Die Kunst, starke Emotionen in Worten einzufangen, beherrscht Autorin Eva Pramschüfer in Perfektion. In feinen Nuancen skizziert sie in ihrem Debütroman „Weißer Sommer“ die Geschichte einer ersten großen Liebe, die zu zerbrechen droht. Im Interview mit Marie Claire spricht Eva Pramschüfer über das Spannungsfeld zwischen dem Ich und dem Wir, den Mut, den es zum Schreiben braucht, und die Magie des Lesens
Ein flirrend heißer Sommer, ein junges Paar und die große Frage: gehen oder bleiben? In ihrem Debütroman „Weißer Sommer“ erzählt Eva Pramschüfer von Alma und Théo. Ihre Beziehung, die als große Liebe begann, ist aus dem Gleichgewicht geraten. Beide verbringen noch einen Sommer im Haus von Almas Eltern in Frankreich. So wollen sie herausfinden, ob sie gemeinsam glücklich werden können oder nur alleine. Mit feinem Gespür für leise Zwischentöne und mit einer Sprache, die Gefühle so präzise zu skizziert, dass sie spürbar werden, erkundet Eva Pramschüfer die Bruchstellen der Liebe. Zugleich entwirft sie eine Geschichte über Identität, Freiheit und die Kunst, zusammen und doch bei sich selbst zu bleiben.
Im Interview mit Marie Claire spricht die Autorin über den Prozess, in dem aus der ursprünglichen Idee ein Roman wurde, über die Angst vor dem leeren Blatt und ihre Liebe zur Literatur. Außerdem erzählt sie von ihrem Cult Classics Buchclub, in dem sie einen Raum für Austausch über literarische Lieblingswerke bietet, und davon, warum das Lesen für sie vor allem eines ist: eine Möglichkeit, in fremde Welten einzutauchen und die eigene Perspektive zu erweitern.
Marie Claire: Wo liegt der Ausgangspunkt für „Weißer Sommer“, was hat Sie zu Ihrem Buch inspiriert?
Eva Pramschüfer: Es gab da tatsächlich einen ganz konkreten Moment. Ich saß im Zug auf dem Weg nach Hause zu meiner Familie. Das war in einer Lebensphase, vor fast vier Jahren, mit Mitte 20, in der viel Umbruch in meinem Leben und in meinem Freundeskreis stattgefunden hat.
Mir kommen Ideen meistens, wenn ich mein Hirn einfach mal wandern lasse und es nicht mit Podcasts, Serien oder Musik zudröhne. Manche Autor:innen haben als erstes den Plot, manche haben als erstes die Charaktere und bei mir war auf dieser Zugfahrt plötzlich ganz intensiv dieses Gefühl da von einem heißen, heißen Sommer, in dem man sich aber sich sehr traurig und verloren fühlt, und von zwei Menschen, die sich nah sein wollen, aber einander nicht das geben können, was sie brauchen.
Ideen kommen und gehen ja immer mal wieder, aber diese Idee hat mich so gefesselt, dass ich zu Hause angekommen bin, am Abendessenstisch saß und überhaupt nicht mitbekommen habe, worüber meine Familie geredet hat, weil ich die ganze Zeit darüber nachgedacht habe. Das ist dann ein sehr, sehr gutes Zeichen dafür, dass man dem nachgehen sollte. Und ich bin natürlich sehr froh, dass ich das gemacht habe, weil mich dieses Gefühl komplett durch den Schreibprozess getragen hat.
Marie Claire: Wie lange hat Sie die Idee begleitet, bevor Sie begonnen haben zu schreiben?
Eva Pramschüfer: Eine ganze Weile, weil ich Scheu vor dem weißen Papier habe. Der Start – also nicht nur in die Notiz-App oder in den Block reinzuschreiben, sondern in das offizielle Dokument – kann ganz schön angsteinflößend sein. Bis der erste Satz gefallen ist, waren es tatsächlich ein paar Wochen.
Marie Claire: Es geht in Ihrem Roman um die erste große Liebe. Was hat Sie an dieser Thematik gereizt?
Eva Pramschüfer: Also erstmal bin ich eine kleine Romantikerin im Herzen. Ich liebe Liebe. Ich liebe es, über Liebe zu lesen, ich liebe es, über Liebe zu schreiben, Musik zu hören, Filme zu schauen. Das dreht am Ende alles an auf der Welt – ganz besonders die erste große Liebe. Die muss nicht immer nur wunderschön und idyllisch sein. Sie kann auch schmerzhaft und irritierend sein. Aber speziell in diesem Alter fühlt sich alles nochmal so viel intensiver an.
