Stärken und Schwächen. Jeder hat sie, und oft vereinen sie Gegensätze. Aber jede Stärke kann auch eine Schwäche sein. Sollte Jeff Bezos je zu fortgeschrittener Stunde und leicht angeheitert in die Runde fragen: „Wer, bitte, kann meine nächste Rakete zum Mond fliegen?“, dann hebe ich Närrin gewiss die Hand. Denn meine Stark-Schwäche ist grenzenloser Optimismus.
Deshalb haben wir wohl auch das Château du Jonquier im Herzen der Provence gekauft; ein barockes Bijou, welches 2025 seinen 300. Geburtstag feiert. Ein Schloss renovieren, sein Erbe respektieren, es doch mit modernem Komfort ausstatten, und diesen Roh-Diamanten damit auf Hochglanz polieren? Kein Problem. Das Budget ist minimal? Na, dann machen wir das eben selbst. Einmal auf dem Internet geshoppt, alles liefern lassen, in die Hände gespuckt und los! Es handelt sich hier schließlich um ein Chateau der unbegrenzten Möglichkeiten.
Das Chateau du Jonquier ist eine Seltenheit in der heißen, südlichen Provence: Das Anwesen hat unglaublich viel Wasser. Seine Wiesen sind auch im Sommer satt-grün und unsere beiden Quellen speisen unter anderem die mächtige Rhône, den Fluss, der einst den berühmten Pont d’Avignon mit sich riss. Auf unserem Grund bewässern sie ein halbes Dutzend Kanäle und zwei Seen – und in dem einen liegt in gerader Line vor dem Schloss und dem Brunnen eine kleine Insel.
Als ich die Insel zum ersten Mal sah, wusste ich sofort: Das ist die Hochzeitsinsel, wo sich, umrundet von Freunden und Familien, liebende Paare einander das Ja-Wort geben können. Hier bauen wir eine Plattform für Priester, Pfarrer, Imam, Rabbi oder ein ‚Zelebrant‘ und natürlich Braut und Bräutigam; hierhin soll eine japanische Brücke führen – ganz wie in Monets Garten in Giverny. Und wenn der Weg dorthin damals durch kniehohes Gras führte, so soll sich das ändern. Einen Vorplatz mit Kies, der edel und befriedigend unter dem Absatz knirscht, haben wir ja schon. Darauf lässt sich aufbauen: Mein inneres Auge sieht eine Kies-Allee, samt einem Spalier an Grenzsteinen und Lavendel. Die Inspiration liegt nahe: der gelungene Gartenbau anderer Schlösser. Noch ehe uns das Château gehörte, scrollte ich mich endlos durch andere Webseiten und Pinterest und sichte hunderte von Bildern. Nur die Fotos unseres Chateaus schaue ich nicht mehr an.
Dann wird bestellt – alles beste Qualität, denn was billig ist, kann teuer werden. Fünfzig Meter dicker Geotextil. Vier Tonnen schneeweißer Marmorkies. Siebzig solide Kalksteine als Begrenzung. Dutzende von duftendem Lavendel, der seinen Zauber in violetten Fächern entfaltet. Ein paar tausend Euro später ist alles bestellt und nur einen Tag nach dem Notartermin wird geliefert.
Wir haben schließlich eine ganze Woche Zeit – Die Frühjahrsferien – und sind zu dritt: Mann, Sohn Nr. 3 und ich. Im Morgengrauen des ersten Tages als Schlossherren geht es los. Mein Mann und mein Sohn heben mit Spitzhacken und Schaufeln den Grund aus. Der Geotextil wird in der Erde wider das Unkraut befestigt. Zum 11 Uhr Kaffee klingelt es am Portal – ein riesiger Lastwagen bringt die vier ‚Big Bags‘ voller Marmor-Kies. Die erste Herausforderung: Die maximale Höhe für ein Vehikel, um das barocke gusseiseren Tor zu passieren, sind 3.3 Meter. Das funktioniert niemals, sagt der Fahrer. Mais Oui! Spiegel eingeklappt, Schneckentempo gefahren und durch! Doch der Triumph währt nicht lange. Als er die Big Bags ablädt, sind sie eine schneeweiß-leuchtende Faust aufs Auge. Denn all der Kies, der bereits um das Chateau liegt, rund um die nördliche Anfahrt, wie auch vor der gelben Glorie der Südfassade, ist ein dezentes Rosa-Grau. Die beiden Farben passen nicht zusammen. Alles falsch. Wir sehen einander betreten an. Was tun?
Lass uns Mal anfangen. So schlimm kann das nicht sein. Ist es aber doch: Zahllose, schwere und vollbepackte Schubkarren wie auch viele Stunden Rechen später. Als wir fertig sind, leuchtet der Weg hinunter zur Hochzeitsinsel wie ein Irrlicht in die Dämmerung, die sich über den Park legt. Es kommt noch schlimmer. Am nächsten Morgen, nach einer stürmischen Nacht, ist die Gestern noch so helle Oberfläche mit Blättern und Burzelkühen versehrt. Auf dem reinen Weiß sieht man jeden Makel. Sohn Nr. 2 kommt aus London dazu und versucht sein Bestes, um die beiden Kiesfarben zu mischen. Sieht vielleicht gut aus?
Nein. Plötzlich haben wir ein Schloss im Schnee und der Vorplatz ist wie mit ewigem Konfetti verziert. Wie aber löst man das Problem von vier Tonnen Kies in der falschen Farbe, alles sorgsam ausgestreut? Ich strecke die Waffen. Das kann ich nicht selbst.
Wahnsinn, was es im Hoch- und Tiefbau so alles gibt. Mein Mann ist begeistert: Boy’s toys allererster Sahne. Der Bagger, der die Plattform für die Solar-Anlage baut, recht den glänzenden Kies innerhalb einer halben Stunde zusammen, legt ihn beiseite und legt neuen, passenden Kies aus, und das auf einer Unterlage, die für die nächsten zwanzig Jahre kein Unkraut mehr wachsen lässt. Der Lavendel wächst und der Kalkstein leuchtet matt wie Mondschein. Die kleine Allee führt jedes glückliche Paar in Würde und Schönheit hinunter auf die kleine Hochzeitsinsel; ihre Gäste sitzen nahe genug, um den Treueschwur zu bezeugen. Perfekt, denn gerade beginnen die Rosen zu blühen.
Und was geschieht nun mit den vier Tonnen Kies? Der Bagger legt ihn rund um den Pool ab, als Unterlage für die neue Terrasse, die wir rund um das Becken planen. Dazu brauchen wir 100 Quadratmeter Bambus, denn nur exotisches Holz hält dem Klima der Provence stand. Dort kann am Morgen nach einer Hochzeit dann das Brunch stattfinden, oder Gäste, die das Chateau für ihre Ferien mieten, loungen hier, stundenlang.
Hmm. Eine Terrasse bauen kann doch nicht so schwer sein, was meint Ihr? Lasst mich Mal im Internet nachsehen, was man dazu so braucht.
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