Azar Nafisi über Freiheit, Mut, gefährliche Literatur und „Lolita lesen in Teheran“

Zu Beginn der Revolution 1979 kehrten viele Iraner:innen voller Hoffnung in ihre Heimat zurück. Trotz aller Warnzeichen. Azar Nafisi war eine von ihnen. Mit diesen Worten beginnt der Film „Lolita lesen in Teheran“, der Filmadaption des gleichnamigen Romans von der iranischen Schriftstellerin und Literaturprofessorin Azar Nafisi. Mit Marie Claire hat sie über die Kraft der Worte, den Kampf um Freiheit, gefährliche Literatur und weibliche Stärke gesprochen.

Azar Nafisi schreibt ihre Memoiren in "Lolita lesen in Teheran". Foto: Yousef-Al-Abdullah
„Es ist so einfach zu der Person zu werden, gegen die wir kämpfen“, sagt Azar Nafisi. Sie schreibt ihre Memoiren in "Lolita lesen in Teheran". Nun wurde das Buch verfilmt. Foto: Yousef-Al-Abdullah

Wer ist Azar Nafisi?

Ihre mittlerweile sechs veröffentlichten Bücher stützt Nafisi gleichermaßen auf persönliche Erfahrungen wie literarische Überlieferungen. Immer wieder reflektiert sie darin über die Kraft der Literatur in Krisenzeiten und darüber, wie das geschriebene Wort zu einem Zufluchtsort, einer Form des Widerstands, der Kraft von Empathie und der Neuerfindung werden kann.

1948 wurde sie als Tochter zweier politisch engagierter Eltern geboren. Ihr Vater, Ahmad Nafisi war der erste Bürgermeister Teherans und wurde unter Schah Mohammad Reza Pahlavi aufgrund des Verdachts auf politische Illoyalität inhaftiert. Bereits mit 13 Jahren verließ sie zum ersten Mal den Iran, um im Ausland zur Schule zu gehen. Zum letzten Mal kehrte sie 1979 nach der Iranischen Revolution voller Hoffnung zurück. Sie lehrte zunächst englische Literatur an der Universität Teheran, wurde jedoch 1981 entlassen, weil sie sich weigerte ein Kopftuch zu tragen. Später beugte sie sich der Pflicht, um ihre Lehrtätigkeit wieder aufnehmen zu können. Seit 1997 wohnt Nafisi in den USA, schreibt Essays und Romane, unterrichtet an Universitäten und setzt sich für die Bedeutung von Literatur, Freiheit sowie die Bedeutung von Frauenrechten ein.

Was passierte während der Islamischen Revolution?

Vielschichtig und bis heute prägend begann die Islamische Revolution (auch bekannt als Iranische Revolution) mit jahrelangen Unruhen im Iran gegen die Herrschaft des Schahs Resa Pahlawi, welche immer wieder brutal niedergeschlagen wurden. Der Schah war ab den 1950er Jahren mit Unterstützung des Westens zum Alleinherrscher aufgestiegen. Sein Entwicklungsprogramm, die sogenannte „Weiße Revolution“, sollte den Iran durch Modernisierung, Landreformen sowie die Förderung von Bildung und Frauen(wahl)rechten grundlegend verändern. Als die Islamische Revolution begann, gab es zwei weibliche Ministerinnen, Frauen durften wählen, hatten das Recht auf Bildung und durften bereits seit mehr als 60 Jahren frei entscheiden, wann und ob sie sich verschleiern. Aber es wuchs auch die soziale Ungerechtigkeit. Des Weiteren missfiel vielen Iraner:innen die starke Einmischung ausländischer Mächte. Die Proteste wurden lauter, entschlossener und landesweit spürbar.

Als der Schah im Januar 1979 aus dem Land floh, kehrte die Symbolfigur der Islamischen Revolution, Ajatollah Chomeini, aus dem Exil zurück. Nach tagelangen Massendemonstrationen und Auseinandersetzungen zwischen Guerillagruppierungen, islamistischen Revolutionären und schahtreuen Teilen des Militärs brach die Regierung im Februar 1979 endgültig zusammen. Im April desselben Jahres wurde die Monarchie abgeschafft und in eine Islamische Republik umgewandelt.

Politische Härte im Iran

Was folgte, waren massenweise Exekutionen politischer Gegner, die schrittweise Abschaffung von Frauenrechten, die gesetzliche Verpflichtung zur Verschleierung, das Verbot von zahlreicher Literatur und Filme sowie die Verletzung von Menschenrechten – und das bis heute.