Das war etwas, bei dem ich dachte: Da möchte ich noch tiefer reingehen und das möchte ich nicht romantisch verklärt darstellen, sondern gucken: Was bedeutet Liebe, aber auch was bedeutet Identität in dieser Zeit – und wie hängt beides zusammen? Wie bin ich alleine? Wie bin ich aber auch, wenn das erste Mal ein Mensch dazukommt, der ein bisschen Teil von mir wird? Was wird aus uns zusammen? Diese großen, auch existenziellen Fragen, die man sich vorher vielleicht noch nie stellen musste, haben mich total gereizt, aber auch die Schwachpunkte, die Bruchstellen und die Schwierigkeiten der ersten großen Liebe.
Marie Claire: Was sind Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit der ersten großen Liebe? Haben diese auch Einfluss auf das Buch gehabt?
Eva Pramschüfer: Natürlich. Ich glaube, man kann nicht komplett losgelöst von den eigenen Erfahrungen schreiben. Die Charaktere sind nicht ich – das ist mir immer ganz wichtig zu sagen. Das Buch ist ja aus beiden Perspektiven geschrieben, und die Figuren sind von mir losgelöst. Aber sie haben ihren Kern und ihren Ursprung irgendwo in meiner Erfahrung und Beobachtung.
Auf eine Art fließt natürlich ein, wie ich Liebe erlebt und wahrgenommen habe – das Schöne wie das Schlimme. Deswegen ist aus den verschiedensten Erfahrungen, die ich gesammelt habe, definitiv etwas in diesem Roman drin. Aber – das muss ich dazu sagen – es gibt keinen Théo, der irgendwo in Frankreich wartet. Das wurde ich vor kurzem in einem Interview gefragt, und ich musste leider enttäuschen: Der existiert nicht.
Marie Claire: Ihre Hauptfiguren Alma und Théo wirken hin- und hergerissen zwischen Selbstverwirklichung und ihrer Partnerschaft. Ist dieser Konflikt typisch für Ihre Generation?
Eva Pramschüfer: Ja, definitiv. Ich habe es nicht bewusst beabsichtigt, dieses Lebensgefühl einzufangen. Aber je länger ich an dem Buch gearbeitet habe, desto mehr habe ich gemerkt: Diese großen Fragen und Gefühle sind natürlich auch eine Beobachtung, die ich in meinem Freundeskreis gemacht habe.
Diese unglaublichen Freiheiten, die wir haben, führen gleichzeitig zu einem Überangebot und manchmal zu einer Art Lähmung, die man empfindet, weil man so viele Wege einschlagen kann. Und dann stellen sich diese existenziellen Fragen: Mit wem möchte ich diesen Weg gehen? Möchte ich allein sein? Möchte ich klassisch Karriere machen? Möchte ich mein Leben mit jemandem teilen und vielleicht dadurch ausgebremst werden? Letztere ist zum Beispiel eine große Frage, die sich Alma stellt.
Ich glaube, das ist sehr zeitgemäß, auch für die Gen Z: Liebe neu zu hinterfragen, Modelle aufzubrechen, die vielleicht etwas eingestaubt sind, aber auch mit den Konsequenzen umgehen zu müssen. Denn das sind nicht nur tolle und transformative Prozesse, das kann auch schmerzhaft sein und zu genau solchen Situationen führen, wie der von meinen Protagonistinnen und Protagonisten, die sich sehr, sehr verloren fühlen. Und ich glaube, das ist ein sehr zeitgemäßes Gefühl.
Marie Claire: Worüber wollen Sie Ihre Leser:innen zum Nachdenken anregen?
Eva Pramschüfer: Ich möchte dazu anregen, darüber nachzudenken, welche Risiken, aber auch welchen wahnsinnigen Schatz es bereithält, sich jemandem zu öffnen.
Beide Figuren sind nicht naiv in dem Sinne, dass sie sich einfach in die Liebe reinstürzen und sagen: Wir probieren das jetzt mal. Sie gehen auf unterschiedliche Weise sehr schützend mit ihren Gefühlen um. Aber Liebe muss nicht nur schön, einfach und leidenschaftlich sein, um wertvoll zu sein. Selbst wenn sie endet und man loslassen muss, kann das etwas Wertvolles sein.
Diese Ambivalenz wollte ich einfangen und mitgeben, dass sie manchmal schwer auszuhalten ist, aber dass es sich lohnt, sie zu erforschen und ehrlich zu sich zu sein. Alle Gefühle haben ihre Berechtigung – auch wenn sie sich schmerzhaft anfühlen, wie Verlustangst oder Einsamkeit. Sie wollen gehört werden, man muss durch sie hindurch und sie gehören schließlich zum Gesamtpaket dazu.
