Gewalt gegenüber Frauen ist in unserer Gesellschaft bittere Realität. Weltweit werden Frauen unterdrückt, benachteiligt, bedroht, geschlagen und getötet. Am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen soll ein Zeichen dagegen gesetzt werden. Auch die Initiative „Women for Women“ stärkt seit über drei Jahrzehnten Überlebende von Gewalt, Krieg und Vertreibung auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Wir haben mit Preeti Malkani, die das deutsche Büro leitet, gesprochen
Seit 1981 wird am 25. November mit dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen auf ebendiese aufmerksam gemacht. Der Aktionstag erinnert daran, dass Gewalt an Frauen überall existiert – in deutschen Wohnzimmern ebenso wie in den Konfliktregionen dieser Welt. Die Gewalt ist fest in unseren patriarchalen Strukturen verankert und hat tiefgreifende Folgen für das Leben von Frauen.
Nachts allein unterwegs? Für viele junge Frauen bleibt das ein wahrgewordener Alptraum: Rund 90 Prozent der deutschen Frauen fühlen sich unsicher, wenn ihnen im Dunkeln fremde Männer begegnen. Dabei braucht es nicht einmal die Dunkelheit. Über zwei Drittel der in der „Jugendtrendstudie 2025“ des Instituts für Generationenforschung in Augsburg befragten Frauen hätten „Angst vor Männern im Allgemeinen“. Und das hat Gründe: Laut Bundeskriminalamt wurden 2023 über 52.000 Frauen und Mädchen Opfer sexualisierter Gewalt, mehr als die Hälfte von ihnen minderjährig. Dreimal täglich wird ein Femizid versucht oder vollendet, alle drei Tage tötet ein Mann seine (Ex-)Partnerin. In rund 80 Prozent der tödlichen Partnerschaftsdelikte sind Frauen die Opfer und doch werden Femizide hierzulande immer noch viel zu oft als Totschlag eingestuft (obwohl die Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt an Frauen seit 2018 vorsieht, dass eine Trennung oder geplante Trennung als Mordmerkmal zu prüfen).
Nicht jede Gewalt endet tödlich, aber jede hinterlässt Spuren. Mehr als 180.000 Frauen erleben in Deutschland jährlich häusliche Gewalt. Das bestätigen die Zahlen des Bundeskriminalamts. Lange gab es kaum Schutzmechanismen, im November wurde nun ein erster Schritt getan. Ein verabschiedeter Gesetzesentwurf soll die elektronische Fußfessel einführen – ein Warnsystem, das Frauen und Behörden alarmiert, wenn ein bereits gewalttätiger Täter sich nähert. Vorbild ist Spanien: Dort sank die Zahl der Femizide seit der Einführung um ein Drittel.
Foto: uansplash.com/karina-vitvitska
Frauen, die Gewalt erleben oder erlebt haben, bekommen rund um die Uhr Hilfe unter folgender Nummer: 116 016
Die alarmierenden Zahlen erzählen aber nur einen Ausschnitt einer globalen Realität. Denn: Gewalt gegenüber Frauen kennt keine räumlichen oder gesellschaftlichen Grenzen. Fast jede dritte Frau oder Mädchen hat im Laufe ihres Lebens bereits körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Etwa 83.000 Frauen wurden laut UN im vergangenen Jahr getötet, alle zehn Minuten passiert ein Femizid in einer Beziehung oder der Familie.
Und so kämpfen in vielen Regionen dieser Welt Frauen um körperliche sowie mentale Unversehrtheit, um Sicherheit im Alltag, um ihre Zukunft und um das Recht, überhaupt sichtbar zu sein. Frauen, die von Krieg und Konflikt betroffen sind, leiden überdurchschnittlich häufig unter Armut, Gewalt und Ausgrenzung. Zu oft wird Vergewaltigung, die Verwehrung von Bildung oder Ressourcen, Genitalverstümmelung oder auch Zwangsheirat als Waffen gegen Frauen eingesetzt.
Ein Blick nach Südafrika zeigt jedoch auch, wie laut weiblicher Widerstand werden kann: Beim Women’s Shutdown legten kürzlich Tausende Frauen Arbeit und Alltag nieder, um gegen sexuelle Gewalt und Femizide zu protestieren. Der Grund: Laut Frauenrechtsorganisationen sterben in Südafrika täglich 15 Frauen aufgrund ihres Geschlechts.
Weltweit wurde die Aktion von lila gefärbten Profilbildern auf Social Media begleitet und zeigte: Wir sind viele, wir sind sichtbar, gemeinsam sind wir stark und wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen. Mit Wirkung: Geschlechtspezifische Gewalt und Femizide wurden vom nun offiziell als „nationales Desaster“ eingestuft. Außerdem verpflichtete sich die Regierung zu neuen Maßnahmen.
Genau hier setzen internationale Initiativen wie „Women for Women International“ an. Dort, wo Kriege, Krisen und extreme Armut Gewalt noch unberechenbarer machen, unterstützen sie Frauen dabei, ökonomische Unabhängigkeit aufzubauen, selbstbestimmt zu leben und ihre Stimme zurückzugewinnen.
