Mit Träumen ist das so eine Sache. Jeder braucht sie – zum Leben, zum Atmen. Was aber, wenn sie Wirklichkeit werden?
Unser Traum, seitdem wir uns vor Jahren in Paris auf einem nebeligen Wochenmarkt kennengelernt hatten, war es, ein Schloss in der Provence zu besitzen. Ich studierte an einer französischen Grande École – Präsident Macron drückte ein Jahr unter mir die Schulbank –, Tobias hatte seinen ersten Job, und unsere erste gemeinsame Reise führte uns nach Arles.
Aber gut Ding will Weile haben – wir zogen erst gemeinsam nach London. Tobias gründete sein Health-Tech-Unternehmen. Ich schob Nachtschichten als Nachrichtensprecherin beim Fernsehen, bevor ich hauptberuflich historische Romane schrieb. Als wir unsere erste winzige Dachgeschosswohnung in Notting Hill kauften, war ich beim Einzug vor Glück in Tränen aufgelöst. Das Leben ging weiter, samt drei gesunden Söhnen und einem dicken, glücklichen Hund.
Jahrelang scrollten wir uns durch alle relevanten Webseiten für Schlösser in Südfrankreich – Belles Demeures, Sotheby’s und so weiter. Was hältst du von diesem? Oder diesem? Oder jenem? Aber irgendwie passte das richtige Haus am richtigen Ort und vor allem zum richtigen Preis nie zusammen. Langsam erstellten wir eine Art Wunschliste für das Schloss – sie klang wie das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Nicht zu groß, nicht zu klein. Im Dorf, aber umgeben von einem Park. Renovierungsbedarf war okay, aber Heimwerken sollte möglich sein. Wir hatten schließlich ein Budget zu respektieren.
Zu unserem 25. Hochzeitstag kehrten wir in die Provence zurück. Heimlich, fast verstohlen, suchte ich noch vor der Abreise im Internet und stieß auf eine kleine Immobilienwebsite, die eher auf Zweizimmerwohnungen spezialisiert schien.
Doch plötzlich war ich hellwach: „Schloss zu verkaufen in der Vaucluse“, las ich. Die Fotos zeigten ein einzigartiges, butterblumengelbes Barockschloss. Magnifique! Zwei Wochen später besuchten wir das Château du Jonquier zum ersten Mal. Der mythische Mont Ventoux erhebt sich direkt dahinter, Weinberge säumen den fünf Hektar großen Park, die mittelalterliche Marktstadt empfing uns mit ihrer einladenden Atmosphäre, und der Tag war in goldenes provenzalisches Licht getaucht. Der Flughafen Marseille liegt eine perfekte Autostunde entfernt, und die Höhepunkte der Region wie Avignon, Gordes und L’Isle-sur-la-Sorgue sind in 25 Minuten zu erreichen.
Es war le coup de foudre, Liebe auf den ersten Blick. Nach hartem Kampf und zähen Verhandlungen – das Schloss war von außen barock, aber innen ein echtes Kind der Siebziger (ganz wie ich!) – war es endlich so weit: Unser Angebot war angenommen. Die letzte Hürde war die Finanzierung. Der französische Hypothekenberater rief uns am 19. Dezember 2024 an: Die Bank hatte unserem Kredit zugestimmt.
Plötzlich Prinzessin oder auf einmal Arbeitsbiene? Wohl eher Letzteres. Bevor das Schloss in ein wunderschönes Feriendomizil und einen Traumort für Hochzeiten verwandelt werden konnte, verlangte es harte Arbeit. Alles musste erneuert und restauriert werden: Böden, Wände, Badezimmer, Küchen, Nebengebäude, Sanitäranlagen und Elektrik. Schlösser und marode Sanitäranlagen gehören zusammen wie Ross und Reiter. Nun aber brauchte jedes Schlafzimmer ein eigenes Bad und eine Klimaanlage – im Sommer klettern die Temperaturen auf fast 40 Grad. Ärmel hochgekrempelt und Handschuhe an: Im Februar 2025 ging es los.
In der ersten Nacht, nachdem wir die fertige Quiche in den alten Ofen der Küche aus den Siebzigerjahren geschoben hatten, schliefen wir alle zusammen in einem Zimmer, eng aneinander gekuschelt wie die Welpen. Draußen rief eine Eule: Charles, deren flauschiges graues Kopfgefieder an die Frisur des englischen Königs erinnerte. Bei Sonnenaufgang brach der glorreichste Morgenchor in Jubel aus – unzählige Vögel begrüßten den Tag. Am Johannistag, Ende Juni, verstummen sie, und die Zikaden übernehmen das Kommando in einer noch verrückteren Kakophonie, die sich gut mit der Hitze des Tages verbindet. Im Labyrinth der Kanäle planschten Ochsenfrösche und Nutrias.
Bei jedem Gang überlege ich noch heute, wie ich mein Ziel am schnellsten erreichen kann, wobei ich unterwegs immer wieder Dinge fallen oder liegen lasse. Dann vergesse ich, wo ich etwas hingelegt habe, und finde es erst viel später wieder – bis dahin habe ich natürlich auch vergessen, wofür ich es eigentlich brauchte.
Wir lernten, die Dinge schlicht zu halten. Alle Badezimmer haben den gleichen wunderschönen Marmorboden mit schwarzen Cabochons und Marmorfliesen sowie Armaturen von Grohe in Gold „Cool Sunrise“. Die alte Ölheizung musste weichen. Nach langem Feilschen, strategischem Zögern, freundlichen Lächeln und wohlüberlegten Pausen erhielten wir ein gutes Angebot für das Solarfeld im Park und die Installation einer Photovoltaikanlage. Die Suche nach dem richtigen Standort gestaltete sich knifflig: sonnig, aber dennoch geschützt, und vor allem, ohne dass die Obstplantage weichen musste. Hier wachsen Granatapfel-, Quitten-, Pflaumen-, Kirsch- und Apfelbäume.
Das Schloss instand zu setzen, erforderte viele Hände. Wir rekrutierten und feuerten ein erstes Team von Bauarbeitern – wer kennt das nicht? –, aber dann hatten wir endlich Glück. Und das war gut so: Plötzlich hatten wir einen festen Termin. Eine mutige Braut aus San Diego kontaktierte mich wegen des Châteaus als Ort für ihre Trauung. Ende Juni sollte es so weit sein: unsere erste, sehr intime Hochzeit im Château du Jonquier. Bis dahin hatte alles fertig zu sein, von der Küche bis zur Kapelle St. Andiol, die 1834 vom Erzbischof von Avignon geweiht worden war. In weniger als drei Monaten war die erste Phase der Renovierung abgeschlossen. Auch unsere drei Söhne Linus, Caspar und Gustav waren wahre Helden. Sie reinigten den Pool mit dem Hochdruckreiniger, mähten riesige Rasenflächen und jäteten kilometerlange Kanäle sowie die beiden Seen.
In den letzten vier Tagen vor der Hochzeit stapelten sich Berge von staubigen Möbeln im Grand Salon, kaputte Plastikstühle standen herum, und mitten in der Gartengalerie war ohne jeden ersichtlichen Grund eine alte Toilette platziert. Zwei Männer blieben und halfen beim Aufhängen von Spiegeln, beim Streichen und Anbringen der Vorhänge. Es folgten vier Tage Nachtschicht. Ich hatte auf eBay Seidenstoffe von Pierre Frey, Sanderson, Colefax & Fowler sowie der französischen Firma Lelièvre aufgekauft. Die drei 4,50 Meter langen Vorhänge stammten sogar von einem Filmset.
Als die Hochzeitsgesellschaft an einem sonnigen Samstagnachmittag endlich eintraf, trugen wir noch den letzten Farbeimer in den Abstellraum und standen dann, gelassen lächelnd, an der Grande Porte, die wir mit viel Mühe und Kosten als Haupteingang des Schlosses wiederhergestellt hatten. Die offiziellen Fotos später waren atemberaubend schön. Herzlichen Glückwunsch, Michelle und Madi!
300 Jahre? Ja, genau. Ende August feierte unser barockes Bijou Geburtstag. Zu Gast waren die Bauarbeiter und Freunde aus aller Welt. Es war wie – pardon – im Traum.
Schaut doch mal vorbei. Soyez les bienvenus und willkommen in unserem Paradies im Herzen der Provence.
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