Die neue Schönheit des Älterwerdens: Wolke Hegenbarth im Interview

Frauen sollen heute erfolgreich, unabhängig und selbstbestimmt sein. Nur eines sollten sie dabei möglichst bitte nicht: älter werden. Zumindest nicht sichtbar. Während wir über Female Empowerment, Diversität und neue Rollenbilder sprechen, hält sich ein Schönheitsideal erstaunlich hartnäckig, und zwar das Versprechen nach ewiger Jugend. Warum wir dringend ein neues Bild von alternden Frauen brauchen, erklärt Schauspielerin Wolke Hegenbarth.

Wolke Hegenbarth ist das neue Gesicht von Logona und setzt damit neue Maßstäbe. Foto: PR

Das Ende der ewigen Jugend

Zeit ist die einzige Ressource, die sich weder anhalten noch zurückkaufen lässt, und doch verbringen wir einen beträchtlichen Teil unseres Lebens damit, ihre Spuren krampfhaft bekämpfen zu wollen. Besonders Frauen wird seit Jahrzehnten vermittelt, dass Schönheit dort endet, wo das Alter sichtbar wird. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass diese Erwartung nahezu ausschließlich Frauen betrifft. Während Männer mit jedem grauen Haar an Aura zu gewinnen scheinen, müssen Frauen ihr Alter bis heute möglichst unsichtbar machen. Bei ihnen wird jede Falte kommentiert, jede Veränderung des Gesichts zur Schlagzeile, jede sichtbare Spur gelebter Jahre als etwas betrachtet, das dringend korrigiert werden sollte. Dabei ist das eigentliche Problem nicht das Älterwerden an sich, sondern der gesellschaftliche Blick darauf. Wirklicher Fortschritt beginnt erst dort, wo Schönheit nicht länger Stillstand bedeutet, sondern Entwicklung. Wo eine Frau mit 40 nicht als außergewöhnlich schön gilt, obwohl sie 40 ist, sondern gerade deshalb, weil sie die Eleganz, Gelassenheit und Präsenz eines Lebens verkörpert, das sichtbar gelebt wurde.

Wolke Hegenbarth zeigt, wie modernes Altern aussieht.

Foto: PR

Kürzlich wurde Schauspielerin und Wolke Hegenbarth das neue Gesicht von der Naturkosmetik Brand Logona und ein besseres Match hätte es gar nicht geben können. Logona steht seit jeher dafür, das Altern zu unterstützen und es nicht aufzuhalten. Genau nach diesem Prinzip lebt auch die 46-jährige Schauspielerin. Diese Zusammenarbeit ist daher mehr als nur eine weitere Werbebotschaft. Es ist eine gesellschaftliche Einladung, den Blick zu verändern, denn niemand gewinnt den Wettlauf gegen die Zeit. Vielleicht sollten wir uns deshalb nicht länger fragen, wie Frauen möglichst lange jung aussehen können, sondern warum es uns so schwer fällt, zu erkennen, dass Schönheit mit dem Alter nicht verschwindet, sondern ihre Form verändert. Wolke Hegenbarth erzählt im exklusiven Marie Claire Interview, warum sie nicht noch mal 20 sein will und erst recht nicht mehr so aussehen möchte.

Warum wir Frauen laut Wolke Hegenbarth endlich altern lassen sollten

Marie Claire: Viele Brands versprechen, das Altern aufhalten zu können, und dass man immer im besten Fall aussieht wie 20. Logona spricht eher davon, Veränderungen zu begleiten. Was gefällt dir an diesem Perspektivwechsel? 

Einfach alles. Als ich das das erste Mal gehört habe, dass die neue Kampagne unter „Schönheit die wächst” läuft, dachte ich, ja, genauso ist es. Alles verändert sich und es ist nunmal nicht immer wie mit 20, aber warum sollte das etwas schlechtes sein? Das wurde uns lange erzählt und das sollten wir dringend hinterfragen. Wann haben wir beschlossen, dass 20 der Peak ist und somit die schönste Zeit? Wenn ich mich heute anschaue, finde ich, dass ich besser aussehe. Ich gefalle mir viel besser und möchte auch gar nicht mehr 20 sein. Kate Winslet hat mal gesagt, sie findet, dass das Gesicht besser sitzt und genau so ist es. Mein Gesicht sitzt besser, es ist wie ein Ankommen bei sich selbst. Gerade zwischen 20 und 30 verändert sich noch mal so viel. Irgendwann bin ich 75, so alt wie meine Mutter jetzt. Ich muss sagen, ich sehe meine Mutter gerne an und freue mich auf die Reise, die mir bis dahin noch bevorsteht. Ich habe keine Angst zu Altern. 

Marie Claire: Was war dein persönlich größter Irrtum über Schönheit und das Altern? 

Ich weiß gar nicht, ob es einen wirklichen Irrtum für mich gab. Ich bin ein Kind der 90er, zu der Zeit war ich Jugendliche und das ist ja eine sehr einflussreiche Zeit. Da waren Pamela Anderson und Anna Nicole Smith die Ikonen und beide hatten einen großen Busen. Ich hingegen bin eher so der Kate Moss Body Type. Und als das dann so empor kam, war ich froh, dass es eben auch die andere Seite gab, die eher einen kleinen Busen repräsentiert hat. Ich bin kein Busenwunder und für mich kam es auch nicht in Frage, zum Chirurgen zu gehen. Natürlich hatte ich das Gefühl, nicht ins Ideal zu passen, aber heute bin ich heilfroh, nichts an mir gemacht zu haben. 

Marie Claire: Gerade als Schauspielerin und Moderatorin wird man ja ständig betrachtet. Wie verhindert man, dass der eigene Blick auf sich selbst nicht fremdbestimmt wird? 

