“Eine Gesellschaft ohne die Hilfe der weisen Frauen wird dazu führen, dass die Geburt ein Vorgang in Männerhand ist”

Die erste Staffel der ZDFneo-Serie “Push” hat bereits eindrucksvoll gezeigt, wie ehrlich, intensiv und vielschichtig das Abenteuer Kinderkriegen erzählt werden kann und damit ein großes Publikum erreicht

Anna Schudt (r.) steht auch in der zweiten Staffel der Serie “Push” als Hebamme Anna Koch vor der Kamera. Foto: ZDF/Andrea Hansen
Anna Schudt (r.) steht auch in der zweiten Staffel der Serie “Push” als Hebamme Anna Koch vor der Kamera. Foto: ZDF/Andrea Hansen

Nun knüpft die lang ersehnte zweite Staffel (Start: 22. Mai im Streaming und am 27. Mai in ZDFneo) an diesen Erfolg an und erzählt erneut offen von Themen, die mit dem Abenteuer Eltern werden verbunden sind. Auch Schauspielerin Anna Schudt ist wieder als eine von drei Geburtshelferinnen mit von der Partie. Im Interview mit Marie Claire spricht sie über den herausfordernden Alltag von Hebammen und warum diese wertvolle Arbeit in ihren Augen immer noch viel zu sehr unterschätzt wird.

Marie Claire: In “Push” wird die Geburt als zutiefst menschlicher, aber auch belastender Moment gezeigt. Wie hat sich Ihr Blick auf die Arbeit von Hebammen durch die Dreharbeiten verändert?

Anna Schudt: Vieles hat sich bestätigt und ich habe vieles dazu gelernt. Seit meiner ersten Schwangerschaft weiß ich, wie wichtig Hebammen sein können, wie wenig die meisten Frauen über das Gebären und die Zeit davor und danach wissen und wie viel Angst diese Unwissenheit macht. Hebammen helfen sehr pragmatisch und konkret, und gleichzeitig können sie dir Welten aufzeigen, von denen Du keine Ahnung hattest. 

MC: Viele Hebammen berichten von enormem Druck, Überlastung und zu wenig Zeit für jede einzelne Frau. Wie spiegelt die neue Staffel diesen Spagat zwischen Fürsorge und Systemzwängen wider?

AS: Diesmal haben wir eine Folge komplett den Schicht-Hebammen im laufenden Betrieb gewidmet. Die Überforderung und der Stress sind enorm hoch und der Klinikalltag lässt nicht die Zeit und Ruhe zu, die Schwangere und Hebammen wollen und brauchen.

“Ich wünsche jeder Frau eine gut bezahlte, ungestresste und fröhliche Hebamme an die Seite”

MC: Der Kampf um bessere Bezahlung ist für viele Hebammen existenziell. Wie wichtig war es Ihnen persönlich, diesem Thema in Ihrer Rolle eine Stimme zu geben?

AS: Für mich ist es ein absolutes Herzensthema, weil ich es als so ungeheuer wichtig erlebt habe, eine tolle Hebamme an meiner Seite zu haben. Ich werde ihr ewig dankbar sein und wünsche jeder Frau eine gut bezahlte, ungestresste und fröhliche Hebamme an die Seite. Und dafür muss sich vieles zum Besseren wenden.

MC: Immer mehr Hebammen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz und müssen ihren Beruf schlussendlich aufgeben. Was glauben Sie, macht dieser Verlust mit unserem Gesundheitssystem und vor allem mit werdenden Müttern?

AS: Die Geburt ist der Anfang von allem. Eine neue Generation entsteht mit der Geburt ihrer Kinder. Wie diese Kinder zur Welt kommen, hat sehr viel Einfluss auf ihre Liebesfähigkeit, ihre Empathiefähigkeit, ihr Urvertrauen und ihre innere Sicherheit. Stellen Sie sich vor, wir hätten eine neue Generation mit all diesen Eigenschaften, und die wären alle stark ausgeprägt. Man kann sich vorstellen, wie positiv unsere Welt aussehen könnte. Eine Gesellschaft ohne die Hilfe der weisen Frauen wird dazu führen, dass die Geburt ein Vorgang in Männerhand ist, und das wäre für uns Frauen eine denkbar schlechte Entwicklung.