Seit über 30 Jahren leistet die internationale Initiative weiblichen Kriegs- und Konfliktüberlebenden Hilfe zur Selbsthilfe. Bereits mehr einer halbe Million Frauen in Südsudan, Ruanda, Kosovo, Irak, Afghanistan, Nigeria, Bosnien & Herzegowina, Demokratische Republik Kongo, Palästina, Ukraine, Äthiopien, Syrien, Myanmar und Sudan könnten damit unterstützt werden.
Programmteilnehmerinnen in der DRK beim Aussuchen von Kochzutaten. Foto: Ryan Carter
Im Interview spricht Preeti Malkani, Vorsitzende des Aufsichtsrats von „Women for Women International Deutschland“ über Frauenrechte, Gewalt an Frauen und den Schutz von Frauen weltweit.
Marie Claire: 2018 gründeten Sie das deutsche Büro von „Women for Women International“. Was hat Sie persönlich motiviert, sich so konsequent für Frauenrechte, gegen Gewalt an Frauen sowie für den Schutz von Frauen in Konfliktgebieten einzusetzen?
Preeti Malkani: Ich glaube extrem an die Stärke von Frauen und daran, was wir gemeinsam bewegen können. Das fängt schon mit dem tollen Begriff Women for Women an. Schon früh habe ich erlebt, wie ungleich Frauen und Mädchen weltweit behandelt werden, besonders in Krisen- und Kriegsregionen. Gleichzeitig faszinieren mich die Resilienz und der Mut, den Frauen selbst unter extremsten Bedingungen zeigen. Es gibt wissenschaftliche Studien dazu, dass Frauen eine tragende Rolle im Wiederaufbau nach Krieg und Konflikt spielen.
Als ich erstmals die Geschichten zweier Frauen aus Nigeria und Afghanistan las, die sich trotz Krieg und Verlust mithilfe von „Women for Women International“ ein neues Leben aufgebaut hatten, wusste ich: Diese Arbeit braucht es auch in Deutschland. Auch Deutschland ist ein Land, dass sich aus Trümmern heraus neu aufgebaut hat. Wir alle kennen die berühmten Trümmerfrauen. Und doch sind Frauen oft die unsichtbaren Heldinnen der Gesellschaft und genau sie verdienen unsere Solidarität, weit über Ländergrenzen hinaus.
Preeti Malkani, Vorsitzende des Aufsichtsrats von „Women for Women International Deutschland“. Foto: Women for Women International
MC: „Women for Women International“ zeigt seit über drei Jahrzehnten Solidarität mit Frauen in Kriegs- und Krisensituationen, stärkt sie im Wiederaufbau. Wie sieht diese Unterstützung konkret aus?
Malkani: Unser Ansatz ist holistisch: Wir verbinden wirtschaftliche mit sozialer Stärkung. In einem zwölfmonatigen Programm kommen jeweils 25 Frauen zusammen und lernen in drei zentralen Bereichen. Zunächst lernen sie über ihre Rechte. Viele wissen nicht, ob sie in der Hütte wohnen bleiben dürfen oder den alten Onkel heiraten müssen. Ich war beispielsweise im Irak, wo Genital Mutilation (Anm. d. Red.: Genitalverstümmelung) eine große Rolle spielt. Das ist eigentlich rechtswidrig, aber viele wissen das nicht.
Dann haben wir die zweite Säule. Wir bieten eine berufliche Qualifizierung an. Das geht von Landwirtschaft über Schneiderei bis hin zu Unternehmertum.
Drittens bieten wir geschützte Räume, in denen sie Traumata bearbeiten und Netzwerke aufbauen können. Viele sprechen dort zum ersten Mal über das, was sie erlebt haben und erkennen, dass sie nicht allein sind. Dieser Mix aus Wissen, ökonomischer Stabilität und Gemeinschaft macht den Unterschied.
MC: Sie haben die Gemeinschaft angesprochen. Diese Verbundenheit gilt als Schlüssel für nachhaltigen Wandel. Gemeinschaft und Verbündete gelten als Schlüssel für nachhaltigen Wandel. Warum setzen Sie besonders auf Allianzen zwischen Frauen?
Malkani: Isolation ist eine der wirkungsvollsten Waffen gegen Frauen. In vielen Konfliktgebieten werden Frauen räumlich, sozial und psychologisch bewusst voneinander getrennt. Wenn wir geschützte Räume schaffen, in denen sie sich austauschen, entsteht etwas zutiefst Mächtiges: gemeinsame Erkenntnis, gegenseitige Stärke, praktische gegenseitige Hilfe. Viele Frauen werden zu Mentorinnen füreinander, gründen zusammen Unternehmen oder bauen langfristige Netzwerke auf, die weit über unser Programm hinaus Bestand haben. Jede Frau, die wir stärken, gibt ihr Wissen im Schnitt an fünf weitere weiter. Der Ripple-Effekt ist also enorm groß.
MC: Die Organisation ist heute in rund 15 Krisenregionen aktiv. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird?
