Die Geschichte des Feminismus: Als Frauen begannen, die Ordnung der Welt zu hinterfragen

Die moderne Welt wurde auf den großen Worten Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte aufgebaut, doch als diese Versprechen formuliert wurden, waren Frauen darin kaum mitgemeint. Feminismus entstand aus genau diesem historischen Widerspruch und aus der Frage, warum universelle Rechte plötzlich begrenzt wurden, sobald es um die eine Hälfte der Menschheit ging. 

Während Männer lange Zeit alles vorgaben, sollten Frauen derweil Tugend verkörpern, Kinder erziehen und die stille Hälfte der Gesellschaft bleiben. Foto: Markus Winkler/Unsplash

Die Geburtsstunde

Der Begriff selbst erzählt eine kleine, spannende und vielleicht unerwartete Geschichte. Das Wort Feminismus leitet sich vom lateinischen Femina ab, das übersetzt „Frau” bedeutet. Daraus entstand im 19. Jahrhundert das französische Wort Féminisme, das zunächst ganz allgemein eine Bewegung oder eine gewisse Haltung bezeichnete, die sich mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft befasste. Der Ausdruck verbreitete sich in einer Zeit, in der Frauen begannen, ihre Forderungen nach Bildung, rechtlicher Gleichstellung und politischer Teilhabe an die Öffentlichkeit zu tragen.

Als einer der ersten Denker, der den Begriff verwendete und mit einer gesellschaftlichen Idee verband, war der französische Philosoph Charles Fourier (1772 – 1837). Bereits im frühen 19. Jahrhundert argumentierte er, dass der Fortschritt einer Gesellschaft daran gemessen werden könne, wie frei Frauen seien und seine Überzeugung war ebenso schlicht wie radikal. Eine Gesellschaft könne nicht wirklich gerecht oder modern sein, solange die Hälfte der Menschen in Abhängigkeit gehalten werde. Der Begriff „Feminismus“ setzte sich allerdings erst einige Jahrzehnte später, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dank Hubertine Auclert (1848 – 1914) international durch. Zunächst in Frankreich, dann in Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten. Von dort aus wurde er zum Sammelbegriff für eine Vielzahl von Bewegungen, Theorien und politischen Kämpfen, die alle um dieselbe grundlegende Frage kreisten: Wie kann Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern tatsächlich verwirklicht werden?

Rechte, die Leben kosteten

Feminismus hatte seinen ersten Aufschwung im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Die Französische Revolution um 1789 erklärte Freiheit und Gleichheit zu universellen Prinzipien – allerdings fast ausschließlich für Männer. Eine der ersten, die diesen Widerspruch öffentlich angriff, war Schriftstellerin und Revolutionärin Olympe de Gouges (1748 – 1793). Im Jahre 1791 veröffentlichte sie die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, eine direkte Antwort auf die Französische Revolution und deren männliche Bürgerrechte. Sie forderte:

  • Politisches Wahlrecht für Frauen,
  • zugang zu öffentlichen Ämtern,
  • gleichheit vor dem Gesetz, 
  • gleiche Eigentumsrechte.

Der Text brachte ihr jedoch keinen Ruhm, sondern die Guillotine. 1793 wurde sie von den Jakobinern hingerichtet. Zur gleichen Zeit um circa 1792 schrieb die britische Philosophin und Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft (1759 – 1797) eines der zentralsten Werke der feministischen Theorie: „A Vindication of the Rights of Woman“. Sie argumentiert, dass Frauen nicht von Natur aus unterlegen seien, sie sind lediglich schlechter gebildet. Damit verschob sie die Debatte vom biologischen Argument zur sozialen Struktur.

