Im Gespräch mit Marie Claire spricht “Spyon”-Star Nhung Hong über ihre vietnamesischen Wurzeln, das Aufwachsen in einer Kleinstadt, ihre Liebe zu Vietnam – und darüber, wie sich Heimat, Identität und Stil im Laufe eines Lebens verändern können
Nhung Hong hat einen ungewöhnlichen Weg hinter sich. Die 24-Jährige wurde in Vietnam geboren und wuchs dann im beschaulichen Anklam in Mecklenburg-Vorpommern auf. Mittlerweile lebt und arbeitet die Schauspielerin mit dem spannenden Hintergrund in Berlin und wird ab dem 4. September in der neuen Spionage-Comedy “Spyon” auf ZDFneo zu sehen sein. Eine Sendung, die mit jeder Menge Humor das Leben von jungen Menschen beleuchtet, die zwischen Geheimdienst-Ausbildung und skurrilen Situationen ihren eigenen Weg suchen. Wir haben Nhung Hong zum Interview getroffen.
Marie Claire: Am 4. September startet “SPYON” bei ZDFneo. Was hat Sie an der Serie und an Ihrer Rolle im BND-Azubi-Cast sofort gereizt?
Nhung Hong: Beim ersten Lesen des Drehbuchs konnte ich mir direkt vorstellen, wer YUKI ist. Es ist eine Figur, die ich so noch nie spielen durfte und ich wusste, dass ich mir das Erlebnis nicht entgehen lassen darf. Ich hatte in meiner Karriere schon in vielen Ensembles gespielt, jedoch noch nie einen so chaotischen Haufen gehabt, wo jede Figur so freaky und weird ist.
MC: Die Serie ist eine Spionage-Comedy, erzählt aber auch vom Erwachsenwerden und davon, seinen Platz im Leben zu finden. Was steckt für Sie unter der humorvollen Oberfläche der Serie?
NH: Ich glaube daran, dass wir alle unsere Quirks und Macken haben, die uns wertvoll machen. In der Serie navigieren die jungen Azubis nicht nur durch die BND-Zentrale Pullachs, sondern auch durch das, was es heißt, mit neuen Dingen konfrontiert zu sein. Zusammenhalt, Zielorientierung und Mitgefühl sind Themen, die sich durch die ganze Serie ziehen. Naja und manchmal auch ein wenig Glück.
MC: Was haben Sie durch Ihre Rolle über sich selbst gelernt – vielleicht sogar etwas, das Sie vorher nicht von sich erwartet hätten?
NH: Ich habe gelernt, dass mir ein so kurzer Bob nicht steht. Für die Rolle war es super und wir haben sehr intensiv an Yukis Style gearbeitet, weil sie nicht viel redet und wir über ihre Erscheinung viel erzählen mussten. Privat ist das jedoch ein wenig zu edgy für mich.
In der ZDFneo-Serie “Spyon” recherchieren Victoria (Lea Zoë Voss, l.) und Yuki (Nhung Hong, r.) gemeinsam in der Zentrale. Dabei machen sie eine verhängnisvolle Entdeckung. Foto: ZDF/Susanne Bernhard
MC: Sie wurden in Vietnam geboren und sind im vorpommerschen Anklam aufgewachsen. Wie hat diese ungewöhnliche Mischung aus vietnamesischen Wurzeln und ostdeutscher Kleinstadt Ihre Persönlichkeit geprägt?
NH: Dank Berlin konnte ich meine vietnamesischen Wurzeln wiederfinden. Hier gibt es viele Community-Angebote, und oft reicht es schon, nicht die einzige Vietnamesin zu sein – ganz anders als in Anklam. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin ein 50-jähriger Ossi-Onkel im Körper einer jungen Frau. Ich liebe Königsberger Klopse, gucke Tatort und benutze Redewendungen wie „Samma hast du Lack gesoffen?“.
Dann wiederum, war mir die Provinz viel zu klein und ich wusste schon immer, dass ich die Welt sehen wollte. Manchmal, merke ich noch mit meinen Freunden aus der Stadt, wie sehr mich das Landleben doch geprägt hat. Auch wenn‘s langsam schwindet …
MC: Gab es in Ihrer Kindheit oder Jugend Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, anders zu sein als die Menschen um Sie herum? Und wie hat sich das im Laufe der Jahre verändert?
NH: Auf jeden Fall. Ich glaube, das erste Mal, dass ich mich für meine Sitten und Kultur geschämt habe, war am 1. Schultag, als eine Mitschülerin fragte, warum ich denn immer noch so komisch aufgetakelt bin, denn die Einschulung war doch am Samstag. Meine liebe Mutter, hatte das Kleid aus der Heimat von ihren Verwandten geschenkt bekommen und es mir ganz stolz angezogen hat. Ich wollte schließlich einen guten Eindruck hinterlassen. Mit den Jahren habe ich immer weiter meine vietnamesischen Wurzeln unterdrückt. Als Kind versteht man noch nicht, warum die anderen Kinder einen anders behandelt haben. Deshalb versuchte ich immer wie die anderen zu sein: deutsch, weiß und konform. Mittlerweile bin ich erwachsen und kann mir mein Umfeld aussuchen. Ich bin nicht abhängig davon, von Menschen akzeptiert zu werden, die mich nicht verstehen. Und das ist auch okay! Da herrscht kein Zorn und ich bin glücklich, jetzt, wo ich alle Seiten an mir akzeptieren kann.