Mit zunehmenden Protesten in den 2020ern wie die unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ (der Slogan ist Teil der feministischen Bewegung und wird seit dem Tod von Jina Mahsa Amini weltweit verwendet) nutzen die iranischen Behörden die Todesstrafe wieder verstärkt, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Amnesty International berichtete im September 2025 von bereits mehr als 1.000 Hinrichtungen im Iran. Gleichzeitig wird über Aussetzen der Kopftuchpflicht in vielen Teilen des Landes berichtet. Und erst kürzlich ging ein Video viral, in welchem Iraner:innen bei einem Straßenkonzert in Teheran tanzen. Es wirkt wie ein stiller Protest – wie auch die Geschichte von „Lolita lesen in Teheran“, die Azar Nafisi 2003 veröffentlichte. 

 

Die Studentinnen protestieren im Film "Lollita lesen in Teheran". Foto: Marie Giovanni.

Student:innen protestieren im Film „Lollita lesen in Teheran“. Foto: Marie Giovanni.

Darum geht es in „Lolita lesen in Teheran“

Die wahre Geschichte erzählt von einer Gruppe mutiger Frauen, die sich in Teheran heimlich trifft, um verbotene westliche Literatur zu lesen. Sie basiert auf den Memoiren von Azar Nafisi, die von 1995 jeden Donnerstagmorgen sechs ihrer Studentinnen zu einem Lesekreis in ihrer Wohnung versammelte. Dort diskutieren sie nicht nur teil zensierte literarische Werke, sondern auch über ihre Rolle als Frauen in der iranischen Gesellschaft nach der Revolution. Das Buch wurde in 32 Sprachen übersetzt, darunter auch auf Deutsch.

Gegliedert in vier Abschnitte („Lolita“ spielt auf Vladimir Nabokovs „Lolita“ an, „Gatsby“ auf F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“, „James“ auf Henry James und „Jane“ auf Jane Austen), wird inmitten politischer Repression und religiöser Kontrolle das Lesen zu einem Akt der Selbstermächtigung.

Die Gemeinsamkeit? Alle Heldinnen werden von einer Gesellschaft unterdrückt, in der ihre Stimme nicht zählt. Weshalb „Lolita“ schließlich titelgebend war? 2003 sagte Nafisi in einem Interview, dass sie den Roman als treffende Metapher für ihr eigenes Leben im Iran erkannte. Ihr eigenes Leben sowie das vieler Menschen könnten wie Lolitas Geschichte gelesen werden: Ein Ayatollah komme ins Land und zwinge der Realität der Menschen seine eigene Vorstellung auf, mache sie zu Figuren seiner Fantasie. Genau darum gehe es in Lolita: Das das Verbrechen, einem anderen Menschen seine eigene Wirklichkeit zu nehmen und ihn zu einem Objekt der eigenen Projektion zu machen. Sie hebt jedoch auch hervor, dass Literatur nicht allegorisch auf unser Leben übertragen werden könne. Wir sollten lesen, um zu entdecken, nicht um das zu bestätigen, was wir bereits wissen.

Der Film ist ab dem 20. November 2025 im Kino

Nun kommt die Verfilmung des Bestsellers auf die große Leinwand. Regie bei der Filmadaption auf Basis eines Drehbuchs von Marjorie David führte der israelische Regiseeur Eran Riklis. In der Hauptrolle ist Golshifteh Farahani (bekannt aus „Paterson) als Azar Nafisi zu sehen, begleitet von einer internationalen Besetzung, zu der unter anderem Zar Amir Ebrahimi, Mina Kavani und andere bekannte iranische Schauspieler:innen, die im Exil leben, gehören. Premiere feierte der Film bereits beim Rome Film Fest 2024, wo er den Publikumspreis sowie den Sonderpreis der Jury für die weibliche Besetzung erhielt.

Es geht um Stärke, Mut und Hoffnung, die stille Kraft der Worte, um den Kampf um Freiheit und auch das Zusammenhalten. „Hier haben wir uns. Wir halten zusammen“ sagt Golshifteh Farahani als Azar Nafisi zu den Frauen im Literaturkreis. Im Gespräch mit Marie Claire spricht Azar Nafisi über weibliche Stärke, Singen in der Dunkelheit sowie die Qualen der Freiheit.

