Eine abgeschiedene Villa unter der katalanischen Sonne, geerbter Reichtum, Designerlooks, makellose Körper. Auf den ersten Blick scheint in Rosebush Pruning alles von jener Art Schönheit, die sich leicht fotografieren lässt. Doch Karim Aïnouz interessiert sich nicht für Hochglanz. Ihn reizt das Brüchige, das Verdrängte, das Unausgesprochene. Sein neuer Film feiert am 14. Februar 2026 Weltpremiere im Wettbewerb der Internationale Filmfestspiele Berlin – und seziert die patriarchale Familie als emotionales Machtgefüge
Im Zentrum stehen vier amerikanische Geschwister, die sich in ihrem Vermögen eingerichtet haben wie in einer eigenen Welt. Liebe, Anerkennung und Identität zirkulieren ausschließlich innerhalb dieser Familie. Der blinde Vater bleibt Randfigur, fast Störgeräusch. Nähe wird hier nicht geteilt, sondern kontrolliert – und ist damit ebenso tröstlich wie toxisch.
Als der älteste Bruder Jack ankündigt, mit seiner Freundin zusammenziehen zu wollen, reicht dieser kleine Schritt in Richtung Autonomie aus, um das System zu destabilisieren. Die enge Blutsbande beginnt zu reißen. Der jüngere Bruder Ed gräbt nach der Wahrheit über den Tod der Mutter, generationsübergreifende Lügen kommen ans Licht. Das, was die Familie zusammengehalten hat, entpuppt sich als fein gesponnenes Netz aus Abhängigkeit und Schuld.
Gemeinsam mit Drehbuchautor Efthimis Filippou verwandelt Aïnouz familiäre Intimität in eine beklemmende Versuchsanordnung. Filippous Handschrift – bekannt für ihren trockenen, oft grausamen Humor – macht Rosebush Pruning zu einer bissigen Gegenwartssatire. Patriarchale Strukturen werden hier nicht erklärt, sondern bloßgestellt. Liebe erscheint als Ware, Zugehörigkeit als Machtinstrument.
Callum Turner, Riley Keough, Jamie Bell, Lukas Gage, Elena Anaya und Tracy Letts spielen Figuren, die ebenso privilegiert wie innerlich beschädigt sind. Ergänzt wird das Ensemble durch Elle Fanning und Pamela Anderson – zwei Gesichter, die selbst popkulturelle Projektionen tragen und damit perfekt in Aïnouz’ Spiel mit Oberfläche und Abgrund passen.
Visuell bleibt Aïnouz seiner Handschrift treu. Die Kamera von Hélène Louvart taucht Räume und Körper in warmes, fast verführerisches Licht, während die opulenten Kostüme von Bina Daigeler Luxus nicht als Statussymbol, sondern als Schutzpanzer erzählen. Schönheit wird hier zur Tarnung – und genau darin liegt ihre Gefahr.
Produziert unter anderem von MUBI, reiht sich Rosebush Pruning konsequent in Aïnouz’ Werk ein, das sich immer wieder mit Macht, Begehren und emotionaler Abhängigkeit beschäftigt. Der Film will nicht gefallen, sondern freilegen. Er schneidet zurück, bis die Wurzeln sichtbar werden – und erinnert daran, dass manche Strukturen nicht gepflegt, sondern radikal beschnitten werden müssen.
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