Heute: Sandra Beichel
Transformationsmanagerin Deutsche Bank | Schatzmeisterin & Vorstandsmitglied Working Moms e. V.
Learning 1: Auch wenn Veränderungen Angst machen, verharre nicht zu lange in der Verweigerungshaltung, sondern konzentriere dich lieber auf die positiven Aspekte.
Learning 2: Finde ein Unternehmen, das zu deiner Persönlichkeit passt. Sich ständig zu verstellen und zwanghaft anzupassen, macht keinen Sinn, auf Dauer unglücklich und dein Erfolg bleibt aus.
Learning 3: Lasst uns mehr in die Beziehungsebenen investieren – ohne sich direkt etwas davon zu erhoffen. Mitarbeitende sollten ganzheitlich gesehen werden.
Jule Gölsdorf: Sie arbeiten im Transformationsmanagement, auch wir Menschen müssen uns gerade anpassen an neue Krisen und Kriege. Können Sie das persönlich gut?
Sandra Beichel: Ich bin ein veränderungsfreudiger Mensch. Klar, wenn einem eine Veränderung aufgezwungen wird, will man das oft erstmal nicht. Ich mag Veränderungen, aber wäge auch ab, ob sie gut sind oder nicht. In Unternehmen ist es oft ein Prozess, der top down passiert, zum Beispiel eine Strategieanpassung und dann müssen wir uns alle ändern. In meinem Job darf man nicht so lange darin verharren, dass man etwas vielleicht nicht will; das lähmt sonst. Ich kann das ganz gut, sonst wäre ich im Transformationsmanagement aber auch nicht richtig!
JG: Woran liegt es denn, dass Menschen sich mit Veränderungen so schwer tun?
SB: Im Change-Management gibt es eine Theorie dahinter. Es gibt verschiedene Phasen der Veränderung und je nach Typ verweilt man in der einen oder anderen Phase länger. Wenn sie von außen kommt, passiert es oft, dass Menschen eine Veränderung zunächst oder auch länger ablehnen. Und in dieser Phase sind sie auch erst einmal nicht bereit, sich mit den damit verbundenen positiven Aspekten auseinanderzusetzen. Hier gilt es anzusetzen und die Menschen aktiv zu begleiten.
JG: Für Ihren Job braucht es Empathie, eine Eigenschaft, die vor allem Frauen mitbringen. Kann man das lernen?
SB: In meinem Job muss man ein veränderungsbereiter Mensch sein. Wenn man jemand ist, der eher pessimistisch ist, ist das nicht der richtige Job! Es ist wichtig, die positiven Aspekte, die eine Veränderung mit sich bringt und bringen kann, nahe zu bringen. Ich muss selbst dahinterstehen, um andere unterstützen zu können, diese zu erkennen und ihnen durch das Tal zu helfen. Und in diesem Prozess auch die Bedenken, Ängste und Befindlichkeiten anerzukennen und nicht zu negieren oder zu ignorieren. Bei uns in der Abteilung ist das Frauen-Männer-Verhältnis ausgeglichen. Und das ist der Schlüssel zum Erfolg. Der Impuls zu sagen „nimm mal die Rolle des Kunden oder des Mitarbeiters ein“ kommt trotzdem durchaus eher von Frauen. Männer und Frauen sind aber ähnlich darin, Veränderungsprozesse anzunehmen. Jeder fragt sich erstmal: Was bedeutet das für mich persönlich?
JG: Sie bieten im Unternehmen extra Veranstaltungen für Frauen an, z. B. die Female Talent Class, was steckt dahinter?
SB: Das sind interne Talentprogramme, durch die versucht wird, mittelfristig und dauerhaft die Frauenquote zu erreichen. Was wir merken: Je höher die Hierarchiestufe, desto weniger Frauen. Also je mehr Frauen in den unteren Hierarchiestufen gefördert werden und sukzessive aufsteigen, desto größer sind später die Auswahlmöglichkeiten, wenn es darum geht, wer der neue Vorstand wird. Es soll ja – erstmal geschlechtsneutral – derjenige gefunden werden, der die Anforderungen erfüllt. Nur wenn ein Unternehmen die Bedürfnisse der Frauen nicht kennt und ihnen nicht begegnet, werden Frauen weiterhin sagen: Ich kann das mit meinen Lebensumständen nicht leisten. Was auch hilft und durch diese Programme gefördert wird, ist das interne Netzwerk. Karriereentwicklung hat eben auch etwas mit Positionswechsel zu tun. Und: Die Talentprogramme sind ein Zeichen der Wertschätzung, da kommt nicht jeder rein. Es ist ein Signal, dass man gesehen wird und gefördert werden soll. Oft werden solche Programme verbunden mit einem Mentoring.
JG: Hatten Sie Mentoren in Ihrer Karriere?
SB: Ich habe noch kein Mentoring-Programm mitgemacht. Es würde mich interessieren, um den eigenen Blick zu weiten und neue Impulse zu bekommen. Dafür sind mir aber ein paar wenige Menschen im Kopf geblieben, die ein bestimmtes Auftreten hatten, eine tolle Leadership Brand, an denen habe ich mich orientiert.
JG: Welche Milestones gab es in Ihrer Karriere?
SB: Eines der wichtigsten learnings war, dass das Unternehmen zu einem passen muss. Wenn ich permanent darauf achten muss, mich anders anzuziehen, nicht zu laut zu lachen, mich ständig zu verstellen, macht es keinen Sinn! So kann niemand sein volles Potential zeigen.