Golshifteh Farahani, Zar Amir Ebrahimi, Mina Kavani, Reza Diako, Lara Wolf, Arash Marandi, Catayoune Ahmadi, Sina Parvaneh und viele mehr spielen in "Lolita lesen in Teheran". Foto: Eitan Riklis

Golshifteh Farahani, Zar Amir Ebrahimi, Mina Kavani, Reza Diako, Lara Wolf, Arash Marandi, Catayoune Ahmadi, Sina Parvaneh und viele mehr spielen in „Lolita lesen in Teheran“. Foto: Eitan Riklis

Azar Nafisi im Gespräch

Am Anfang unseres Gesprächs, ist es Nafisi ein Anliegen, etwas mitzuteilen:

„Ich habe mich schon lange mit Deutschland verbunden gefühlt, lange bevor ich es je besucht habe. Durch die Bücher, die Dichter, die Schriftsteller. Angefangen bei dem Autor, dessen Name mir immer noch schwerfällt, Simplicius Simplicissimus, bis zu meinem Favoriten Heinrich Böll, zu Günter Grass, zu Bertolt Brecht. Und natürlich zu Goethe, der für mein Buch und meinen Film eine besondere Rolle spielt. Sein „West-östlicher Divan“ ist eine Hommage an den persischen Dichter Hafis aus dem 14. Jahrhundert. Goethe suchte damals einen neuen Weg, sich mit der Welt zu verbinden, genau darum geht es auch in meinem Buch und in meinem Film. Es geht darum, den anderen zu erforschen und von ihm zu lernen.“

Die heutige Bedeutung von "Lolita lesen in Teheran"

Marie Claire: Ihr Buch wurde 2003 veröffentlicht. In diesem erzählen Sie Ihre Geschichte, Ihre Memoiren im Teheran der 1980er und 1990er. Nun, mehr als weitere zehn Jahre später kommt der Film. Welche Bedeutung hat die Geschichte heute?

Azar Nafisi: Als ich den Iran verließ, folgte mir meine Mutter am letzten Tag immer wieder und sagte: “Erzähl es ihnen. Erzähl ihnen alles.“ Sie meinte damit: Berichte von uns, von der Unterdrückung, unter der wir leben. Totalitäre Systeme und deren Führer wollen die Vergangenheit fälschen, um ihre Gegenwart zu legitimieren. Literatur, dieses Buch und dieser Film, sind meine Art, Ihnen die Stimme jener Iraner zu bringen, die jetzt, während wir sprechen, gegen ein Regime kämpfen, das sie tötet. Allein im Jahr 2025 wurden über 1.000 Menschen hingerichtet. In diesem Sinne hoffe ich, dass mein Buch und Film ein kleiner Schritt sind, um der Welt zu zeigen, dass die Unterdrückung die Menschen im Iran nicht davon abhält, auf die Straßen Teherans zu gehen und mit Gesang und Tanz ihre Stimmen gegen die Kugeln zu erheben.

Die Zensur von Büchern

MC: Ein großes Thema ist auch die Zensur von Büchern. Bücherverbote gibt es heute leider wieder vermehrt. In den USA etwa werden Bibliotheken lokal „gesäubert“ und Bücher aus Schulen verbannt. Insbesondere Nabokovs „Lolita“ ist häufig Gegenstand von Zensurversuchen. Sie selbst lehren seit Ihrer Rückkehr in die USA 1997 an amerikanischen Universitäten. Wie erleben Sie diese Entwicklungen?

Nafisi: Als ich aus dem Iran zurückkehrte und in die USA kam, machte mir eine Sache große Sorgen: eine Art intellektuelle Bequemlichkeit. Menschen entwickelten Ideologie-Formeln, nicht Wahrheits-Formeln, und legten sie über einige der bedeutendsten Werke der Menschheitsgeschichte. Das beunruhigte mich. Ich schreibe darüber auch in „The Republic of Imagination“ und „Lese Gefährlich“ (Anm. d. Red.: Lediglich letzteres ist auf Deutsch übersetzt). Viele Menschen wollen es bequem haben. Sie hielten, sie halten Demokratie für selbstverständlich. In „Lolita Lesen in Teheran“ erwähne ich Saul Bellow. Er sagt, diejenigen, die den Holocaust überlebt haben, wie sollen sie die Qual der Freiheit überleben?