Hebammen mit Herz: Nalan Arzouni (Mariam Hage), Anna Koch (Anna Schudt), und Greta Malinger (Lydia Amasko) zeigen in der zweiten Staffel von “Push”, warum der Beruf so wichtig ist. Foto: ZDF/Nico Roicke

Hebammen mit Herz: Nalan Arzouni (Mariam Hage), Anna Koch (Anna Schudt), und Greta Malinger (Lydia Amasko) zeigen in der zweiten Staffel von “Push”, warum der Beruf so wichtig ist. Foto: ZDF/Nico Roicke

MC: Gab es während der Vorbereitung auf die Rolle Begegnungen mit echten Hebammen, die Sie besonders berührt oder vielleicht sogar erschüttert haben?

AS: Ich habe viel mit meiner damaligen Hebamme gesprochen und mit ein, zwei weiteren und habe immer eine große Hochachtung und Bewunderung in mir.

“Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit im Ausdruck, da gehört die emotionale Grenzerfahrung dazu”

MC: “Push” erzählt nicht nur von Geburten, sondern auch von emotionalen Grenzerfahrungen. Wie gehen Sie als Schauspielerin damit um, diese Intensität authentisch darzustellen?

AS: Das ist meine Arbeit, die macht mir Spaß! Ich darf immer etwas Neues lernen und erfahren. Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit im Ausdruck, da gehört die emotionale Grenzerfahrung dazu und sie ist aufregend. Wir Schauspielerinnen haben das Privileg, dann wieder „auszusteigen“ und sich davon zu verabschieden.

MC: Inwiefern zeigt die zweite Staffel die unsichtbare emotionale Arbeit von Hebammen, die oft weit über das Medizinische hinausgeht?

AS: Hebammen sind „Freundinnen“ und Zuhörerinnen und Nicht-Wertende Begleiterinnen auch vor und nach der Geburt. Sie kennen ihre Frauen oft sehr gut und das ist äußerst hilfreich für die eigentliche Geburt. Diese Geschichten nehmen ähnlich viel Platz ein wie die Geburtsszenen. Ich begleite zum Beispiel über die ganze Staffel ein Paar, was die Diagnose Trisomie 21 hat und sich entscheiden muss, ob sie das Kind bekommen wollen. Das ist sehr berührend.

MC: Wenn Sie an die politischen und gesellschaftlichen Debatten rund um den Hebammenmangel denken: Was sollte sich Ihrer Meinung nach dringend ändern?

AS: Jede Frau braucht die Möglichkeit, eine gut bezahlte Hebamme zu bekommen. Die Kosten sollten komplett übernommen werden. Die Haftpflichtversicherung für die Hebammen muss auf ein Mindestmaß heruntergesetzt werden und die Aufklärung über Möglichkeiten einer Geburt (Hausgeburt, Geburtshaus, Klinik, Kaiserschnitt, PDA usw.), die Vorteile, Risiken und Möglichkeiten sollten jeder Frau bekannt sein. 

“Jede Frau hat ein Recht auf eine möglichst sichere, private und ,glückliche’ Geburt”

MC: Wie erleben Sie die Balance zwischen Hoffnung und Frustration in der Serie – gerade vor dem Hintergrund eines Systems, das viele Hebammen im Stich lässt?

AS: Wir erzählen sehr viele wundervolle und hoffnungsfrohe und lustige Geschichten, und eben auch die, die die andere Seite zeigen. Ich glaube wir konzentrieren uns tendenziell aber eher auf das Positive und das finde ich auch sehr gut so.

MC: Was wünschen Sie sich, dass Zuschauerinnen und Zuschauer nach der neuen Staffel über den Beruf der Hebamme denken oder vielleicht sogar fühlen?

AS: Ich wünsche mir, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer mitempfinden können, wie wichtig Hebammen sind, und dass jede Frau ein Recht auf eine möglichst sichere, private und „glückliche“ Geburt hat. Ich wünsche mir, dass die Serie Mut macht und Angst aus dem Thema nimmt, und ich wünsche mir, dass wir dazu beitragen, die Bewertung zu schmälern, was die „richtige“ Art von Geburt ist. Jede Frau hat ihre Geschichte und darf entscheiden, mit wem und wo sie ihr Kind bekommen will. Ihr Instinkt ist immer richtig.

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