Malkani: Wir konzentrieren uns ausschließlich auf Konflikt- und Krisengebiete. Dabei prüfen wir: Wo ist die Not am größten? Wo gibt es schon andere NGOs? Wo erreichen wir Frauen, die sonst keine Unterstützung bekommen? Welche lokalen Organisationen gibt es bereits, mit denen wir partnerschaftlich arbeiten können? Kriegen wir die Männer dazu mitzuziehen? Wir wollen niemals paternalistisch agieren, sondern Programme ergänzen, Lücken schließen und gemeinsam wirken. Erst wenn wir sehen, dass unsere Methode greift, und Sicherheit für unsere Teams gegeben ist, bauen wir eigene Strukturen vor Ort auf. Veränderung soll von unten wachsen, nicht von oben verordnet werden.
MC: Wir haben viel über Frauen geredet, sie haben aber auch die Männer angesprochen. Welche Rolle spielen sie innerhalb der Programme?
Malkani: Ich freue mich, dass auch viele Männer an den Veranstaltungen teilnehmen. Sie sollen sich bitte nicht von dem Namen abschrecken lassen. Wir laden Ehemänner, Brüder und lokale Autoritäten zu sogenannten Male Engagement Workshops ein, in denen wir über Geschlechterrollen, toxische Männlichkeit und die Vorteile gleichberechtigter Partnerschaften sprechen. Viele Männer reagieren anfangs skeptisch bis sie sehen, wie sehr ihre Frauen durch das Programm aufblühen und zum Familieneinkommen beitragen. Wenn sie sehen, dass Gleichberechtigung eben keine Bedrohung ist, werden sie oft zu aktiven Unterstützern.
MC: Ist echter Fortschritt überhaupt denkbar, wenn Männer nicht aktiv Teil der Lösung werden?
Malkani: Nachhaltiger Wandel ist nicht ohne Männer möglich, er entsteht nur gemeinsam. Frauen zu stärken, während patriarchale Strukturen unangetastet bleiben, gleicht dem Versuch, durch eine Steinwand zu laufen. In den meisten Gesellschaften halten Männer nun mal die politische, soziale und wirtschaftliche Macht. Wenn wir sie nicht erreichen, bleibt Unterdrückung bestehen. Ich versuche dabei immer alle Seiten zu betrachten. Auch Männer leiden unter starren Rollenbildern. Erst wenn wir neue Narrative von Männlichkeit schaffen, die nicht auf Dominanz beruhen, entsteht Raum für echte Gleichberechtigung.
MC: Wir sprechen heute anlässlich des Aktionstages gegen Gewalt an Frauen. Wo beginnt für sie Gewalt an Frauen, wo Frauenhass?
Malkani: Gewalt beginnt dort, wo Frauen als weniger wert betrachtet werden, lange bevor es zu physischer Gewalt kommt. Sie beginnt in der Normalisierung von Abwertung, wie wir sie etwa täglich in sozialen Medien sehen. In der Sprache, die verwendet wird, wie über Mädchen und Frauen gesprochen wird. In Strukturen, die Frauen von Bildung, Ressourcen oder Entscheidungen systematisch ausschließen. Und das weltweit.
Frauenhass, ein starkes und hartes Wort entsteht dann, wenn Kontrolle über Frauen als legitim gilt. Sei es über ihre Körper, ihre Entscheidungen oder ihre Stimmen. In Konfliktgebieten zeigen sich die extremsten Ausprägungen dieser Gewalt, wobei die Wurzeln in Ungleichheiten liegen, die überall auf der Welt existieren.
MC: Wenn Sie an die kommenden Jahre denken: Welche Entwicklungen wünschen Sie sich für Frauen weltweit?
Malkani: Ich wünsche mir, dass Frauenrechte endlich nicht mehr als Nischenthema behandelt werden. Geschlechtergerechtigkeit gehört ins Zentrum jedes politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozesses, von Friedensverhandlungen bis Klimapolitik. Ich wünsche mir, dass Frauen in Krisengebieten sichtbarer werden, ihre Stimmen gehört, ihre Führungsrollen anerkannt werden. Mehr Investitionen in Bildung, stärkere rechtliche Rahmen gegen Gewalt und vor allem eine weltweite Solidarität unter Frauen. Mein größter Wunsch wäre, dass unsere Arbeit bei „Women for Women“ überhaupt nicht mehr nötig ist.
MC: Zum Abschluss: Marie Claire möchte starken Frauen eine Stimme geben. Was möchten Sie unseren Leser:innen mit auf den Weg geben?
Malkani: Vielleicht können wir nicht die ganze Welt verändern, aber wir können die Welt eines Menschen verändern. Jede von uns hat mehr Macht, als sie glaubt. Solidarität endet nicht an Ländergrenzen: Nutzen wir unsere Privilegien, unsere Stimme und unsere Netzwerke, um Brücken zu Frauen zu bauen, die sie dringend brauchen. Und vergessen wir nicht: Echte Stärke liegt nicht nur darin, für andere einzustehen, sondern auch darin, selbst um Hilfe zu bitten und Unterstützung anzunehmen. Gemeinsam sind wir unaufhaltsam.
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