Viele Menschen in meiner zweiten Heimat, den USA, sehen Freiheit nicht als tägliche Herausforderung. Frei zu sein ist schwer. Es ist einfacher, einem Anführer zu folgen und ihm die Verantwortung zu überlassen. Deshalb ist Fiktion so gefährlich. Nehmen Sie Salman Rushdie: Seine einzige Waffe sind Worte. Und doch wollte einer der mächtigsten Männer der Welt ihn physisch vernichten. Denn im Kern großer Literatur, großer Poesie, steht die Suche nach Wahrheit. Und sowohl ein Regime wie Iran als auch Menschen im Westen fürchten die Wahrheit. Wer sie verbreitet, wird gefährlich. Ich hoffe, dass dieser Film und dieses Buch Diskussionen darüber anstoßen. Und auch, dass mehr Menschen wieder Goethes „West-östlichen Divan“ aufschlagen.

MC: Wenn wir Menschen die Wahrheit oft gar nicht kennen wollen: Welche Bedeutung hat eine freie Literatur trotzdem für die Welt, unsere Gesellschaft, jeden Einzelnen?

Nafisi: Literatur wird so gefährlich. Es gibt die Redewendung „Zuerst verbrennen sie Bücher, dann töten sie Menschen“. Und das passiert überall. Literatur ist so gefährlich, weil sie mit der Realität beginnt. Und totalitäre Denkweisen wollen diese Realität verstecken. Sie wollen uns zu Figuren ihrer eigenen Fantasie machen.

Im Iran fühlte ich mich nicht wie ich. Im Film gibt es eine Szene, in der Golshifteh (Anm. d. Red.: Nafasi spricht von Schauspielerin Golshifteh Farahani, die Nafisi spielt) in den Spiegel schaut, bevor sie den Hijab anlegt. Dieses Gefühl kannte ich gut: Ich war nicht ich selbst. Es beschämte mich, etwas tun zu müssen, dem ich widersprach. Es war ein Verlust an Identität. Schreiben und lesen gab mir damals Hoffnung. In Iran sind Autoren wie Hannah Arendt, Karl Popper und Václav Havel unter jungen Leuten regelrechte Rockstars.

Ich erinnere den Westen immer daran: Schaut gen Osten! Die Werte, diese Freiheit, die ihr vernachlässigt, verteidigen Menschen in Ländern wie Iran, Afghanistan, Ukraine oder Sudan unter Einsatz ihres Lebens. Nicht nur die Iraner lernen vom Westen, auch der Westen lernt von Iranern. Einige der besten Arbeiten über westliche Literatur kamen von meinen Studierenden in Iran. Wenn sie sich physisch nicht mit der Welt verbinden können, wenden sie sich an ihre goldenen Vertreter.

Im Lesekreis werden Bücher von Jane Austen, F. Scott Fitzgerald und mehr besprochen. Foto: Eitan Riklis

Im Lesekreis werden Bücher von Jane Austen, F. Scott Fitzgerald und mehr besprochen. Foto: Eitan Riklis

Verschleierung und das "Ich"

MC: Nicht nur die Zensur, auch die Verschleierung von Frauen spielt eine große Rolle im Roman und dem Film. Aufgrund von Protestaktionen wie „Frau Leben Freiheit“ wird von konkreten Veränderungen berichtet, Polizei und Behören setzen den Kopftuchzwang aktuell nicht mehr überall durch. Sie sprachen von den viralen Videos von Menschen, die in den Straßen singen. Sie sprachen über Freiheit. Ist das ein Schritt in diese Richtung?

Nafisi: Es gab und gibt so viele Momente der Verzweiflung. Das Regime möchte, dass man glaubt, niemand höre zu, man sei isoliert. Doch das stimmt nicht. Diese Krise kann etwas Gutes hervorbringen, wenn wir auch uns selbst betrachten, überlegen, wo wir falsch abgebogen sind. Nicht nur die Gegner sind das Problem. Manchmal werden Menschen, die gegen Unterdrückung kämpfen, selbst unterdrückerisch.

Wir müssen gegen uns selbst kämpfen, denn es ist so einfach zu der Person zu werden, gegen die wir kämpfen. Ich wache jeden Morgen auf und sage mir, ich sollte noch mehr ich selbst sein. Und das ist sehr schwer, denn dieses ‚Ich‘ hat viele Fehler. Aber ich muss diesen Fehlern ins Auge sehen und den Feind in mir bekämpfen, nicht nur jene, gegen die wir außen kämpfen.