Auf der anderen Seite ist es interessant, dass Frauen sich selbst oft anders wahrnehmen als Männer es tun. Ich kenne keine Frau, die einen Fehler nicht zuerst bei sich sucht. Das ist ein Muster, das ich sehe. Klar, Selbstreflexion ist wichtig, aber sie darf nicht beeinträchtigen oder lähmen! Frauen tendieren öfter dazu, sich zu entschuldigen. Wenn z.B. Frauen und Männer zu spät in ein Meeting kommen, dann entschuldigt sich die Frau oder rechtfertigt sich sogar. Ein Mann tut das in der Regel nicht. Das können wir uns von Männern abgucken.
JG: Gibt es Fehler, die Ihrer Karriere eine positive Richtung gegeben haben?
SB: Ich arbeite sehr gerne und erfolgreicher im Team. Als Einzelkämpfer werden die Ergebnisse schlicht nicht so gut. Was ich auch gelernt habe, ist Chancen dann zu ergreifen, wenn sie da sind, denn möglicherweise kommen sie nicht wieder! Und die damit verbundenen Konsequenzen anzunehmen. Ich bin zum Beispiel nach dem Studium nach Frankfurt gegangen und habe Anfang 30, also relativ früh für eine Karriere, Kinder bekommen. Das hat Konsequenzen mit sich gebracht: Es sind die Strukturen in der Gesellschaft, die Kita, die Punkt 16 Uhr zumacht, die es den Frauen schwer macht, Vollzeit zu arbeiten und den Anforderungen des Unternehmens gerecht zu werden. Das muss man wissen. Deshalb entscheiden sich viele Frauen später oder gar nicht für Kinder oder verzichten auf die Karriere.
JG: Kind & Karriere in der Deutschen Bank – klappt das?
SB: Die Homeoffice-Regelung hilft natürlich, gibt beiden Seiten Flexibilität. So kann ich zum Beispiel Termine um 18:30 Uhr oder 19 Uhr wahrnehmen. Das hat positive Effekte auf beiden Seiten, man kommt schneller voran, wenn man Randzeiten nutzen kann. Aber es kommt natürlich auf die Themen an, die man bearbeitet. Das Transformationsmanagement ist schnelllebig, da ist es eine große Herausforderung. Ich würde es dennoch immer wieder so machen! In Teilzeit zu arbeiten, bringt viel mehr Einbußen mit sich, als die zwei Stunden weniger Arbeit am Ende bringen. Insbesondere finanziell. Wir haben bei der Deutschen Bank übrigens ein spannendes Programm für Frauen: Female Finance – da beraten Frauen andere Frauen. Denn viele Frauen sagen auch heute noch: Ums Geld kümmert sich mein Mann. Warum? An der mangelnden Intelligenz liegt es ja wohl nicht, das können wir Frauen auch! Es geht ja nicht nur um ein gemeinsames Konto und das heute, es geht um die Zukunft! Und das Angebot wird von Frauen auch sehr gut angenommen.
JG: Fassen wir zusammen: Vollzeit ist besser als Teilzeit, wir dürfen alle ein bisschen mutiger sein, können uns weniger hinterfragen und uns trauen, nach vorne zu gehen?
SB: Ja, genau. Ich bin so für meine Kinder auch ein Vorbild! Ich habe meine Tochter gefragt, wie es für sie ist, dass wir beide Vollzeit arbeiten und sie sagte: ich finde es schön, dass ihr macht, was euch Spaß macht. Und sie glaubt selbst auch, dass sie früher selbständiger wird, weil nicht all ihre Probleme von den Eltern gelöst werden.
Ich bin in der DDR geboren und meine Mutter hat immer voll gearbeitet. Das hat mich geprägt. Als ich nach Westen zog, war das wie ein kleiner Kulturschock, da wurde ich auch schon mal gefragt: „Wie, du arbeitest voll!? Was ist denn mit den Kindern?“ Es hängt auch einfach ein Stück weit mit den eigenen Glaubenssätzen zusammen, die man bewusst oder unbewusst auf die Kinder überträgt. Ich glaube daran: eine ausgeglichene Mutter ist gut für die gesamte Familie.
JG: Was würden Sie anderen Frauen noch mitgeben als Tipp für ein erfolgreiches Arbeitsleben?
SB: Was mich auszeichnet, ist die Investition in die Beziehungsebene – und zwar in alle Richtungen. Zu allen Kollegen und Kolleginnen – und zwar nicht nur zu denen, von denen ich mir etwas erhoffe. Und das macht es in einer so hohen Geschwindigkeit von Veränderungen auch leichter, Themen zu adressieren, die nicht so schön sind, oder um enge Deadlines gemeinsam einhalten zu können. Das ist eben kein klassisches netzwerken, was ja eher darauf ausgelegt ist, dass beide Seiten irgendwann davon profitieren. Es ist eher das Menschliche, was wir bei der Arbeit berücksichtigen müssen. Jeder hat ein Privatleben und Gründe, warum es mal sehr gut und mal nicht so gut läuft – die Beziehungsebene darf im beruflichen Miteinander nicht unterschätzt werden.
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
SB: Das Geschenk war definitiv die Öffnung der innerdeutschen Grenze. Das hat mir ermöglicht Wirtschaftswissenschaften zu studieren anstatt Planwirtschaft, es hat mir ermöglicht, ins Ausland zu gehen, nach Frankfurt zu ziehen, meinen Mann kennenzulernen und unsere tollen Kinder zu bekommen. Der Test war unbestritten der Lockdown in der Coronazeit: da war ich im Homeoffice mit einem Kind in der zweiten Klasse und einem wissbegierigen Vorschulkind. Die Tage waren unglaublich lang und hart und frustrierend für alle Seiten! Bestraft habe ich mich noch nie gefühlt. Es läuft natürlich nie alles so rund, wie man sich das wünschen würde, aber dann heißt es: Augen zu und durch!
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