburt haben müssen, aber gerade in extremen Situationen oder Notfallsituationen, da ist es so wichtig, dass Frauen begleitet und nicht alleingelassen werden. Das ist, glaube ich, der Gesellschaft und der Politik nicht bewusst, wie wichtig das ist, wenn man das selber nicht die Erfahrung gemacht hat. Und da es einfach nur einen kleinen Teil betrifft und viele gar nicht mehr betrifft, ist es nicht so ein relevantes Thema.
Marie Claire: Was müsste passieren, dass dieser Beruf die Anerkennung bekommt, die er verdient?
Sissi Rasche: Wenn ich das wüsste, dann wäre ich auf jeden Fall schon viel weiter.
Marie Claire: Wo sehen Sie die größten Probleme?
Sissi Rasche: Die Problematik unserer beruflichen Situation gibt es nicht erst seit gestern. Die gibt eigentlich schon, seitdem ich in diesen Beruf eingestiegen bin. Es gab kaum Vergütungserhöhungen in den letzten 20 Jahren, aber steigende Kosten, um den Beruf auszuüben. Es ist für uns alles schwieriger geworden. Haftpflichtversicherung, Digitalisierung, Dokumentation, das muss man alles bezahlen und es braucht ein System. Ich muss mich stetig fortbilden, um Up to date in diesem Job zu sein. Das sind alles Kosten, die dazu kommen und mir keiner bezahlt. Selbst wenn ein Teil der Versicherung von den Krankenkassen übernommen wird, ist es eine bürokratische Hürde, die viele Hebammen gar nicht in Kauf nehmen. Es sind so viele kleine Dinge, die den Beruf einfach schwierig machen auszuüben und vielen die Lust nimmt. Viele sind darum Quereinsteiger in anderen Berufen.
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Marie Claire: Sie sagen selbst, dass Geburtshilfe zunehmend zum Luxus wird. An welchen Faktoren machen Sie das fest?
Sissi Rasche: Wenn Frauen oder Familien sich eine gute Geburt leisten wollen, dann bieten sich die Beleghebammen mit 1:1-Betreuung an. Beleghebammen haben eine sehr hohe Rufbereitschaft. Das ist die Zeit, wo die Hebammen drei Wochen vor und zwei Wochen nach der Geburt on call sind. Das ist die einzige IGeL-Leistung, die wir Hebammen machen können. Andere Hebammen nehmen sogar nur Privatversicherte. Und dadurch wird es natürlich zum Luxus, weil das können sich dann nur bestimmte Familien leisten. Darum geht es. Mit Geld kann man sich viel kaufen – auch Gesundheit oder gute Betreuung. Aber Geburt ist einfach ein Menschenrecht und eine gute Betreuung gehört dazu. Da sollte kein Unterschied gemacht werden, ob man sich das leisten kann oder nicht.
Marie Claire: Welche Neuorientierung im Gesundheitssystem wäre notwendig damit die Versorgung in der Geburtshilfe gesichert werden kann?
Sissi Rasche: Es geht einfach darum, dass die Vergütungen angehoben werden. Erst jetzt wurden wieder Dinge gekürzt. Die außerklinische Geburtshilfe wurde zwar besser vergütet. Das sind aber nur zwei Prozent der Frauen, die sich für eine außerklinische Geburt entschieden. Und damit schmücken sich jetzt die Krankenversicherungen. Es ist total lächerlich. Bei der Wochenbettpauschale wurde etwas verändert, aber wenn man es umdreht, ist es auch wieder keine wirkliche Änderung. Und auf der anderen Seite haben die Beleghebammen, die im Schichtsystem arbeiten, so viel gestrichen bekommen haben, dass kleine und große Kliniken eigentlich so nicht mehr arbeiten können.
Eigentlich müssten kollektiv alle Hebammen, die es in Deutschland gibt, aus dem Vertrag der gesetzlichen Krankenkassen austreten und auf gut Deutsch sagen: „So ihr könnt uns jetzt mal alle gerne. Wir treten aus und wir machen das nicht mehr mit unter diesen Bedingungen. Und wenn ihr uns wollt, dann macht uns ein neues Angebot.“ Aber das würden natürlich nicht alle machen, weil sich nicht jede Hebamme leisten kann von heute auf morgen auf das Gehalt zu verzichten. Aber das wäre das einzig wirksame, um mal wirklich ein Zeichen zu setzen. Meine Arbeit und die Arbeit meiner Kolleginnen ist essenziell wichtig. Es ist durch Studien belegt und die Leitlinien in der Geburtshilfe sagen, 1:1-Betreuung ist das Beste bei der Geburt. Und trotzdem haben wir es nicht.
Es wird immer viel gesagt, was dann letztendlich gemacht wird, ist dann die andere Seite. Für die Gesellschaft wird es beschönigt, aber was tatsächlich passiert ist, etwas anderes.
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Marie Claire: Was macht Ihnen trotz aller Herausforderungen Hoffnung für die Zukunft dieses Berufes?
Sissi Rasche: Der Beruf macht ja an sich Spaß. Menschen wollen Hebammen werden, weil es einfach ein abwechslungsreicher, verantwortungsvoller, toller Beruf ist, Familien in dieser so sensiblen und aufregenden Zeit zu begleiten. Da gibt es ja keine Frage. Der Beruf ist für mich der schönste Beruf der Welt und für viele meiner Kolleginnen auch. Es geht einfach nur darum, dass Hebamme zu sein kein Hobby ist und man für so eine wichtige Arbeit angemessen bezahlt werden möchte. Und da geht es keinem darum, dass man damit reich werden will. Sondern es geht um ein verhältnismäßiges Gehalt für das, was wir tun.
Marie Claire: Wenn wir weiter in die Zukunft blicken: Was wünschen Sie sich für den Beruf der Hebamme?
Sissi Rasche: Ich wünsche mir Anerkennung, faire Bezahlung und dass die Gesellschaft sieht, dass wir an Familie, Kindern, im Gesundheitssystem, was den Anfang des Lebens angeht und bei der Schwangerschaft einfach nicht sparen sollten. Hier sollten wir einen guten Grundstein setzen. Wenn eine Geburt gut begleitet ist, wenn die Stillzeit gut begleitet ist, gibt es in der ersten Zeit mit dem Baby viel weniger Probleme. Ich wünsche mir, dass man da den Fokus setzt und investiert.
Marie Claire: Wir bei Marie Claire möchten Frauen und ihren Themen eine Stimme geben. Welche Botschaft möchten Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben?
Sissi Rasche: Bis zum 7. Mai läuft noch die Petition „Frauen zahlen den Preis“. Ich glaube, solange die Frauen und Familien nicht im Hintergrund dauerhaft Druck an die Politik, die Kommunen und die Krankenkassen machen, dann wird es einfach nichts werden. Alleine schaffen wir das nicht. Gemeinsam ist man stärker. Es ist daher ganz wichtig, die Petition zu unterschreiben und zu teilen.
Hier geht es zur Petition.
Egal, ob wir selbst Kinder haben, planen oder überhaupt welche wollen: Geburtshilfe geht uns alle an. Das wissen auch Lena Gercke, Felix Kroos, Düzen Tekkal, Anna Adamyan, Marie Nasemann und mehr Prominente, die gemeinsam laut werden.
Was der Deutsche Hebammenverband von der kommenden Bundesregierung fordert?
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