Die Haenyo-Taucherinnen von der südkoreanischen Insel Jeju werden oft als echte Meerjungfrauen bezeichnet. Seit Jahrhunderten tauchen sie täglich ohne Sauerstoff auf den Meeresboden, um Meeresfrüchte für ihren Lebensunterhalt zu ernten – und das bis ins hohe Alter. Was treibt diese mutigen, lustigen und stolzen Großmütter an, jeden Tag ihr Leben zu riskieren? Dieser Frage geht der Dokumentarfilm „Die letzten Frauen des Meeres“ nach, den wir Ihnen diesen Monat ganz besonders ans Herz legen wollen.
„Die letzten Frauen des Meeres“ ist das erste Projekt, das unter der Schirmherrschaft von Extracurricular Productions verwirklicht wurde – der Produktionsfirma von Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai. „Da es mir sehr am Herzen liegt, Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt zu unterstützen, war ich total aufgeregt, als ich zum ersten Mal von den Haenyo erfuhr“, sagte Yousafzai beim Toronto International Film Festival (TIFF), wo der Dokumentarfilm seine Weltpremiere feierte.
„Ich fühlte mich mit den Haenyo, ihrer bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit und vor allem ihrer Botschaft von Zusammenarbeit und Freundschaft sehr verbunden. Die Menschen fühlen sich heute so oft voneinander getrennt. Die Haenyo erinnern uns daran, wie wichtig die Gemeinschaft in unserem Leben sein kann“, sagte die Produzentin weiter.
Was die Doku obendrein außergewöhnlich macht: Von der Regie über die Kameraführung bis zur Produktion und dem Schnitt wurde „Die letzten Frauen des Meeres“ von Frauen gestemmt. Das Ergebnis ist eine ermutigende Erzählung über Freundschaft, Selbstbestimmung, und die Kraft der Gemeinschaft. Wir haben mit zwei der Protagonistinnen, Lee Hee Son und Jang Soon Duk, über ihre bemerkenswerte Lebensweise und ihre Hoffnungen für die Doku gesprochen.
Lee Hee Soon, Produzentin Malala Yousafzai, Regisseurin Sue Kim, und Jang Soon Duk bei der Premiere von „Die letzten Frauen des Meeres“ beim Toronto Film Festival. Bild: Apple TV+
Marie Claire: Was muss eine Frau mitbringen, um als Haenyo bestehen zu können?
Lee Hee Son: Eine Haenyo zu sein, erfordert eine bestimmte Mentalität, denn dieser Job ist sehr hart und wir sind vielen Gefahren ausgesetzt. Jeden Tag tauchen wir ins Meer und wissen nicht, was uns dort begegnet. Manchmal müssen wir mit großen, furchteinflößenden Kreaturen schwimmen, es gibt also auch Tage oder Momente, in denen wir Angst vor dem Tauchen haben. Aber wir tun es trotzdem, um unsere Familien zu ernähren. Um eine Haenyo zu werden, muss man also einen starken Willen haben und sehr mutig sein.
Jang Soon Duk: Es ist eine sehr anstrengende körperliche Arbeit. Wir tauchen ohne Sauerstoffflaschen, halten also die Luft an und suchen in allen Ecken und Winkeln nach Meeresfrüchten. Aber das ist auch der Grund, warum es so erfüllend ist. Wenn man nach einem besonderen Fund, wie zum Beispiel einer riesigen Abalone, wieder auftaucht, ist man regelrecht ekstatisch.
Einige Haenyo tauchen bis zu 15 Meter in die Tiefe – und das ohne Sauerstoffflasche! Bild: Apple TV+
Marie Claire: Seit 2017 sind die Haenyo Teil des Immateriellen Kulturerbes von Südkorea – was hat sich seitdem für Sie verändert?
Jang Soon Duk: Vor 30 Jahren wurde auf die Haenyo herabgesehen. Aber seit wir von der UNESCO anerkannt wurden, sind wir noch stolzer auf das, was wir tun, und wir erhalten auch eine Menge Förderung. Wir sind also recht zufrieden mit unserem Status.
Marie Claire: Nach welchem System ist die Haenyo-Gemeinschaft aufgebaut?
Jang Soon Duk: Die Haenyo werden in drei Gruppen eingeteilt, je nachdem, wie tief sie tauchen: Diejenigen, die bis zu 3-5 Meter tief tauchen, diejenigen, die bis zu 7-10 Meter tief tauchen, und diejenigen, die bis zu 15 Meter tief tauchen. Letztere Gruppe hat die wichtigste Aufgabe: Sie sieht sich jeden Tag das Wetter und die Bedingungen an und entscheidet, wo wir tauchen. Diese Haenyo sind also normalerweise die erfahrensten Taucherinnen unter uns. Sie wissen einfach Bescheid.
Ich denke, ein Grund für die Anerkennung durch die UNESCO ist die Gemeinschaft, die wir aufgebaut haben. Ich war fünf Jahre lang Leiterin der Haenyo-Gemeinschaft und habe immer darauf geachtet, dass die Meeresfrüchte, die wir jeden Tag gesammelt haben, gleichmäßig unter uns allen aufgeteilt wurde, damit die älteren Mitglieder, die nicht mehr so viel sammeln, immer noch in den Genuss des gleichen Gewinns kommen können.
Meeresfrüchte zu sammeln, zu säubern und aufzubereiten gehört zu den täglichen Aufgaben einer Haenyo. Bild: Apple TV+
Marie Claire: Was wünschen Sie sich für diesen Dokumentarfilm?
Jang Soon Duk: Ich hoffe, dass sich Frauen auf der ganzen Welt durch diesen Dokumentarfilm inspiriert fühlen und erkennen, dass sie genauso stark und unabhängig sein können wie die Frauen auf der Insel Jeju. Sie können ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und sind dabei nicht auf einen Ehemann angewiesen.
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