Vorhang auf!

Vorhänge sind einfach fantastisch. An den gut dreißig Fenstern und Balkon-Türen unseres Chateau du Jonquier kann ich meine Leidenschaft für Kilometer an glänzender, schwerer Seide, edlem Leinen oder weichem Samt und Futter, dem Zwischenfutter, der Verdunklung und Tasseln und Vorhang-Bändern und die Freude an Farben und Mustern, die einen Raum vereinen, endlich nach Herzenslust ausleben
Jedes und jede dieser Fenster und Türen sind allerdings 3,30 Meter hoch – da muss jeder Vorhang von der Stange (man verzeihe mir das Wortspiel!) die Fahnen strecken. Der dezente Charme eines Chiffon-Voiles ist nicht zu verleugnen, aber unser barockes Bijou im Herzen der Provence verlangt nach dem, was die Briten – und niemand, NIEMAND, auf dieser Welt schneidert Vorhänge wie sie! – als The satisfaction of the drape bezeichnen. 
Foto: Selznick International Pictures/ Fred Parrish/Wikipedia

Woher aber diese Freude an Vorhängen?

Ganz einfach:

Scarlett O’Hara ist an allem schuld. 

Im afrikanischen Hochland wuchs ich ohne Fernseher auf; dafür war das monatliche Buchpaket meiner Patentante und auch die Regale der Bibliothek meiner Eltern umso interessanter. Dabei fiel mir ein zerfleddertes Taschenbuch in die Hände. „Vom Winde verweht“, buchstabierte ich den Titel, auf welchem ein dunkelhaariger Mann mit Schnurrbart eine grünäugige Schöne in den Armen hält; das Kleid rutschte ihr verlockend von der Schulter. 

Lesen durfte ich es damals nicht.

Einige Jahre später war ich alt genug für Taschengeld und wir waren nach Deutschland gezogen. Ich ging nach der Schule am Kino vorbei, allein, den Herbst im Herzen und den Ranzen auf dem Rücken schwer. Doch mit einem Mal blieb ich wie gebannt stehen. An einer der Litfaßsäulen sah ich das Cover des Buches wieder.

„Vom Winde verweht“

Die Nachmittagsvorstellung begann in zehn Minuten. Gedacht, getan: Ich saß so gut wie allein in dem Kinosaal, in einen gewaltigen, burgunderroten Plüsch-Sitz gekuschelt, die Handflächen vor Aufregung feucht. Mein erster Film, je! Wow. Die vier Stunden vergingen wie im Flug und eine Szene brandmarkte meine Seele ganz besonders. Scarlett braucht Geld von Rhett Butler. Doch dafür muss sie auch nach Geld aussehen. In ihrem Schrank hängen nur abgetragene Fetzen. Stoffe gibt es keine, denn es herrscht Bürgerkrieg. So reißt sie kurzerhand die tiefgrünen Samtvorhänge von den Fenstern in Tara, ihrem Gutshaus. In der nächsten Szene rauscht sie dann in einer glorreichen Robe über die Leinwand. 

So also haben Vorhänge auszusehen: wie ein Festtags-Gewand für Fenster! Doch da gibt es noch ein klitzekleines Problem. Das Château war noch eine staubgraue Baustelle, als es hieß, Vorhänge und damit Farben für jeden Raum zu wählen. Doch diese brandneu, nach Maß geschneidert, in einem Geschäft oder von einem Innenausstatter nähen zu lassen, verlangt den Gegenwert eines neuen Mercedes. Mindestens 500 Euro pro Meter kosten diese Stoffe. Was also tun, wenn man den Geschmack einer Prinzessin, aber die Börse einer Bohémienne hat? 

Stunden vergingen, in denen ich mich durch eBay wühlte, auf Du und Du mit den großen Namen der Stoffwelt: Pierre Frey, Sanderson, Osborne & Little, Colefax and Fowler und Designers Guild. Ihre Kreationen sind schamlos schön! Der Suchbegriff: extra long big heavy silk curtains. Mein erster Fund war dann aber keine Seide, sondern ein geblümter Leinenstoff, in den ich mich Hals über Kopf verliebte. Dieser MUSS in die Küche! In der Hitze der Leidenschaft vergaß ich den alten Rat: zwei Mal messen, einmal kaufen. Als die Vorhänge in einem kilo-schweren Karton ankommen, sind sie fast einen Meter zu kurz. Mist. Also zinnfarbene Seide kaufen. Und Futter. Und alles zuschneiden, stecken, nähen. Gottseidank hat die Schneiderin in unserem mittelalterlichen Markt ein Einsehen und setzt mir den Saum an. Und weiter geht’s: Es gibt so viele Fehler, also weshalb denselben zwei Mal machen? Ein göttlicher Stoff ist alles wert. Aus der Not wird eine Tugend: Die Vorhänge werden durch den schweren, andersfarbigen Saum zu einer anderen, neuen – unseren – Kreation.

