Tara-Louise Wittwer findet Worte, wo andere noch nach ihnen suchen. Sie ist Autorin, Kolumnistin, Content Creatorin und eine der Stimmen, die für den heutigen Feminismus stehen. Anlässlich des Weltfrauentags erzählt sie, was sie antreibt, warum Sichtbarkeit politisch ist und weshalb echter Wandel nicht nur am 8. März stattfinden darf. Und: Warum Freundinnenschaften so unglaublich wichtig sind.
Am Internationalen Frauentag wird zwar viel über Gleichberechtigung gesprochen, doch zwischen Blumensträußen und Schokolade gerät oft aus dem Blick, worum es am 8. März eigentlich geht: um strukturelle Ungleichheit und männlich geprägte Machtverhältnisse. Dieser besondere Tag ist Erinnerung, Mahnung und ein Auftrag an jeden von uns. Erinnerung an die Kämpfe, die Frauen vor uns unerbittlich geführt haben, Mahnung daran, dass Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht ist und der Auftrag an uns alle, Hand in Hand weiterzumachen.
Seit Jahren ist Tara eine der stärksten weiblichen Stimmen, die unermüdlich aufklären. 2022 erschien ihr erster Spiegel Bestseller „Dramaqueen: Frauen zwischen Beurteilung und Verurteilung”, zwei Jahre später „Sorry, aber …: Eine Verzichtserklärung an das ständige Entschuldigen” und 2025 eroberte „NEMESIS‘ TÖCHTER: 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt” die deutschen Bücherregale. Sie macht Unsichtbares sichtbar und steht für Empowerment statt Anpassung. Im exklusiven Gespräch erzählt die 35-Jährige, warum Feminismus heute lauter denn je sein muss, aber auch über eigene Unsicherheiten, Ängste und Superkräfte, die sie gerne hätte.
Ja, aber das ist tatsächlich eine komische Antwort, weil sie überhaupt gar keine feministische Ikone oder so etwas ist: Phoebe Waller-Bridge. Sie ist Regisseurin, Autorin und hat so unglaublich unentschuldbare, unsympathische Frauencharaktere geschrieben und diese auf Bühnen und ins Fernsehen gebracht. Mit Killing Eve habe ich erst so richtig gemerkt, wie mutig das eigentlich ist, wenn man Frauen als unlikeable Female Character schreibt. Dass Frauen eben nicht sympathisch sein müssen, um Bildschirmzeit zu bekommen und um gezeigt zu werden. Natürlich könnte ich jetzt noch zehn feministische Ikonen aufzählen oder fünfzehn Content Creator, die mir gezeigt haben, in welchen Bereichen ich mehr lernen und mein Wissen ausweiten kann. Aber ich glaube, dass Phoebe Waller-Bridge mich in meiner Arbeit am meisten verändert und bestärkt hat. Ich liebe sie! Ich würde für sie ein Jahr lang im Sommer leben und das heißt schon was.
Es gibt ja das Impostor-Syndrom, das habe ich nicht. Was ich aber habe, ist das Moral-Skrupulosität-Syndrom. Das ist ähnlich, aber anstatt dass ich denke, dass ich nichts kann, denke ich, dass ich ein ganz schlechter Mensch bin. Ich habe immer gedacht, ok, wie kannst du denn als so eine schlimme Person anderen Leuten etwas über das Leben erzählen oder ihnen was mitgeben? Immer wenn ich früher kritisiert wurde, was ja ganz normal ist, denn Kritik geht nicht direkt gegen mich als Person, sondern gegen irgendein Verhalten, was ich hinterfragen und ändern muss, habe ich mich schlecht gefühlt. Aber zu Beginn, vor allem vor fünf, sechs, sieben Jahren keine Ahnung, hat mich das richtig aus der Bahn geworfen, weil es für mich eine innere Bestätigung war. Nach dem Motto: So, siehst du? Guck, wie scheiße du bist und so ein Mensch wollte ich nicht sein. Ich habe viel an mir gearbeitet, dass ich mein eigener Safe Space bin und wenn ich kritisiert werde, nehme ich das erwachsen an. Und seitdem ich das gelernt habe, merke ich auch, wie viel selbstsicherer und ruhender ich in mir bin. Ich weiß, dass ich alles nach bestmöglichem Gewissen mache und versuche, die bestmögliche Person zu sein. Natürlich gibt es immer Leute, die mich nicht mögen, aber das sind dann einfach nicht meine Leute.
