„Ich liebe Kirchen und Kapellen. Ihre Kühle, ihre Stille, und ihre Andacht bezaubern.“
Es gab uns eine Vision, die uns – unter anderem – in all den Jahren harter Arbeit zum Weitermachen ermutigte. Gar nicht so einfach, wenn in einem Paar beide hart an ihrem Wunsch-Beruf arbeiten: Er als Healthtech-Entrepreneur, und ich als Schriftstellerin historischer Romane. Absehbar war die Erfüllung des Traumes bei weitem nicht immer. Unsere ältesten beiden Söhne verbrachten ihre ersten Lebensjahre in einem umgebauten Dachboden im Herzen von Notting Hill. Dieses „Loft“ maß stolze 29 qm. Ein Auto konnten wir uns damals nicht leisten; Ich ging mit den Jungs überallhin zu Fuß oder wir sprangen auf den roten Doppeldecker-Bus, um zu Play Dates zu gelangen.
Wenn die Kleinen dann schliefen und wir allein zu zweit viel später zu Abend aßen, bauten wir zusammen Luft-Châteaux: Wie soll es aussehen? Was ist uns wichtig? Diese Liste erlaubte eine kleine Flucht aus dem Alltag und ein Atemholen in dem Sturm, den wohl alle Eltern kleiner Kinder kennen.
Also: Eine Allee wäre schön, deren knorrige alte Bäume jedem Ankommenden Schatten spenden, und das Haus rahmen. Türme müssen sein, denn was ist ein Château ohne Turm? Kein Château. Die Lage ist wichtig: Mr. T wollte es maximal eine Stunde von einem internationalen Flughafen gelegen wissen, wie z.B. Marseilles oder Nizza. Ich dagegen wollte keine 2000 qm Kuchen-Bude, die JWD verloren liegt, mit weder Bäcker noch Café weit und breit: Unser Château soll Teil eines Ortes sein. Ein Pool, sagte er. Nach kurzem Überlegen sagte ich: Eine eigene Kapelle. Liebende sollen an unserem Chateau Hochzeit feiern und Taufen und Dank-Gottesdienste stattfinden.
Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Ich liebe Kirchen und Kapellen. Ihre Kühle, ihre Stille, und ihre Andacht bezaubern. Mr. T ist pragmatischer Schwede, und kultureller Christ. Ich dagegen brauche meinen Glauben, um mich behütet zu fühlen. Zudem mag ich jemandem ‚danke‘ sagen wollen für ein Leben voller Glück und Gesundheit. Als Au Pair in Paris wohnte ich hoch unter dem Dach des ‚Hotel Dieu‘, dem ältesten Hospital der Welt (der Vater ‚meiner‘ Familie war CFO dort und hatte eine Dienstwohnung in dem weitläufigen Komplex im Herzen der Isle de la Cite). Mein Chambre de Bonne war winzig, doch von meinem Fenster aus sah ich nur den blauen Himmel und die riesigen Glockentürme von Notre Dame; Ihre berühmten Wasserspeiher waren mir zum Greifen nahe. Glorios! Die Regenbogenfarben ihrer Rosette waren so erfüllend wie mein Besuch in der nahe gelegenen Sainte Chapelle inspirierend: Auf ihrer tief-blau gestrichenen Decke leuchten goldene Sterne. Ich wusste: Das will ich auch, irgendwo, irgendwann.
Wo? Hier: Die kleine Kapelle am Château du Jonquier ist in derselben sonnig gelben Farbe wie das Hauptgebäude gestrichen. Eine etwas lädierte Stute der Jungfrau Maria hält über dem Eingang wacht und eingeweiht und dem örtlichen Heiligen Andeol gewidmet hat die Kapelle 1864 der Erzbischof von Avignon. Dreißig Leute finden darin Platz – theoretisch. Denn die gekalkten, kahlen Wände, die weissen Plastik Stühle und die hastig verkabelten, industriel anmutenden Büro Lampen luden so wenig zum Verweilen ein, wie der kleine schwarze Skorpion, der es sich unter der riesigen alten Bibel häuslich eingerichtet hatte (Sorry, aber er ist nun im Skorpion-Himmel).
Der neue Café-au-Lait Ton der Wände schimmert im Licht der dicken Blockkerzen auf den hohen, gusseisernen Ständern, die ich überall im Haus zusammengeklaubt habe, und schmeichelt dem Teint einer jeden Braut. Am Stuck war viel abgebröckelt, doch für das, was noch erhalten war, bewahrheitet sich einmal mehr eine alte Deko-Weisheit, die nicht nur für Kapellen gilt: ‚Unterschätzen Sie nie den Eindruck, den ein wenig Gold machen kann!‘ Unabdinglich zum Nach-Vergolden: gutes Licht, Geduld und eine ruhige Hand. Der typisch provenzalische Steinfußboden – seine Quader riesig, grau und von Hand geschlagen – sieht mit dem antiken Perser darauf ausgerollt noch beeindruckender aus. Weg mit den Büro-Lampen und hoch mit den Kronleuchtern, deren Kristall glitzert. Ikea hat den kleinen ‚Kristaller‘ Kronleuchter zwar leider aus dem Sortiment genommen, aber auf ‚Le Bon Coin‘, dem französischen Ebay, fand ich ein Dutzend, die ich schon irgendwo unterbringe. Für Dimitri, den Elektriker, heißt es auf der Leiter balancieren: Auch die Kapelle hat Vier Meter Deckenhöhe. Die weissen Plastikstühle kommen auf den Dachboden. Stattdessen ist die Kapelle nun mit alten Provenzalischen Chaises, deren Sitzfläche aus Reet gelfochten ist, bestuhlt. Zudem stehen drei Gebetsbänke aus der Zeit Kaiser Napoleons I., die ich im so nahen Hotspot des Antiquitäten-Handels Isle-sur-la-Sorgue gefunden habe, an den Seitenwänden.
Was fehlt noch? Der Bogen über dem Altar muss noch tief-blau gestrichen werden, ehe ich aus Pack-Papier eine Schablone bastele, mit deren Hilfe ich die goldenen Sterne aufsprühe. Das sollte besser bald geschehen: Die erste Hochzeit ist in nur sechs Wochen. In unserer eigenen Kapelle? Aber ja – keine (Gretchen-)Frage!
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