MC: Heute leben und arbeiten Sie in Berlin. Was aus Ihrer Kindheit in Anklam tragen Sie noch immer mit sich und was haben Sie bewusst hinter sich gelassen?
NH: Ich war schon immer ein sehr neugieriges Kind. Diese kindliche Neugier und Faszination für die Welt trage ich in mir – nicht nur in meinem Erwachsensein, sondern auch in meinem Beruf. Als Schauspielerin darf ich reisen und mehr über Menschen herausfinden. Dabei habe ich jedoch alles in mir, was mich ausmacht. Es gibt nichts, was ich hinter mir lasse. Jede Erinnerung und Erfahrung macht mich irgendwie aus und ich bin alles, was ich jemals war.
MC: Was bedeutet Heimat heute für Sie?
Heimat ist für mich Vermissen.
MC: Sie reisen regelmäßig nach Vietnam zurück. Was verändert sich in Ihnen, wenn Sie dort sind? Gibt es eine Seite an Ihnen, die in Vietnam stärker zum Vorschein kommt, als in Deutschland?
NH: Ich liebe Vietnam. Es ist ein so buntes und lebensfrohes Land. Nur bin ich dort auch nur Touristin. Natürlich habe ich dort Familie und spreche die Sprache, aber alles, was ich dort als Kultur bezeichne, ist nur eine Erzählung meiner Eltern. Es ist ein Teil von mir und ich bin glücklich darüber, dass meine Eltern mir diese Seite mitgaben. Doch am Ende bin ich eine Viet-Deutsche, die weiß, wie man Phở richtig ausspricht.
MC: Haben diese Reisen Ihren Blick auf Deutschland und Ihr eigenes Leben verändert?
NH: Ich bin mir sehr bewusst, in welchem Land ich lebe und aufgewachsen bin. Reisen erweitert meinen Horizont und es macht natürlich etwas mit meiner Lebensweise in Deutschland. Ich könnte jetzt sagen, dass ich mir wünschte, dass Cafés in Deutschland auch bis 23 Uhr offen haben und man überall hin Schlappen tragen sollte, aber das wäre in vielerlei Hinsicht Quatsch. Ich glaube eher, dass diese Reisen eher meinen Geschmack und meine Wünsche beeinflussen, als wirklich mein Leben zu verändern.
MC: Gibt es etwas aus der vietnamesischen Kultur oder Ihrer Familie, das Sie ganz bewusst in Ihren Alltag übernommen haben und das Ihnen heute wichtig ist?
NH: Vietnamesen lernen in allen Lebensbereichen, was es heißt, Respekt, Höflichkeit und Dankbarkeit zu zeigen. Ich bin Buddhistin und versuche ein Leben in Balance mit dem Universum zu führen. Aber irgendwie lebe ich auch in Berlin und habe, widersprüchlich zu dieser Kultur, ein Problem mit Autorität.
MC: Auch Ihr Stil hat sich vermutlich stark verändert – von der Kindheit auf dem Land bis zu Ihrem heutigen Leben in der Berliner Kreativszene. Wann haben Sie angefangen, Mode als Ausdruck Ihrer Persönlichkeit zu begreifen?
NH: Mein Stil hat sich stark verändert. Schließlich bin ich älter geworden. Jedoch hat hat sich meine Art, mich in meiner Kleidung auszudrücken, nie geändert. Meine Kleidung schrie schon immer: Das bin ich! Sei es 2014 als ich wollte, dass jeder weiß, dass ich Anime gucke und damit ein Jahr lang nur zwei geflochtene Zöpfe, Skaterröcke und Katzenohren aus Spitze zur Schule trug oder heute: mit meiner Immer weiter wachsenden Vintage High-Heel-Sammlung.
MC: Was bedeutet guter Stil für Sie?
NH: Ich finde, dass jemand Stil hat, wenn man etwas mit voller Überzeugung trägt.
MC: Gibt es einen Look oder ein Kleidungsstück, in dem Sie sich sofort stärker, selbstbewusster oder einfach mehr wie Sie selbst fühlen?
NH: Ich habe ein graues Hemd, welches ich in Prenzlauer Berg in einer „Zu verschenken“-Kiste gefunden habe. Es ist viel zu groß und perfekt, weil ich mich darin verstecken kann. Im Sommer stopfe ich es gern in eine Tasche, um abends etwas zum Überziehen zu haben. Und im Winter spendet es unter einem Pullover Wärme. Das Hemd ist ziemlich formlos und unbedeutend. Es ermöglicht mir, einfach zu sein.
MC: Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich aus Anklam heute begegnen könnten: Was würden Sie ihr über das Leben erzählen, das noch vor ihr liegt?
NH: “Es wird alles soooo cool und aufregend. Mach genau so weiter.”
MC: Und wenn Sie sich Ihren bisherigen Weg anschauen, von Vietnam über Anklam bis nach Berlin und jetzt zu “SPYON”: Was möchten Sie sich unbedingt bewahren, egal, wohin es noch geht?
NH: Ich will für immer meinen Weg gehen. Egal wohin und was immer ist, soll so sein.
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