Foto: Oli Plenderleith
Den mache ich jetzt gerade. Seit zwei, drei Monaten reiße ich mein komplettes Leben ein und baue es neu auf. Ich meine damit wirklich mein ganzes Leben. Ich habe gemerkt, so wie es die letzten fünf Jahre war, war es gut, aber ich habe mir mehr für mich selbst gewünscht. Ich glaube, um das richtig Gute zu finden, muss man vielleicht halb gute Sachen hinter sich lassen. Natürlich kann es auch schlechter werden, aber dieses Risiko muss ich eingehen, weil das auch heißt, dass es ebenso deutlich besser werden kann. Das ist gerade so der mutigste Schritt, den ich mache. Alles von vorne bis hinten umkrempeln. Ich war gut, wie ich war, aber ich dachte mir, nein, das reicht mir nicht. Ich wünsche mir für mich etwas anderes und das versuche ich mir jetzt zu holen.
Ich sage dir direkt ganz offen und ehrlich: gar nichts. Wirklich, ich weiß es nicht. Ich habe letztens erst darüber nachgedacht, was ich so für Rituale habe. Es gibt Leute, die machen morgens Ölziehen, Yoga oder Ähnliches, aber ich mache gar nichts. Ich glaube, ich bin eine sehr langweilige Person. Was ich allerdings sehr gerne mache, wenn ich wirklich erschöpft bin, bestelle ich mir mein Lieblingsessen. Aber an sich habe ich keine Rituale. Noch nicht zumindest. Vielleicht irgendwann, wenn ich groß bin. Ich finde das auch immer so bewundernswert, wenn Leute feste Rituale haben, um in den Tag zu starten. Das hört sich immer so richtig geil und fancy an, aber ich bin nicht geil und fancy. Ich mache mir auch nicht 20 Minuten lang einen Matcha, um dabei runterzukommen. Ich mache wirklich nichts.
Dass sie nicht alleine sind. Das war immer mein allergrößtes Ding. Ich habe mich immer allein gefühlt mit meinen Gedanken, weil das System und die Narrative der Popkultur usw. Frauen vereinzeln. Sie machen uns Frauen in Geschichten zu Rivalinnen und zu Feindinnen – das möchte ich nicht. Auch, dass es immer nur eine Gewinnerin geben kann. Das hat uns die Möglichkeit auf eine unvoreingenommene Schwesternschaft genommen. Genau da möchte ich mit meinen Texten und Videos gegen angehen. Gemeinsam mit meiner tollen Community, die sich auch untereinander unterstützt.
Das hört sich jetzt so ein bisschen Jesusmäßig an, aber Menschen gesund machen. Das letzte Jahr war geprägt durch Krankheiten meines Vaters. Dieses Jahr noch immer und ich würde ihm gerne alles abnehmen. Ich habe schon viel mit Krankheiten durch bei mir, bei meinem Vater und bei einer Freundin und ich glaube, meine allerliebste Superkraft wäre, Menschen gesund zu machen. Es ist so schlimm, nichts machen zu können und nur daneben zu sitzen. Daher würde ich mir genau diese Superkraft wünschen.
Ich würde sagen Micro-Feminismus. Wenn zum Beispiel eine Frau in einem Meeting sagt, nein, das sehe ich nicht so und ihre Meinung offen und klar vertritt oder eine Frau die bewusst sagt, sie möchte mit der Chefin sprechen. Oder Manspreading unterbinden. Ich glaube, dass das ganz viele kleine Micro Impacts sind. Meiner Meinung nach kann das schon ganz viel bewirken.
Das Wichtigste sind Freundinnenschaften. Und dass man zusammenhält. Freundschaften wurden sehr lange aus diesen Beziehungsnarrativen ausradiert. Aus Filmen, Serien und Büchern. Umarmt am Weltfrauentag einfach mal eure Freundinnen und seid dankbar, dass es sie gibt. Und geht gleichzeitig auf die Straße, weil es auch ein feministischer Kampftag ist. Es geht um Wertschätzung und Gleichstellung. Es ist nicht nur ein romantisierter Kuscheltag, sondern ein Kampftag. Deswegen ist es auch so wichtig, dass man diese Micro Impacts immer mehr in den Alltag einbaut. Ich sehe jeden Tag, wie groß feministische Themen bei Social Media mittlerweile sind und wie viele Reaction Videos es gibt. Wie viel mehr Menschen so denken und das auch laut aussprechen. Es gibt immer mehr Stimmen, das finde ich sehr gut.
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