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Foto: Jonathan Castane/Unsplash

Feminismus die Erste

Der Feminismus als organisierte politische Bewegung entstand im 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika. Ein symbolischer Startpunkt ist die Seneca Falls Convention von 1848 im US-Bundesstaat New York. Dort formulierten Aktivistinnen wie Elizabeth Cady Stanton (1815 – 1902) und Lucretia Mott (1793 – 1880) die „Declaration of Sentiments“, ein Manifest für Frauenrechte. Die wichtigsten Forderungen waren das Wahlrecht, Zugang zu Bildung, Eigentumsrechte und Gleichheit im Ehe- und Familienrecht. In Großbritannien kämpften später die berühmten Suffragetten um das Wahlrecht. Besonders bekannt wurde Emmeline Pankhurst (1858 – 1928), die mit ihrer Organisation Women’s Social and Political Union militante Protestformen einführte: Demonstrationen, Hungerstreiks und ziviler Ungehorsam. Das Frauenwahlrecht kam schließlich schrittweise:

  • Neuseeland war 1893 das erste Land mit nationalem Frauenwahlrecht
  • Deutschland 1918 nach der Novemberrevolution
  • USA 1920 (19. Verfassungszusatz)
  • Frankreich 1944

Feminismus die Zweite

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten viele Frauen aus der Arbeitswelt wieder in traditionelle Rollen zurück. In den 1960er-Jahren begann eine neue Phase feministischer Kritik. Ein Schlüsselmoment war 1963 die Veröffentlichung von „The Feminine Mystique“ durch Betty Friedan (1921 – 2006). Das Buch beschrieb die Frustration vieler amerikanischer Hausfrauen, die trotz materiellen Wohlstands ein Gefühl der Leere erlebten. In Frankreich veröffentlichte Simone de Beauvoir (1908 – 1986) bereits 1949 ihr philosophisches Werk „Le Deuxième Sexe“ (Das andere Geschlecht). Der berühmte Satz daraus wurde zu einer Art feministischer Grundformel: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Damit rückte die Idee ins Zentrum, dass Geschlechterrollen sozial konstruiert sind. Themen der zweiten Welle waren sexuelle Selbstbestimmung, Zugang zu Arbeit und Karriere, reproduktive Rechte und Kritik an patriarchalen Strukturen.

Feminismus die Dritte

Ab den 1990er-Jahren entstand eine neue Phase feministischer Theorie. Die dritte Welle kritisierte, dass der frühere Feminismus häufig vor allem die Perspektive weißer, westlicher Mittelklassefrauen repräsentierte. Wichtige Konzepte waren vor allem Intersektionalität, die Verbindung von Geschlecht mit Rassismus, Klasse und Sexualität
sowie stärkere kulturelle und globale Perspektiven. Der Begriff Intersektionalität wurde von der amerikanischen Juristin, Dozentin und Mitbegründerin der Critical Race Theory Kimberlé Crenshaw (*1959) geprägt.

Feminismus die Vierte

Seit den 2010er-Jahren sprechen viele Forscher von einer vierten feministischen Welle. Sie ist stark durch soziale Medien geprägt und konzentriert sich vor allem auf sexuelle Gewalt, Machtmissbrauch, Körperpolitik und digitale Mobilisierung. Ein globaler Wendepunkt war das #MeToo-Movement, ausgelöst 2017 durch die Enthüllungen über den Filmproduzenten Harvey Weinstein.

Der Feminismus wird bis heute häufig missverstanden. Tatsächlich richtet sich feministische Kritik historisch nicht gegen ein Geschlecht, sondern gegen ungleiche Machtstrukturen, die Geschlechterrollen klar verteilen. Wenn Frauen mehr Rechte und Gleichheit bekommen, verlieren Männer nichts. Vielmehr wird das enge Korsett traditioneller Rollen für alle gelockert.

Gerade deshalb betonen viele Denkerinnen wie Simone de Beauvoir, dass die Befreiung der Frau immer auch eine Befreiung des Mannes ist. Von Erwartungen, die Männlichkeit ausschließlich über Stärke, Dominanz oder emotionale Unzugänglichkeit zu definieren. Moderne feministische Forschungen zeigen außerdem, dass starre Geschlechternormen auch Männern schaden können, etwa durch gesellschaftlichen Druck, Gefühle zu unterdrücken, alleinige Ernährer zu sein oder Risiken einzugehen.

Feminismus zielt daher im Kern auf eine Gesellschaft der gleichen Möglichkeiten ab. Er fordert, dass Menschen nicht aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft und ihres Geschlechts, egal ob weiblich, männlich oder non-binär, in bestimmte Lebenswege gedrängt werden. In diesem Sinne ist Feminismus nicht exklusiv für Frauen, sondern für alle Geschlechter. Freiheit, Würde und Selbstbestimmung gilt für jeden.

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