Mit Hamnet gewinnt ein Film den Golden Globe, der sich bewusst gegen das klassische Künstlerporträt entscheidet. Statt William Shakespeare als überlebensgroße Figur ins Zentrum zu rücken, erzählt das Drama von dem, was Geschichte meist nur in Nebensätzen erwähnt: dem Tod seines Sohnes. Hamnet ist kein Film über Ruhm, sondern über Verlust – und über die Menschen, die im Schatten eines Genies leben
Die Geschichte spielt im England des 16. Jahrhunderts und folgt einer Familie, deren Alltag von Natur, Arbeit und Nähe geprägt ist. Im Zentrum steht Agnes, eine eigenwillige, naturverbundene Frau, deren feines Gespür für ihre Umgebung fast etwas Zeitloses hat. Gemeinsam mit ihrem Mann William und den Kindern Hamnet und Judith lebt sie ein zurückgezogenes Leben, bis eine Krankheit – vermutlich die Pest – alles verändert.
Als Hamnet im Alter von nur elf Jahren stirbt, zerbricht die Familie an einer Trauer, die sich nicht in Worte fassen lässt. Der Film verweigert dabei jede Form von Melodram. Stattdessen zeigt er das Danach: das Weiterleben, das Schweigen, die Distanz, die sich zwischen Agnes und William schiebt. Die Abwesenheit des Kindes wird zur alles bestimmenden Präsenz – in jedem Raum, in jeder Geste.
Jessie Buckley als Agnes Hathaway. Foto: Agata Grzybowska – © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
Eine der radikalsten Entscheidungen von Hamnet ist die Perspektive. Die Geschichte wird nicht aus Sicht des berühmten Vaters erzählt, sondern aus der der Mutter. Agnes ist keine Nebenfigur, sondern emotionale Achse des Films. Ihre Trauer ist körperlich spürbar, ihr Verlust existenziell.
Jessie Buckley, die für diese Rolle mit dem Golden Globe als beste Hauptdarstellerin (Drama) ausgezeichnet wurde, verleiht Agnes eine stille Intensität, die den Film trägt. Ihre Darstellung ist zurückhaltend, fast spröde – und gerade deshalb so eindringlich. Buckley spielt keine große, laute Trauer, sondern ein leises Aushalten, ein inneres Zerbrechen, das sich in Blicken, Pausen und Gesten manifestiert. Die Auszeichnung wirkt weniger wie eine klassische Schauspiel-Ehrung als wie eine Anerkennung für emotionale Präzision.
Historisch belegt ist nur wenig: Hamnet Shakespeare, der Sohn von William Shakespeare und Anne Hathaway, starb 1596 im Alter von elf Jahren. Die Todesursache ist nicht eindeutig dokumentiert, die Pest gilt jedoch als wahrscheinlich. Sein Name ist bemerkenswert – „Hamnet“ und „Hamlet“ waren im elisabethanischen England nahezu austauschbar.
Nur wenige Jahre nach Hamnets Tod schrieb Shakespeare Hamlet. Ob der Verlust seines Sohnes direkten Einfluss auf das Werk hatte, ist nicht beweisbar – aber kaum von der Hand zu weisen. Hamnet greift diese Leerstelle auf und füllt sie nicht mit Fakten, sondern mit Emotionen.
Bodhi Rae Breathnach, Jacobi Jupe undnd Olivia Lynes. Foto: Agata Grzybowska – © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
Agnes basiert auf Anne Hathaway, Shakespeares Ehefrau, über die historisch erstaunlich wenig bekannt ist. In der Literatur wurde sie lange marginalisiert, oft reduziert auf die berühmte Zeile aus Shakespeares Testament, in dem er ihr „das zweitbeste Bett“ vermachte.
Der Film – wie bereits Maggie O’Farrells Roman – interpretiert Anne Hathaway neu: als selbstbestimmte, kluge Frau mit eigener innerer Welt. Hamnet gibt der realen Mutter eine Stimme, die Geschichte ihr verweigert hat, und macht deutlich, wie sehr weibliche Perspektiven in historischen Erzählungen fehlen.
Hamnet erinnert daran, dass große Geschichten nicht von großen Taten handeln müssen. Manchmal reicht ein einziger Verlust, um alles zu erklären. Der Golden Globe würdigt nicht nur einen Film, sondern eine Erzählweise, die Mut zur Zurückhaltung beweist – und eine Schauspielerin, die genau darin ihre größte Stärke zeigt.
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