Marie Claire: In ihrem Buch spielt auch die Kunst eine große Rolle, nicht nur weil Ihre Protagonist:innen beide Künstler:innen sind, sondern Sie arbeiten auch sprachlich immer wieder mit Farben, um zum Beispiel Gefühle zu beschreiben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Eva Pramschüfer: Das hat mir total Spaß gemacht. Das, was mir am meisten Freude bereitet, ist, mich in den Kopf der Person hineinzuversetzen, die ich porträtiere. In dem Fall hatte ich sogar zwei Personen, Alma und Théo.
Speziell bei Alma, die malt, habe ich mich immer gefragt: Wie läuft ein Mensch durch die Welt, der malt, der Farben sieht, der Formen sieht? Ich habe dann mit Menschen gesprochen, die genau das machen, die Gemälde erschaffen. Ich bin total neidisch auf diese Menschen. Ich finde es so toll, das Innerste so nach außen zu bringen und auf eine Leinwand zu werfen.
Eine Mischung aus Gesprächen und Recherche hat mir geholfen, in diese fremde Welt einzutauchen. Ich habe zum Beispiel viel den Louisiana Channel auf YouTube geschaut, wo Künstlerinnen und Künstler ihren Prozess beschreiben. Für mich war dann klar: Jemand, der so intensiv mit Farben arbeitet, nimmt sie auch intensiver wahr. Alma sieht deshalb immer wieder Farben, wo eigentlich keine sind. So bin ich auch auf den Titel des Buchs gekommen. Da meiner Kreativität freien Lauf zu lassen, hat unglaublich viel Spaß gemacht.
Marie Claire: Das Buch ist Ihr Debütroman. Was war für Sie die größte Herausforderung beim Schreiben?
Eva Pramschüfer: Da gab es einige, muss ich sagen, eben weil das das erste Mal gewesen ist, dass mir so was Großes passiert. Abgesehen von den üblichen Hürden – eine Agentur finden, einen Verlag finden – war das Schwierigste für mich, diese innere Stimme abzuschalten: „Was machst du denn da? Du tippst jetzt irgendwie jeden Abend nach der Arbeit und vor der Arbeit in deinen Laptop rein. Du machst dich lächerlich, das wird doch nie etwas.“
Das klingt so klischeehaft, aber dieser innere Kritiker ist einfach da, wenn man das erste Mal kreativ schafft. Ich glaube, das kennt jede Person, die etwas Eigenes kreiert. Dabei ist es so schwierig, ihn auszuschalten. Das schreibt sich dann auch in die eigene Kunst ein, wenn man unsicher ist. Deswegen habe ich versucht, am Anfang so kindlich und losgelöst wie möglich zu schreiben, um diese Stimme nicht in meinem Text zu haben. Wenn mir das gelungen ist, dieser fließende Prozess eingesetzt hat und die Worte einfach kamen, war das das beste Gefühl überhaupt.
Aber das Schwierigste war definitiv die eigene Unsicherheit – der innere Kritiker und auch der innere Schweinehund. In der ersten Phase habe ich mir jeden Morgen vor der Arbeit einen Wecker gestellt. Ich bin kein Morgenmensch und, wenn der Wecker geklingelt hat, dachte ich mir oft: Wofür mache ich das eigentlich? Ist es das wirklich wert, was wenn daraus nie was wird? Und jetzt bin ich wirklich stolz, dass ich es durchgezogen habe und dieses Risiko eingegangen bin. Dass ich das Buch jetzt in den Händen halten darf, ist für mich das größte Geschenk.
Marie Claire: Was haben Sie beim Schreibprozess über sich selbst gelernt?
Eva Pramschüfer: Einiges. Ich habe immer gedacht, dass ich kein besonders disziplinierter Mensch bin. Sport zum Beispiel ist ganz schwierig bei mir. Aber ich habe gemerkt: Wenn mir etwas wirklich am Herzen liegt – und mir liegt kaum etwas so sehr am Herzen wie das Schreiben –, dann kann ich sehr diszipliniert und ehrgeizig sein. Das war eine schöne Erkenntnis, weil man sich selbst oft Dinge zuschreibt, von denen man dann irgendwann glaubt, dass sie wahr sind.
