Man ist nicht müde, weil man zu wenig geschlafen hat. Man ist müde, weil man nie ganz abschaltet. Weil der Kopf immer einen Schritt weiter ist und weil Verantwortung nicht endet, wenn man sich hinsetzt. Es gibt keinen Feierabend für Care Arbeit. Kein Schulterklopfen, kein Gehalt, manchmal sogar nicht einmal ein Danke. Nur das leise Wissen, dass ohne diese Arbeit vieles auseinanderfallen würde.
Wenn der Kaffee mal wieder kalt geworden ist, die To-do Liste länger als der Schlaf war und die nächste Erledigung schon in den Startlöchern steht, darf man sich zurecht fragen, wie das alles auf einmal funktionieren soll. Denn oft sind eben diese Erledigungen und Punkte auf der Liste keine Dinge, die zur bezahlten Arbeit gehören. Es ist mehr als nur die Betreuung von Kindern. Es ist das Planen, Organisieren, Erinnern an Termine, das Trösten, Aufräumen, Heimbringen und das Sorgen. Es ist die emotionale Last, die im Kopf festsitzt und sich fragt „Sind alle warm angezogen? Sind alle versorgt? Wer holt morgen die Einkäufe ab?“. Und all das passiert jeden Tag ohne Gehalt, ohne Anerkennung und vor allem ohne Pause.
Ein Blick auf die Zahlen verraten: Etwa 76 Prozent aller unbezahlten Care Arbeit wird von Frauen getragen. Das bedeutet, dass Frauen jeden einzelnen Tag im Durchschnitt deutlich mehr Zeit mit dieser essenziellen Arbeit verbringen als ihre Partner. Weltweit leisten Frauen also den größten Teil dieser unsichtbaren, aber doch so wichtigen Arbeit. Frauen verbringen täglich im Schnitt etwa 4 Stunden und 25 Minuten mit Care Arbeit – Männer hingegen nur rund 1 Stunde und 23 Minuten. Doch bei dieser Stundenzahl bleibt es nicht, denn viele Frauen arbeiten on top entweder in Teil- oder sogar Vollzeit. Die geringere Erwerbsbeteiligung bedeutet niedrigeres Einkommen, weniger Rentenansprüche und am Ende oft die bittere Erkenntnis, dass die eigene Arbeit im Alter schon früh „abgewertet“ wurde.
Da stellt sich die berechtigte Frage, wie das zeitlich funktionieren soll, der Tag hat schließlich nur 24 Stunden und mindestens 6 Stunden Schlaf müssen da auch noch reinpassen. Trotz allem: Frauen weltweit bekommen das 365 Tage im Jahr hin. Unbezahlt. Aber warum ist das so selbstverständlich? Natürlich gibt es Partnerschaften, in denen die Rollen gleichermaßen verteilt sind, aber es gibt nun mal ebenso Partnerschaften, in denen das nicht so ist. Wenn nur ein Bruchteil dieser Arbeit bezahlt wäre, würde es nicht nur unser Leben verändern – es würde ganze Volkswirtschaften umkrempeln.
Care Arbeit mit Kindern: das frühe Aufstehen, das ständige Planen der nächsten gesunden und ausgewogenen Mahlzeit, das Organisieren von Kita und Schule, Arzttermine, Spielgruppen, Hausaufgaben und Geschwisterkonflikten. Unbezahlte Care Arbeit endet nicht mit dem letzten Kindergartentag, ganz im Gegenteil.
Care Arbeit ohne Kinder: Sorgearbeit und Erledigungen für Eltern, Partner, kranke Verwandte, Freund:innen oder Nachbar:innen. Und auch für sich selbst müssen Termine organisiert und Besorgungen gemacht werden. Behördengänge und Rechnungen bezahlen/sortieren kommen dazu.
Dieser Beitrag wird gesellschaftlich nicht als Arbeit gezählt. Wenn man am Abend müde auf der Couch sitzt, nachdem der Haushalt geschmissen, jemand betreut, der Alltag organisiert und emotional gehalten wurde, dann fühlt man die Müdigkeit in jeder Faser seines Körpers. Doch diese Arbeit wird schon immer schlichtweg vorausgesetzt.
Keine Frage, dass sich dringend etwas ändern muss. Es braucht neue Rahmenbedingungen, die Care Arbeit nicht als „Privatsache“ abtun und eine deutliche Umverteilung in der Partnerschaft. Es braucht mehr Augen, die draufschauen und aktiv nachfragen. Mehr Unterstützung, die angeboten wird.
Ein “Ich sehe, was du geleistet hast, danke!” Und am Folgetag wird mit angepackt. Vielleicht erkennen Sie sich gerade wieder, wenn Sie das hier lesen. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand, die schon wieder kalt ist. Vielleicht haben Sie heute schon vier, fünf, zehn Aufgaben gleichzeitig jongliert und das ohne Pause. Dann lesen Sie das als das, was es ist: als Anerkennung. Sie sind nicht unsichtbar. Die getane Arbeit hält Leben zusammen. Und: Eben diese Arbeit ist wertvoll und braucht mehr Beachtung in unserer Gesellschaft.
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