Immer auf dem Boden bleiben

In unserem Chateau de Jonquier im Herzen der Provence, das in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag feiert, sieht man rot.

Paris ist weit entfernt

Die Schlösser der Provence sind nicht wie die der Loire oder der Normandie, voller Stuck, Vergoldung und Prunk. Sie sind trutziger, und erdverbunden – was ein Erbe der großgrundbesitzenden südfranzösischen Aristokraten sein mag: Sie lebten weit entfernt von Paris und mussten niemandem irgendetwas beweisen. Die Böden des Hauses sind so allesamt mit klassischen roten „Tomette“-Fliesen belegt: Mal viereckig gerade, mal diagonal, mal achteckig wie eine Bienenwabe.

Immer original.

Immer so gut wie vollkommen zerstört.  

Meine Mutter und ich auf einer Vernissage. Foto: privat
Meine Mutter und ich auf einer Vernissage. Foto: privat

Einfach entzückend!

Für meinen Mann, Mr. T, waren diese roten Böden erst einmal eine Enttäuschung: Er hatte sein Herz an glänzend polierten Marmor- und goldenschimmerndes Parkett gehängt. Und wollte alle kaputten Fließen herausreißen. In einer Ehe ist es wichtig zu wissen, wogegen man ankämpft und was man passieren lässt. Aber wenn es um Böden geht, habe ich von der Besten ihrer Art gelernt:

meiner Mutter.

Spulen wir den Film einige Jahrzehnte zurück. Wir waren gerade von Kenia nach Deutschland gezogen. Es wurde Herbst, der Kulturschock saß tief und ich spielte in meinem eigenen Leben nur Mäuschen. Wir hatten zwar bereits ein neues Haus gefunden, das aber renoviert wurde. Bald sollte mein Vater wieder als Tierarzt anfangen zu arbeiten.

Bis dahin kamen wir bei meinen Großeltern unter. Sie wohnten in der Bel Etage eines Gründerzeit-Palais in einer bayerischen Kleinstadt, welches mein Ur-Ur-Großvater, ein Tuchhändler, erbaut hat. Seine Böden sind allesamt dickes Eichen-Parkett.

Wir campierten hoch unter dem Dach in einer kleinen Wohnung; unsere Nachbarn waren ‚Tante Hedwig‘ und ‚Tante Berger‘. Keine der Damen, die mir so klein, gekrümmt, mit weißen Haaren und dicken Brillen uralt vorkamen, war wirklich eine Tante. Sie waren als Flüchtlinge im Haus hängen geblieben, und ihr Handkarren wurde die Basis ihrer neuen Existenz. Sie teilten sich eine Stube – ihr Boden war mit Kork-Platten ausgelegt – und sprachen nie über das, was Ihnen Schmerzen bereitete: Der Mann im Feld geblieben, die Kinder auf der Flucht durch den Hungerwinter 1945 auf der Frischen Nehrung erfroren und im Schnee begraben. Stattdessen nahmen sie mich mit offenen Armen auf, und kochten mir Spezialitäten von weit weg, ihrem Zuhause: schlesisches Himmelreich und Zwetschgen-Knödel mit heißer Butter und Semmelbröseln.

Familienfoto an der kenianischen Küste. Foto: privat

Bei einem solchen Mittagessen hörte ich plötzlich von nebenan, wo meine Eltern waren, erhobene Stimmen. Sie steigerten sich schnell in ein Crescendo, und dann den Ruf: „Nein! Nie im Leben!“

Das war meine Mutter.

Ich hatte sie weder je schreien hören noch meine Eltern sich je streiten sehen. Was war geschehen? Ich ließ die Gabel auf den geblümten Teller fallen und hastete nach nebenan: Meine Eltern saßen ebenfalls am Tisch. Und meine Mutter hatte meinem Vater – einem breitschultrigen Zwei-Meter-Mann, der Löwenjunge auf die Welt brachte! – ein gebuttertes Brötchen an den Kopf geworfen. Es klebte ihm an der Stirn. Er sah verblüfft zu, wie sie aufstand und ihm mit der geballten Faust drohte: „Wenn Du in unserem Haus Linoleum-Böden legen lässt, lasse ich mich scheiden.“

Böden sind also einen Kampf wert

Ich musste Gott sei Dank keine Semmel werfen.

Denn wir haben Jean-Luc. In seiner Karriere als ‚Maçon‘, also Maurer, hat er unzählige Schlösser renoviert. Der Keller seines Hauses ist voll mit Sachen, die weggeschmissen werden sollten, aber die er stattdessen von dort gehortet hat. Jean-Luc öffnete uns sein Herz, wie auch seine Schatzkammer: Solange er im Chateau du Jonquier zugange ist, wird keine einzige Barock-Kachel weggeworfen. Stattdessen löst er sie aus dem brüchigen Bett, klebt ihre Risse, schlägt den Putz der Zeit ab, sortiert sie liebevoll nach Farben und Formen, schneidet zurecht, was nicht passt, und fügt sie geduldig, Stück für Stück und Stunde für Stunde, wieder in ihr Bett am Boden ein. Was nicht gerettet werden kann, ersetzt er aus seinem Fundus.

Wenn die Farbe nicht stimmt, so färbt er selbst von Hand nach. Nur dass das Produkt, das er seit den 70er Jahren benutzt, leider nicht mehr zu haben ist. Zwei Flaschen finde ich noch, im Keller des Hauses, ganz hinten drin in einem Schrank. Doch dann stehen wir vor dem Nichts: Das rot gefärbte Bohnerwachs ist alle. Was tun? Selbst Hand anlegen. Jean-Luc kommt am nächsten Tag mit einem Karton an Flaschen, die aussehen wie Tomatensaft. Er hat den Abend damit zugebracht, selbst die rechte Mischung zurecht zu rühren.

Jean-Luc ist nicht in Eile und auch kein reicher Mann. Wenn er seine frisch gefärbten Kacheln überqueren muss, so wird er zum Eiskunstläufer, beide Füße auf einem alten Lappen und bringt uns alle zum Lachen. Er heizt sein Haus mit Holz und wenn die erste Phase unseres Umbaus beendet ist, kann er endlich wieder in die Berge fahren und ihre Stille genießen.

Bis er wiederkommt.

Auch wenn das erst in den nächsten 300 Jahren sein mag.

 

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