Ich glaube, dass man das Narrativ heute super kontrollieren kann, indem man seinen Social Media Account so gestaltet, wie er einem gefällt. Und wenn jemand etwas schreibt, das völlig neben der Spur ist, weiß man, dass das nicht von einem selbst kommt. Ich finde das größtenteils auch als eine große Ermächtigung, dass ich mein Narrativ selbst erzählen darf. Ich kann erzählen, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Früher brauchte man immer ein Medium, um gewisse Dinge zu transportieren – durch Social Media kann man das alles ganz einfach selbst machen und frei entscheiden, was man preisgibt. Alle großen Medien folgen mir und schreiben auch zum Teil bei mir ab, was aber super ist, weil der Text dann auch wirklich von mir kommt. Zwischendurch gibt es natürlich immer mal Aussetzer, aber man kann es relativ leicht korrigieren und klar machen, dass das beispielsweise Fake News sind. Die Leute, die einem folgen, bekommen zudem einen ehrlichen Eindruck, weil alles deutlich authentischer und realer ist. Ich zeige mich so, wie ich bin. Ich versuche die Leute mitzunehmen und an meinem Leben teilhaben zu lassen.

Foto: PR

Marie Claire: Hat sich die Film- und Fernsehbranche beim Thema Altern verändert im Gegensatz zu früher? 

Gesine Cukrowski hat diese Initiative „Let’s Change The Picture” gegründet, die zeigt, dass Frauen eben 50 plus auch noch arbeiten und deutlich sichtbarer werden sollten. Das hat ganz viel angestoßen. Ich glaube nicht, dass sich das sofort positiv verändert, aber ich habe dennoch das Gefühl, dass sich etwas tut. Die Gesellschaft ist irgendwann 80 und im Fernsehen sind alle 20, das ist ein bisschen seltsam und es passt auch nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die älter werdende Gesellschaft nur noch junge Menschen sehen will. Und ich für meinen Teil habe überhaupt keine Lust, mit der Schauspielerei aufzuhören. Jeder wird älter und wie traurig wäre es denn, wenn sich alle plötzlich einsperren und gar nicht mehr rausgehen? Bis jetzt finde ich alles besser als noch mit 20, wie ich eben schon mal gesagt habe. Alle, die jünger sind, sollten sich entspannen und sich nicht erzählen lassen, dass ihr Wert ab einem gewissen Alter verfällt. Das ist nicht ok und es ist auch einfach nicht richtig. Das Leben wird immer schöner und darüber sollten wir vermehrt reden. Am Ende geht es um eine gewisse Fuckability. Wenn mir jemand erzählen will, was sexy ist, dann muss ich da nicht mitgehen und der Person zustimmen. Es ist mir egal. 

Marie Claire: Gibt es etwas an dir, das du früher verstecken wolltest und heute bewusst zeigst? 

Richtig verstecken nicht, aber da ich schon immer einen kleinen Busen hatte und auch immer noch habe, gehe ich heute anders damit um. Ich habe ein Kind bekommen und ein Jahr lang gestillt, daher hatte ich auch ein Jahr lang einen deutlich größeren Busen, aber ich war so froh, als er wieder klein war. Das hätte ich jetzt auch nicht gedacht, aber es war wirklich so. Das passte gar nicht zu mir und die Klamotten sahen alle plötzlich ganz anders an mir aus. Mit einem kleinen Busen kann man anziehen, was man will, es wirkt nie vulgär und ich war nach der Stillzeit froh, wieder in meinem vorherigen Körper zu stecken. 

Marie Claire: Glaubst du, dass Frauen ab 40 generell selbstbewusster werden oder einfach nur besser darin, Erwartungen zu ignorieren? 

Beides. Ich denke, dass das Leben sehr fordern kann. Viele haben vielleicht eine schlechte Beziehung oder eine Scheidung hinter sich, sind alleine mit den Kindern und wenn man dann trotzdem alles hinbekommt, macht das etwas mit einem. Ich glaube, ab einem gewissen Punkt muss man so ein grundsätzliches „Fuck Off” raus in die Welt schreien und sein Leben leben. Ich kümmere mich um meine Sachen und du dich um deine. Ich kann nicht die Schwere der Welt mittragen und mich für alles verantwortlich fühlen. Not my circus, not my monkeys. Und ich glaube, das ist für viele eine ultimative Befreiung und sollte es auch sein. Man hat nur dieses eine Leben, warum sollte man dieses nach anderen ausrichten? Am Ende kommt hier niemand lebend raus, wie es so schön heißt. Dann muss man sich gut überlegen, was man mit seiner Zeit macht, wie und mit wem man sie verbringt. Keiner sollte sich auf dem Sterbebett fragen müssen, was hätte anders laufen können, deshalb sollten wir so leben, wie wir es uns vorstellen. Ich glaube nicht, dass sich alles von alleine löst, aber wir sollten uns öfter bewusst sein, dass man die Zügel in der Hand hat. Das ist sehr ermächtigend.

Marie Claire: Wenn dich jemand fragen würde, was einen Menschen schön macht, was würdest du antworten? 

Freude. Ehrliche Freude macht Menschen schön. Nichts ist so ansteckend, wie jemand, der sich freut und strahlend in den Raum reinkommt. Freude ist der Attraktivitätsfaktor Nummer eins und es zieht einen auch an. Solche Menschen tun einem gut, man fühlt sich akzeptiert und angenommen. Man muss sich nicht anpassen und nicht den Bauch einziehen. Man darf als Person genau die sein, die man ist. Ich glaube außerdem, dass Freude ein Stück weit frei sein bedeutet. Er oder sie ist frei, sich zu freuen.

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