Außerdem habe ich gemerkt, dass ich gar nicht so ein Schisser bin, wie ich dachte. Ich habe mich immer als eher risikoavers gesehen. Aber in diesem Prozess habe ich mich mutig gefühlt. Ein Buch zu schreiben, etwas von sich preiszugeben, das Innerste nach außen zu kehren und das dann den Leuten zu geben, das ist schon mutig. Ich kam mir auf jeden Fall mutig vor.
Und ich habe gemerkt, dass ich ein sehr neugieriger Mensch bin. Mich interessiert, wie Menschen fühlen. Ich beobachte gerne, ich sitze gerne im Café und lausche, wie Leute wirklich reden, um dann einen tollen Dialog zu schreiben. Ich möchte verstehen, wie Menschen ticken, und dabei grundsätzlich das Gute in ihnen sehen, ohne es zu verklären.
Marie Claire: Sie haben auch einen eigenen Buchclub, in dem Sie Literaturklassiker lesen. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bücher aus, die Sie dort besprechen?
Eva Pramschüfer: Ich habe ein paar Fragen, die ich mir stelle. Vor allem ist es mir wichtig, ein Gegenpol zu dieser „Höher, schneller, weiter“-Welt auf TikTok und Instagram zu sein, von der auch ich nicht befreit bin: Alle Neuerscheinungen müssen gelesen werden. Und diese Top-10-Bücher musst du gelesen haben. Ich finde, dadurch liest jeder dasselbe. Dabei gibt es so viele Diamanten, die in der zweiten und dritten Reihe stehen, die es wert sind, gelesen zu werden. Mein erstes Kriterium ist daher, weniger offensichtliche Bücher zu lesen, die einen gewissen Anspruch haben und gutes Diskussionsmaterial liefern.
Aber ich stelle mir auch immer die Frage: War die Autorin oder der Autor mutig? Hat sie oder er etwas vorwärtsgebracht? Hat das den Status quo in Frage gestellt? Hat diese Person etwas anders gemacht als die anderen? Gibt es dadurch vielleicht auch verschiedene Positionen, wie man sich in dem Buch fühlen kann?
Ich liebe es, wenn Leute diskutieren, das Buch unterschiedlich gelesen haben und die Meinungen sehr auseinandergehen, weil wir im Buchclub so eine schöne Diskussionskultur haben. Aber ich habe das Gefühl, dass das in unserer Generation ein bisschen verloren gegangen ist: andere Meinungen zu akzeptieren, sachlich über etwas zu sprechen und dann auch getrennte Wege zu gehen. Das bedeutet nicht, dass wir nur streiten in meinem Buchclub. Aber ich finde es schön, von jemandem zu lernen, der das Buch geliebt hat, während ich es vielleicht total doof fand oder mir ein Aspekt nicht gefallen hat. Das heißt: Wenn es ein bisschen etwas Polarisierendes oder Diskussionswürdiges hat, dann ist das auf jeden Fall noch mal ein großer grüner Haken hinter dem jeweiligen Buch.
Marie Claire: Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis hinter einem guten Roman?
Eva Pramschüfer: Das ist eine große Frage. Ich glaube, ich kann nur darauf antworten, was ein guter Roman für mich ist oder was ich in einem Buch suche. Das ist vermutlich, dass ich fühlen möchte. Meine Freunde machen sich immer über mich lustig, dass ich zu sehr zu traurigen Büchern tendiere und eigentlich immer nur heulen möchte beim Lesen. Was nicht stimmt, aber ich scheue mich nicht vor starken Themen.
Ich möchte etwas lernen, eine andere Perspektive bekommen, in eine Welt eintauchen, die mir nicht zugänglich ist – nicht nur geografisch, sondern vielleicht auch zeitlich. Ich kann ja nicht in der Zeit zurückreisen. Deswegen suche ich etwas, bei dem ich lernen kann, das mich ein bisschen fordert und bei dem ich viel fühle, egal in welche Richtung. Wenn dann mal ein sehr dicker Schinken dabei war, der mich sehr gefordert hat, kann es auch etwas Leichteres sein. Aber in der Regel sind das die Bücher, zu denen ich tendiere und die bei mir am meisten hängen bleiben.
Marie Claire: Welche literarischen Einflüsse haben Ihren Schreibstil geprägt?
Eva Pramschüfer: Bei mir kommen da sofort ein paar Personen auf, die ich in einer sehr transformativen Phase gelesen habe. Und ich glaube, selbst wenn ich sie jetzt gar nicht mehr so toll finden würde, haben sie mir gezeigt, was Sprache kann, was Worte bewirken können. Das heißt, sie werden immer in meinem Herzen ganz weit oben dabei sein.
Das ist unter anderem Donna Tartt. Ich habe ihre Bücher mit 18 oder 19 gelesen, als ich wieder mehr zum Lesen zurückgefunden habe. Ich hatte zuvor eine Phase, in der ich dachte, Lesen sei uncool. Total bescheuert! Und Donna Tartt ist eine der Autor:innen gewesen, die mich zurückgebracht haben und mir gezeigt haben: Wow, du kannst mit solcher Vielschichtigkeit Charaktere kreieren, die so lebendig sind, dass du denkst, die müssen in Wirklichkeit existieren.
Dann Vladimir Nabokov, ein russischer Autor, der harten Tobak schreibt, aber selbst in der deutschen Übersetzung kommt seine Virtuosität für Sprache, wie er damit spielt, diese Leichtigkeit und diese Freude daran so rüber, dass ich, nachdem ich das erste Buch von ihm beendet habe, wirklich das Gefühl hatte, mein Kopf explodiert.
Ich liebe aber auch zeitgenössische Autorinnen wie Sally Rooney, die sehr scharf auf die Gegenwart, auf Themen wie Klasse und Liebe blickt, und natürlich „Frankenstein“ von Mary Shelley. Das sind so die ersten, die mir in den Kopf kommen, meine „Holy Grails“. Wenn ich mich nicht inspiriert fühle, gehe ich an mein Bücherregal, blättere in diesen Büchern, und dann bekomme ich sofort Lust zu schreiben.
Marie Claire: Glauben Sie, dass Bücher uns helfen können, uns selbst und unsere Beziehungen besser zu verstehen?
Eva Pramschüfer: Absolut. Lesen ist für mich eine Schulung in Empathie. Du wirst in Köpfe hineingesetzt, die manchmal auch unsympathisch sind, in einer Position, in der du nicht sein möchtest. Und du wirst gezwungen, dich mit dieser Person auseinanderzusetzen – nicht unbedingt zu identifizieren, aber zumindest eine Weile in ihren Schuhen zu gehen.
Das ist etwas, das uns ein Stück weit abhandengekommen ist. Und ich plädiere sehr dafür, dass mehr Menschen lesen, weil wir dadurch Verständnis und Empathie für andere entwickeln können. Wenn uns das fehlt, wird auch der Austausch miteinander schwieriger.
Ich glaube, dass diverses Lesen – also nicht nur in der eigenen Bubble, sondern aus verschiedenen Zeiten und Perspektiven – uns nicht nur inhaltlich etwas beibringt, sondern vor allem Mitgefühl stärkt. Deswegen auch an die Männer da draußen: Lest mehr Bücher und vor allem auch Romane, nicht nur Sachbücher!
Marie Claire: Haben Sie selbst schon erlebt, dass ein Buch Ihnen in einer bestimmten Lebensphase Orientierung gegeben hat?
Eva Pramschüfer: Immer wieder in den verschiedensten Momenten. Allerdings finde ich, man muss nicht immer parallel in der Literatur gespiegelt sehen, was man gerade fühlt. Das ist natürlich eine total naheliegende Lösung, aber wenn ich an vergangenen Herzschmerz zurückdenke, dann war das manchmal für mich zu intensiv. Dann brauchte ich etwas anderes, und da war Literatur auch da. Wenn du in eine total abgedrehte Fantasywelt eintauchst, dann musst du für den Moment – so traurig es klingt – nicht in der Realität leben, wenn du gerade durch eine schwere Zeit gehst. Für mich ist Literatur total paradox, weil sie mich absolut im Jetzt ankert, aber auch in eine ganz andere Welt reinwirft.
Marie Claire: Was würden Sie den Leser:innen von Marie Claire gerne mit auf den Weg geben?
Eva Pramschüfer: Lesen kann manchmal ein bisschen hintenüberfallen. Man möchte abends vielleicht doch eher Netflix gucken oder einen Film schauen. Aber das Lesen kann einem so viel geben, man kann so viel lernen, fühlen und dabei abschalten, dass ich hoffe, dass – egal ob es jetzt mein Buch ist oder jedes andere Buch – mehr Menschen wieder zur Literatur finden. Es spielt keine Rolle, welches Genre, wichtig ist nur, überhaupt anzufangen, denn Lesen kann unglaublich viel Freude machen. Wenn ich gesagt bekomme, dass ich – in welcher Art auch immer – jemanden motiviere, wieder zu einem Buch zu greifen, ist das für mich das größte Kompliment. Deswegen: Lest mehr Bücher, denn sie halten so viele Welten bereit und man muss manchmal einfach nur wieder zu ihnen zurückfinden, um zu merken, wie viel sie einem geben können.
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