Aber plötzlich ist eBay abgegrast. Der Suchbegriff bringt nur noch die üblichen Verdächtigen hoch, jeden Tag aufs Neue. So erschließen sich auf der französischen Webseite LeBonCoin neue Jagdgründe. Hier lerne ich einen neuen großen Namen der hohen Innenausstattung kennen: Lelièvre. Das Haus hatte vor nur vier Jahren unter der Ägide des Über-Designers Jaques Garcia ein Grand Hotel in Monte Carlo ausgestattet. Aber nur vier Jahre sind in Design-Halbwertzeiten eine Ewigkeit her – mindestens Pleistozän. Nun wurde alles aus dem Hotel in Paris versteigert – und drei der göttlichen, von Garcia entworfenen, gelbseiden gestreiften Vorhänge gingen an nous. 

Ein willkommener Umweg

Doch der Verkäufer wollte sie nicht senden – zu schwer. Was für ein wunderbarer Vorwand für einen Umweg über Paris auf der Fahrt von London in die Provence – der Himmel war blau, die Stadt wimmelte vor Chic und mes hommes schmausten an einem Steak Frites auf dem Boulevard Auteuil. Die Vorhang-Pakete waren wirklich so groß, dass sie dem Hund unter den dicken Hintern geschoben wurden: Honey saß wie die Prinzessin auf der Erbse im Kofferraum! For the record: Auch hier wurde noch ein Meter blauer Samt angefügt. Damit herrschte in der Garten-Galerie schon einmal klar Schiff. Eine Weile geht alles glatt: Ich fand seidene, 3,50 Meter lange Chartreuse, Burgunderrot und Violette Pierre-Frey-Drapeaus. Ebenfalls 3,50 Meter goldene Toile-de-Jouy-Seide, mit Magenta abgefüttert. Zweimal greife ich tiefer in die Tasche, weil zwei der Räume vier große Fenster haben: schlichtes, graues Leinen und klassisch blau-weißes Toile de Jouy. Für das Esszimmer finde ich Vorhänge aus goldseidenem und zyklamgestreifter Seide („Shocking pink is the navy blue of India“, sagte schon La Schiaparelli!), samt Pokal-Raffung. Einfach göttlich. In die Flitterwochen-Suite kommt ebenfalls schwere goldene Seide und ein Hauch Vintage-Spitze, ein Stil, den ich von dem wunderschönen Hotel ‚Borgo Santo Pietro‘ in der Toskana abgeguckt habe. Auf all meinen Reisen als Luxus-Lifestyle-Journalistin hat mich dieses Haus am meisten inspiriert. 

Wie lang und wie viel kann eine Frau über Vorhänge sprechen?

Endlos stellt es sich heraus. Selbst der Bauleiter, der doch auf meiner Gehaltsliste steht und der mir deshalb doch zuhören muss, flüchtet, wenn ich mit Stoffmustern ankomme. 

Dann ist nur noch der große Salon übrig. Er soll oliv gestrichen werden, mit goldenen Akzenten: Die Mischung habe ich in einem englischen Herrenhaus, Swinton Park, gesehen. ‚Rideaux grande hauteur‘ gebe ich auf LebonCoin ein und warte mit vor Spannung angehaltenem Atem. Bingo! Wieder Lelièvre, aber dieses Mal in Eau de Nil und türkiser Seide. Aber hoppla – was lese ich da? 450 cm Länge. Das kommt selbst mir absurd vor. Doch. Doch, sagt die Verkäuferin, das stimmt. Aber verfügbar sind sie erst in zwei Monaten, nach Dreh-Ende. Wie bitte? Sie bestätigt noch einmal und schickt mir ihre Mailadresse. Ihr Name ist Heloise de Winter! Romantischer und Romanesquer geht es nicht mehr – wie die sexy-böse Lady de Winter in ‚Die drei Musketiere‘ und die noch sexy-bösere Rebecca in ‚Rebecca‘. Heloise stattet Film-Sets aus und verkauft die Deko, wenn die letzte Klappe gefallen ist. Diese Kilometer an schwerer Lelièvre-Seide stammen von dem Plateau eines Historiendramas. Hier schließt sich der Kreis: Nun hängen sie nach langer Wartezeit endlich an den vier Fenstern des Grand Salon. Und aus ihnen wollte man sich sofort eine Robe schneidern. Aber Finger weg, Scarlett O’Hara! Sonst endet unsere Seilschaft hier und heute. 

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions