Wider die kahlen Wände

„Habt Ihr denn viel übernommen bei dem Kauf?“

Das ist die häufigste Frage, wenn es um das Interieur unseres barocken Bijous im Herzen der Provence, des Chateau du Jonquier, geht

Kolumne Chateau du Jonquier Tobias und Ellen

Ja, und nein

Sicher waren da Schätze mit dabei, so wie der antike Schrank aus den Tagen Ludwig XIV., in dem ich nun Pasta und Reis aufbewahre. Schön auch ein Versace-Kissen aus den 80ern (kein Scherz!). Aber im Großen und Ganzen war der Look des Chateaus, als wir es übernahmen, nach Jahren des 1970er Schindluders, nur für eines gut: die Müllkippe. Besonders schlimm: die Bilder und der Mangel an wunderbaren Spiegeln. Denn beides gehört in einem Schloss an die Wand, und zwar am besten in dicken Goldrahmen!

Das lernen wir bei einem konzentrierten Spaziergang durch die Londoner Wallace Collection – in allen Städten der Welt, in die ich komme, sind die großartigen Privathäuser, die man besuchen kann, am besten.

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Okay, los geht’s

Aus dem Haus meiner Eltern rekrutiere ich ein wunderbares Gemälde meiner Urgroßmutter, die darauf fünf Jahre alt ist. Sie sieht gar nicht entzückt aus. Kein Wunder: Wie kann man so ein kleines Kind in solch ein Kleid und solch einen Hut zwingen? Aber an der olivgrünen Wand des Grand Salon macht sie sich großartig. Willkommen im Schloss, Ua! Und weiter geht’s: Fündig werden wir auf dem großen Osterflohmarkt in L’Isle-sur-La-Sorgue. Das Städtchen war einst süß und verschlafen, doch das ist lange her. Mittlerweile bummeln Sammler aus aller Welt an seinen Kanälen entlang und suchen sich ihre Antiquitäten und Kuriositäten bei den Hunderten von Buden aus – ein Traum. Die Kapelle spielt Blasmusik (ja, mitten in der Provence!), es riecht nach Crêpes, und ich überlege, ob ich denn nun den Elefantenkopf aus türkisem Porzellan kaufe. Doch wir haben bereits Afrikana in der kleinen Eingangshalle hängen, das genügt. Stattdessen kommt über ein Sofa noch ein alter Seiden-Kimono!

Aber zurück zu den Bildern. In einem Künstlerstudio schlagen wir zu: Die 100-jährige Witwe des Malers führt uns herum und wir bewundern sein Œuvre, das Jahrzehnte überbrückt. Die dunkelsten Bilder nach seiner Zeit als Soldat im 2. Weltkrieg, bis hin zu Kupferstichen und abstrakt schillernden Streifen à la Riley kurz vor seinem Tod vor nicht allzu langer Zeit. Wir verlassen das Atelier mit einem Medley: einer Madonna à la Braque und Picasso, einer sexy Interpretation der Mona Lisa, einem Stillleben und zwei modernen Werken. Jetzt muss es nur noch gerahmt werden. Das kostet – vor allen Dingen, wenn es dickes Gold sein muss –, aber das lohnt sich. Denn es hängt viele, viele Jahre an der Wand und bereitet einem jeden Morgen wieder Freude – im Gegensatz zu so vielem anderen, was auch kostet. Was nun neben die Grande Porte? Das sieht noch ein wenig kahl aus. Ich greife selber zum Pinsel und lasse mich auf Instagram und dem Account von ‚My Daily Rothko‘ inspirieren. We’ve got this.

Nun zu den Spiegeln

Auch sie müssen groß und golden sein, und bitte in jedem Zimmer eine dominierende Position einnehmen. So einiges haben wir geerbt und bringen es in die Provence, den Rest kaufen wir einmal mehr auf dem Flohmarkt zusammen. Dieses Mal bummeln wir jedoch über den Brocante in Carpentras, der nächsten größeren Stadt. Die meisten Händler packen schon zusammen und es gibt Closing Prices. Ein Spiegel ist schon Gold – und SEHR schwer – doch der andere ist dunkles Holz. Was nicht ist, kann ja noch werden. Auf die Mal-Böcke mit ihm, abgerascht mit Sandpapier, und zu Pinsel und goldenem Acryl gegriffen. Jetzt hängt er ebenfalls in der Garten Galerie, wo man sein Aussehehen nach dem Sprung in den Pool und einer wilden Partie Krocket – unser Set stammt von 1900 – überprüfen möchte. 

Fast fertig? Mitnichten.

Es fehlt noch so viel – wie schöne Teppiche an der Wand im Treppenhaus. Oder ein Quartett riesiger modernen Kunst, zu den vier Jahreszeiten, oder den vier Elementen. Aber abwarten. Kommt schon noch. Bis dahin lassen wir diese Stellen einfach frei.

Patience pays! 

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