MC: Wie erkennen Sie, wer Sie selbst sind, was gehört zu Ihrem „Ich“?

Nafisi: Es ist schwer. Ich sah den Schleier nie als „Feind“. Meine Großmutter war eine liebenswerte, gläubige Frau. Sie trug immer Hijab. Und ich lief bei ihr im Bikini durchs Haus. Unsere Beziehung beruhte nicht auf Ideologie, sondern auf Liebe. Genau das lehren Kunst und Literatur: die Rückkehr zum Herzen. Unsere Fantasie ist dabei entscheidend. Nabokov sagte, Neugier sei die reinste Form von Ungehorsam. Literatur schenkt uns einen anderen Blick auf die Welt. Neugier erzeugt Empathie. So konnte Goethe in einem persischen Dichter aus dem 14. Jahrhundert seinen Seelenverwandten erkennen. Ich kenne mich selbst durch meine Reaktionen, durch mein Handeln und durch meine Fähigkeit, meine eigenen Fehler zu erkennen. Das wollte ich nicht nur mit mir selbst teilen, sondern mit der Öffentlichkeit.

Nafisi über den Film

MC: Sprechen wir über den Film. Im Buch erwähnen Sie, dass der iranische Ober-Filmzensor in den 1990ern nahezu blind war. Was, glauben Sie, würde er über diesen Film sagen?

Nafisi: Der blinde Zensor wurde zur Metapher für die Islamische Republik selbst: Man urteilt, ohne zu sehen. Er hätte „Lolita Lesen in Teheran“ sicher verboten. Die Absurdität solcher Zensur wird in einem Buch von Diane Ravitch deutlich. In „The Language Police“ schreibt sie darüber wie sowohl rechte als auch linke Extreme Literatur zensieren wollen. Ihre Beispiele erinnerten mich an den Iran. In einem Kinderbuch wurden weiblichen Hühner Hijabs angezogen, damit die männlichen nicht sexuell übergriffig würden. Popeye wurde zensiert, weil Olive Oyl nicht mit ihm verheiratet war. Tragischerweise sind solche Absurditäten sehr real.

MC: Ihre Geschichte entspricht auch der Realität. Sie haben den Film das erste Mal bei der Premiere beim Rome Film Festival gesehen. Was waren ihre Gedanken?

Nafisi: Ich war nervös. Was, wenn ich den Film nicht mochte? Aber ich musste ihn als Zuschauerin betrachten, nicht als die, die dem Regisseur Anweisungen gibt. Ich hatte  mich bewusst für Eran Riklis entschieden. Er ist jemand, der, wie auch David Grossman, gegen die israelische Regierung protestierte. Ausschlaggebend war jedoch sein Film „Lemon Tree“, der eine palästinensische Frau zeigt, die den israelischen Sicherheitsminister verklagt. Er gab ihr Würde, auch im Verlust. Totalitäre Systeme nehmen Ihnen Ihre Würde, Riklis hat sie zurückgegeben. Da wusste ich: Wenn er so unter die Haut dieser Frau gehen kann, kann er auch meinen Studentinnen gerecht werden. Als ich den Film schließlich sah, spürte ich sofort: Er und Golshifteh hatten den Geist jener Zeit eingefangen. Die Widersprüche, die Konflikte, die ich gespürt hatte. Ich war erleichtert.

"Es sind große Zeiten für Frauen"

MC: Zum Abschluss: Marie Claire möchte starken Frauen eine Stimme geben. Was wollen Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben?

Nafisi: Wir leben in dunklen Zeiten, aber es sind große Zeiten für Frauen. Frauen stehen im Mittelpunkt. Sie zeigen den unterdrückenden Regimen ihre Macht. In Iran und Afghanistan wissen die Frauen genau, dass ihr bloßes Erscheinen im öffentlichen Raum, so, wie sie selbst sein wollen, bedeutet, dass das Regime sich verändert hat. Je sichtbarer Frauen werden, desto unsichtbarer werden die unterdrückenden Systeme. Deshalb fürchten die Regime die Frauen so sehr. Aber für mich, für viele, die Teil der Frauenbewegungen sind, ist das „Singen im Dunkeln“. Und ich bin dankbar, dass die Frauen diese Musik anführen.

 

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions