Küchen sind cool.
Aber seit wann eigentlich?
In dem Haus meiner Kindheit in Kenia lag die Küche in einem Außenhaus – und ab 5 Uhr morgens herrschte darin lebhaftes Regen, denn es gab im afrikanischen Hochland keine Läden in der Nähe. Wir waren Selbstversorger: Es hieß, Brot backen und den Hühnern das Ei unter dem Feder-Po wegstehlen. Käse hing in Musselintücher gewickelt von der Decke, Honig tropfte von den Waben und wir experimentierten wild mit Marmelade und Konfitüre Geschmacksrichtungen. Papaya-Whiskey ist ein bis heute ungeschlagener Champion!
Dann, im Deutschland der achtziger Jahre, waren die Küchen in den anderen Häusern, in denen ich lebte, von verschiedener Größe, aber hatten zwei Dinge gemein: Sie waren ein wildes Durcheinander an Möbeln und weißer Ware – alles von BOSCH, was damals das Höchste der Gefühle war! – und lagen gaaaaaaaannz weit weg von allen anderen Räumen, wie dem Ess- oder Wohnzimmer. Meine Mutter, die ihre Karriere ganz im Sinne des damaligen CSU-Geistes aufgegeben hatte, um sich um uns zu kümmern, war für immer nicht dort, wo wir waren. Ich war oft bei ihr, aber ein Entschluss wurde in diesen Tagen gefasst: „Das will ich einmal anders machen.“
Schon bei unserem ersten Besuch dort vor nur gut einem Jahr (es kommt mir ein Leben her vor!) hatte ich beim Gedanken an die Küche dort Herzklopfen. Wie mag sie sein? Groß, alt, rußig, samt kupferner Abzugshaube, offenem Feuer und geschwärzten Kochplatten, unter denen es die Asche auszufegen gilt? Nach dem Süden ausgerichtet, so dass man, den Café au Lait in der Hand, nur nach draußen in den Park spazieren kann, oder zum Lunch und Dinner die gefüllten Platten und Schalen hinausreicht? Zurück in die Wirklichkeit: Ja, Lage und Schnitt des großen Raumes waren perfekt – er hat sogar eine dicke Glasscheibe im Boden, wo man eine der Quellen des Hauses sehen kann. Aber sonst herrschte der Terror des Siebzigerjahrestils, wie auch sonst in dem gesamten Château. Sogar die Platten auf der kleinen Kücheninsel waren Seventies-Gaggenau – also hatte hier jemand Blick für Qualität.
Ein erleichternder Umstand: Unser Verkäufer – der charismatische Führer einer Sekte! – war leidenschaftlicher Koch. Er hinterließ uns Regale voller noch eingepackter ‚Le Creuset‘-Kasserollen wie auch einen professionellen Gas-Herd, der an die zehntausend Euro wert ist. Ich koche zwar lieber elektrisch, aber ein jeder nach seinem Geschmack: In unserer Cuisine du Château gibt es dann eben zwei Koch-Stationen, denn es soll ja eine professionelle Küche sein, die es auch privaten Chefs erlaubt, ihre Magie wirken zu lassen.
Aber erst kochen wir noch ein letztes Mahl hinter dem fadenscheinigen Vorhang des kleinen Kabuffs, das das Layout des Raums zerstörte: Wir kauen an der Quiche und sehen an die im Saunastil abgehängte Decke, für den Augenblick einer Henkersmahlzeit in der alten Küche. Nur Tage später kam die Abrissbirne ins Haus und machte alles an Struktur dort dem Erdboden gleich. Ein erstes Bauteam kam mit vollmundigen Versprechen; Alles, was sie taten, war: NICHTS. Wochen später war die Küche noch immer dem Beginn der Genesis gleich. Komplettes Chaos im leeren, abgewrackten Raum.
Der Boden war mit Marmor ausgelegt – zwar in einem irren Muster, aber eben doch Marmor –, also behielten wir ihn bei. Das nächste Bau-Team verstand den Brief und nahm die Herausforderung an: In nur zwei Monaten das Haus und die Küche als sein Herz in tipptopp Form zu bringen, gerade rechtzeitig für die erste Hochzeit. Gebucht wurde diese, als das Haus uns noch nicht einmal gehörte – wir schaffen das! Riesige Balken tragen die Küchen-Decke – die sogenannten ‚Poutres apparentes‘ – und man sieht an ihnen noch den Schlag der Axt von vor 300 Jahren. Diese mussten natürlich exponiert bleiben … was nach einem Kampf mit den Bauarbeitern auch möglich war. Merke: Die meisten Leute wollen es sich einfach, nun: einfach, machen. Das geht aber nicht, wenn man eine klasse Cuisine de Château haben will. An den Wänden ziehen sich gefühlt hundert Rohre entlang – bitte verbergen! Der Rohputz an der Wand? Nicht so prickelnd. Bitte neu verputzen. Nun zu den Küchenmöbeln selber. Eine neue Küche ist ja eine gewaltige Investition: Bei Poggenpohl und Gaggenau ist man da schnell zweihundert violette Scheine und noch mehr los. Aber es ist auch eine Investition: Die Küche ist das Herz des Hauses und absolutes Statussymbol. Die alten Küchenmöbel ließ ich in den halb-offenen Festbereich, die ‚Salle de Réception‘, tragen, die in einen riesigen Workshop umgewandelt wurde. Sie waren handgefertigt – ihre Schubladen mit Taubenschwanzverzahnung – und die Scharniere allererster ‚Häfele‘-Qualität.
Lasst Euch eins gesagt sein: Was auf YouTube easy aussieht, ist es garantiert im echten Leben nicht. Eine ganze Küche abzuschleifen, zu grundieren und mit zwei Schichten streichen, ist eine, pardon, Sau-Arbeit. Aber nun ist das auch getan: Bei IKEA haben wir dann, ebenfalls pardon, aufgemöbelt. Denn der Chatelain Mr. T hat bei Pinterest ein Abonnement für Bilder von riesigen Küchen-Inseln genommen, und darunter geht nun gar nichts. Wir reden ab zwei Metern und fünfzig aufwärts. Also wurde zu bestellt und in der Farbe angeglichen. Die Lieferungen des schwedischen Möbel-Giganten kamen à la française: Mal ja, mal nein, mal nur zur Hälfte, mal war alles falsch. Die nach Maß bestellte Platte der Insel kam: wann? Wochen zu spät, gerade als die Braut in die Kapelle wollte. Das hat Loriot-Potential, aber sie kann heute auch darüber lachen.
Als der Raum dann fertig renoviert war – HERRLICH, mit seinen riesigen nach Süden gehenden Fenstern und Türen, direkt in den Garten hinaus – und der Schreiner Jonathan kam (ich hatte zwei Tage veranschlagt, er blieb sechs!), gab es einen Tag des Terrors, wo wir VIER Mal zu IKEA fuhren, umtauschen und neu kaufen. Gottseidank essen wir beide gerne Fleischbällchen – Mr. T ist Schwede. Doch so langsam nahm alles Gestalt an: die Wände in einem herrlichen Ton von Koralle, die Küchenmöbel grau-grün und goldene Griffe wie auch goldener Wasserhahn. Denn Frau sollte NIEMALS den Eindruck unterschätzen, den ein wenig Gold in der Inneneinrichtung macht.
Aber den Tag nicht vor dem Abend loben: Ein neuer Heizkörper kam an die Wand – und zwar genau dort, wo ich den großen, alten Schrank aus der Zeit Ludwig XIV. hinstellen wollte! Also alles umlegen und nicht auf den maulenden Klempner hören. Man kann auch alles so lassen, das sieht dann aber Kacke aus. Non, jamais!
Nun steht der Schrank, bereit für köstliches Essen. Um die große Kücheninsel mit ihrer Kochplatte stehen industriell angehauchte Barhocker und zur Krönung stieg ich auf die Leiter und hing glänzende Kupferkasserolen von Hacken an die Wand. Was sein muss, muss sein. Vielleicht kommen noch Körbe mit Lavendel dazu?
Wir sind schließlich in der Provence.
Unser erstes in der neuen Küche gekochte Mahl? Ratatouille – das Gemüse kam natürlich aus dem Garten unserer guten Seele Jean-Luc! – und ein Rosé aus dem Ventoux-Anbau: Trotz des Klimawandels liefern unsere Weinberge herrlich frisch und rösch gekeltertes.
Einen Überlebenden der alten Küche gibt es aber doch: den BOSCH-Ofen. Denn: Plus ça change, plus ça reste pareil!
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